Timbuktu ( [], ) ist eine Oasenstadt in Mali mit 84.821 Einwohnern (2023).
Etymologie Der Name bedeutet angeblich „Brunnen der Buktu“. Der Sage nach war Buktu (französische Schreibweise Bouctou) eine Sklavin, die mit einer Ziegenherde von den Tuareg hier zur Bewachung eines Brunnens zurückgelassen wurde. Der Name soll „Frau mit einem großen Bauchnabel“ bedeuten. Einige Historiker sehen in dieser Volksetymologie die ins Mythische übertragene Rechtfertigung der einstigen Oberschicht von Timbuktu für die soziale Schichtung, also die Zweiteilung in hellhäutige Herren, die Tuareg, und dunkelhäutige Vasallen, die Bella (siehe unten „Bevölkerung“).
Der französische Linguist René Basset leitet den Namen von einer altberberischen Wortwurzel ab, die „weit entfernt“ oder „versteckt“ bedeutet.René Basset: Mission au Sénégal. Paris 1909, S. 198. Somit wäre der Name mit „der weit entfernte Brunnen“, also am südlichen Rande der Wüste, zu übersetzen. In jüngeren Untersuchungen ist verschiedentlich geltend gemacht worden, dass der Ort ursprünglich gar nicht von den Tuareg, sondern von den Songhai des Umlandes gegründet wurde und die Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Afrikaforscher und Historiker Heinrich Barth vorgetragene Herleitung des Namens aus deren Sprache ebenfalls in Betracht gezogen werden müsse. Nach Barth würde der Name korrekt Tombutu lauten und „Ort in den Dünen“ bedeuten, was ebenfalls sinnvoll wäre.
Geografie
Lage mini|Lage von Timbuktu in Afrika (gelbes Quadrat) Timbuktu liegt am südlichen Rand der Sahara, deren Fortschreiten (Desertifikation) der Stadt die meisten Probleme bereitet. Der Sand breitet sich überall in den Straßen aus. In den letzten 20 Jahren soll sich die Wüste um ungefähr 100 Kilometer weiter nach Süden vorgeschoben haben.Arte-TV (3. Mai 2012 08:55 bis 09:40): Timbuktus verschollenes Erbe.
Die Stadt liegt circa 12 Kilometer nördlich des Niger, der aus südwestlicher Richtung aus der Region Massina in einem großen Bogen vorbeifließt, hier am nördlichsten Punkt seines Laufes in südöstlicher Richtung abdreht und später an der mehr als 2000 Kilometer entfernten Küste in den Golf von Guinea mündet. Lediglich bei starkem Hochwasser füllen sich längst ausgetrocknete Nebenarme des Nigers, die den Spitznamen „Kanäle der Flusspferde“ trugen, und verursachen in einigen Stadtteilen heftige Überschwemmungen; zuletzt geschah dies 2003. In der frühen Neuzeit verband ein 13 Kilometer langer Kanal die Ortschaft Kabara, den eigentlichen Hafen der Stadt, mit Timbuktu. Dieser künstliche Nebenarm des Nigers ermöglichte den Bewohnern während der Flutzeiten einen direkten Zugang zum Fluss und somit den Segelschiffen und Pirogen, Waren in die Stadt zu bringen. Der Kanal ist versandet und nur noch als Graben sichtbar. mini|Flughafen Timbuktu
Timbuktu ist seit Jahrhunderten ein Zentrum des Transsaharahandels, und Ende des 19. Jahrhunderts passierten hier jährlich etwa 400 Karawanen mit 140.000 Kamelen und rund 22.400 Tonnen Lasten.Brockhaus 14. Auflage, Bd. 15, 1908. Dennoch bereitet es immer noch Schwierigkeiten, den Ort zu erreichen. Die Schifffahrt ist nur möglich, wenn der Wasserstand es erlaubt. Die Straßen durch die Savanne vom Süden aus versanden schnell und sind zeitweise unpassierbar. Von Norden her, durch die Wüste, ist der Weg zwei Gruppen von Reisenden vorbehalten: den selten gewordenen Salzkarawanen der Tuareg (vor allem aus Taoudenni) und den modernen Abenteurern, die auf den Spuren der Wüstenromantik sind. Der Flughafen Timbuktu (IATA-Flughafencode: TOM) wird regelmäßig von der Hauptstadt Bamako aus angeflogen.
Klima Das Klima ist wüstenhaft, es weht stets ein trockenheißer Wind (Harmattan) aus der Sahara. An spärlicher Vegetation finden sich hier Dornenbüsche, Tamarisken, Akazien und Ginster. Der afrikanische Affenbrotbaum (Baobab) und Palmen sowie eine Reihe von Nutzbäumen wachsen hier.
Die durchschnittliche Jahrestemperatur liegt bei 28 °C, wobei die Monate Mai und Juni mit etwa 34 °C am heißesten sind. Als durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge wurden 170 mm gemessen. Juli und August sind mit etwa 56–66 mm die feuchtesten Monate.Durchschnittliche Klimawerte für Timbuktu Die Regengüsse können sintflutartig auftreten und große Schäden an den aus Lehm erbauten Wohnhäusern und Moscheen verursachen. Im Jahre 1771 stürzte die al-Hana-Moschee bei einem solchen Unwetter ein und begrub 40 Menschen unter sich.
Bevölkerung mini|Friedhof von Timbuktu Durch die bewegte Geschichte und die Lage am Schnittpunkt großer Handelsstraßen setzt sich die Bevölkerung Timbuktus aus den Angehörigen verschiedener Volksgruppen zusammen. Darunter finden sich Berber, Mauren, Songhai, Mandinka und die Bambara. Zum Teil bewohnen sie ihre eigenen Viertel; in der Stadt und deren Umgebung werden eher Vertreter der Tuareg mit ihren Kamelen und die Fulbe mit ihren Viehherden angetroffen. Die Bozo leben als Fischer am Niger.
Am Nigerufer leben die Bella, dunkelhäutige Fischer und Kleinbauern, die möglicherweise Nachkommen der ursprünglichen Bevölkerung des Gebietes sind und im frühen Mittelalter von den Tuareg in ein Abhängigkeitsverhältnis gezwungen wurden. Die Überlieferung um die Gründung von Timbuktu und die Sklavin Buktu könnte als ein Nachklang dieser Entwicklung verstanden werden (siehe oben „Etymologie“). Bis vor etwa 50 Jahren wurden sie von den Tuareg als eine Art Sklaven ausgebeutet, wobei die einzelnen Bella-Familien keinem individuellen „Besitzer“ unterstanden, sondern kollektiv als Unfreie für die Tuareg, vornehmlich der Konföderation der Kel Antessar, arbeiten und Tribut abliefern mussten. Seit der Unabhängigkeit Malis sind sie offiziell frei, fühlen sich traditionell der Gesellschaftsordnung der Tuareg zugehörig und sprechen meistens die Sprache ihrer einstigen Herren, das Tamascheq.
Verkehrssprache ist das Französische. Unter der Bevölkerung des Gebietes von Timbuktu wird überwiegend die Sprache Songhai, mit dem Dialekt Koyra Chiini gesprochen. Daneben sprechen ein Zehntel Tamascheq oder den maurischen Dialekt des Arabischen.
Traditionelle Architektur mini|hochkant|Straßenszene am völlig restaurierten Caillié-Haus mini|hochkant|links|Skizze von Timbuktu von René Caillié (um 1830) Die ursprüngliche Bauweise in Timbuktu war durch den Mangel an Steinen bedingt. Daher wurde überwiegend mit Lehm gebaut. Die älteren Berichte sprechen von bienenkorbähnlichen Rundbauten, in denen überwiegend die ärmere Bevölkerung lebte. Die von René Caillié 1828 angefertigte Ansicht von Timbuktu zeigt noch zahlreiche Häuser dieser Art.
Spätestens im 15. Jahrhundert setzte sich ein aufwändigerer Baustil durch, der vor allem die Häuser der Oberschicht (Verwaltungsbeamte, Kaufleute und Gelehrte) prägte. Besonders deutlich wird diese Form der Lehmarchitektur, der als „sudanesischer Stil“ bekannt geworden ist, an den Lehmmoscheen mit ihren sich nach oben verjüngenden Türmen. Das Grundgerüst bildeten Konstruktionen aus Holz, die mit Lehm verkleidet wurden. Auf diese Weise ließen sich zweistöckige Gebäude errichten, in denen das Untergeschoss als Koranschule, Lager- und Verkaufsraum oder Werkstatt genutzt wurde, während das obere, meistens luftig gestaltete Stockwerk als Wohnbereich diente. Hier befanden sich in den Häusern der Gelehrten auch die privaten Bibliotheken. Das Bauen mit einem nur bedingt soliden Material führte jedoch bei heftigen Regenfällen zu massiven Bauschäden oder Einstürzen. Nach jeder Regenzeit mussten die Wände nachgearbeitet werden und oft wurden Häuser, bei denen sich die Reparatur nicht mehr lohnte, einfach aufgegeben. (Siehe dazu z. B. die Abb. „Straße in Timbuktu“ unten.)Grundlegend hierzu René Gardi: Auch im Lehmhaus lässt sich’s leben. Traditionelles Bauen und Wohnen in Westafrika. Graz 1973.
Neben der traditionellen Lehmarchitektur finden sich in Timbuktu mehrstöckige Wohnhäuser aus neogenem Kalkstein, die ihr Vorbild in Marokko und Mauretanien haben. Der Stil wurde vermutlich Ende des 16. Jahrhunderts von den Söldnern Djuder Paschas an den Niger gebracht. Die Fassaden sind vertikal mit Pilastern gegliedert und nach marokkanischem Vorbild mit „andalusischen“ Fenstern und massiven Holztüren geziert. Die Fenster waren ursprünglich nicht verglast, sondern durch filigrane Holzgitter verblendet. Die Türen zeichnen sich durch kunstvolle Eisenblechbeschläge und geometrische Muster aus großen Eisennägeln aus, die ihr Vorbild im einstigen al-Andalus, dem zwischen 711 und 1492 muslimisch beherrschten Teil Spaniens, haben.Zur Architektur siehe Thomas Krings: Sahelländer. Geographie, Geschichte, Wirtschaft, Politik. Darmstadt 2006, S. 83 ff.
Geschichte mini|hochkant|Heinrich Barth (1821–1865), besuchte Timbuktu von Herbst 1853 bis Frühjahr 1854 und untersuchte als erster Europäer die Geschichte der Stadt
Gründung und Frühzeit Timbuktu wurde nach Auskunft der erst viel später, im 17. Jahrhundert entstandenen Chroniken von Timbuktu (Tarikh as-Sudan und Tarikh al-Fettach) vor dem Jahr 1100 n. Chr. von nomadisierenden Massufa-Tuareg an einer Wasserstelle in der Nähe des Nigerbogens gegründet. Vermutlich gehen die Ursprünge aber bis ins 9. oder 10. Jahrhundert zurück und wahrscheinlich müssen schwarzafrikanische Songhai als Gründer des Ortes angesehen werden. Nach neuen archäologischen Forschungen von Douglas Park, Yale University, gab es jedoch die bereits um 500 v. Chr. gegründete Vorläuferstadt Tombouze, deren Ruinen sich knapp 10 km südlich der heutigen Stadt befinden.Douglas Park: Climate Change, Human Response and the Origins of Urbanism at Prehistoric Timbuktu, PhD Yale University, Department of Anthropology, New Haven 2011. Nach der ersten Jahrtausendwende unserer Zeitrechnung entwickelte sich der Ort rasch zu einer florierenden Handelsniederlassung an der wichtigen Karawanenstraße von Ägypten über Gao nach Koumbi Saleh im westafrikanischen Reich Ghana. Über die Händler aus Südalgerien wurde vermutlich der Islam am Niger verbreitet. Anfangs hatte Timbuktu bei weitem noch nicht die Bedeutung als Knotenpunkt der Handelsstraßen und als Stätte muslimischer Bildung, wie dies heute verschiedentlich in Büchern und Internetartikeln behauptet wird. Der wirtschaftliche Aufschwung und die damit verbundene kulturelle Blüte der Stadt fallen erst in das 14. und 15. Jahrhundert. Es scheint, dass das frühe Timbuktu in Konkurrenz mit einer anderen, etwa 25 km weiter östlich gelegenen Handelsniederlassung namens Ţirraqqā stand, nach Aussagen arabischer Geografen dem westlichsten Außenposten des Ghana-Reiches. Mit dem Niedergang Ghanas wandten sich die Händler offenbar Timbuktu zu, das durch seine unmittelbare Nähe zum Niger die besseren Möglichkeiten für den Warenumschlag bot.
Die Zeit der großen westafrikanischen Reiche Eingliederung in das Reich Mali Die Stadt gehörte ab dem 13. Jahrhundert oder frühen 14. Jahrhundert zum Malireich. Ob die Eingliederung durch offene Eroberung stattfand oder sich die Stadt – auch zum Schutz gegen die Tuareg im Norden und die Mossi im Süden – in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Mali begab, ist nicht geklärt. Doch selbst die Oberhoheit Malis konnte einen verheerenden Überfall der Mossi im Jahre 1328 nicht verhindern. Der Angriff lässt den Schluss zu, dass sich Timbuktu zu diesem Zeitpunkt bereits als Zentrum des Salz- und Goldhandels etabliert hatte. Die Stadt hatte zu dieser Zeit etwa 10.000 bis 15.000 Einwohner.Siehe James L. A. Webb: Desert Frontier. Ecological and Economic Chance along the Western Sahel 1600–1850. Madison (Wisc.) 1995, S. 16.
mini|Der Herrscher Mansa Musa von Mali (Katalanischer Weltatlas, 1375)