mini|Logo der Notfallseelsorge
Notfallseelsorge (auch Notfallbegleitung) ist psychosoziale und seelsorgerliche Krisenintervention, die vor allem von Mitarbeitenden der Kirchen und christlichen Organisationen getragen wird. Die Kriseninterventionsteams der Hilfsorganisationen arbeiten mit der Notfallseelsorge zusammen. Sie ist Teil der organisierten psychosozialen Notfallversorgung (PSNV). Sie ist darauf ausgerichtet, Opfer, Angehörige, Beteiligte und Helfer von Notfällen (Unfall, Großschadenslagen usw.) in der akuten Krisensituation zu beraten und zu stützen. Auch Hilfe nach häuslichen traumatischen Ereignissen, wie nach erfolgloser Reanimation, plötzlichem Kindstod und Suizid, sowie Begleitung der Polizei bei der Überbringung von Todesnachrichten gehört zum Einsatzspektrum der Notfallseelsorge. Anders als etwa die Telefonseelsorge gehen die Notfallseelsorger direkt zum Ort des Geschehens. Die Alarmierung der Notfallseelsorge erfolgt zumeist über die Leitstellen der Rettungsdienste, Polizei oder Feuerwehr. Notfallseelsorge ist Erste Hilfe für die Seele und somit Grundbestandteil des kirchlichen Seelsorgeauftrags.Thomas Zippert: Zur Theologie der Notfallseelsorge. In: Joachim Müller-Lange (Hrsg.): Handbuch Notfallseelsorge. 2013, S. 30.
Organisation der Dienstleistung Allgemeines mini|hochkant|Notfallseelsorger auf einer großen Veranstaltung
Grundlage der Notfallseelsorge ist das christliche Welt- und Menschenbild. Dabei steht der Dienst der Notfallseelsorge allen Menschen ungeachtet ihrer Weltanschauung und Religion zur Verfügung.
Systeme der Notfallseelsorge existieren in praktisch allen evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Notfallseelsorge wird meist ehrenamtlich neben dem eigentlichen Dienstauftrag von hauptamtlichen Seelsorgern durchgeführt, aber es gibt zunehmend auch ehrenamtliche Seelsorger, die hier mit anderen beruflichen Hintergründen mitarbeiten. Der Dienst wird von Seelsorgern mit einer Zusatzausbildung in Notfallseelsorge geleistet. Die kirchlichen Notfallseelsorge-Systeme organisieren sich in Deutschland unterschiedlich in den einzelnen Bundesländern, Landeskirchen bzw. Bistümern und auf der Bundesebene. Es gibt in Deutschland rund 250 Notfallseelsorgegruppen.Notfallseelsorge. Texte + Materialien für Gottesdienst und Gemeindearbeit zum Thema Straßenverkehr, 2006, 33. Jahrgang, Heft 33, S. 10. Evangelisch-Katholische Aktionsgemeinschaft für Verkehrssicherheit gemeinsam mit der Akademie Bruderhilfe-Familienfürsorge, Kassel. In den allermeisten katholischen Bistümern gibt es Diözesanreferenten oder Bischöfliche Beauftragte für Notfallseelsorge. Die Deutsche Bischofskonferenz lädt zur Jahrestagung und zu Fortbildungsveranstaltungen ein. Auch in den evangelischen Landeskirchen gibt es besondere Beauftragte für Notfallseelsorge auf den verschiedenen Ebenen und Fortbildungsangebote. Sie sind seit 1997 in der Konferenz Evangelische Notfallseelsorge in der EKD (KEN) zusammengeschlossen.Notfallseelsorge. Texte + Materialien für Gottesdienst und Gemeindearbeit zum Thema Straßenverkehr, 2006, 33. Jahrgang, Heft 33, S. 11, Evangelisch-Katholische Aktionsgemeinschaft für Verkehrssicherheit gemeinsam mit der Akademie Bruderhilfe-Familienfürsorge, Kassel.
Schwerpunkte der Notfallseelsorge sind Ansprache und Beistand, einfaches Da-Sein und die Aufmerksamkeit für die Angehörigen bzw. mitbetroffenen Personen, aber auch der Einsatzkräfte, sowie die Aktivierung des sozialen Umfeldes/Netzes und das Angebot religiöser Betreuung. Dazu gehört auch die Gestaltung von Ritualen, wie zum Beispiel Aussegnungen. Sie arbeitet grundsätzlich ökumenisch. Unterstützt wird die Arbeit der Notfallseelsorge durch Kriseninterventionsteams, z. B. des Arbeiter-Samariter-Bunds oder der Johanniter-Unfall-Hilfe e. V.Notfallseelsorge. Texte + Materialien für Gottesdienst und Gemeindearbeit zum Thema Straßenverkehr, 2006, 33. Jahrgang, Heft 33, S. 24, Evangelisch-Katholische Aktionsgemeinschaft für Verkehrssicherheit gemeinsam mit der Akademie Bruderhilfe-Familienfürsorge, Kassel. und durch den Dienst Psychosoziale Unterstützung des Malteser Hilfsdienstes e. V., der zwei Unterstützungssysteme für Betroffene und Angehörige anbietet: Krisenintervention (KIT) und Notfallseelsorge (NFS), wobei NFS auf einem rein christlichen Selbstverständnis basiert und KIT auf medizinisch psychologischen Gesichtspunkten.Notfallseelsorge. Texte + Materialien für Gottesdienst und Gemeindearbeit zum Thema Straßenverkehr, 2006, 33. Jahrgang, Heft 33, S. 25, Evangelisch-Katholische Aktionsgemeinschaft für Verkehrssicherheit gemeinsam mit der Akademie Bruderhilfe-Familienfürsorge, Kassel. mini|Einsatzfahrzeug der Notfallseelsorge im Westen Deutschlands
Häufig betreiben Initiativen der Notfallseelsorge auch die Seelsorge für Einsatzkräfte. Diese richtet sich an die bei einem Notfall beteiligten Einsatzkräfte. Hierzu gehört auch die langfristig ausgelegte und kontinuierliche Betreuung von Helfern im Sinne der Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SbE) oder Critical Incident Stress Management (CISM).
Beide Aufgabenbereiche haben ein gemeinsames Ziel: Die Vermeidung einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS; engl. PTSD für: posttraumatic stress disorder). Allerdings machen die beiden unterschiedlichen Zielgruppen durch ihre unterschiedliche Verarbeitung des Notfall-Einsatz-Geschehens eine unterschiedliche Herangehensweise nötig.
Das Konzept der Notfallseelsorge in der Schweiz hat in erster Priorität die Betreuung der Betroffenen zum Ziel, ist „Hilfe für die Seele“ in den ersten Stunden. Seelsorgerliches Handeln (oder weitere psychologische Betreuung) folgt später und ist nicht primär die Aufgabe der Notfallseelsorger am Ort des Geschehens. Die Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz (AG NFS CH) bietet Notfallhilfe nach dem Modell SAFER an:Fritz Imhof: Spiritualität bleib eine wichtige Ressource, ideaSpektrum, Liestal/Wetzlar 29. November 2017, S. 7–9 Stabilisierung und Sicherheit Anerkennung der Krise Förderung des Verstehens Ermutigung zur Bewältigung Rückführung in die Eigenständigkeit
Prinzipien der Notfallseelsorge Zippert nennt fünf Prinzipien der Notfallseelsorge:Thomas Zippert: Zur Theologie der Notfallseelsorge. In: Joachim Müller-Lange (Hrsg.): Handbuch Notfallseelsorge. 2013, S. 58–59.
Kooperation: Kirchen, Feuerwehr und Rettungsdienst arbeiten zusammen, sollten mit den grundlegenden Arbeitsweisen der anderen Organisationen vertraut sein und Vorurteile abbauen. Kollegialität und Regionalität: Eine flächendeckende Rufbereitschaft sollte durch ein regionales Netz aus Kollegen sichergestellt werden, um Erreichbarkeit zu garantieren. Gemeindebezogenheit und Ökumenizität: Die Ortsgeistlichen sollten nach Möglichkeit erreicht werden, um zum Einsatz zu fahren, weil sie das soziale Netz kennen. Falls niemand erreicht wird, fährt der Notfallseelsorger selbst und benachrichtigt den Ortsgeistlichen im Nachhinein. Sollten die Betroffenen einer anderen Kirche oder Religion angehören, ist der entsprechende zuständige Geistliche zu kontaktieren. Falls niemand zu erreichen ist, kann die andere Religion zwar nicht vertreten, aber menschlicher Beistand geleistet werden. Freiwilligkeit: Die Zusatzqualifikation, die notwendig ist, kann nicht allen Pfarrpersonen – schon gar nicht gegen ihren Willen – zugemutet werden. Daher plädiert Zippert dafür, dass man aus eigener Motivation Notfallseelsorge betreibt. Professionalität: Fortbildungen, Erfahrung, Qualitätssicherung und Supervision gehören zu einer gelingenden Notfallseelsorge.
Indikationen für den Einsatz der Notfallseelsorge mini|Notfallseelsorger im Einsatz auf einer Übung
Indikationen für den Einsatz der Notfallseelsorge sind unter anderem:
erfolglose Reanimation/Tod im häuslichen Bereich Überbringen von Todesnachrichten mit der Polizei Verkehrsunfall (auch im öffentlichen Nahverkehr) oder andere Unfälle Plötzlicher Kindstod oder andere Todesfälle bzw. schwere Verletzungen von KindernUwe Rieske: Notfallseelsorge. In: Engemann (Hrsg.): Handbuch der Seelsorge. 3. Auflage. 2016, S. 600. Gewaltverbrechen Suizid oder Suizidversuch (Talk-down) oder Einsätze infolge von bereits ausgeführtem Suizid Großschadensfälle (z. B. MANV oder GAU) Evakuierung nach Brand oder Explosion Betreuung von Angehörigen (evtl. bei späterem Besuch des Unglücksorts), Helfern bzw. Zeugen nach einem Unglück (siehe auch Psychosoziale Notfallversorgung); Betreuung von betroffenen Institutionen, Gedenkfeiern
Beispiel: Überbringen von Todesnachrichten Bianca van der Heyden thematisiert die verschiedenen spezifischen Aspekte, die zur Überbringung der Todesnachricht als notfallseelsorgerliche Aufgabe gehören. Ziel der Notfallseelsorge ist es, sicherzustellen, dass die betroffene Person den Tod begreift und erfährt, dass sie nicht allein gelassen ist. Die Polizei überbringt kraft ihres öffentlichen Amts die Nachricht und verbürgt den Wahrheitsgehalt derselben. Die Polizei hat am ehesten professionellen Zugang zu Informationen über die Situation und die Tatsächlichkeit des Todes. Diese Polizeibeamten erwarten von Notfallseelsorgenden, dass sie mit den Grundzügen polizeilicher Abläufe vertraut sind und die Polizeibeamten entlasten. Für die Polizei ist es gut zu wissen, dass jemand da bleiben kann, auch wenn sie gehen muss.
Es können drei Phasen unterschieden werden:
Vorbereitung der Überbringung In der Wohnung Nachbereitung
1. Vorbereitung der Überbringung
Es beginnt mit der Alarmierung der Notfallseelsorge, die recht zeitnah erfolgt. Damit soll verhindert werden, dass die Angehörigen auf anderen Wegen (z. B. Medien) von dem Todesfall Nachricht bekommen. Ein Treffen von Notfallseelsorgenden und Polizisten auf der Wache hat sich bewährt, um vorab Informationen auszutauschen und sich abzusprechen. Voraussetzung der Überbringung ist die Klärung der W-Fragen (Wer? Wo? Wann? Wie?) mit absoluter Sicherheit. Es kann abgesprochen werden, wer welche Teile des Gesprächs übernimmt – abgesehen von der eigentlichen Überbringung, die unverhandelbar Aufgabe der Polizei ist.
Trotz gemeinsamer Hinfahrt empfiehlt sich die Anreise in verschiedenen Autos, damit Nofallseelsorgende unabhängig von der Polizei gegebenenfalls länger bleiben können. Die Autos sollten am besten unauffällig geparkt werden, dass sie nicht direkt von den Betroffenen schon wahrgenommen werden (z. B. um die Ecke). Auch die Dienstjacke sollte beim Hinweg eher in der Hand gehalten statt getragen werden. Die Handys sind auf lautlos zu stellen, da diese Geräusche nicht gut ankommen.
Bevor geklingelt wird, sollte man aufeinander warten, da die Überbrückung der Zeit von Überbringung bis zum Eintreffen der anderen Person nicht unproblematisch sein kann. Als Gesichtsausdruck ist Lächeln fehl am Platz. Tür, Hausflur und Sprechanlagen sind keine geeigneten Orte zum Überbringen. Falls der entsprechende Angehörige nicht anzutreffen ist, darf die Nachricht weder an minderjährige Kinder noch an Nachbarn überbracht werden.
2. In der Wohnung
In der Wohnung ist die Situation wachsam wahrzunehmen. Wenn Kinder da sind, sollte die Frage geklärt werden, wer sie jetzt betreut. Denn schon für Erwachsene handelt es sich um eine Extremsituation. Es ist Aufgabe der Eltern, Kindern die Nachricht zu vermitteln. Die Nachricht sollte im Sitzen überbracht werden, denn wer sitzt, kann weniger gefährlich fallen.
Ohne Umschweife, ohne Rätselraten und in disziplinierter Klarheit hat die Polizei die Todesnachricht auszusprechen. Die Worte müssen dann so stehengelassen werden, um sie wirken zu lassen.
Mitmenschliches Aushalten ist nun geboten. Jeder Funke von Hoffnung wird überinterpretiert, weswegen das Wort „tot“ klar fallen sollte und von der Person in der Vergangenheitsform geredet werden soll. Das Motto ist „Reagieren statt Agieren“: Man überfrachtet nicht mit Informationen, sondern antwortet höchstens knapp und präzise auf Fragen.