mini|alternativtext=Porträtfotos von acht älteren Männern.|Neun der einflussreichsten russischen Oligarchen: Roman Abramowitsch, Oleg Deripaska, Alischer Usmanov, Wladimir Potanin, Michail Prochorow, Gennady Timtschenko, Wagit Alekperow, Pjotr Awen und Arkady Rotenberg (Stand: März 2022) Als Oligarch (von Oligarchie „Herrschaft von Wenigen“) werden zum einen Anhänger der Oligarchie, zum anderen jene bezeichnet, die mit wenigen anderen eine Herrschaft ausüben, im Speziellen auch Großunternehmer, die durch Korruption auch politische Macht über ein Land oder eine Region erlangt haben. Im 21. Jahrhundert wird der Begriff hauptsächlich für eine Machtelite in postsowjetischen Staaten verwendet, die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion am Staatsvermögen bereichert hat.
Geschichte und Einordnung In den USA wurde der Begriff während des wirtschaftlichen Aufschwungs im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auf Personen angewandt, die in einer Region ihre eigenen Regeln aufstellten, wenn es dort an Vertretern der staatlichen Rechtsordnung mangelte, etwa in manchen Städten des Westens oder in Alaska. Im 21. Jahrhundert wird der Begriff hauptsächlich für eine Machtelite in postsowjetischen Staaten verwendet, die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion teilweise illegal am Staatsvermögen bereichert hat. Laura Liboschik: Oligarch Bedeutung: Was sind Oligarchen in Russland? Südwest Presse, 9. März 2022.vgl. Uwe Halbach: Korruption und Korruptionsbekämpfung im Südkaukasus. Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP-Studie 8, Berlin 2020.Jana Meichsner, Helmut Steiner: Privatisierungen in Mittelost- und Osteuropa: Verlauf, Akteure und Betroffene. Ausgewählte Literaturangaben (1995–2005) aus der Datenbank SOLIS. Informationszentrum Sozialwissenschaften, Bonn 2006. Während die Bezeichnung Oligarch gegenwärtig fast ausschließlich Milliardären in Postsowjetstaaten vorbehalten ist, werden Milliardäre in anderen Ländern eher als (Wirtschafts- oder Finanz-)Magnat, Tycoon oder Plutokrat bezeichnet.Oliver März im Focus am 30. Mai 2022: Was ist ein Oligarch? Einfach erklärt – Bedeutung und Beispiele: „In anderen Ländern hat sich der Begriff des Tycoon etabliert. Daher ist Oligarchie kein russisches Phänomen. … Wie bereits erwähnt, ist der Oligarch keine russische oder ukrainische Erfindung. In Mexiko ist der Telekommunikationsmilliardär Carlos Slim ähnlich einflussreich. Auch Silvio Berlusconi, Michael Bloomberg, Bill Gates, Conrad Hilton oder Rupert Murdoch gelten als Tycoone und sind damit das westliche Gegenstück zu den osteuropäischen Oligarchen.“
Die These, dass Führungsgruppen auch in demokratischen Strukturen mit der Zeit zunehmend eigene Interessen verfolgen, wurde in den 1910er Jahren von dem Soziologen Gaetano Mosca, dem Politikwissenschaftler Ostrogorskii und dem Historiker Bryce vertreten und von dem Soziologen Robert Michels im Ehernen Gesetz der Oligarchie formuliert.Reinhold Zippelius: Allgemeine Staatslehre. 17. Auflage. § 22 I. Mit der Verflechtung von Politik und Wirtschaft werden politische Entscheidungsprozesse intransparent und gehen häufig mit autokratischer Herrschaft und Schattenwirtschaft einher.Margareta Mommsen: Oligarchie und Autokratie: Das hybride politische System Russlands. Osteuropa 2010, S. 25–46.Tobias Kaiser: Oligarchen und Korruption – Brüssel fürchtet sich vor Bulgarien. Die Welt, 24. August 2021. Demokratische und rechtsstaatliche Transformationsprozesse werden behindert.vgl. Stanislav Splavnic, Hartmut Rank: Die verspätete Lustration in der Republik Moldau. Konrad-Adenauer-Stiftung, 22. Dezember 2020.
Russland
Die russischen Oligarchen sind Unternehmer, die während Gorbatschows Periode der Marktliberalisierung ihre Geschäfte begannen. Der russische Oligarch gilt als Neureicher, der sich während der 1990er Jahre Staatseigentum aneignete.
Es wird allgemein angenommen, dass es in Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zwei Generationen von Wirtschaftsoligarchen gibt: die Jelzin-Oligarchen und die Putin-Oligarchen.
Oligarchen der Ära Jelzin Gegen Ende der Zeit der Sowjetunion, während Gorbatschows Perestroika, schmuggelten einige russische Geschäftsleute Waren wie PCs und Jeans ins Land und verkauften sie mit hohem Gewinn auf dem Schwarzmarkt. In den 1990er Jahren, zu Boris Jelzins Amtszeit, während Russlands Übergang zu einer Marktwirtschaft, erschienen die Oligarchen auf der Bildfläche: gut vernetzte Unternehmer, die mit fast nichts begannen und reich wurden durch Marktaktivitäten und durch ihre Verbindungen mit der korrupten, wenn auch demokratisch gewählten russischen Regierung.
Die Oligarchen wurden in der russischen Öffentlichkeit äußerst unbeliebt und werden allgemein für die Verursacher des Wirtschaftschaos gehalten, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion herrschte.Profile: Boris Berezovsky. BBC, abgerufen am 9. Nov. 2009.What a carve-up! The Guardian, abgerufen am 9. November 2009. The Guardian beschrieb die Oligarchen als „bei den durchschnittlichen Russen ungefähr so unbeliebt wie jemand, der zum Vergnügen auf dem Gehsteig vor einem Waisenhaus 50-Pfund-Scheine verbrennt“.
Während Jelzins Präsidentschaft erlangten die Oligarchen, insbesondere die Sieben-Bankiers-Bande, zunehmenden Einfluss in der Politik und spielten eine bedeutende Rolle bei der Finanzierung von Jelzins Wiederwahl anlässlich der Präsidentschaftswahl in Russland 1996. Mit Hilfe von Insiderwissen über die finanziellen Entscheidungen der Regierung fiel es den Oligarchen leicht, ihren Besitz weiter zu vergrößern. Die russische Finanzkrise von 1998 traf jedoch einige der Oligarchen hart, und diejenigen, deren Vermögen auf Bankgeschäften beruhte, verloren den größten Teil davon.
Die einflussreichsten und öffentlich am meisten präsenten Oligarchen der Ära Jelzin sind Boris Beresowski, Michail Chodorkowski, Michail Fridman, Wladimir Gussinski, Witali Malkin und Wladimir Potanin. Von ihnen haben sich nur Fridman, Malkin und Potanin in die Ära Putin „hinübergerettet“. Die anderen wurden laut einem Bericht von The Guardian durch die Regierung entmachtet.Billionaires boom as Putin puts oligarchs at N2 in global rich list. The Guardian, 19. Februar 2008.
Oligarchen der Ära Putin Während der Regierungszeit von Wladimir Putin sind mehrere Oligarchen wegen illegaler Tätigkeiten unter Ermittlungsdruck geraten, beispielsweise aufgrund von Verstößen gegen das Steuerrecht. Es wird allerdings vielfach angenommen, dass die Vorwürfe politisch motiviert seien und die Wirtschaftsmagnaten die Gunst der Regierung verloren hätten. Wladimir Gussinski (Media-Most) und Boris Beresowski entkamen der Justiz, indem sie Russland verließen. Michail Chodorkowski (Yukos) wurde im Oktober 2003 festgenommen und zu neun Jahren Haft verurteilt. Luke Harding schrieb im Guardian: „Sein wahres Verbrechen war […], dass er Putin herausgefordert hatte.“Luke Harding: Twilight of the oligarchs. The Guardian, 25. Oktober 2008, abgerufen am 27. Februar 2022. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stufte im September 2011 juristisch seine Verurteilung als „nicht politisch motiviert“ ein.Case of Khodorkovskiy v. Russia (Application no. 5829/04), Judgment, Strasbourg, 31. Mai 2011.Yukos-Prozess: Europäischer Gerichtshof gibt Russland Recht. Stern, 20. September 2011. In Umfragen in Russland äußerten aber viele Russen die Überzeugung, dass es dafür politische Gründe gab.Nathalie Huber: Russlands verlorene Jahre. Michail Chodorkowski an der Universität Zürich. Universität Zürich, 25. Februar 2020. Schon 2004 schrieben Gorzka/Schulze: „Für die Oligarchen galt: Mitmachen und Teilen, oder vernichtet werden“.Gabriele Gorzka, Peter W. Schulze: Wohin steuert Russland unter Putin? Der autoritäre Weg in die Demokratie. Campus Verlag, 2004, ISBN 3-593-37585-0, S. 76. Mit dem Fall von Chodorkowski vor Augen wagte keiner von 37 versammelten Oligarchen ein Wort der Kritik, als ihnen Präsident Putin die angebliche Unausweichlichkeit der Entscheidung für den Überfall auf die Ukraine 2022 darlegte.So leidet die russische Wirtschaft unter dem Ukraine-Krieg. Watson, 3. Mai 2022.
Iwan Rybkin, der frühere Sprecher der Staatsduma, behauptete, Putin sei Milliardär und „der größte Oligarch in Russland“. Russische Offizielle widersprachen Rybkins Auffassung entschieden und sagten, Rybkin habe für seine Aussage keinerlei Beweise vorgelegt. Putin selbst bestreitet diesen Vorwurf ebenfalls.. Kremlin.ru, 14. Februar 2008. Manche Beobachter glauben, dass Putin eine staatlich gelenkte Wirtschaft errichtet hat, um die Imperien der Oligarchen der Jelzin-Ära zu demontieren. Die texanische Business-Intelligence-Firma Stratfor vertrat diese Sichtweise. Zu diesem Zweck habe Putin einige der vertrauenswürdigsten und nützlichsten Oligarchen direkt unter sich selbst im Kreml positioniert.The Rise and Fall of the Russian Oligarchs. Stratfor, Mai 2009.
Zu den bedeutendsten Oligarchen der Ära Putin gehören Alischer Usmanow, Kirill Schamalow,Jens Mühling, Dagmar Seeland: Putins Profiteure. Stern, Heft 11, 10. März 2022, S. 55. Jewgeni Prigoschin,Andrea Becker, Georg Heil, Markus Pohl: "Putins Koch" und sein langer Arm. ARD, 6. Mai 2021 (Video). Roman Abramowitsch, Oleg Deripaska, Michail Prochorow und nach wie vor Wladimir Potanin, Witali Malkin, Michail Fridman, Wiktor Wekselberg, die Brüder Arkadi und Boris Rotenberg. Sogenannte Silowarchen vereinen Merkmale von Silowiki und Oligarchen.
Die Investigativjournalistin Catherine Belton erläuterte im Juli 2022 die bedeutende Rolle der russischen Oligarchen bei der Finanzierung von Operationen des russischen Staates, die auf eine Aushöhlung der westlichen Demokratien abzielen. Mit Hilfe ihrer Offshore-Konten und der von ihnen kontrollierten Gelder finanziere Putin Wahlmanipulationen und Staatspropaganda und sichere sich Einfluss auf ausländische Politiker. Die ehemals mächtige kleine Gruppe der Superreichen sei zu „Sklaven des Kreml“ geworden, weshalb sie den Begriff „Oligarch“ nicht mehr auf sie anwende.
Der russische Oligarch Chodorkowski wies 2022 darauf hin, dass der Begriff oft falsch verwendet werde: Ein Oligarch sei eine „Person, die die Möglichkeit hat, sich an der Lösung politischer Probleme zu beteiligen“. So gesehen, sei er nie ein Oligarch gewesen. So gesehen seien viele der Russen wohl eher Putins „Agenten“, auch in ihrer Beeinflussung des Westens, als Oligarchen.Михаил Ходорковский: "Путинский режим не переживет поражения в Украине". (Michail Chodorkowski: Putins Regime wird die Niederlage in der Ukraine nicht überleben). BBC Russian Service, 22. April 2022.
Globale Rezession und Kreditkrise von 2008 und Ukrainekrieg nach 2014 Nach Juli 2008 haben die reichsten 25 Russen, laut Auskunft von Bloomberg, zusammengenommen 230 Milliarden Dollar verloren. Der Abstieg der Oligarchen ist eng verbunden mit dem Einbruch am russischen Aktienmarkt, wo der RTS-Index infolge der Kapitalflucht nach dem Kaukasus-Konflikt 2008 um 71 % fiel.Landon Thomas: Russia’s Oligarchs May Face a Georgian Chill. In: The New York Times, 4. September 2008. Einer der Ersten, die von dem globalen Abschwung getroffen wurden, war Oleg Deripaska, zu dieser Zeit der reichste Mensch Russlands, dessen Nettovermögen im März 2008 28 Milliarden Dollar betrug. Als Deripaska von westlichen Banken Geld lieh, das er mit seinen Firmenbeteiligungen absicherte, zwang ihn der Fall der Aktien, Anteile zu verkaufen, um Nachschussforderungen zu begleichen.
Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 sind auch russische Unternehmer Ziel westlicher Wirtschaftssanktionen. Nachdem sich viele westliche Unternehmen aus Russland zurückgezogen hatten, warnte Wladimir Potanin vor der Erwägung, ausländische Vermögenswerte zu beschlagnahmen; ein solcher Schritt würde die russische Wirtschaft für Jahrzehnte ins Abseits stellen.Russischer Oligarch befürchtet Lage wie vor der Revolution 1917. Der Spiegel, 11. März 2022.
Ukraine
Staatliche Definition