Der Karpfen (Cyprinus carpio) ist eine der bekanntesten europäischen Fischarten und als Typusart der Gattung Cyprinus sowohl im Deutschen als auch in der Fachsprache Namensgeber der Familie der Karpfenfische (Cyprinidae), der Überfamilie der Karpfenfischähnlichen (Cyprinoidei) und der Ordnung der Karpfenartigen (Cypriniformes). Er ist seit der Antike ein beliebter Speisefisch, der häufig in Fischteichen angezogen wird und dazu auch in zahlreichen Ländern weltweit eingeführt wurde, wo er teilweise als invasive Art auftritt. Der Wildbestand gilt dagegen heute als bedroht.
Merkmale Wildform Die Wildform des Karpfens ist langgestreckt und seitlich wenig abgeflacht mit vollständig beschupptem Körper. Der Rücken ist olivgrün mit helleren Flanken und gelblichem bis weißlichem Bauch. Karpfen erreichen meist eine Länge von 35 bis 90 Zentimeter, können in Einzelfällen bis 120 Zentimeter lang und über 40 Kilogramm schwer werden. Der aktuelle Rekordkarpfen, der am 23. November 2018 am ungarischen Euro Aqua See gefangen wurde, wies ein Gewicht von 51,2 KilogrammUngarn. Weltrekord: Karpfen über 100 Pfund. BLINKER 02/2019, S. 11 auf.
mini|hochkant|links|Schlundzähne des Karpfens am 5. Kiemenbogen mini|Wildform des Karpfens Der Kopf ist langgestreckt und kegelförmig mit kleinem Auge und zu einem Rüssel ausstülpbarem Maul. Wie alle anderen Karpfenfische besitzt der Karpfen keine Zähne am Kiefer, dafür drei Reihen kräftiger, backenzahnähnlicher Schlundzähne, von denen je auf jeder Kieferseite die äußeren beiden Reihen je einen und die innerste drei Zähne aufweist (Schlundzahnformel 1.1.3-3.1.1). Im Gegensatz zu den anderen in Europa vorkommenden Karpfenfischen hat er zwei Paar Barteln seitlich an der Oberlippe, von denen das vordere Paar kürzer ist. Die Schuppen sind sehr groß und kräftig. Entlang der Flanken verläuft eine ununterbrochene Seitenlinie durch 33–40 Schuppen. Die lange Rückenflosse weist 3 bis 4 Hart- und 17 bis 23 Weichstrahlen auf, die Afterflosse 2 bis 3 Hart- und 5 bis 6 Weichstrahlen. Die Schwanzflosse ist tief gekerbt und weist drei Hart- und 17 bis 19 Weichstrahlen auf. Alle diese unpaaren Flossen sind undurchsichtig dunkelgrau bis bräunlich mit bläulichem Schein. Die paarigen Brust- und Bauchflossen können dagegen auch rötlich sein. Erstere weisen einen Hart- und 15–16 Weichstrahlen auf, letztere zwei Hart- und 8 bis 9 Weichstrahlen. mini|Der Karpfen hat zwei gut sichtbare Barteln und zwei kleinere darüber
Der ostasiatische Karpfen wurde früher häufig als Unterart Cyprinus carpio haematopterus der europäischen Unterart Cyprinus carpio carpio gegenübergestellt. Erstere wird jedoch mittlerweile meist als eigene Art Cyprinus rubrofuscus angesehen. Vom europäischen Karpfen unterscheidet sich diese Art durch eine geringere Zahl von Schuppen entlang der Seitenlinie, eine höhere Zahl von Rückenflossenstrahlen und eine silbrige Körperfarbe mit rötlichen unteren Flossen.
Die Wildform des Karpfens gilt in Deutschland als bedroht. 2019 startete im Landkreis Karlsruhe ein Artenschutzprojekt finanziert durch die Fischereiabgabe.
Zuchtformen mini|Schuppenkarpfen mini|Zeilkarpfen mini|Spiegelkarpfen mini|Fusionsbild eines Karpfens
Die verschiedenen Zuchtformen des Karpfens sind meist gedrungener und mehr oder weniger ausgeprägt hochrückig. Sie weisen auch meist ein schnelleres Wachstum als die Wildform auf. Die Schuppen können dabei verschieden stark reduziert sein, wodurch sich folgende Formen unterscheiden lassen: Schuppenkarpfen haben noch ein vollständig erhaltenes Schuppenkleid. Zeilkarpfen weisen weniger Schuppen auf, es ist eine Reihe großer Schuppen entlang der Seitenlinie erhalten. Spiegelkarpfen weisen nur noch wenige, an der Oberseite verteilte Schuppen an den sonst schuppenlosen Seiten auf. Lederkarpfen oder Nacktkarpfen sind schuppenlos. Two Toned Carps sind Spiegel- oder Schuppenkarpfen, die ein charakteristisches zweifarbiges Muster aufweisen. Meist besitzen sie einen dunkleren Kopf und ein helleres Hinterteil.Karpfen aktuell. Die Rüßlerbande. Er ist mehrere tausend Jahre alt, reiste aus dem Iran über Asien nach Deutschland und hat einen unendlich langen Familienstammbamm: der Karpfen. BLINKER 11/2017, S. 26–29. Fully Scaled Mirror Karpfen sind regelmäßig vollbeschuppte Spiegel- oder Zeilkarpfen, die unter Karpfenanglern den höchsten Stellenwert haben. Ghost Carps (Geisterkarpfen) sind Hybriden aus Spiegel- und Koikarpfen, die ein gezieltes Zuchtprodukt darstellen und in dieser Form in der Natur nicht vorkommen. F1-Karpfen sind Karpfen der F1-Tochtergeneration einer Kreuzung aus Schuppenkarpfen und Karausche, die aufgrund ihrer Schnellwüchsigkeit häufig in kommerziellen Angelteichen gesetzt werden
Bei den ostasiatischen Farbkarpfen (Koi) handelt es sich um Zuchtformen, die wahrscheinlich auf Cyprinus rubrofuscus oder Hybride zurückgehen.
Genom Das Genom von Cyprinus carpio besteht aus 100 Chromosomen (2n = 100) mit 52.610 Protein-codierenden Genen. Das sind mehr als doppelt so viele wie beim Menschen. Ein Forscherteam um Xiaowen Sun von der Chinese Academy of Fishery Sciences entschlüsselte es bis 2013.
Verbreitung Das nach-eiszeitliche Verbreitungsgebiet der Stammform des domestizierten Karpfens umfasste die Zuflüsse von Schwarzem Meer, Kaspischem Meer und Aralsee. Dieses Gewässersystem schließt im Westen die Donau ein und erstreckt sich im Osten über große Teile Sibiriens und Chinas. Von dieser Wildkarpfenverbreitung zeugen die nicht sicher bestimmten Unterarten Cyprinus carpio haematopterus in Ostasien und Cyprinus carpio carpio in Ost-Europa. Historisch schwankte die Verbreitung wahrscheinlich klimaabhängig. So kam der Karpfen vor 8000 Jahren auch im Oberlauf der Donau vor, und im Bodensee sowie ehemals im Neckar sind wildkarpfenähnliche Bestände unklaren Ursprungs bekannt. Die Verbreitung des Karpfens westlich des Einzugsbereiches der Donau geht sicher auf menschlichen Einfluss zurück. Durch den Menschen wurde die Art weltweit in zahlreichen Ländern eingeführt. Dort erweist er sich teilweise als Schädling (siehe Liste der 100 gefährlichsten Neobiota).
Ein europäisches Forscherteam veröffentlichte 2020 eine Studie, nach der ein kleiner Anteil der Karpfeneier die Verdauung in Stockenten überlebt (ca. 0,2 Prozent). Dies galt bisher nur bei einigen tropischen Fischarten als möglich. Ein Einfluss dieses Mechanismus auf die invasive Ausbreitung des Karpfens mancherorts wurde diskutiert, jedoch als gering eingeschätzt.
Lebensweise Habitat Karpfen werden im warmen, flachen Süßwasser gesetzt, wie etwa in Teichen, Baggerseen und langsam strömenden warmen Bereichen von Flüssen. Sie gehen bis in die Brackwasserregion der großen Ströme. Die Überwinterung erfolgt in tieferen Bereichen von Seen oder in speziellen tiefer angelegten Winterungsteichen der Teichwirtschaft, die nicht bis zum Grund durchgefrieren können.
Ernährung Als Friedfisch ernährt sich der Karpfen als Jungtier von Zooplankton, später hauptsächlich von am Boden lebenden Kleinlebewesen wie Insektenlarven, Schnecken und Würmern.
Fortpflanzung mini|Unterschiedliche Karpfenzuchtformen
Unter Fischern heißen die Weibchen Rogner und die Männchen Milchner. Zur Paarung treffen sich die Karpfen in flachen, wärmeren und pflanzenreichen Gewässerbereichen. Das Männchen treibt das Weibchen im Laichspiel. Es dient der Synchronisation der Laichbereitschaft. Nach dem Treiben stößt das Männchen mit dem Maul mehrfach gegen die Flanke des Weibchens. Dieses gibt daraufhin Eier ins Wasser ab. Anschließend gibt das Männchen seinen Samen hinzu. Es findet eine äußere Befruchtung im Wasser statt. Das Weibchen legt, je nach Alter und Größe, rund 1,5 Millionen Eier ab. Die befruchteten Eier heften sich an Pflanzen. Nach dem Ablaichen schwimmen die Elternfische wieder in ihr ursprüngliches Gewässer zurück. Es erfolgt keine Brutpflege. Häufig wird bei solchen Paarungsspielen die Schleimhaut der Fische stark verletzt. Nach der Laichzeit werden oft tote Fische angetrieben, die einer Pilzinfektion zum Opfer gefallen sind.
Zwischen dem dritten und achten Tag schlüpft der Brütling mit dem Kopf voran aus der Eihülle. Die Fische sinken dabei zu Boden, weil die Schwimmblase noch nicht mit dem nötigen Gasgemisch gefüllt ist. Kurze Zeit nach dem Schlüpfen ernähren sie sich noch von dem Dottersack an ihrem Bauch, der allmählich aufgezehrt wird. Dann beginnen sie, planktische Kleintiere aufzunehmen, zuerst die kleineren Rädertiere, mit dem Heranwachsen auch Kleinkrebse.
Karpfen und Mensch
Geschichte mini|Dieser Karpfen wurde gerade aus dem sog. Karpfensack geholt mini|Nach Futter schnappender Karpfen
Es bestehen Hinweise darauf, dass die Römer den Karpfen zuerst domestizierten: Im ersten Jahrhundert n. Chr. lernten sie die Wildform bei Carnuntum an der Donau kennen, die damals in den riesigen Überflutungsgebieten Ungarns laichte. Von dort transportierten die Römer ihn lebend über Land (in feuchtem Moos oder anderer Feuchtaufbewahrung) und hielten ihn bis zur Zubereitung in Becken. Zur Haltung und späteren Zucht (ab 2. oder 3. Jahrhundert) verwendeten sie immobile piscinae (Fisch-, Schwimmbecken)James Arnold Higginbotham: Piscinae: Artificial Fishponds in Roman Italy. UNC Press Books, 1997, ISBN 978-0-8078-2329-3. und mobile bewässerte Fischhälter, sogenannte Bünnen – das sind schwimmende Gefäße, die Einbäumen gleichen.Ronald Bockius: Die römischen Fischhälter (Bünnen) vom Zwammerdamm, 16. Juni 2018. Unabhängig davon können auch Züchtungen in China nicht ausgeschlossen werden, aber die Karpfendomestikation ist im Wesentlichen den Römern zuzuschreiben.G. Füllner: Die Domestikation des Karpfens. PDF
Die Karpfenkultur in festen Fischbecken wurde im Mittelalter fortgeführt. Zunehmend wurden Karpfen in Teichen gehalten. Der Karpfen ist deswegen wesentlicher Bestandteil der Esskultur im Mittelalter. Der Besatz von Teichen mit Karpfen war teils eine Nebennutzung, weil die Teiche vor allem der Wasserrückhaltung dienten, um Mühlen anzutreiben. Wegen der umfangreichen christlichen Speisegebote, die an bis zu 150 Fastentagen keinen Verzehr von Fleisch erlaubten, entwickelte sich eine gezielte Teichwirtschaft, um Süßwasserfische für die Fastenzeit heranzuziehen. Es ist nicht sicher, welche Faktoren dazu beitrugen, dass Karpfen nach dem Jahre 1000 auch in Zentral- und Westeuropa vorkamen. Die Klimaerwärmung in der Übergangsphase vom Früh- zum Hochmittelalter kann dazu beigetragen haben, dass sich diese Fischart natürlich ausbreitete. Der Ethnologe Brian Fagan hält es für wahrscheinlicher, dass Mönche und Nonnen diese Fischart gezielt einführten, um ihre Ernährung während der Fastenzeit abwechslungsreicher zu gestalten.Brian M. Fagan: Fish on Friday. Feasting, Fasting and the Discovery of the New World. Basic Books, New York 2007, ISBN 978-0-465-02285-4, S. 135 Karpfen gedeihen auch in Wasser mit einem niedrigen Sauerstoffgehalt und sind daher prädestiniert für eine Zucht in flachen Teichen. Einzelne Klöster und Adelige besaßen zum Teil sehr weitläufige Teichwirtschaften, in denen diese Fische für die Fastenzeit herangezogen wurden. Die Spuren dieser Teichanlagen prägen bis heute Teile der europäischen Landschaft und sind Indiz für die Bedeutung von Süßwasserfischen in der mittelalterlichen Ernährung. So finden sich beispielsweise in der Umgebung des Klosters Maulbronn noch die Spuren von rund einem Dutzend großer Fischteiche.Hansjörg Küster: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Beck, München 1995, ISBN 3-7632-4520-0, S. 226 Die 400 Quadratkilometer an Teichanlagen rund um das böhmische Třeboň, deren Anlage im Mittelalter begann, dienen bis heute der Karpfenzucht. Eines der größten deutschen Fischzuchtgebiete befand sich im Neiderland / niederschlesische Bartsch-Niederung um Militsch-Trachenberg.
Heutige Verbreitung der Karpfenzucht