mini|400px|Karte der Ausbreitung des Menschen basierend auf der Out-of-Africa-Theorie; Zahlen in Jahrtausenden vor heute

Unter der Besiedlung Amerikas wird im Allgemeinen die Geschichte der Besiedlung des amerikanischen Kontinents verstanden, das heißt die Geschichte der Einwanderungen im Unterschied zu bloßen Entdeckungen Amerikas ohne Niederlassungen. Sie ist unter Linguisten, Archäologen, Anthropologen, Genetikern und Ethnologen nach wie vor viel diskutiert, vor allem der Zeitpunkt, aber auch die Route. Nach gesichertem Forschungsstand gab es am Ende der letzten Eiszeit – in Nordamerika als Wisconsin glaciation (Wisconsin-Eiszeit) bezeichnet – vor nicht mehr als 15.000 Jahren mehrere Einwanderungswellen aus Sibirien. Ältere Datierungen von Funden sind wissenschaftlich umstritten.

Genetische Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Vorfahren der rezenten Amerikaner den Kontinent frühestens vor 18.000 Jahren erreicht haben. Für ihre Abschätzung hatten die Forscher bestimmte Regionen des Y-Chromosoms bei der heutigen amerikanischen Urbevölkerung untersucht. Hier entdeckten sie eine Mutation, die auch heutige Asiaten tragen, die vermutlich vor 18.000 Jahren im menschlichen Erbgut auftrat. Die Trennung zwischen Asiaten und Amerikanern müsste demnach später erfolgt sein.

Theorien zur Erstbesiedlung Seit den 1930er Jahren und der Entdeckung der Clovis-Kultur gingen die meisten Wissenschaftler davon aus, dass die Erstbesiedlung Amerikas nach Ende der Eiszeit vor 11.500 bis 10.000 Jahren über die Beringia-Landbrücke erfolgte. Anhand von Radiokohlenstoffdaten sind gesicherte Funde des so genannten Nenana Complex in Alaska auf bis zu 11.500 BP datiert.R. G. Matson, Gary Coupland: The Prehistory of the Northwest Coast. Left Coast Press, 1994. Noch ältere Datierungen wurden im Jahre 2011 von Ausgrabungen an der „Debra L. Friedkin Site“ in Texas bekannt, wo Fundschichten mit Steinwerkzeugen zwischen 15.500 und 13.200 Jahren vor 1950 datiert wurden.Michael R. Waters u. a.: The Buttermilk Creek Complex and the Origins of Clovis at the Debra L. Friedkin Site, Texas. In: Science. Band 331, Nr. 6024, 2011, S. 1599–1603, doi:10.1126/science.1201855.eurekalert.org vom 24. März 2011: Artifacts in Texas predate Clovis culture by 2,500 years, new study shows. (mit Abbildungen). Obwohl damit die Frage der Einwanderung über Alaska archäologisch nicht direkt belegt ist, ist der „Beringiakorridor“ nach wie vor die allgemein anerkannte Theorie zur Besiedlung des amerikanischen Kontinents.

Heute tendieren Anthropologen und Archäologen gestützt auf sowohl genetische Analysen wie linguistische Untersuchungen, zu mindestens drei Einwanderungswellen von Sibirien her: Die erste und mit Abstand bedeutendste Welle, im späten Pleistozän am Ende der Eiszeit vor rund 15.500 Jahren, als noch Mammuts, Pferde und Riesenfaultiere den Kontinent bevölkerten. Die zweite Welle brachte die Vorfahren der Na-Dené-Indianer, die sich vor allem in Alaska und im westlichen Kanada niederließen. Einige Gruppen, die Vorfahren der Diné- und Apachen-Indianer, zogen im Laufe der Jahrtausende bis in den Südwesten der heutigen USA. Mit der dritten Welle trafen die Vorfahren der Eskimos, Unungun und Yupik in Alaska ein.

Manche Wissenschaftler nehmen aufgrund linguistischer Analysen zwischen der ersten und der Na-Dené-Welle eine weitere Welle an, mit der die Vorfahren der Algonkin nach Amerika kamen.

Zur Herkunft der ersten Amerika-Siedler wurden folgende Theorien aufgestellt:

Weitgehend anerkannte Theorien mini|Karte der Beringstraßen-Theorie

Die Beringstraße-Theorie: Diese Theorie ist die einzige, für die es reichlich archäologische Belege gibt und die daher von den meisten Wissenschaftlern vertreten wird. Sie besagt, dass während der letzten Eiszeit oder erst gegen Ende der Eiszeit, d. h. vor mindestens 11.500 Jahren (höchstens vor 35.000 Jahren) aus Ostasien kommende Jäger und Sammler erstmals den amerikanischen Kontinent betraten. Dort, wo sich heute die Beringstraße befindet, gelangten sie über eine breite Landbrücke (Beringia), die durch den niedrigen Wasserstand während der letzten Eiszeit entstanden war, auf den damals noch menschenleeren Kontinent. Sie wurden aber durch den Laurentidischen Eisschild und die Gletscher der Coast Mountains daran gehindert, vom damals weitgehend eisfreien Alaska weiter nach Süden zu wandern. Erst vor rund 11.500 Jahren öffnete sich ein eisfreier Korridor zwischen den vergletscherten Coast Mountains und dem Laurentidischen Eisschild im heutigen Territorium Yukon. Rund tausend Jahre später trafen die ersten Gruppen an der Südspitze Südamerikas ein. Jüngere Forschungsergebnisse lassen aber vermuten, dass der Korridor erst später für einen Transit nutzbar wurde.Mark E. Swisher, Dennis L. Jenkins, Lionel E. Jackson, Jr., Fred M. Phillips: A Reassessment of the Role of the Canadian Ice-Free Corridor in Light of New Geological Evidence. Paleoamerican Odyssey – A Conference Focused on First Americans Archaeology, Oktober 2013.

Die Küsten-Theorie: Gemäß dieser Theorie breiteten sich Seefahrer vor 15.000 bis 13.500 Jahren von Japan und Südostsibirien her kommend entlang der damals schon eisfreien Aleuten und der amerikanischen Westküste aus und besiedelten schließlich den gesamten Kontinent bis zur Südspitze von Feuerland.T. A. Surovell: Simulating coastal migration in New World colonization. In: Current Anthropology. Band 44, 2003, S. 580–591, doi:10.1086/377651.N. J. Fagundes u. a.: Mitochondrial population genomics supports a single pre-Clovis origin with a coastal route for the peopling of the Americas. In: American Journal of Human Genetics. Band 82, Nr. 3, 2008, S. 583–592, doi:10.1016/j.ajhg.2007.11.013. Zwar herrschten damals bis zum erneuten Kälteeinbruch der Jüngeren Dryas schon fast warmzeitliche Klimaverhältnisse, der Nachweis einer frühen Küstenbesiedlung ist aber problematisch, da vor 15.000 bis 13.500 Jahren der Meeresspiegel wesentlich tiefer lag als heute. Eventuelle Fundstellen lägen unter Wasser.

Eine Kombination von Beringstraße- und Küsten-Theorie hält eine erste – schwache – Einwanderung entlang der Küste vor höchstens 15.000 Jahren für wahrscheinlich, gefolgt von einer weit stärkeren Einwanderung vor rund 11.500 Jahren. Mit dieser kombinierten Theorie lassen sich am ehesten alle archäologischen, anthropologischen und genetischen Untersuchungen in Einklang bringen.

Zahlreiche Funde in Sibirien und Amerika sprechen sowohl für die Beringstraßen-Theorie als auch für die Küsten-Theorie. Um die zeitliche Differenz zwischen dem Aufbruch in Asien vor rund 25.000 Jahren und dem Eintreffen der ersten Menschen in Amerika vor etwa 15.000 Jahren zu erklären, wird ein langer Aufenthalt im Bereich von Beringia diskutiert.John F. Hoffecker, Scott A. Elias, Dennis H. O’Rourke: Out of Beringia? In: Science. Band 343, Nr. 6174, 28. Februar 2014, Seiten 979–980, doi:10.1126/science.1250768. Als Grund für den verzögerten Zug gelten die starke Vergletscherung in Amerika und die besondere Eignung Beringias für eine menschliche Besiedelung, weil durch klimatische Faktoren dort eine Tundra-artige Vegetation vorherrschte, die insbesondere Bäume und damit Feuerholz bot.Spiegel online: Vorfahren der Indianer: Überwintern auf der Beringbrücke. vom 28. Februar 2014.

Große Verunsicherung entstand 1996 durch den Fund des Kennewick-Mannes im US-Bundesstaat Washington. Der Kennewick-Mann ist ein auf etwa 7300 v. Chr. (8410 ± 60 uncal. BP)R. Taylor, D. Kirner, J. Southon, J. Chatters: Radiocarbon dates of Kennewick Man. In: Science. Band 280, 1998, S. 1171–1172. datiertes Skelett, dessen Merkmale anfänglich als „kaukasoid“, also europäisch, gedeutet wurden. Spätere Untersuchungen sahen eine Vergleichbarkeit mit den Ainu, den Ureinwohnern Japans. 2015 waren erstmals DNA-Analysen möglich, die zeigten, dass der Kennewick-Mann weder besonders mit Europäern noch nahe mit den Ainu verwandt ist, sondern am nächsten mit heutigen Vertretern westamerikanischer Indianerstämme.Morten Rasmussen, Martin Sikora, Anders Albrechtsen, Thorfinn Sand Korneliussen, J. Víctor Moreno-Mayar, G. David Poznik, Christoph P. E. Zollikofer, Marcia S. Ponce de León, Morten E. Allentoft, Ida Moltke, Hákon Jónsson, Cristina Valdiosera, Ripan S. Malhi, Ludovic Orlando, Carlos D. Bustamante, Thomas W. Stafford Jr, David J. Meltzer, Rasmus Nielsen & Eske Willerslev: The ancestry and affiliations of Kennewick Man. In: Nature. Juni 2015, doi:10.1038/nature14625.

Die genetische Verwandtschaft der Ureinwohner Amerikas mit den menschlichen Populationen aus Ostasien ist unumstritten. Sie wurde z. B. 2009 durch eine japanische Genstudie umfassend untersucht. Daraus geht hervor, dass einige Vorfahren von drei Stämmen der südamerikanischen Indianer im Amazonas mit den heutigen australischen Aborigines verwandt waren. Ähnliches gilt für manche nordamerikanischen Ureinwohner, die neben den ostasiatischen Genen auch Merkmale aus frühen Einwanderungswellen aufweisen: Hier bestätigte sich die genetische Verwandtschaft zu den Ainu (vor dem japanischen Genzufluss) und nordostsibirischen Ethnien.

In den Jahren 2002/03 wurden in den Paisley-Höhlen (US-Bundesstaat Oregon) versteinerte Exkremente mit menschlicher aDNA gefunden, die 14.300 Jahre alt sind und deren Gene Gemeinsamkeiten mit Menschen aus Sibirien aufweisen.M. Thomas P. Gilbert, Dennis L. Jenkins u. a.: DNA from Pre-Clovis Human Coprolites in Oregon, North America. doi:10.1126/science.1154116. Diese Tendenz wurde durch die Funde im Buttermilk Creek Complex in Texas bestätigt, die 2011 auf ein Alter von 15.500 bis 13.200 Jahren BP datiert wurden und damit die bislang ältesten menschlichen Funde in Amerika sind. Andere Fundstellen, deren Alter mit mehr als 13.000 Jahren angegeben wurde, wie Steingeräte in den USA oder vermeintliche menschliche Fußabdrücke in Mexiko, haben einer Überprüfung dagegen nicht standgehalten.Joshua M. Feinberg, Paul R. Renne und andere: Age constraints on alleged "footprints" preserved in the Xalnene Tuff near Puebla, Mexico. In: Geology. Jahrgang 37, Nr. 3, 2009, S. 267–270.

Eine 2010 publizierte Studie konnte zeigen, dass sich die spätpleistozänen Bewohner Nordamerikas (Paläoindianer) in morphologischen Merkmalen des Schädels deutlich von den Indianern jüngeren, präkolumbischen Alters unterscheiden.M. Hubbe, W. Neves, K. Harvati: Testing Evolutionary and Dispersion Scenarios for the Settlement of the New World. In: PLoS ONE. Band 5, Nr. 6, 2010 doi:10.1371/journal.pone.0011105. Erstere entsprechen Funden des Shandingdong-Menschen in Zhoukoudian und Melanesiern, die späteren sind enger mit heutigen Asiaten verwandt. Die Verfasser schließen daraus auf zwei Besiedlungswellen, deren letzte gemeinsame Vorfahren in Asien gelebt haben.