mini|Die deutsche Amerikanistin Sieglinde Lemke sieht die Freiheitsstatue als Symbol des missionarischen Auftrags und natürliche Erweiterung des Selbstverständnisses der USA als außergewöhnlicher Nation.
Der Amerikanische Exzeptionalismus () oder die Amerikanische Sonderstellung ist eine nationalistische Ideologie, die auf dem Postulat basiert, dass sich die Vereinigten Staaten von Amerika aus historischen Gründen von allen anderen Nationen unterscheiden.Zur Verwendung des Begriffs "Sonderstellung" anstelle des eher sperrigen "Exzeptionalismus" siehe etwa und
Historische Theorie Die noch heute vielfach rezipierte Studie De la démocratie en Amérique (zwei Bände, Paris 1835/1840, auf Deutsch Über die Demokratie in Amerika) des Politikers und Publizisten Alexis de Tocqueville ist einer der „Gewährstexte“ der Idee vom American Exceptionalism.Winfried Fluck, American Exceptionalism. Ein Schlüssel zum amerikanischen Selbstverständnis. In: Christian Lammert, Markus B. Siewert, Boris Vormann (Hrsg.), Handbuch Politik USA. Springer VS, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-02641-7, S. 15–28, hier S. 21.
Sämtliche Subsysteme der amerikanischen Gesellschaft – etwa Verfassung, Politik, Wirtschaft, Rechtswesen, Sozialsystem, Religionswesen sowie das gesellschaftsübergreifende Wertesystem (Ideologie) – aber auch „ihre ausschließlich kommerziellen Gewohnheiten, die Fixierung ihres Geistes auf rein praktische Dinge“ ließen sich demnach nur durch USA-spezifische Faktoren erklären, die sich aus der besonderen Geschichte des Landes ergäben. Die späte Besiedlung durch europäische Einwanderer, deren politische, wirtschaftliche und religiöse Selbstbefreiung vom Kolonialismus (Amerikanische Revolution), der (mit Frankreich geteilte) Status als Pioniernation der modernen, laizistischen Demokratie, die mit der Sklavenhaltung und ihrer späteren Abschaffung zusammenhängenden sozialhistorischen Entwicklungen sowie die Tatsache, dass auf dem Boden der USA seit dem Bürgerkrieg kein Krieg mehr stattgefunden hat, hätten sich der amerikanischen Gesellschaft so stark aufgeprägt, dass ein Vergleich mit den westeuropäischen Gesellschaften mithilfe übergreifender, also allgemeiner Kriterien und Theorien unfruchtbar bleiben müsse.
Politische Doktrin Noam Chomsky weist darauf hin, dass bereits 1630 John Winthrop in seiner Predigt Model of Christian Charity die den Evangelien entlehnte Formulierung „Stadt auf dem Hügel“ verwandte, als er die Zukunft einer neuen, „von Gott bestimmten“ Nation entwarf. „Wir müssen davon ausgehen, dass wir wie eine Stadt auf einem Hügel sein sollen. Die Blicke aller Menschen richten sich auf uns.“Winthrop war Gouverneur der Massachusetts Bay Colony, die 1629 in ihrem Siegel einen Indianer zeigt, der die englischen Puritaner bat, ihm zu Hilfe „herüberzukommen“, d. h. seine Seele durch die Bekehrung zum Christentum zu retten.Noam Chomsky: Wer beherrscht die Welt? Ullstein, Berlin 2016, S. 49. Über die Doktrin des Manifest Destiny („offensichtliche Bestimmung“) des 19. Jahrhunderts habe sich das Sendungsbewusstsein für Christentum, Demokratie und Menschenrechte nach amerikanischer Prägung entwickelt, das der Rechtfertigung eines skrupellosen Imperialismus diene.
Der Amerikanist Frank Kelleter verweist auf die nach der Unabhängigkeit geführten Debatten darüber, wie sich der universalistische Anspruch der Amerikaner mit ihrem partikularistischen Wunsch, eine Nation zu werden, versöhnen ließe. Alexander Hamilton formulierte in den Federalist Papers eine Lösung, die sich gegen das alte Europa richtete. Dieses habe lange alle anderen Kontinente dominiert:
Der Exzeptionalismus leitete sich her von der Vorstellung amerikanischer Beispielhaftigkeit, die die anderen Nationen lehren werde, wie der naturrechtlich verstandene Anspruch auf nationale Souveränität mit dem aufklärerischen Universalismus in einem mustergültigen Beispiel freier Selbstregierung in eins falle. Es sei die Mission der USA, dieses Beispiel auf der Erde zu verbreiten. Der amerikanische Exzeptionalismus lag für Hamilton und die Founding Fathers in Amerikas Exemplarität begründet.Frank Kelleter: Amerikanische Aufklärung. Sprachen der Rationalität im Zeitalter der Revolution. Schöningh, Paderborn 2002, S. 616–620.
1893 brachte der Historiker Frederick Jackson Turner in seinem Essay The Frontier in American History die These auf, dass der Amerikanische Exzeptionalismus ein Resultat aus der kontinuierlichen Interaktion von Zivilisation und Wildnis an der amerikanischen „Frontier“ sei. Als Frontier Society sei die US-amerikanische Gesellschaft durch den Kontakt zu Gesellschaften außerhalb des eigenen Kulturkreises kulturell herausgefordert, durchdrungen und vermischt und habe den Drang, sich auszudehnen.
1898 rief Senator Henry Cabot Lodge senior dazu auf, den kubanischen Unabhängigkeitskampf zu unterstützen,
denn die Kubaner bäten Amerika mit den Worten des Großen Siegels darum: „Komm herüber und hilf uns!“Lars Schoultz: That Infernal Little Cuban Republic: The United States and the Cuban Revolution. Chapel Hill 2009, S. 4.
Selbst die äußerste Linke der USA verwendete in den 1920er Jahren den Begriff, jedoch in anderem Sinn. Der führende amerikanische Kommunist Jay Lovestone benutzte ihn zur Rechtfertigung des Sonderwegs der amerikanischen Kommunisten, weil das amerikanische Proletariat nicht an einer Revolution interessiert sei. Worauf Stalin 1929 forderte, mit dieser „Ketzerei“ Schluss zu machen.Ted Morgan: A Covert Life: Jay Lovestone: Communist, Anti-Communist, and Spymaster (books.google.de). Im April 1930 erklärte dann die Kommunistische Partei der USA (CPUSA) auf ihrem Parteitag, dass die „Wirtschaftskrise in den USA das Kartenhaus des Amerikanischen Exzeptionalismus umgeblasen“ habe.Terrence McCoy: How Joseph Stalin Invented 'American Exceptionalism'. In: The Atlantic. 15. März 2012 (englisch).
1941 prägte Henry Luce in einem Leitartikel des LIFE-Magazins den Begriff „Amerikanisches Jahrhundert“ und definierte so die Version des American Exceptionalism für das 20. Jahrhundert ohne selbst diesen Begriff zu benutzen. Als „mächtigste und vitalste Nation der Welt“ hätten die USA die Pflicht und die Chance, ihren „vollen Einfluss auf die Welt auszuüben, zu den Zwecken, die wir für richtig halten, und mit den Mitteln, die wir für richtig halten.“
In einer Studie entwickelte Hans Morgenthau 1964 die These, die USA hätten eine „transzendente Bestimmung“, weltweit für Frieden und Freiheit zu sorgen, da „der Schauplatz, auf dem die Vereinigten Staaten ihre Bestimmung verteidigen und fördern müssen, global geworden ist.“ Er räumte zwar ein, dass die historischen Fakten im Widerspruch zu diesen Idealen standen, doch dürfe man sich dadurch nicht täuschen lassen, sondern solle sich hüten, „den Missbrauch der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit selbst zu verwechseln“. Die Wirklichkeit sei vielmehr die unvollendete Mission, die sich offenbare „in der Evidenz der Geschichte, wie unsere Geschichte sie widerspiegelt“.Hans Morgenthau: The Purpose of American Politics. New York 1964. zit. nach Noam Chomsky: Wer beherrscht die Welt? Ullstein, Berlin 2016, S. 48.
1980 beschwor Richard J. Tofel in der New York Times Jimmy Carter und Ronald Reagan diesen besonderen Ausdruck zu verteidigen. In den folgenden 20 Jahren wurde Exceptionalism in amerikanischen Medien 457 mal verwendet. Dann stieg der Gebrauch sprunghaft an: im ersten Jahrzehnt auf 2558 Erwähnungen und im Zeitraum von 2010 bis Februar 2012 auf 4172. Der neokonservative Politikberater Robert Kagan errechnete 2014, dass die USA seit 1898 außerhalb der amerikanischen Hemisphäre 26 größere Interventionen mit Bodentruppen durchführten: im Durchschnitt alle viereinhalb Jahre eine, seit 1990 sogar alle drei Jahre.Robert Kagan: U.S. needs a discussion on when, not whether, to use force. In: The Washington Post. 15. Juli 2014 (englisch, zitiert nach: Lukas D. Herr: A Myth that Matters: Der amerikanische Exzeptionalismus und der Versuch einer Konzeptionalisierung der ideationalen liberalen Außenpolitiktheorie. In: KOPS. Nr. 6, Politikwissenschaft der Technischen Universität Kaiserslautern, Juni 2016, S. 2. ).
Im 21. Jahrhundert bezeichnet amerikanischer Exzeptionalismus die politische Kernideologie der USA.Trevor B. McCrisken: Exceptionalism. In: A. Deconde, R. D. Burns, F. Logevall (Hrsg.): Encyclopedia of American Foreign Policy. Band 2, 2. Auflage. Scribner, New York 2002, S. 63–80.Trevor B. McCrisken: American Exceptionalism and the Legacy of Vietnam: US Foreign Policy since 1974. Palgrave Macmillan, New York 2003. Er drückt sich, wie Stephen Kinzer schreibt, auch darin aus, dass die USA Stephen Kinzer: Overthrow: America’s Century of Regime Change From Hawaii to Iraq. Times Books, New York 2006. Wegen ihrer Einzigartigkeit seien die USA an völkerrechtliche Vereinbarungen grundsätzlich nur insoweit gebunden, wie ihnen dies nützt. Michael Ignatieff: Barbarians at the Gate? In: New York Review of Books. 28. Februar 2002.
Roger Cohen schreibt 2009, dass „Amerika aus einer Idee geboren wurde und deshalb den Auftrag habe, diese Idee zu verbreiten“. Die inspirierende Vorstellung von der Geburt des Landes als Stadt auf dem Hügel sei tief in der amerikanischen Seele verwurzelt und äußere sich in „dem unverwechselbaren Geist des amerikanischen Individualismus und Unternehmungsgeistes“.Roger Cohen: America Unmasked. In: The New York Times. 24. April 2009 (englisch, zitiert nach: Noam Chomsky: Wer beherrscht die Welt? Ullstein, Berlin 2016, S. 49).
Dick Cheney, der in seiner Zeit als Vizepräsident der USA den Irak-Krieg mit herbeiführte und Folter als Verhörmethode rechtfertigte,Noam Chomsky: Wer beherrscht die Welt? Ullstein, Berlin 2016, S. 46. veröffentlichte 2015 gemeinsam mit seiner Tochter Liz ein Buch, in dem sie aus der einzigartigen Rolle, die die USA im Zweiten Weltkrieg spielten, eine Pflicht zur Verteidigung der Freiheit in aller Welt ableiteten und dass Amerika sei.Dick Cheney, Liz Cheney: Exceptional: Why the World Needs a Powerful America. Threshold Editions, 2015, ISBN 978-1-5011-1541-7.
2023 erneuert Robert Kagan im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine den amerikanischen Anspruch und begründet ihn damit, dass nur die amerikanische Macht „die Naturgewalten der Geschichte in Schach halten“ könne. Einen Weltfrieden könne es nur geben, wenn die USA die ganze Welt beherrschen, denn der natürliche Verlauf der Geschichte in Abwesenheit amerikanischer Führung sei ganz offensichtlich: „Er führt nicht zu einem liberalen Frieden, einem stabilen Gleichgewicht der Kräfte oder zur Entwicklung internationaler Gesetze und Institutionen. Stattdessen führt er zur Ausbreitung von Diktaturen und ständigen Konflikten zwischen Großmächten.“
Kritik W. E. B. Du Bois sah 1935 die Quelle der modernen Ideologie des Exzeptionalismus in den Post-Bellum-Jahrzehnten (1865–1898) zwischen Bürgerkrieg und Spanisch-Amerikanischem Krieg. In diesem Zeitraum hätten sich zwei Visionen von Amerika herausgebildet: Zum einen würde Amerika endlich die Demokratie erreichen, die in seinen Gründungsidealen zum Ausdruck komme; zum anderen stelle es eine fortschrittliche Industrienation dar, die sich durch ihren Reichtum und ihre Macht auszeichne: Ein Imperium im Ausland, eine Demokratie im eigenen Land. – Diese Kombination sollte etwas Neues unter der Sonne sein, und diese Verschmelzung würde Amerika zur wahrhaft großen Ausnahme in der Geschichte machen. Doch diese Vorstellung war für Du Bois nie mehr als ein unmöglicher Traum. Vielmehr diente dieses „Gesäusel des Exzeptionalismus“ in erster Linie dazu, von den bitteren Realitäten der Großen Depression und des „Gilded Age“ abzulenken.
Francis Fukuyama spricht dem Anspruch der USA, allen anderen mit Machtmitteln den richtigen Weg zu weisen, einerseits die Legitimität als Glaube an eine Berufung ab, bejaht jedoch die Effektivität dieser Praxis.