mini|hochkant=1.6|Notre-Dame de Châtel-Montagne, Gesamtansicht von Süden mini|hochkant=1.6|Notre-Dame de Châtel-Montagne, Chorhaupt von Osten Notre-Dame war die Kirche eines kleinen cluniazensischen Priorats (monastischer Konvent) und ist Bestandteil der französischen Gemeinde Châtel-Montagne im Département Allier, auf der Grenze zwischen den Regionen Auvergne und Burgund, gut 20 Kilometer östlich von Vichy und etwa 35 Kilometer westlich von Roanne. Châtel-Montagne wird gesäumt vom mehrfach gestauten Flüsschen Besbre.
Die Kirche liegt am nördlichen Rand des Ortes, außerhalb seiner geschlossenen Bebauung, von der sie durch einen großräumigen Dorfplatz getrennt wird. Sie wurde überwiegend im 12. Jahrhundert errichtet und integriert ein Vorgängerbauwerk von vor 1082. Die dreischiffige Kirche besitzt den Aufriss (Querschnitt) einer reinen Basilika, bei dem das Mittelschiff durch Obergadenfenster direkt belichtet wird und einen Umgangschor mit einem Kapellenkranz aus vier Radialkapellen, was auf ihre Nutzung als Pilgerkirche hindeutet. Die Fassade ihres zweigeschossigen Portalvorbaus ist die einzige, welche die Französische Revolution schadlos überstanden hat.
Geschichte Châtel-Montagne war wegen seiner Lage auf den steilen Hängen des Besbre im Herzen der Berge des Bourbonnais (historische Provinz) an der Grenze zwischen den Departements Allier und Saône-et-Loire lange Zeit schwer zugänglich.
Seine schon frühe Besiedlung ist durch zahlreiche Funde von Artefakten wie Feuersteinwerkzeuge und Tonscherben nachgewiesen. In der gallischen Epoche war es wahrscheinlich ein Oppidum, eine befestigte, stadtartig angelegte Siedlung der La-Tène-Zeit (späte Eisenzeit), zum Schutz der alten Straße von Vichy nach Roanne, bevor es von den Römern besetzt worden ist.
Im 11. Jahrhundert ist das „Castrumin Montanis“, wie es seit der Römerzeit genannt wurde, die Heimat einer der bedeutendsten Baronien der ehemaligen Provinz Bourbonnais. Von seiner ehemaligen Burgfestung zeugen noch zwei Stümpfe der Türme und Reste ihrer Mauern.
In dieser Zeit existierte bereits auf dem heutigen Standort eine vermutlich erste Pfarrkirche, die zur Diözese Clermont gehörte. In einem Dokument heißt es: „Die Kirche, erbaut zu Ehren der Jungfrau Maria, liegt in Châtel“. Nach einer lokalen mündlichen Überlieferung soll sie auf Initiative eines reichen Einwohners namens Ponthonnier erbaut worden sein.
Gegen 1082 schenkten ein Seigneur Dalmas und seine Frau Étiennette den Mönchen von Cluny alle Güter, die sie in Châtel-Montagne besaßen, inklusive der Kirche Notre-Dame und einer Kapelle. Das Ausmaß der Spende war beachtlich und dafür bestimmt, eine kleine Klostergemeinschaft einzurichten und zu unterhalten. Papst Urban II. dokumentierte diese Schenkung im Jahr 1095, die erste schriftliche Nennung von Besitzungen Clunys über Châtel. mini|hochkant|Ursprungsbauwerk, Grundriss Das kleine Priorat sollte für drei bis vier Mönche eingerichtet werden, die Klostergebäude mit einem Kreuzgang schlossen unmittelbar auf dem Gelände nördlich der Kirche an.
Bei dieser Kirche handelt es sich um das Bauwerk, dessen Reste noch im heutigen Gebäude mit den unteren Bauteilen des vorderen Langhauses (Joche 3 und 4) und des Querhauses erhalten sind. Der Grundriss bestand aus einem dreischiffigen und zweijochigen Langhaus, einem seitlich knapp ausladenden Querhaus und einem gestaffelten Chorhaupt aus einer breiteren Chorapsis, die von zwei schlanken Kapellenapsiden flankiert wurden. Die Gestaltung des Bauwerks war schlicht und ohne architektonischen Schmuck, die Pfeiler besaßen quadratische und rechteckige Querschnitte, die Bauteilkanten waren rechtwinklig. Das Lang- und Querhaus wurden zu dieser Zeit noch nicht von steinernen Gewölben überdeckt, sondern von hölzernen Balkendecken. Lediglich die Apsiden waren mit halben Kugelkalotten eingewölbt. Der beigefügte Grundrissplan zeigt eine sehr wahrscheinliche Rekonstruktion. miniatur|hochkant=1.2|links|Erste Erweiterung, Grundriss Um das Jahr 1100 begann man mit der ersten Ausführungskampagne der neuen Kirche, die um 1125 abgeschlossen war. Aus wirtschaftlichen Gründen erhielt man – außer der Westwand – die Außenwände des Langhauses, die Wände des Querhauses und zunächst das vollständige Chorhaupt des Ursprungsbauwerks bei, die zur Wiederverwendung in den Neu- und Erweiterungsbau integriert worden sind. miniatur|hochkant=1.2|links|Notre-Dame de Châtel-Montagne, Aufrisse Das nach wie vor dreischiffige Langhaus wurde nach Westen um zwei zusätzliche Joche auf insgesamt vier erweitert. Es erhielt eine steinerne Einwölbung unter einem gemeinsamen Satteldach. Das Mittelschiff wurde mit Tonnengewölben auf Gurtbögen überdeckt, die Seitenschiffe von halben Tonnengewölben auf halben Gurtbögen, deren Scheitel exakt mit den Gewölbeansätzen des Mittelschiffs übereinstimmten. Die Scheidewände zwischen den Schiffen, mit den darin ausgesparten Arkaden, wurden gänzlich erneuert und um zwei Joche verlängert.
Ob mit der ersten Einwölbung des Langhauses auch das Querhaus neue Gewölbe erhielt, ist nicht belegt. Die heutigen sehr hoch reichenden Querhausgewölbe sind jedenfalls erst nach der späteren Erhöhung des Mittelschiffs entstanden.
Auf der Nordseite des Langhauses hat man zunächst auf die Aussteifung mit Strebepfeilern in Verlängerung der Gurtbögen verzichtet, da die dort angebauten Klostergebäude, wie etwa der Kreuzgang, diese Aufgabe übernommen hatten.
Nahezu übergangslos begann gegen 1130 die zweite Baukampagne, die Errichtung des Portalvorbaus mit einer der wenigen durchgestalteten Fassaden in der Auvergne.
Etwa mit ihrer Fertigstellung gegen 1150 begann die dritte Baukampagne mit dem Neubau des Chorhauptes aus Umgangschor mit einem Kapellenkranz aus vier Radialkapellen und dem Abriss des alten Chorhauptes der Ursprungskirche. Diese Arbeiten wurden gegen Ende des 12. Jahrhunderts beendet. Bis in diese Kampagne wiesen die Dächer und Giebel des Querhauses mit der Vierung die Höhen des Ursprungsbauwerks auf, die zunächst von den anstoßenden Giebeln des Mittelschiffs und des Chorjochs deutlich überragt wurden.
Zur gleichen Kampagne rechnet man auch die Aufstockung des Mittelschiffgewölbes um die Obergadenzone. Deren Beginn wurde von Le-Fèvre-Pontalis als feststehend um 1150 datiert, dessen Ansicht später von Marcel Aubert, Génermont, Pradel und Balme übernommen wird. Für den Autor Bernard Craplet erscheint diese Behauptung nicht fundiert. Er verweist auf die Einheitlichkeit des ganzen Mittelschiffs hin, die auf einen einzigen Entwurf und eine durchgehende Umsetzung schließen lässt. Er belegt seine Deutung damit, dass es „keine Spuren von etwaigen Ausbesserungen zu erkennen sind“, die nach einer Aufstockung zwischen den Scheidewänden und den später aufgemauerten Wänden der Obergadenzonen hätten auftreten müssen.
Die erste Annahme wird bestätigt durch die in der Kirche gezeigten Darstellungen eines Aufrisses des Langhauses mit einem Mittelschiffgewölbe, das ohne Obergaden unmittelbar in Höhe der Scheitel der Seitenschiffgewölbe ansetzt, und die Gestaltung der Scheidewände und Seitenschiffe aus der ersten Kampagne zeigt (siehe Skizze). Dieser Ausführungsstatus belegt, dass das heutige Mittelschiffgewölbe mit seiner Obergadenzone erst nachträglich erhöht worden sein müsste. Die zweite Annahme von Craplet geht sicher davon aus, dass es den Status mit dem niedrigeren Mittelschiffgewölbe nicht gegeben hat und das hohe Mittelschiff schon in der ersten Kampagne ausgeführt worden ist.
Die erste verlässliche schriftliche Nennung des cluniazensischen Priorates von Châtel-Montagne fand 1131 statt: Eine Urkunde des Bischofs Armerie de Clermont erkennt dem Prior das Recht zu, die Ernennung in die Pfarrei von Artefeuilles vorzunehmen.
miniatur|hochkant=0.5|links|Jakobspilger, Holzschnitt von 1568 miniatur|hochkant|Jakobsgrab, Santiago de Compostela Das heutige überraschend große Chorhaupt der Kirche, überhaupt das riesige Volumen des Bauwerks in einem so kleinen Dorf in abgeschiedener Lage lassen darauf schließen, dass es sich um eine ehemals bedeutende Pilgerkirche handelte, die eine wichtige Station auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela war.
Die gegen Ende des 11. Jahrhunderts einsetzenden Pilgerfahrten und die damit verbundenen Spendeneinnahmen, lösten vermutlich auch in Châtel-Montagne die ersten Umbaukampagnen aus, vor allem die Einwölbungen der Schiffe und die Erweiterung des Langhauses auf etwa das doppelte Volumen. Auch die zweite Baukampagne, die Errichtung des zweigeschossigen Portalvorbaus, war eine nochmalige Vergrößerung der Nutzfläche der Kirche. Der größte Erweiterungsabschnitt, das neue Chorhaupt mit Ambulatorium und Kapellenkranz, ab Mitte des 12. Jahrhunderts, fiel zusammen mit dem Ende der großen Blütezeit der Wallfahrt nach Santiago in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Man brauchte für eine Pilgerkirche vor allem mehr Bewegungsflächen für die zahlreichen Pilger, wie Chorumgänge und Seitenschiffe, und möglichst viele Kapellen, zur Präsentation von Reliquien und deren Verehrung. Die Pilgerkirchen dienten damals häufig auch als Übernachtungsort für die Pilger.
Châtel-Montagne lag etwa 40 Kilometer östlich der von Nevers nach Clermont fast geradlinig von Norden nach Süden verlaufenden Teilstrecke des Pilgerwegs (heute N7 und N9), der die ganze Region der Auvergne mit zahlreichen Pilgerkirchen für die Pilger erschloss.
Als nach Mitte des 12. Jahrhunderts die Streitereien zwischen Frankreich und England um Aquitanien begannen, gingen die Pilgerbewegungen zurück. Die Kriege des 13./14. Jahrhunderts, wie etwa der Hundertjährige Krieg (1339–1453), brachten einen dramatischen Einbruch. Die Klostergemeinschaft konnten somit von der Erweiterung ihrer Kirche nicht mehr lange profitieren.
Als Mitte des 12. Jahrhunderts mit dem Bau des Chorhauptes begonnen wurde, war der Andrang der Jakobspilger auf die Pilgerkirchen, so auch auf Notre-Dame de Châtel-Montagne, auf ihrem Höhepunkt angelangt. Die Baumeister mussten auf einen weitgehend ungestörten Betrieb der Gottesdienste der zahlreichen Pilger achten. Man kam so auf die Idee, zunächst die drei Apsiden des Ursprungschorhauptes so lange wie möglich zur religiösen Nutzung zu erhalten, während jenseits ihrer Mauern die Arbeiten am neuen Chorhaupt weitergeführt werden konnten. Das konnte man mit einem Abrücken der Chorhauptes von der Ostwand des Querhauses mit einem später einzufügenden Verbindungstrakt erreichen. Erst als man an die Errichtung der westlichen Giebelwand des Chorhauptes angelangt war, musste man die Öffnungen in der östlichen Querhauswand provisorisch verschließen, zur Abgrenzung des mit Pilgern gefüllten Gottesdienstraums von den Bauarbeiten. Erst jetzt konnten die Apsiden abgebrochen und die restlichen Arbeiten am Chorhaupt weitergeführt werden, die mit dem Einfügen des Verbindungsabschnitts in relativ kurzer Zeit beendet waren (siehe auch Abschnitt Bauwerk/Chorhaupt).
Mit der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert begann die vierte Baukampagne, in der die oberen Teile des Querhauses und der Vierung verändert und der zweigeschossige fast quadratische Vierungsturm gebaut worden ist. In diesen Abschnitt fällt auch die Errichtung des Narthex vor dem Südportal.
miniatur|hochkant|links|Ansicht von Westen mit Turmhelm, Handskizze Anfang des 13. Jahrhunderts erhielt die Kirche einen steinernen gotischen Turmhelm, der 13 Meter hoch und spitz zulaufen aufragte und fast 600 Jahre Bestand hatte.
Im frühen 13. Jahrhundert, als die Kirche ihr größtes Volumen und ihre reichhaltigste Ausstattung erreicht hatte, gehörte das Gebäude zur mächtigen Familie derer von Montmorillon, die auf einem Schloss etwa 4 Kilometer östlich von Châtel-Montagne residierten, von dem heute noch eine Ruine existiert. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gehörte sie dem Marquis de Lapalisse. Der Ort liegt knapp 20 Kilometer südlich von Châtel-Montagne.