mini|hochkant|Marie-Elisabeth von Humboldt, Ausschnitt eines Gemäldes von Johann Heinrich Schmidt, um 1775.
Marie-Elisabeth von Humboldt (* 8. Dezember 1741 in Berlin; † 19. November 1796 in Tegel), gebürtige Colomb, verwitwete von Holwede, war eine preußische Adelsdame und die Mutter von Wilhelm und Alexander von Humboldt.
Leben
Herkunft
Die Colombs Marie-Elisabeth von Humboldt entstammte einer Kaufmanns- und Kunsthandwerkerfamilie teils hugenottischer Herkunft. Ihr Großvater, der Pariser Kaufmann Henri Colomb († 1719), wanderte nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes (1685) zunächst nach Kopenhagen aus und wurde dort Posamentenmacher am königlichen Hof. Um 1711 zog er nach Neustadt an der Dosse ins Brandenburgisch-Preußische und bekleidete dort ein Amt im Direktorium der königlichen Spiegelmanufaktur. Bewirkt hatte diesen Umzug sein Schwiegervater, der Goldschmied Jean-Henri de Moor († 1722) aus Wageningen in der Provinz Gelderland, von 1696 bis 1711 selbst Direktor der Manufaktur. Jean-Henri de Moor war der Begründer der französischen Kolonie in Neustadt. Sein Sohn Jean Henri de Moor (Johann Heinrich de Moor) führte zusammen mit Henri Colomb als Teilhaber das Unternehmen weiter.Familienverband v. Humboldt.de. (Hrsg.): Jean Henri de Moor (26) und N. N. Taher (27).
Auch der Vater Marie-Elisabeths, Johann Heinrich Colomb (1695–1759), war von 1733 bis 1741 Direktor der Neustädter Spiegelmanufaktur. Danach ließ er sich als Hausbesitzer mit seiner Familie in Berlin nieder. Sein Grab befindet sich in den Gewölben der Parochialkirche in Berlin.
Marie-Elisabeth war eine Cousine von Amalie von Colomb (1772–1850), der jüngsten Tochter des Auricher Kammerpräsidenten Peter von Colomb, Schwester des preußischen Generals Peter von Colomb und ab 1795 zweite Ehefrau des späteren Feldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher.
Die Durhams Mütterlicherseits entstammte Marie-Elisabeth der preußischen Beamtenfamilie schottischen Ursprungs Durham of Grange.Der Deutsche Herold IX. 1878, S. 16 Sie übersiedelten 1650 von Schottland nach Preußen. Der Urgroßvater Alexanders und Wilhelms von Humboldt war Wilhelm Durham (1658–1735), königlich-preußischer Generalsfiskal, Geheimer Oberappellationsgerichts- und Kirchenrat sowie Ältester und Vorsteher der Parochialkirchengemeinde in Berlin. Er bewohnte mit seiner Familie in Berlin das Haus am Jüdenhof 9. Seine Tochter Justine Susanne (1716–1762) war die Mutter Marie-Elisabeths.
Ehen mini|241x241px|Der junge Alexander, ein Barometer haltend, mit seiner verwitweten Mutter. Marie-Elisabeth Colomb heiratete 1760 Friedrich Ernst von Holwede (1723–1765), Baron, Erb- und Gerichtsherr auf Tegel, Ringenwalde und Crummecavel. Dieser Ehe entstammten zwei Kinder, eine Tochter,Text der Sargtafel von Friedrich Ernst von Holwede: Ano 1756 seine Dimission, und ver // heÿrathete sich ano 1760 mit der // letzt hinterlassen Frau Wittwe // Frau MARJA ELJSABETH // gebohrne Colomb. mit welcher Er zweÿ // Kinder einen Sohn und eine Tochter ge // zeüget. Nachzulesen in: Hans-Joachim Beeskow: Führer durch die Evangelische Kirche in Berlin-Malchow, Falkenberg und Wartenberg. Herausgegeben vom Gemeindekirchenrat der evangelischen Kirche in Berlin-Malchow, Dorfstraße 38, 13051 Berlin. 1. Ausgabe, Lübben 2004, ISBN 3-929600-29-3. die schon im Kindesalter starb, und der Sohn Heinrich Friedrich Ludwig Ferdinand von Holwede bbaw.de (1762–1817), den die Mutter später im angesehenen Berliner Kürassierregiment „Gens d’armes“ als Rittmeister unterbrachte. Friedrich Ernst von Holwede war Kanonikus des St.-Sebastian-Stifts in Magdeburg. Er starb im Jahre 1765 und hinterließ seiner Witwe das Erbpachtgut TegelDie Urkunden, die August Wietholz in seiner Geschichte des Dorfes und Schlosses Tegel. Berlin 1922 (Reprint 1998; ISBN 3-927611-07-7) erzählen die Problematik dieser Erbschaft und wie Marie-Elisabeth diese Schwierigkeit meisterte: Friedrich Ernst von Holwede hatte das Gut 1764 von seinem Bruder Victor Ludwig Heinrich gekauft. Das Gut Tegel war zuvor im 18. Jahrhundert mit Erbpacht-Kontrakten durch verschiedene Hände gegangen. Ein Problem war dabei, dass dem jeweiligen Pächter die Verpflichtung auferlegt wurde, „daselbst eine Maulbeerbaum-Plantage“ anzulegen. 1752 sollten 100.000 (!) Bäume gepflanzt werden, 1753 sollten es noch „6000 Stück 6-7jähriger Bäume … auf eigene Kosten“ sein. Marie-Elisabeth kämpfte (letztlich erfolgreich) zeit ihres Lebens darum, diese Verpflichtung loszuwerden. 1787 gelang ihr die „Heruntersetzung von 6000 auf 2000 Stück“ und 1789 auf 1000 Stück. Erst 1803 hob Friedrich Wilhelm III. die Verpflichtung „gegen Zahlung einer Ablösungssumme von 500 Thalern cour[ant]“ auf. Dass die Anlage der Plantagen und die Seidenraupenzucht für die Erbpachtbesitzer eine große wirtschaftliche Belastung war, lag neben den ungünstigen klimatischen Bedingungen auch daran, dass die Gutsinhaber und ihre Bediensteten mit der viel Fachwissen und Zeit erfordernden Zusatzaufgabe überfordert waren. bei Berlin sowie die Güter Ringenwalde mit dem Vorwerk Crummecavel in der Neumark (Kreis Soldin, heute Polen). Mit diesem Erbe und dem Erbe ihrer Eltern, das unter anderem die Bibliothek mit ca. 300 Buchtiteln und vor allem das Haus Jägerstraße 22 in Berlin umfasste, war Marie-Elisabeth eine hochinteressante Partie. Das Berliner Haus ist heute Sitz der Berlin-Brandenburgischen Akademie der WissenschaftenKaupert`s Straßenführer durch Berlin: Verzeichnis/Berlin-Brandenburgische-Akademie-der-Wissenschaften-Jaegerstr 22/23-10117 Berlin. Abruf 17. Dezember 2009..
Am 19. Oktober 1766 heiratete Marie-Elisabeth von Holwede zum zweiten Mal. Auf dem Gut Lancke bei Berlin, das dem Bruder ihres ersten Ehemanns gehörte, gab sie dem königlichen Kammerherrn und Obristwachtmeister (Major) der Kavallerie a. D. Alexander Georg von Humboldt (1720–1779) das Jawort. Dieser entstammte einem pommerschen Beamten- und Offiziersgeschlecht, das verschiedenen brandenburgisch-preußischen Fürsten gedient hatte. Erst der Vater, Johann (Hans) Paul von Humboldt (1684–1740), preußischer Hauptmann und Herr auf Zeblin, „erbat und erhielt 1738 die erbliche Adelsverleihung.“ Alexander Georg war als königlich-preußischer Major und Adjutant des Generals Prinz Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel, an allen drei Schlesischen Kriegen beteiligt. 1761 nahm er nach einem Unfall seinen Abschied vom Militär und wurde 1764 von Friedrich II. zum Kammerherrn ernannt. Ab 1765 war er Kammerherr bei Elisabeth Christine von Braunschweig, der Ehefrau des Thronfolgers Friedrich Wilhelm. Im Jahre 1769 schied von Humboldt aus dem Staatsdienst aus und widmete sich mit Hingabe der Landwirtschaft auf dem Gut Tegel. Er starb am 6. Januar 1779 und wurde zunächst auf dem Gut Ringenwalde beigesetzt.
Ihr überliefertes Wesen Wird die Mutter der Humboldt-Brüder als zurückhaltende, spröde und sehr ernste Person geschildert, so sind sich die Humboldt-Biographen einig über das muntere, heitere und lebensbejahende Naturell des Vaters. So äußerte sich Frau von Briest, Mutter der Schriftstellerin Caroline de la Motte Fouqué, über Marie-Elisabeth von Humboldt in einem Brief an ihre Schwester im Jahr 1785:
Marie-Elisabeth hat durch ihre Klugheit und durch ihren Charakter in der Gesellschaft Eindruck gemacht, so dass Caroline von Dacheroeden aus Erfurt ihrem Verlobten Wilhelm von Humboldt in Berlin schrieb:
Ausbildung der Humboldt-Brüder Eines der größten Verdienste von Marie-Elisabeth von Humboldt war die konsequente Planung und Durchführung der Ausbildung ihrer Söhne zu „geistiger und sittlicher Vollkommenheit“;Kunth über Marie-Elisabeth von Humboldt in Hanno Beck: Alexander von Humboldt, Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1959–1961 „statt mütterlicher Wärme, ließ sie ihnen die beste Erziehung angedeihen.“Zitat Andrea Wulf, S. 33. Alexander schrieb darüber:
Der Verwalter Gottlob Johann Christian Kunth (1757–1829), „der viele Jahre für den Unterricht verantwortlich war, behandelte [die Brüder] mit einer eigentümlichen Mischung aus Missfallen und Enttäuschung, während er gleichzeitig ein Gefühl der Abhängigkeit in ihnen nährte.“Zitat Andrea Wulf, S. 33. „Für Alexander war es besonders schwer, weil er, obwohl zwei Jahre jünger, dasselbe lernen musste wie sein frühreifer Bruder.“Zitat Andrea Wulf, S. 34. Die (noch unvollständige) Liste der Lehrer, die zum Unterricht der Söhne engagiert wurden, ist beeindruckend:
Ernst Ludwig Heim (1747–1834) war der Hausarzt der Familie, mit Interesse an der Botanik der Moose, auch ein Freund des englischen Naturforschers Sir Joseph Banks. Er vermittelte den Brüdern die Grundlagen der Botanik. Johann Jakob Engel (1741–1802): Lehrer am Joachimsthalschen Gymnasium und Akademiemitglied, Moralist und Rationalist, Schriftsteller und Philosoph. Er unterrichtete die Brüder in Philosophie und machte sie mit Mendelssohns Philosophie vertraut.Peter Honigmann: Der Einfluß ..., S. 76. Josias Friedrich Christian Löffler (1752–1817), Professor der Theologie und Philosophie in Frankfurt an der Oder und später Oberkonsistorialrat und Generalsuperintendent des Herzogtums Gotha, Herausgeber des «Magazin für Prediger». Alexander meint: „Den Grund zu seinen [Wilhelms] tiefen griechischen Studien legte Löffler, der Verfasser eines freigesinnten Buches über den Neu-Platonismus der Kirchenväter“. Ernst Gottfried Fischer (1754–1831), Lehrer für Mathematik am Gymnasium zum Grauen Kloster und Akademiemitglied; Alexander charakterisierte ihn als: „ein Mann, der, was ziemlich unbekannt ist, neben der Mathematik viel Griechisch wußte“. Der Geheimrat Christian Konrad Wilhelm von Dohm (1751–1820) lehrte die Humboldts vom Herbst 1785 bis Juni 1786 Nationalökonomie (politisch-statistische Vorträge) mit geographischem Schwerpunkt. Er wurde bekannt durch seine Schrift zur Judenemanzipation „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ (1781). Er prägte besonders Wilhelm, der noch lange zu ihm Kontakt hielt. Kammergerichtsrat Ernst Ferdinand Klein (1744–1810) lehrte die Humboldts Natur- und Staatsrecht. Er war einer der Redakteure des preußischen Allgemeinen Landrechts. Der jüdische Arzt und Philosoph Marcus Herz (1747–1803) (ab 1782 Leiter des Jüdischen Hospital in Berlin) hielt ab 1776 vor einem ausgewählten Publikum Vorlesungen über Medizin, Philosophie und Experimentalphysik, an denen ab 1784/85 die Brüder Humboldt teilnahmen. Außerdem waren sie in dem literarischen Zirkel um Henriette Herz (1764–1847), wo sie u. a. tanzen lernten. David Friedländer (1750–1834) war ein deutscher Fabrikant und Autor, der sich für die Emanzipation der Juden in Berlin einsetzte. Ihn verband eine enge Freundschaft mit den Brüdern seit deren frühesten Jugendjahren. Claude Étienne Le Bauld de Nans (1735–1792), Schauspieler, Literat und Redakteur der Gazette littéraire de Berlin, Vater von Claudius Franz Le Bauld de Nans, Freimaurer in der Berliner Großloge „Royale York de l’Amitié“, lehrte die Humboldt-Brüder neuere Sprachen. Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726–1801), der populärste polnisch-deutsche Kupferstecher, Grafiker und Illustrator des 18. Jahrhunderts, lehrte Alexander zeichnen und kupferstechen. Johann Friedrich Zöllner (1753–1804), Mitglied der Naturforschenden Gesellschaft und der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Propst an der Berliner Nicolaikirche und Konsistorialrat, hielt Vorträge über (angewandte) Technologie. Nach den Frankfurter Studienmonaten besuchte er zusammen mit Alexander, auf mehreren Reisen, Manufakturbetriebe im Berliner Umland und in Brandenburg, und legte damit die Grundlage zu Alexanders bemerkenswerter Maschinenkenntnis. Johann Friedrich Reitemeier (1755–1839), neben wichtigen philologischen, juristischen (in der Tradition des Naturrechts) und staatswissenschaftlichen Schriften verfasste er eine damals grundlegende Studie zur Geschichte des Bergbaus.