mini|hochkant=1.2|Amis bei einem traditionellen Tanz

Indigene Völker Taiwans (, taiwanisch goân-chū-bîn) ist ein Sammelbegriff für die verschiedenen austronesischen Ureinwohner in Taiwan. Von der taiwanischen Regierung werden heute 16 indigene Völker offiziell anerkannt. Die anerkannten indigenen Völker haben heute einen Anteil von etwa 2,36 % an der Gesamtbevölkerung Taiwans (Stand Mai 2017: 555.438 Menschen).

Bezeichnung mini|links|Ursprüngliche Siedlungsgebiete der taiwanischen Ureinwohner Früher wurden die Ureinwohner Taiwans von den Han als „Fan“ (Han-Schrift ) bezeichnet, einer der zahlreichen chinesischen Begriffe, mit denen Ausländer oder Fremdvölker bezeichnet wurden. Während der japanischen Herrschaft wurde in Taiwan das Schriftzeichen (chin. „Fan“; jap. „Ban“) verwendet, das eine vergleichbare Bedeutung hat. Damalige japanische Ethnologen unterteilten die Ureinwohner Taiwans in neun ethnische Gruppen. Heute hat sich in der Republik China (Taiwan) die Sammelbezeichnung yuanzhumin () durchgesetzt. Früher waren auch Begriffe wie shandi tongbao (), tuzhu minzu (), xianzhu min () und gaoshan zu () üblich. Die ursprünglich in den Ebenen Taiwans lebenden Völker, die in erheblichem Maß von der Han-Mehrheitsgesellschaft assimiliert (sinisiert) wurden, werden Pingpu-Völker (平埔族 Pingbuzu, "Flachland-Völker") genannt und sind seit 2016 eine offiziell anerkannte Unterkategorie der indigenen Völker Taiwans.Pan, Jason (Taipei Times, 8. Oktober 2016): Pingpu recognized under Act for Indigenous Peoples (abgerufen am 8. September 2024)

Herkunft Die Herkunft der Ureinwohner und der Zeitpunkt ihrer Besiedlung Taiwans sind bis heute umstritten. Die Mehrzahl der Linguisten, Historiker und Ethnologen vertritt aber die Ansicht, dass der Ursprung der Austronesier, zu deren Sprachfamilie auch die Ureinwohner Taiwans zählen, auf dem südostasiatischen Festland (heutiges Südchina und Vietnam) war. Ganz sicher hat es mehrere Einwanderungsschübe gegeben, die vor ca. 4000 Jahren, also im 3. Jahrtausend v. Chr. endeten. Der Ethnologe Ling Chunsheng () beschrieb 1954 kulturelle Parallelen zwischen den Minyue, einem Zweig der Yue-Völker, der in vorchristlicher Zeit im Gebiet der heutigen chinesischen Provinz Fujian, lebte, und den Ureinwohnern Taiwans. Er schloss daraus, dass letztere Nachfahren der Minyue seien. Die Entwicklung verlief sicherlich nicht derart einlinig, aber ein Einfluss der Yue-Völker auf die Ethnogenese der frühen Bevölkerung Taiwans ist nicht von der Hand zu weisen.

Geschichte mini|Tuschezeichnung eines Ureinwohners von Formosa durch den Ostasienreisenden Caspar Schmalkalden (1650) Ab etwa dem 5. bis 3. vorchristlichen Jahrtausend wurde Taiwan durch Menschen besiedelt, die zu den Ethnien gehörten, die heute unter dem Überbegriff „Austronesier“ zusammengefasst werden, und zu denen auch die Bewohner der heutigen Philippinen, Indonesiens, Malaysias, Ozeaniens und Madagaskars gehören. Diese Völker lebten im Wesentlichen in Stammesgesellschaften, ohne eine Schriftkultur zu entwickeln oder ein übergreifendes Staatswesen zu bilden. Lange Zeit, bis ins 20. Jahrhundert hinein, hielten sich archaische Traditionen wie beispielsweise die Kopfjagd.

Den ersten tiefgreifenden Kontakt zur weiteren Außenwelt bildeten die Begegnungen mit europäischen Seefahrern und Eroberern ab dem frühen 17. Jahrhundert. Dies waren vor allem die Niederländer, die Formosa, wie die Insel zeitgenössisch hieß, von 1624 bis 1662 teilweise kontrollierten. Für die Niederländische Ostindien-Kompanie war Formosa vor allem wichtig als Handelsstation im Handel mit China und Japan. Unter niederländischer Herrschaft wurde eine erste Bibelübersetzung in eine einheimische Sprache (Siraya) angefertigt. Schon vor Ankunft der Europäer gab es vermutlich Handelsaustausch mit China. Die niederländische Kolonialverwaltung förderte zusätzlich die Einwanderung von Han-Siedlern. Im Jahr 1661 landete der chinesisch-japanische Seeräuber und Armeeführer Zheng Chenggong (Koxinga) auf der Insel und vertrieb die Niederländer. Danach geriet die Insel nach der Unterwerfung der Nachkommen Zhengs unter die Kontrolle der Qing-Dynastie und in den folgenden Jahrhunderten nahm der Anteil der Han an der Bevölkerung immer weiter zu. Die indigene Bevölkerung wurde entweder assimiliert oder zunehmend ins gebirgige Landesinnere abgedrängt. Die taiwanischen Ureinwohner wurden von chinesischer Seite als unzivilisierte Wilde () betrachtet, die der chinesischen Hochkultur nichts Ebenbürtiges entgegenzusetzen hätten. Zur Zeit der Qing-Dynastie waren nur die westlichen Ebenen der Insel Taiwan effektiv unter der Kontrolle der chinesischen Verwaltung. Im zentralen, unzugänglichen Bergland im Osten der Insel lebten die indigenen Völker weiter in tradierter Weise und von der Außenwelt weitgehend ungestört.

Nach dem Vertrag von Shimonoseki 1895, der den japanisch-chinesischen Krieg von 1894/95 beendete, kam Taiwan unter japanische Herrschaft. Jede Aufstandsbewegung auf Taiwan wurde rigoros unterdrückt und durch Einsatz von Polizei und Militär wurde auch das Bergland unter die staatliche Kontrolle gebracht. Japaner führten unter anderem Zwangsumsiedlungen durch, förderten jedoch auch die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung. Die Eingeborenenkulturen wurden intensiv wissenschaftlich studiert, wobei sich Mori Ushinosuke () hervortat, und es wurden Versuche unternommen, sie an die japanische Kultur anzugleichen bzw. den Führungspersonen der Eingeborenen ein japanisches Werte-Ethos zu vermitteln.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Taiwan 1945 wieder zu China. Nach dem verlorenen Bürgerkrieg verlegte die Regierung der Republik China 1949 ihren Sitz nach Taiwan. Den indigenen Völkern wurde zunächst keine wesentliche Beachtung geschenkt. Weiterhin bestand ein erheblicher Assimilationsdruck in die chinesische Mehrheitsgesellschaft. Erst nach der Demokratisierung der politischen Verhältnisse in Taiwan ab Ende der 1980er Jahre änderten sich die Einstellungen und die Kulturen der Ureinwohner wurden zunehmend als ein wertvolles und zu bewahrendes Kulturerbe Taiwans angesehen.

Politik seit 1980 + Wichtige Meilensteine bei der Emanzipation der indigenen Völker Jahr Regelung 1994 Schutz der Rechte der indigenen Völker erhält Verfassungsrang; Bezeichnung „Ureinwohner“ statt „Bergbewohner“ 1997 Offizielle Bezeichnung „Indigene Völker“ 2005 Der 1. August wird zum „Tag der indigenen Völker“; Inkrafttreten des „Grundgesetzes für die indigenen Völker“ 2014 Der Council of Indigenous Peoples („Rat der indigenen Völker“) als Gremium wurde offiziell zur Instanz auf ministerialer Ebene erhoben 2016 Offizielle Entschuldigung der Staatspräsidentin Tsai Ing-wen bei den indigenen Völkern 2017 „Gesetz über die Entwicklung der indigenen Sprachen“ tritt in Kraft Parallel zur beginnenden Demokratisierung der taiwanischen Gesellschaft entwickelte sich eine soziale Bewegung unter den indigenen Völkern, die Gleichberechtigung und Anerkennung einforderte. Am 29. Dezember 1984 gründete eine Gruppe von 23 indigenen Repräsentanten und Han-chinesischen Bürgerrechtlern die Vereinigung für die Rechte der Ureinwohner Taiwans (), die als Interessengruppierung agierte.

Am 1. August 1994 entsprach die Nationalversammlung einer der von den indigenen Vertretern vorgebrachten Forderungen, indem sie einen Zusatzartikel verabschiedete, mit dem der Schutz der Rechte der indigenen Völker in der Verfassung festgeschrieben wurde. Die frühere amtlich-bürokratische Bezeichnung shanbao (, „Bergbewohner“, „Landsleute der Gebirge“) für die austronesischen Ureinwohner wurde durch den Begriff yuanzhumin (, „Ureinwohner“ oder „Indigene Bevölkerung“) ersetzt. 1997 wurde der Begriff in der Verfassung erneut modifiziert und durch yuanzhu minzu (, oder „indigene Völker“), die heute geltende Bezeichnung, ersetzt.

Besonderes Gehör erfuhren die Forderungen der indigenen Vertreter durch die Demokratische Fortschrittspartei (DPP), da diese den Vorstellungen der DPP von einer genuin „taiwanischen“, von Festlandchina unterschiedenen Identität und Kultur entgegenkamen. Im Jahr 2005, zur Zeit des DPP-Präsidenten Chen Shui-bian beschloss der Exekutiv-Yuan, den 1. August jeden Jahres als „Tag der indigenen Völker“ () zum Feiertag zu erklären. Am 5. Februar 2005 trat das „Grundgesetz für die indigenen Völker“ () in Kraft. Seit dem 26. März 2014 (103. Jahr nach dem Minguo-Zeitalter) wurde das höchste Gremium zur Verwaltung der Belange der indigenen Bevölkerung Taiwans, der „Rats der indigenen Völker“ (), nach Gesetzesänderungen rechtlich gestärkt und politisch aufgewertet. Der Rat ist seitdem ein behördliches Gremium auf der ministerial Ebene.

Unter der von 2016 bis 2024 amtierenden DPP-Präsidentin Tsai Ing-wen wurden ebenfalls wichtige Gesetze zur Förderung der indigenen Kulturen und Sprachen verabschiedet. Am 29. Juli 2016 billigte der Exekutiv-Yuan ein umfangreiches Maßnahmenpaket zur Besserstellung der indigenen Völker. Unter anderem wurde die Regierung verpflichtet, jedes Jahr am 1. August einen Bericht zur Lage der indigenen Völker vorzulegen. Am 1. August 2016 – dem Tag der indigenen Völker – entschuldigte sich die taiwanische Präsidentin Tsai Ing-wen vor Vertretern der 16 offiziell anerkannten Ureinwohner-Völker für Jahrhunderte der Unterdrückung und Missachtung ihrer Kultur. Die Ureinwohner seien in den letzten 400 Jahren durch die Einwanderer und Machthaber vom Festland gewaltsam ihrer Rechte und ihres Landbesitzes beraubt worden. Eine einfache Entschuldigung reiche nicht aus, um dieses Unrecht wiedergutzumachen. Die Präsidentin kündigte an, eine historische Kommission zur Untersuchung der Geschichte der indigenen Völker einzusetzen und versprach diesen größere Rechte bei ihrer Selbstverwaltung sowie Unterstützung zur Bewahrung ihrer Sprache und Kultur. Dies war die erste derartige Erklärung eines taiwanischen Staatsoberhaupts.

Am 14. Juni 2017 wurde das „Gesetz zur Entwicklung der indigenen Sprachen“ () rechtswirksam. Das Gesetz schrieb vor, dass in Regionen der indigenen Völker die lokal gesprochenen offiziell anerkannten indigenen Sprachen und Dialekte auch im amtlichen Gebrauch z. B. vor Gericht benutzt werden durften. Amtliche Einrichtungen und Behörden sollten grundsätzlich auch in den indigenen Sprachen ausgeschildert sein. Naturgegebenheiten (Berge, Flüsse etc.) sollten bevorzugt Benennungen in den indigenen Sprachen erhalten. Die Mehrsprachigkeit von Behörden sollte gefördert werden.

Musik In der chinesischen Enzyklopädie Taiping yulan (10. Jahrhundert, zur Zeit der Song-Dynastie) ist eine Beschreibung der Musik der „östlichen Barbaren“ aus der Zeit der Drei Reiche (3. Jahrhundert) enthalten, die, falls damit auch die Bevölkerung Taiwans gemeint gewesen sein sollte, von heutigen Beobachtungen der traditionellen indigenen Musik Taiwans bestätigt wird. Bei einer Versammlung wurde, so heißt es im Taiping yulan, ein großer ausgehöhlter Baumstamm mit langen Holzstangen gestoßen. Damit konnten Signale über große Entfernungen übermittelt werden. Der Holztrog wurde zum Dreschen verwendet und um eine rhythmische Musik zu machen (vgl. lesung in Indonesien). Ein von derartigem rhythmischem Stampfen in der Gruppe begleiteter Gesang, zusammen mit Tanz und dem Genuss von Wein, erwähnt das Geschichtswerk Sui Shu (abgeschlossen 636) mit wahrscheinlichem Bezug zu Taiwan.