Die Prototypensemantik ist eine spezielle Semantik (Bedeutungslehre), die aus der Prototypentheorie abgeleitet wurde.

Demnach werden Begriffe (Wörter) verwendet, um ein Objekt einer bestimmten Bedeutungs-Klasse zuzuordnen. So steht z. B. der Begriff „Vogel“ für eine ganze Klasse sehr verschiedener Vögel. Die Prototypentheorie geht davon aus, dass eine Klasse nicht scharf umrissen ist, und dass es einen besonders typischen Vertreter einer Klasse – einen Prototyp – gibt. Ein Objekt wird als Mitglied in so einer Klasse betrachtet, wenn es dem Prototyp der Klasse ähnlicher ist als dem Prototyp einer anderen Klasse. Als Beispiel: Eine Amsel entspricht eher dem Prototyp eines Vogels, als ein Pinguin. Bzw. dem Pinguin fehlen Merkmale, die man von einem typischen Vogel erwarten würde.

Die Prototypensemantik beschreibt die quantitative Abstufung der Zugehörigkeit von Entitäten (konkreten Objekten) zu Kategorien (Klassen), wobei sich der Grad der Zugehörigkeit aus dem „Abstand“ zum Prototyp ergibt. Prototypen sind also normative Kategorie-Elemente und definieren das Zentrum der Kategorie. Z. B. ein Pinguin hat einen größeren Abstand zum Prototyp eines Vogels, als die Amsel. Die Prototypentheorie postuliert, dass viele Alltagsbegriffe im Gehirn (zusammen mit einigen erlaubten Variationen) als Prototypen gespeichert werden.

Die Prototypensemantik unterscheidet sich von der herkömmlichen Denkweise, dass Bedeutungs-Klassen (Kategorien) scharf umrissen sind und man über die Zugehörigkeit eindeutig entscheiden kann, indem man die dafür erforderlichen Merkmale abprüft (Merkmalssemantik). Ein Beispiel für diese Klassifizierung durch Definition ist z. B. „Wenn es Federn und einen Schnabel hat und fliegen kann, dann ist es ein Vogel.“ In Experimenten zeigte sich jedoch, dass Menschen manche Vogelarten (insbesondere Singvögel) signifikant eher als Vögel einsortieren als randständige Arten wie Huhn, Strauß oder Pinguin. Es gibt also Kategorie-Mitglieder, die als typische Vertreter gelten dürfen, während die Einordnung bei untypischen Vertretern deutlich schwerer fällt.

Je größer aber die Abweichung vom Prototyp ist, desto länger dauert es, z. B. bei Reaktionszeitexperimenten, zu entscheiden, ob ein Objekt zu einer bestimmten Klasse gehört oder nicht. Um einen Pinguin oder einen Strauß der Klasse der Vögel zuzuordnen, benötigt man demnach mehr Zeit, als für die Zuordnung eines Spatzes.

Der Effekt der quantitativen Abstufung tritt selbst bei scheinbar eindeutigen Begriffen wie „Junggeselle“ oder „gerade Zahl“ auf.M. Eysenck, M. Keane: Cognitive Psychology. Psychology Press, Hove (UK), 2000

Die Prototypentheorie wurde in den 1970er Jahren von Eleanor Rosch und ihren Mitarbeitern entwickelt. Sie vereint Erkenntnisse der Psychologie und der Linguistik.

Prototypensemantik als kognitive Wissenschaft

Die Prototypensemantik spielt nicht nur im Bereich der lexikalischen Semantik eine wichtige Rolle. Sie war auch der „Ursprung des kognitiven Paradigmenwechsels in der Linguistik“ (Blank, 2001: 44). Durch sie wurde klar, welche Rolle die menschliche Kognition bei der Sprachproduktion einnimmt. „Die Sprechfähigkeit des Menschen ist ein spezifischer Teil der Kognition: Sie ist eine humanspezifische mentale Fähigkeit, die konstitutiv für viele unserer allgemeinen kognitiven Fähigkeiten ist. In diesem Sinne ist Kognition der allgemeinere Begriff und inkludiert Sprache“ (Schwarz, 1992: 36). Ein wesentliches Gebiet der Prototypensemantik ist die Erforschung von Kategorisierungsprozessen, also der mentalen Verarbeitung von Information.

Vor diesem Paradigmenwechsel galt eine strukturalistische Sichtweise, die auf Aristoteles zurückgeht, der behauptete, Kategorien seien diskret und absolut. Der Strukturalismus sieht jede Bedeutung durch ein Set von Merkmalen definiert, von denen jedes einzelne notwendig ist, und die alle zusammen ausreichend sind, um die Bedeutung festzulegen („necessary and sufficient“).

In der strukturalistischen Sichtweise gilt:

- dass alle Mitglieder einer Kategorie den gleichen Stellenwert besitzen: Eine Kategorie ist in sich homogen.

- dass Kategorien scharf begrenzt sind. Es gilt besonders im europäischen Strukturalismus das Prinzip der Distinktivität: Eine Kategorie hört dort auf, wo eine andere beginnt.

In der Prototypensemantik geht man dagegen davon aus, dass die Grenzen der Kategorien unscharf sind. Und dass eine Kategorie inhomogen ist: Es gibt Elemente, die sich mehr oder weniger vom Prototyp der Kategorie unterscheiden. Der Grad der Zugehörigkeit zu einer Kategorie ergibt sich aus dem „Abstand“ zum Prototyp. Das Gehirn führt bei der Kategorisierung einen Ähnlichkeitsvergleich mit dem Prototyp der entsprechenden Kategorie durch.

Die Anfänge: Basic Colour Terms (Farb-Grundwörter)

In den Sprachen der Welt gibt es auffällige Unterschiede, welche Farben eigene Namen haben und welche nicht, und einige Linguisten begannen, nach der Ursache dafür zu fragen: „Das Italienische kennt beispielsweise zwei verschiedene Blau (azzurro, blu), das Französische zwei Arten von Braun (marron, brun), das in Wales gesprochene Kymrische unterscheidet nicht zwischen ’blau’ und ’grün’“ (Blank, 2001: 46). Diese Beobachtung kann aus strukturalistischer Sicht als ein Beweis dafür gedeutet werden, dass diese Bezeichnungen im Sinne Ferdinand de Saussures willkürlich gewählt sind (arbiträr). Laut Taylor (vergleiche Taylor, 1995: 7) sind besagte Farbbezeichnungen innerhalb eines Systems – wenn auch unterschiedlich oft gebraucht – gleichwertig. Ein Sprecher einer beliebigen Sprache nimmt beispielsweise durchaus mehrere Rot-Töne wahr, empfindet aber nicht den einen „röter“ als den anderen.Untersuchungen der Wahrnehmungspsychologie zeigten jedoch, dass alle Menschen weltweit ziemlich genau elf Grundfarben unterscheiden, auch wenn für sie in ihrer Sprache keine eigenen Namen existieren:

„Es scheint nun so, dass die verschiedenen Sprachen zwar eine unterschiedliche Zahl von Farbkategorien in ihrem Wortschatz haben, dass aber ein universeller Bestand von exakt elf Grundfarb-Kategorien existiert, aus dem die elf oder weniger Bezeichnungen jeder Sprache ausgewählt werden.“ (It appears now that, although different languages encode in their vocabularies different numbers of basic color categories, a total universal inventory of exactly eleven basic color categories exists from which the eleven or fewer basic color terms of any language are always drawn. Berlin/Kay, 1969: 2)

Der eben erwähnte Begriff basic color terms, worauf sich die Forschungsarbeit von Berlin und Kay beschränkt hatte, spielt auch in den Bereich der sog. basic level terms (Grundbezeichnungen, s. u.) hinein. Ihre Ergebnisse kann man wie folgt zusammenfassen (vergleiche Blank, 2001: 45): Es gibt zentrale und randständige Vertreter einer Farbe. Da Sprecher fast aller Sprachen dieselben Farbtöne als zentrale erkennen, auch wenn die Grenzen der sprachlichen Zuordnung anders gesteckt sind, sind diese zentralen Vertreter als universell zu betrachten. Basic color terms sind weder Unterbegriffe (Hyponyme) eines Farbwortes (wie beispielsweise türkis), noch morphologisch kompliziert (beispielsweise hellgrün), noch fachsprachlich (beispielsweise cyan) oder beschränkt auf bestimmte Kollokationen (beispielsweise blond, das nur in Verbindung mit Haaren oder Bier stehen kann). Diese Farb-Grundwörter weisen untereinander eine Hierarchie auf. So unterscheiden Sprachen mit nur zwei Farb-Grundwörtern zwischen schwarz und weiß (beziehungsweise hell und dunkel). Bei Sprachen mit drei Farben tritt stets rot als nächste hinzu, danach kommen gelb oder grün etc.

Diese Beobachtungen wurden zwar von Strukturalisten in den frühen 1970er Jahren angegriffen, Eleanor Rosch schaffte es aber, die Untersuchungen von Berlin und Kay zu bestätigen und gleichzeitig zu erweitern. Dabei führte sie verschiedene Experimente mit einer Gruppe englischsprachiger Menschen und einer Gruppe der Dani durch, einem Volk in Papua-Neuguinea, dessen Sprache nur zwei Farbbezeichnungen kennt, „nämlich mola ‚weiß u. alle warmen Farben (rot, orange, gelb, rosa, lila)‘ und mili ‚schwarz u. alle kalten Farben (blau, grün)‘.“ (Blank, 2001: 46) Dabei wurde vor allem getestet, in welchem Maße typische Vertreter einer Farbe, sog. focal colors von den verschiedenen Gruppen übereinstimmend als solche kategorisiert wurden. Es stellte sich heraus, dass die Kongruenz der beiden Gruppen, obwohl ihre Sprachen kaum unterschiedlicher sein könnten, erstaunlich hoch war. Ferner wurden die für die Dani nicht genauer kategorisierten Farben mit „neuen“ Namen belegt, die von ihnen gelernt werden sollten. Das Resultat ergab, dass zentrale Vertreter einer Farbe schneller gelernt wurden als randständige. (vergleiche Taylor, 1995: 11f) Somit war bewiesen, dass Farb-Grundbegriffe weniger willkürlich sind, als von Strukturalisten angenommen: „colour terminology turns out to be much less arbitrary than the structuralists maintain. Colour […] is instead ‚a prime example of the influence of underlying perceptual-cognitive […] categories.‘ (Heider 1971: 447)“ (Taylor, 1995: 15)

Prototypensemantik Die Standardversion

In der so genannten „Standardversion“ der Prototypensemantik sind die grundlegenden Begriffe der Prototypikalität, Familienähnlichkeit, Prägnanz, cue validity (Zuordnungsgültigkeit, Prototypikalitätsgrad), Heckenausdruck und basic level terms von Bedeutung:

Prototypikalität

Exemplarisch für den Nachweis eines Prototyps unter verschiedenen Vertretern einer Kategorie war Labovs mittlerweile berühmtes Tassen-Experiment (vergleiche Taylor, 1995: 40). Dabei legte er seinen Probanden verschiedene Zeichnungen von Gefäßen vor und bat sie darum, diese zu benennen. Es stellte sich heraus, dass die Kategorien Tasse und Schüssel teilweise ineinander übergingen und vor allem vom Verhältnis Weite-Tiefe des Gefäßes abhingen, ob ein Henkel vorhanden war oder auch, mit welchem Inhalt das Gefäß gefüllt war. Somit gab es „zentrale Vertreter, die auch die üblicherweise assoziierten (enzyklopädischen) Merkmale wie [mit Henkel], [für Kaffee] etc. aufwiesen, aber auch solche, deren einzige Übereinstimmung mit diesen ’Prototypen’ die Eigenschaft des Gefäßhaften war.“ (Blank, 2001: 46) Daraus ging nun „der Begriff des Prototyps als bestes Exemplar beziehungsweise Beispiel, bester Vertreter oder zentrales Element einer Kategorie“ (Kleiber, 1993: 31) hervor. Es handelt sich hier also um eine Art von Prototypikalität, bei der ein bestimmter Referent das Zentrum einer Kategorie bildet. Darüber hinaus gibt es allerdings auch noch einen zweiten Typen von Prototypikalität. Als Beispiel soll hierfür die Kategorie Vogel dienen. Die Vertreter, die dieser Kategorie angehören sind allesamt Vögel im biologischen Sinne. Keiner davon ist „mehr oder weniger“ ein Vogel. „Im Unterschied zu Labovs Tassen bilden die einzelnen Vogelarten selbst Unterkategorien: Wir haben eine eigenständige Konzeption von Spatzen, Eulen oder Straußen“ (Blank, 2001: 46f). So wurden bei verschiedenen Zuordnungsversuchen die zentralen Vertreter der Kategorie Vogel (wie beispielsweise Spatz oder Amsel) signifikant schneller als solche erkannt als randständige Vertreter (wie beispielsweise Pinguin oder Strauß). Daraus ließ sich folgender Schluss von Eleanor Rosch ziehen: Die innere Struktur vieler natürlicher Kategorien besteht aus dem Prototyp der Kategorie (den eindeutigsten Vertretern, den besten Beispielen) und den nicht-prototypischen Exemplaren, welche in einer Rangfolge angeordnet sind, die sich von den besten zu den weniger guten Beispielen erstreckt. (Rosch, 1975: 544)