miniatur|hochkant=1.8|Landschaft mit Sisalpflanzungen in der Umgebung von Morogoro und Blick auf das Uluguru-Gebirge Das Solomon Mahlangu Freedom College (SOMAFCO) war eine Bildungseinrichtung des südafrikanischen African National Congress (ANC) mit vielseitigem Profil im Umfeld der tansanischen Stadt Morogoro. Die Lehrveranstaltungen im College wurden von 1978 bis 1992 gegeben. Seine offizielle Eröffnung durch den ANC-Präsidenten Oliver Tambo erfolgte jedoch erst im Jahr 1985.
Zweck der Einrichtung miniatur|Flagge des African National Congress (ANC)
Die Arbeit im Solomon Mahlangu Freedom College diente der Bildung von Jugendlichen sowie Erwachsenen und deren Kindern, die auf Grund ihres politischen Engagements oder desjenigen ihrer Angehörigen gegen die Apartheidsverhältnisse in Südafrika keine gesicherte Ausbildung erwarten konnten. Die meisten der Absolventen waren als künftige Verantwortungsträger im ANC vorgesehen. In diesem Sinne hatte das College eine allgemeine politische Zielsetzung. Die konzeptionelle Grundlage der Einrichtung reichte über die Epoche der Befreiungsbewegung hinaus und schloss die Zeit nach den Apartheidsverhältnissen ein. Zur Verfolgung dieses Ziels bot man für die künftigen Verantwortungsträger ein vielseitiges Fächerangebot an. Dadurch sollten sie in die Lage versetzt werden, nach einer Systemwende in Südafrika sofort leitende Funktionen in der Gesellschaft zu übernehmen. Die konzeptionelle Ausrichtung des Solomon Mahlangu Freedom College hatte der ANC im Jahr 1978 in seinem Education Policy Document niedergelegt.SOMAFCO Trust, About us abgerufen am 9. November 2009
Die Bildungsangebote im College richteten sich nach dem Prinzip der gemeinschaftlichen Fürsorge auch an jene Kinder und Jugendliche, die durch die Auswirkungen der politischen Repression (Haft, Exil, Untergrundaktivitäten) Südafrikas von ihren Eltern getrennt leben mussten. Das Camp erhielt zwangsläufig den Charakter einer Exileinrichtung für Lehrkräfte aus der unter innenpolitischen Druck geratenen Universität Fort Hare in Alice.
Innenpolitische Ausgangslage in Südafrika In den 1960er Jahren bezog der ANC in Morogoro sein Hauptquartier im Exil, bevor man es weiter nach Sambia verlegte. In dieser Zeit erhielten von hier aus erste südafrikanische Exilanten eine militärische Ausbildung.
Als die südafrikanische Regierung auf der Basis des Internal Security Act (1976) und des verschärfenden Internal Security Amendment Act in Südafrika 18 Organisationen am 14. Oktober 1977 verbot, darunter mehrere Schüler- und Jugendorganisationen, ASSECA (Kulturvereinigung), eine Frauen- sowie Elternvereinigung und zwei Organisationen des journalistischen/schriftstellerischen Lebens, wurde die legale Aktionsbasis für alle diese am friedlichen Wandel orientierten Vereinigungen zerstört. Zu den verfolgten Personen gehörten nicht nur Aktivisten der „nichtweißen“ Organisationen, sondern auch Geistliche, die sich für die Herstellung von Menschenrechten der schwarzen und farbigen Bevölkerung Südafrikas einsetzten. Bei weiteren Organisationen, auch einigen Kirchen, wurde die „Gefährdung der Sicherheit des Staates“ und der „öffentlichen Ordnung“ vermutet und ihre Tätigkeit mit der im Jahr 1976 veränderten Gesetzgebung nun für die internationale Öffentlichkeit unauffälliger verfolgt.Manfred Kurz: Indirekte Herrschaft und Gewalt in Südafrika. Hamburg (Institut für Afrika-Kunde) 1981, S. 105–108
Für die in der höheren Bildung unter „nichtweißen“ Südafrikanern exponierte University of Fort Hare, zeitweilig als College der Rhodes University im Rahmen der Bantu Education-Rechtslage angegliedert, geriet die Arbeitsbasis nun in extrem schwierige Verhältnisse. Diese dramatische Zuspitzung der innenpolitischen Lage veranlasste die Führung des ANC, die Bildungsangebote für die unter Verfolgung stehende Bevölkerung im Ausland unter repressionsfreien Umständen weiterzuführen. Sie wählte dazu Tansania aus, dessen Präsident das Anliegen wohlwollend beförderte.
miniatur|Blick auf das Zentrum von Morogoro
Lage Als räumliche Grundlage und Kernbereich für die künftige Exil-Hochschule diente eine ehemalige Sisalpflanzung mit ihren damaligen Gebäuden. Sie befand sich im Bereich der Siedlung Mazimbu. Das Areal mit einer Fläche von 1000 Hektar wurde durch die Julius-Nyerere-Regierung Tansanias dem ANC zur Verfügung gestellt, damit er dort eine secondary school einrichten konnte.
miniatur|Hauptstraße in Morogoro in der Zeit deutscher Kolonialverwaltung miniatur|Historische Sisalverarbeitung
Die Siedlung Dakawa, etwa 55 Kilometer nördlich von Mazimbu am Nordhang einer Bergkette, wurde zur Erweiterung des Projekts von Tansania an den ANC übergeben. Dort begann im Juli 1982 das erste Unterrichtsseminar. Die ersten Bewohner von diesem Teil des SOMAFCO-Camps waren hier in Zelten untergebracht.
Regionalgeschichtliche Zusammenhänge Diese beiden Hauptbereiche vom Solomon Mahlangu Freedom College befanden sich in einer Region Tansanias, die bereits im 19. Jahrhundert ein Zentrum des Anbaus von Kulturpflanzen und landwirtschaftlichen Versuchen war. Sie zählt zu den früh entwickelten Agrarregionen des Landes und erhielt am 16. Dezember 1907 in der nahen Regionalstadt Morogoro durch die Strecke der Tanganjikabahn mit dem Abschnitt Daressalam–Morogoro (später weitergeführt) einen Eisenbahnanschluss.
Die Sisalkulturen in Tansania stellen eine Hinterlassenschaft der deutschen Kolonialverwaltung im damaligen Deutsch-Ostafrika dar. Im Jahr 1893 wurden aus Florida 62 Pflanzen der Sisal-Agave eingeführt und hier experimentell angepflanzt. Diese Kulturen gelangten 1903 von hier nach Kenia. In der Folge entwickelte sich Tansania zu einem weltweit bedeutenden Exporteur für Sisalprodukte.Gunther Franke (Hrsg.): Nutzpflanzen der Tropen und Subtropen. Band II Getreide, Obstliefernde Pflanzen, Faserpflanzen. Leipzig (S. Hirzel Verlag) 1984, S. 350
Die ehemalige Pflanzung in Mazimbu gehörte zuvor dem Griechen Anatoglu, dessen Land auf der Grundlage der Arusha-Deklaration aus dem Jahr 1967 verstaatlicht wurde. Auf dessen Land richtete man das SOMAFCO-Camp ein.
Anfänge des Camps Zur ideellen Vorbereitung und zur Gewinnung von Lehrmaterialien hatte der ANC in verschiedenen Ländern Organisationszentren gebildet. Diese befanden sich in New York, Lusaka und Daressalam. Das Hauptbüro wurde in London errichtet und diente zur Lehrplanentwicklung und Ausrichtungsdiskussion, der Ressourcengewinnung und der öffentlichen Information über das Projekt.
Mit dem Bau wurde im Juli 1977 in der Siedlung Mazimbu begonnen. Die Leitung der Arbeiten lag in den Händen des Ingenieurs Oswald Dennis und des Architekten Spenser Hodgson. In der Anfangsphase traten viele Schwierigkeiten auf und der Bau erlebte mehrfache Unterbrechungen. Der systematische Aufbau begann jedoch erst 1979. Nach einem Gesamtbebauungsplan entstanden Leichtbauten auf Betonfundamenten. Diese Bauten dienten zu Unterrichtszwecken, als Unterkünfte für die international zusammengesetzte SOMAFCO-Gemeinschaft sowie den benötigten landwirtschaftlich-technischen Aufgaben.
Erst im Jahr 1985 kam es in Anwesenheit von Oliver Tambo zur offiziellen Einweihung des Solomon Mahlangu Freedom College.
Strukturen und Arbeitsweisen Den Namen erhielt das Solomon Mahlangu Freedom College nach Solomon Kalushi Mahlangu, einem ANC-Aktivisten aus den Reihen des bewaffneten Armes dieser Befreiungsbewegung, dem Umkhonto we Sizwe (MK).
Als erster formell bestellter Direktor des College trat Mohammed Tikly 1982 seinen Dienst an. Diese Aufgabe begleitete er mehrere Jahre und prägte dabei das spätere Profil. Er hatte bereits 20 Jahre zuvor im britischen Exil Aufgaben des ANC übernommen. Für die frühe Entwicklung des Solomon Mahlangu Freedom College war er mit seinen weitreichenden internationalen Verbindungen die zentrale Persönlichkeit. Tikly leitete die Einrichtung bis 1987 und übernahm danach in Lusaka für den ANC neue Aufgaben. Ihm folgte Alpheus Mangezi im Amt, der seine Ausbildung bei der Swiss Mission Church in Lemana im nördlichen Transvaal erhalten hatte. Besondere Erfahrungen sammelte dieser bei psychiatrischen Betreuungsarbeiten in den Slums von Glasgow und im Bürgerkrieg Nigerias. Nach seinem Weggang übernahm 1987 Andrew Masondo, ein Absolvent des University College of Fort Hare und der Witwatersrand-Universität sowie mit späterer militärischer Ausbildung in der Sowjetunion versehen, die Leitung der Bildungsstätte. Sein autoritärer und militärisch geprägter Führungsstil weckte an seiner Tätigkeit als Prinzipal Kritik. Anfang der 1990er Jahre verließ er den Posten und wurde Chef der ANC-Vertretung in der sambischen Hauptstadt Lusaka.
Innerer Aufbau Die Bildungseinrichtung bestand aus drei Bereichen, die sich schrittweise entwickelten:
Primary school and nursery: Das Charlotte Maxeke Children’s Centre in Mazimbu, sechs Kilometer von Morogoro entfernt (1984 eröffnet, Bau durch die Schwedische Lehrervereinigung finanziert) Secondary school: Der Lehrbetrieb in diesem Bereich begann 1978. In dieser Einrichtung wurden junge Menschen in den Fächern Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Geschichte, Geschichte des Widerstandes, Englisch, Schreibfähigkeiten, Geographie, Literatur, Landwirtschaftskunde, Integrated science, Technisches Zeichnen, Gesellschaftskunde und Kunst unterrichtet. Diese Schullaufbahn diente der Vorbereitung auf eine weitere berufsqualifizierende Ausbildung (Studium oder Berufsausbildung).
Die Zusammensetzung des Lehrkörpers erwies sich stets als differenziert, was sich sowohl problematisch als auch sehr chancenreich auswirkte. Es gab europäische und südafrikanische Lehrkräfte. Unter den Letzteren standen die jüngeren Personen unter den Eindrücken der selbst erlebten Widerstandsaktivitäten gegen die Bantu-Education (Apartheids-Bildungspraxis) des südafrikanischen Staates. Die älteren südafrikanischen Lehrkräfte waren jedoch sehr stark vom christlichen Ethos aus den früheren südafrikanischen Missionsschulen und der Universität Fort Hare mit traditionell-liberalen Ansätzen geprägt. Diese Missionsschulen wurden jedoch durch die schrittweise Umsetzung der Apartheidgesetzgebung zerstört. Einige Lehrkräfte brachten eigene Erfahrungen aus den liberalen Universitäten von Kapstadt und Witwatersrand mit. Unter dem afrikanischen Lehrpersonal befanden sich Personen aus Nigeria, Sambia und Tansania. Die europäischen Pädagogen kamen überwiegend aus Großbritannien, Schweden, den Niederlanden, der DDR und der Sowjetunion. Die Schule lebte stets von einem weltweiten Netzwerk an Unterstützern und Sympathisanten. Das zeigte sich an der Zusammensetzung ihres Dozentenkollegiums und erzeugte sowohl unter den Lehrenden als auch unter den Schülern bzw. Studenten eine kosmopolitische Grundstimmung.
Als Unterrichtssprache akzeptierte man ausschließlich Englisch. Auf dem Campus wurden darüber hinaus sehr viele Sprachen, wie Französisch, Portugiesisch, Dänisch, Afrikaans, Xhosa, Zulu, Swahili, Sotho, Tswana, Bemba, Nyanja und Mischformen untereinander gesprochen. In den Außenbeziehungen wurde bei Kontakten mit der Bevölkerung Tansanias die Verständigung mittels Swahili gepflegt.
Für die notwendige Unterrichtsausstattung verfügte die Einrichtung über gedruckte Lehrmaterialien aus Südafrika, die vom South African Committee for Higher Education (SACHED) stammten. Für die höheren Bildungskurse stand eine wissenschaftliche Bibliothek zur Verfügung.