mini|Kohelet, Kapitel 1 in der Biblia de Cervera (um 1300, Biblioteca Nacional de Portugal). Kohelet ( „Versammler, Gemeindeleiter“; abgekürzt Koh), auch Prediger (abgekürzt Pred), ist ein Buch des Tanach, das dort zu den Ketuvim („Schriften“) gehört. In der christlichen Tradition wird es zu den Büchern der Weisheit im Alten Testament (AT) gezählt. In der Lutherbibel trägt das Buch den Titel Der Prediger Salomo, in der Septuaginta den Titel Ekklesiastes ) und in der Vulgata den Titel .

Kennzeichnend für diese biblische Schrift ist ihre Multiperspektivität. Einige ihrer Deuter sehen Kohelet von einem tiefen Pessimismus und Skeptizismus geprägt. Andere dagegen verstehen den Verfasser als einen Weisheitslehrer, der zu heiterer Gelassenheit angesichts der unbegreiflichen Wechselfälle des Lebens aufruft. Die Gesamtaussage des Buches muss im Zusammenhang mit Kohelets Absicht verstanden werden, eine sinnvolle Lebensführung zu finden. Er setzt sich mit der traditionellen Weisheit auseinander, insbesondere mit dem Tun-Ergehen-Zusammenhang: Dem Gerechten wird es gut ergehen, dem Frevler schlecht. Kohelet stellt fest, dass die Erfahrung oft das Gegenteil lehrt. Außerdem kommt er zu der Erkenntnis, dass mit dem Tod letztendlich jede Errungenschaft des Lebens ausgelöscht wird. Angesichts einer ungewissen Zukunft empfiehlt er, das Gute im Leben als Gottes Gabe zu genießen.

Name Das hebräische Wort bezeichnet nach eine Person, deren Lehren den Inhalt des Buchs bilden. Teilweise wird Kohelet im Buch wie ein Eigenname verwendet. Es ist ungewöhnlicherweise ein Partizip Femininum zum Verb „sammeln“, man könnte also übersetzen: „die Sammelnde“. Da dieses feminine Partizip aber mit einem maskulinen Verb konstruiert wird und Kohelet außerdem in 1,1 als „Sohn Davids“ bezeichnet wird, ist Kohelet eine männliche Person. Es gibt im Bibelhebräischen vergleichbare Bezeichnungen von Männern mit einem Partizip Femininum; dabei handelt es sich um eine Benennung nach Tätigkeiten, die regelmäßig ausgeübt wurden. Das ist auch hier anzunehmen. Eine Funktionsbezeichnung wird sekundär als Personenbezeichnung verwendet.Diethelm Michel: Qohelet, Darmstadt 1988, S. 2f. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet, Freiburg 2004, S. 41. Zwei Interpretationen sind möglich, die beide Anhalt im Buch finden:

Kohelet war ein Sammler von Sprichwörtern, die er verbesserte und in Form brachte (vergleiche ). Kohelet versammelte Menschen. Dabei kann es sich dem Inhalt des Buches nach aber weder um eine politische Versammlung noch um die Kultgemeinde gehandelt haben, sondern Kohelet trat in der Art griechischer Wanderphilosophen öffentlich auf und versammelte einen Schülerkreis um sich.Norbert Lohfink: Kohelet, Würzburg 1980, 4. Aufl. 1993, S. 12.

Die antiken Übersetzer ins Griechische (Septuaginta) entschieden sich, Kohelet als Ekklesiastes (), „Redner in einer Volksversammlung“, zu übersetzen. Davon abgeleitet ist der lateinische Buchtitel in der Vulgata: . Hieronymus schlug als Übersetzung ins Lateinische beziehungsweise („Volksredner“) vor, weil der Verfasser sich nicht an eine einzelne Person, sondern an die Öffentlichkeit insgesamt wende.Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet, Freiburg 2004, S. 43. Martin Luthers Buchtitel „Prediger Salomo“ schließt sich dieser Tradition an.

Identifikation mit Salomo mini|Antike Wasserreservoirs nahe Jerusalem erhielten aufgrund von den Namen Teiche SalomosSo schon bei Flavius Josephus (Jüdische Altertümer 8,136). Vgl. Martin Hengel: Qumrān und der Hellenismus. In: Judaica et Hellenistica. Kleine Schriften I. Mohr, Tübingen 1996, S. 258–294, hier S. 262.|links Obgleich der Name des israelitischen Königs Salomo nicht explizit genannt wird, so legt doch der Text eine Identifikation des Autors mit Salomo nahe. Das „Ich“, das im Buch zu Wort kommt, stellt sich nämlich folgendermaßen vor: „Ich, Kohelet, war in Jerusalem König über Israel“ . Entsprechendes Wissen beim Leser vorausgesetzt, wird damit eine „salomonische Spur“ gelegt.Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet, Freiburg 2004, S. 118.

Die historisch-kritische Exegese ist sich darin einig, dass das Buch Kohelet eines der jüngeren des Tanach ist. Der historische Salomo kann demnach nicht der Verfasser sein. Vielmehr nimmt Kohelet im Sinne einer Salomo- oder Königsfiktion die Rolle des „Salomo“ ein, eines idealen weisen und reichen Herrschers, der alle Möglichkeiten hat, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten.Diethelm Michel: Untersuchungen zur Eigenart des Buches Qohelet, Berlin / New York 1989, S. 18. Die Exegeten sind jedoch uneins, ob die Rolle des Philosophenkönigs ab der Passage aufgegeben (Norbert Lohfink: „Der Königsmantel sinkt dann … zu Boden“Norbert Lohfink: Kohelet, Würzburg 1980, 4. Aufl. 1993, S. 23.) oder bis zum Ende des Buches beibehalten wird.

Die „Weisheit“ () des Salomo ist es, die ihn als Rollengeber interessant macht. Es wird hierbei insbesondere auf Salomos Gebet um Weisheit und Salomo als Weisheitslehrer angespielt. Eine weitere zentrale Salomotradition, Salomo als Erbauer des Jerusalemer Tempels, wird dagegen nicht thematisiert.Melanie Köhlmoos: Kohelet, Göttingen 2015, S. 44.

Entstehungszeit und -ort Viele Forscher nehmen eine Entstehung in der frühen hellenistischen Zeit (3. Jahrhundert v. Chr.) an. Als Entstehungsort wird heute überwiegend Jerusalem vermutet, aber auch Alexandria ist nicht auszuschließen.Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet: Stand und Perspektiven der Forschung Berlin / New York 1997, S. 24 f.

Die ältesten identifizierten Zitate oder Übernahmen aus dem Buch Kohelet enthält das Buch Jesus Sirach, das vermutlich im frühen 2. Jahrhundert v. Chr. verfasst wurde: kann als kritische Auseinandersetzung mit verstanden werden.Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, 6. überarbeitete und erweiterte Auflage 2019, S. 472.

Unter den Qumran-Texten gibt es zwei Fragmente des Koheletbuchs, 4Q Koha und 4Q Kohb ; das ältere Fragment 4Q Koha kann in die Zeit zwischen 175 und 150 v. Chr. datiert werden und liefert so einen zusätzlichen Terminus ante quem für die Abfassung des Werks.Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet, Freiburg 2004, S. 112 f. Melanie Köhlmoos: Kohelet, Göttingen 2015, S. 71. Wenige Jahrzehnte nach seiner vermuteten Abfassung existierte der Text des Koheletbuchs in verschiedenen orthographischen und lexikalischen Varianten. Die beiden Qumran-Fragmente enthalten keine Hinweise auf eine gegenüber dem masoretischen Text ältere Textform.

Sprache mini|Hugo Grotius (Gemälde von Michiel van Mierevelt, 1631, Stedelik Museum Het Prinsenhof)|links Das Hebräisch des Buchs Kohelet ist eigenartig und deutet auf eine späte Entstehung des Textes hin. Hugo Grotius bestritt deshalb als Erster eine salomonische Verfasserschaft. Er schrieb 1644: „Ich glaube nicht, dass Salomo der Autor war. Es wurde später unter dem Namen jenes Königs […] verfasst. Als Argumente dafür nenne ich die vielen Vokabeln, die man sonst nur bei Daniel, Esra und in den Targumen findet.“Antoon Schoors: The Preacher Sought to Find Pleasing Words: A Study of the Language of Qoheleth, Peeters, Leuven 1991, S. 1.

Zwar könnte man einige Unterschiede zum klassischen Bibelhebräisch auch durch Dialekt oder Umgangssprache erklären, aber zusammengenommen brachten die Auffälligkeiten Franz Delitzsch 1875 zu dem Schluss: Wenn das Koheletbuch von Salomo stammte und also im 10. Jahrhundert v. Chr. geschrieben worden wäre, „so gäbe es keine Geschichte der hebräischen Sprache“.Franz Delitzsch: Hoheslied und Koheleth, Leipzig 1875, S. 197.

Die Spätdatierung ist heute Konsens der Forschung.Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet, Freiburg 2004, S. 109–111. Melanie Köhlmoos: Kohelet, Göttingen 2015, S. 71. Sie wird gestützt durch die Beobachtung, dass zwei Lehnwörter aus dem Persischen auftreten:

„Baumgarten“ (2,5; als Lehnwort im Deutschen: Paradies); „Botschaft“ (8,11).Antoon Schoors: The Preacher Sought to Find Pleasing Words: A Study of the Language of Qoheleth, Peeters, Leuven 1991, S. 413.

Außerdem gibt es im Wortschatz sowie der Grammatik Einflüsse des Aramäischen.Antoon Schoors: The Preacher Sought to Find Pleasing Words: A Study of the Language of Qoheleth, Peeters, Leuven 1991, S. 499. Als die Provinz Jehud Teil des persischen Weltreichs war, hat dies in der hebräischen Sprache Spuren hinterlassen. Sie sind ein Merkmal der jüngeren Schriften des Tanach. Kohelet hat einerseits wie kein zweiter Autor des Alten Testaments einen individuellen Stil, andererseits weist sein aus dem Bereich der öffentlichen Verwaltung genommenes Vokabular darauf hin, dass hier die soziale Herkunft des Autors und seiner anvisierten Leserschaft zu suchen ist.Melanie Köhlmoos: Kohelet, Göttingen 2015, S. 63 f.

Eindeutige Gräzismen in Kohelets Wortschatz gibt es nicht. Ein möglicher Gräzismus ist beispielsweise Kohelets Gebrauch des Verbs . Es bedeutet im Bibelhebräischen sonst „auskundschaften, spionieren“, bei Kohelet (und nur bei ihm) aber ein nachdenkendes Erforschen und Ergründen: , , . Diese Bedeutungsentwicklung kann durch den griechischen philosophischen Terminus („schauen, spähen, betrachten, untersuchen“, vergleiche das Fremdwort Skeptizismus) beeinflusst sein.Antoon Schoors: The Preacher Sought to Find Pleasing Words: A Study of the Language of Qoheleth, Peeters, Leuven 1991, S. 251 f.

Sozialgeschichtlicher Hintergrund mini|Die archäologische Stätte Qasr el-Abd wird mit Tyros identifiziert, der Residenz des Tobiaden Hyrkanos im Ostjordanland Die Lektüre des Koheletbuchs versetzt den Leser in eine Zeit, in der die jüdische Religion unter starkem Einfluss des Hellenismus stand. Im Buch klingen die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen an, die das mit sich brachte:

Der kleine Tempelstaat Judaia war (innerhalb der Provinz Syrien und Phönizien) Teil des Ptolemäerreichs. Die Art, wie Kohelet/Salomo als Herrscher dargestellt wird, erinnert Norbert Lohfink an die ptolemäische Reichsideologie, die „den gesamten Staat als eine Art riesigen Privathaushalt des Königs stilisierte“.Norbert Lohfink: Kohelet, Würzburg 1980, 4. Aufl. 1993, S. 27. Dem Verfasser stehe bei den „großen Taten“ seines königlichen Ichs das ferne Beispiel des Lagidenpalastes in Alexandria mit umgebenden Teichen und Parks vor Augen, aber auch die kleiner dimensionierten, an diesem Vorbild orientierten Palastanlagen der griechischen und judäischen Oberschicht, vor allem der Tobiadenpalast Tyros im Ostjordanland.