mini|Der Rote Turm (2009) Der Rote Turm ist Teil des Wahrzeichens der Stadt Halle (Saale). Dieses bildet er gemeinsam mit den vier Türmen der Marktkirche Unser Lieben Frauen. Halle wird wegen der markanten Silhouette dieser beiden Bauten auch oft als Stadt der Fünf Türme bezeichnet. Der Turm brannte am 16. April 1945 durch Artilleriebeschuss aus und verlor seinen charakteristischen Turmhelm. Bis auf die Turmumbauung wurde er 1975 wiederhergestellt. Er beherbergt das größte Glockenspiel Europas, das „Europa-Carillon“.

Lage und Beschreibung mini|Marktplatz anno 1500, Rekonstruktion mini|Roter Turm um 1824 mini|Der Rote Turm mit Kriegsschäden, 1964

Der Rote Turm wurde auf dem Marktplatz von Halle errichtet und steht damit fast genau im Zentrum der Stadt. Es handelt sich um einen im spätgotischen Baustil geschaffenen, freistehenden Uhr- und Glockenturm. Die rechteckige Grundfläche seines unteren quaderförmigen Baukörpers misst circa 10 mal 15 Meter. Der Turm ragt insgesamt 80,7 Meter in die Höhe. Er gilt als das höchste Bauwerk des Mittelalters in Halle.Statistischer Quartalsbericht 1. Quartal 2023, Stadt Halle (Saale) – Fachbereich Einwohnerwesen, Halle (Saale) 2023 (PDF). – Früher wurde seine Höhe mit 140 alten Hallischen Ellen bzw. 268½ Fuß rheinl. angegeben, was 84,28 bzw. 83,17 Metern entspräche. Die Turmspitze des kupfernen Helmdaches ziert ein mit „246 Stacheln“ versehener vergoldeter Kugelknauf von 3,60 Meter Umfang, das entspricht 1,15 Metern Durchmesser.

Geschichte des Turmes und des Rolands mini|hochkant|Der hallische Roland nach seiner Wiedererrichtung an der Ostseite des Roten Turmes, im April 2006 mini|Umbau des Marktplatzes von Halle (Saale), im Juni 2005

Sein Bau durch die Mariengemeinde begann im Jahr 1418 und wurde am 24. Juli 1506 vollendet. Der Tag der Fertigstellung ist urkundlich belegt. Vom Baubeginn zeugt folgende Inschrift, die in vier Meter Höhe in Stein gehauen wurde: ANNO DOMINI millesimo CCCCXVIII locatus est lapis iste. Die Gemeinde ließ den Roten Turm als Glockenturm der Marienkirche erbauen. Er stellte damit einen Campanile dar. Der Rote Turm ist, zumindest bezogen auf seine Entstehungszeit, als Sakralbau einzustufen. Schon vor 1418 stand wohl an dieser Stelle ein Vorgängerturm. Auch gab es in Halle vermutlich zu dieser Zeit einen Turm mit derselben Bezeichnung. Dies besagt die bislang älteste bekannte Erwähnung eines „Roten Turmes“ in der Stadt aus dem Hallischen Talrecht von 1386. Hierin heißt es: Das sal men sitzen uffe sente ghertrude kerchove hinder den roden tormen. Eher unwahrscheinlich ist jedoch, dass damit ein Turm an der Stelle des hier beschriebenen Bauwerkes gemeint war.

Zum Baubeginn trug der Campanile noch den Namen Neuer Turm; die Bezeichnung Roter Turm ist erst seit dem 17. Jahrhundert belegt. Der bekannte Chronist Johann Christoph von Dreyhaupt stellte 1749/1750 die Vermutung an, dass der Turm seinen Namen wegen des ursprünglich in Rot erstrahlenden Kupferdaches erhielt und dieser trotz der späteren Grünfärbung beibehalten worden ist. Der wahrscheinlichere Grund dafür ist vielmehr das damals zu seinem Fuße abgehaltene Blutgericht. Ausdruck dessen war und ist die Figur des Rolands, die schon zwischen 1547 und 1718 als Symbol der Blutgerichtsbarkeit unmittelbar am Turm stand. Es wird teilweise auch die These vertreten, dass der Name einen Bezug zu einem beteiligten Baumeister oder Architekten namens Johannes Rode aufweise, so dass im Volksmund der Begriff „Rode-Thurm“ entstand. Rode könnte als Angehöriger einer hallischen Patrizierfamilie jedoch auch als Stifter in Erscheinung getreten sein. Zumindest deutet eine Inschrift über dem obersten Fenster der Südwand aus dem Jahr 1470 auf eine Mitwirkung Rodes hin: ANNO DOMINI M.CCCC.LXX. locatus est iste lapis per Joh. rod.

Die Geschichte des Rolands ist eng mit jener des Roten Turmes verknüpft. Die Entstehung eines Hallischen Rolands reicht in die Zeit des Schultheißgerichtes heran, das seit 1161 in der Stadt bekannt ist. Die erste Rolandfigur war aus Holz gefertigt. Diese stand auf einem kleinen Hügel nördlich des Rathauses und musste 1341 wegen des Baus des Archivturmes in die Nähe des späteren Roten Turmes versetzt werden. 1513 sperrte man ihn wegen der Unterwerfung der Stadt durch Erzbischof Ernst von Magdeburg in ein hölzernes Häuschen. Hieraus „entkam“ er erst 1547. Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen ließ ihn wieder vor den Turm bringen. Im Jahre 1718 musste der Roland wegen der Erweiterung der Hauptwache erneut weichen und kam zum Malz- und Zimmerhause, wo er am 15. November 1719 bei einem Feuer verbrannte. Ein schon Monate vorher in Auftrag gegebener steinerner Roland wurde am 2. September 1719 am Hause des Schöffengerichtes aufgestellt. In den Jahren 1825/1826 ergänzte man den Roten Turm erneut mit einer (diesmal massiven) steinernen Umbauung nach Plänen des Stadtbaumeisters Johann Justus Peter Schulze.Holger Brülls, Thomas Dietzsch: Architekturführer Halle an der Saale. Berlin 2000, S. 3. Einfach gehaltene Krambuden standen schon zu früherer Zeit um den Turm herum. 1850 musste die Rolandstatue wieder ihren Platz räumen und drohte in einem Schuppen auf dem Rathaushof zu verwahrlosen. Der hallische Bürgerstolz bewirkte seine Restaurierung und am 1. September 1854 die Aufrichtung der Figur an der Südostecke des neugotischen Umbaus.

Ein nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges als Schutz um den Roland gemauerter Backsteinturm mit aufgesetzter Betonplatte verhinderte seine Beschädigung bei den amerikanischen Bombenangriffen und beim Brand des Roten Turmes als Folge eines Artillerietreffers in der Nacht vom 15. zum 16. April 1945. Dabei vermuteten vielleicht die angreifenden amerikanischen Truppen im Turm einen deutschen Artilleriebeobachter. Eine Panzergranate traf den Turm. Bei dem Brand erlitt er schwere Schäden. Er verlor seinen 40 Meter hohen Turmhelm und brannte bis auf die Umfassungsmauern aus. Auch die Umbauung von 1825 war schwer zerstört. Man entschied sich daher, den Umbau komplett abzutragen. Der Turm erhielt ein zeltförmiges Notdach.Renate Kroll: Halle (Saale). Roter Turm. In: Schicksale deutscher Baudenkmale im Zweiten Weltkrieg. Hrsg. Götz Eckardt. Henschel-Verlag, Berlin 1978, Band 2, S. 327. Die Bauhütte Roter Turm sammelte nach dem Zweiten Weltkrieg lange Jahre Spenden für den Wiederaufbau der Turmspitze, obwohl ein Stadtbaudirektor von „überflüssigem Rotem Turm“ sprach, der abgerissen werden sollte.Andreas Rühl: Schicksalsjahre – Die Zerstörung des Alten Rathauses 1945 bis 1950. In: Das Alte Rathaus zu Halle (Saale). Hrsg. Kuratorium Altes Rathaus Halle (Saale) e. V., Mitteldeutscher Verlag, Halle 2008Wolfgang Heinrich, Werner Piechocki: Mit Rathaus ein Stück Identität verloren. In: Mitteldeutsche Zeitung, 11. März 1994. 1955 erfolgte die Instandsetzung des Hauptgesimses über dem großen Westfenster und des Maßwerkes.

Im November 1964 wurde am noch haubenlosen Turm eine Stahl- und HP-Schalen-Konstruktion errichtet, die einem Schmetterling ähnlich sah und bei den Hallensern unter diesem Namen bekannt wurde. Anfang 1975 wurde dieser Bau im Rahmen der darauffolgenden Erneuerung der Turmhaube und des Dachstuhls abgerissen. Die endgültige Wiederherstellung mit Rekonstruktion des Turmhelmes in Stahlbauweise wurde jedoch erst, direkt nach einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung, ab dem 22. Mai 1975 in Angriff genommen. Das Aufsetzen des Helms, bestehend aus Unterkonstruktion, Laterne, Seitentürmchen und Spitze wurde mit einem Spezialkran der IMO Merseburg am 8. September 1975 begonnen und endete am 11. September. Die komplette Rekonstruktion des Turmhelms und die im Februar 1976 begonnene Errichtung der bislang letzten Umbauung, eine ringsherum verglaste stelzengetragene Stahlkonstruktion, die den früheren Schmetterling ersetzte und an deren Ostseite seither der Roland stand, wurde am 25. Mai 1976 abgeschlossen.Mitteldeutsche Neueste Nachrichten vom 9. November 1989

In den Jahren von 2004 bis 2006 wurde der hallische Marktplatz komplett umgebaut. Zahlreiche bei den begleitenden archäologischen Flächengrabungen zu Tage getretene Knochenfunde belegen, dass die Hallenser über einen langen Zeitraum hinweg westlich des Roten Turms ihre Toten beerdigten. An dieser Stelle befand sich der Friedhof der Marienkirche, an die heute nur noch die beiden östlichen Türme der Marktkirche, die sogenannten Hausmannstürme, erinnern. Bei den Grabungen stießen die Wissenschaftler auch auf Reste von Bausubstanzen, die wegen ihrer Zusammensetzung dafür sprechen, dass schon vor Baubeginn des Roten Turmes auf der ihn umschließenden Fläche Händlerbuden gestanden haben müssen. Im Zuge der Marktplatzumgestaltung ist ferner die Umbauung des Turmes aus dem Jahr 1976 wieder entfernt worden. Im Rahmen der 1200-Jahr-Feier der Stadt ist die Rolandfigur unmittelbar am Turm wiedererrichtet und am 28. April 2006 feierlich enthüllt worden.

Am 24. Juli 2006, dem 500. Jahrestag seiner Vollendung, wurde am Fuße des Turmes gefeiert. Die Deutsche Post veröffentlichte einen Sonderstempel, und der Monetarium e. V. bot eine Gedenkmedaille zum Ereignis an. Am Abend erklang das Carillon. Von August 2007 bis Oktober 2008 wurde der Turm einer umfassenden Sanierung unterzogen. Dabei wurde im April 2008 ein seit Jahrzehnten verkleideter Raum mit doppeltem Kreuzgrat-Gewölbe freigelegt.

Am 11. September 2015 fand zu Füßen des Roten Turms eine Veranstaltung aus Anlass des 40. Jahrestages der Wiedererrichtung des Turmhelms statt. Der Organist Martin Stephan gab dabei ein Carillon-Konzert und der Dokumentarfilm „Der Rote hat seine Spitze wieder“ aus dem Jahr 1976 wurde vorgeführt.http://hallespektrum.de/nachrichten/vermischtes/glockenkonzert-am-roten-turm-vor-40-jahren-kam-die-haube-wieder/173363//

Uhrenschlag mini|Uhr am Roten Turm – Ostseite mini|Fünf-Uhr-Schlag Die ersten Glocken wurden noch während der Bauzeit im 1. Fenstergeschoss aufgehängt. So bekam die 1460 eingebrachte „große Glocke“ schon zwei Jahre später eine noch größere Glocke an ihre Seite. Da sie jedoch schon im darauf folgenden Jahr zersprang, musste sie erstmals neu gegossen werden. Im Jahr 1468, als sie wieder auf den Turm gezogen wurde, erhielt dieser auch die große Zeiger- oder Uhrglocke mit Inschrift. Hinzu kam noch die kleine Zeiger- oder Viertelstundenglocke. Die Turmuhr erhielt 1580 ein neues, zunächst nur zweiseitiges Zeigergestell, das im Jahr darauf mit vier Zifferblättern vollendet wurde. Die Uhrzeiger hat man 1711 neu vergoldet und die Zifferblätter 1823 frisch angestrichen.

Der Rote Turm in Halle verfügt in der Laterne über fünf Bronze-Glocken für den Uhrenschlag. Zusammen mit dem Turmglockenspiel (Carillon) im oberen Oktogon-Geschoss, ergibt sich eine Gesamtglockenzahl von 81. Die Melodie des Uhrenschlages entspricht dem Westminsterschlag und ist somit ein Gruß an Georg Friedrich Händels Wahlheimat London mit dem Big Ben. Diese Melodie wird als eine Aneinanderreihung von Variationen der vier Noten der Takte 5 und 6 der Arie I Know That My Redeemer Liveth (Ich weiß, dass mein Erlöser lebet) aus dem Messias des in Halle (Saale) geborenen Komponisten Georg Friedrich Händel angesehen.https://www.musikland-sachsenanhalt.de/beitraege/carillon-im-roten-turm-in-halle/

Carillon mini|Teile des Carillons