mini|Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar und Eisenach, geborene Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel, Gemälde von Johann Ernst Heinsius (1769) mini|hochkant|Büste der Herzogin in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek von Martin Gottlieb Klauer (1780)
Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel (* 24. Oktober 1739 in Wolfenbüttel; † 10. April 1807 in Weimar) war eine deutsche Regentin, Mäzenin und Komponistin. Durch Heirat war sie Herzogin von Sachsen-Weimar und Eisenach geworden.
Biografie Herkunft und Jugend mini|Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel (1788/1789) von Angelika Kauffmann
Anna Amalia wurde am 24. Oktober 1739 als fünftes von dreizehn Kindern des Herzogpaares Philippine Charlotte (geborene von Preußen) (1716–1801) und Karl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel (1713–1780) im Wolfenbütteler Schloss geboren. Sie erhielt eine für Prinzessinnen des Hochadels standesgemäße Bildung, vor allem durch die Theologen Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem und Matthias Theodor Christoph Mittelstädt. Der Religionsunterricht bildete den wichtigsten Bestandteil der Erziehung, der sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch abgehalten wurde. Anna Amalias Erziehung folgte den protestantischen Traditionen des Braunschweiger Hauses, aber integrierte auch ‚vernünftige’ Erkenntnisprinzipien und konfessionell ausgleichende Gedanken. Außerdem wurde sie in Staaten-, Regenten- und Reichsverfassungsgeschichte, Geografie und den schönen Künsten unterrichtet, lernte also Tanzen und Klavierspielen.
Familie mini|Ernst August II. von Sachsen-Weimar und Eisenach
Die sechzehnjährige Prinzessin wurde am 16. März 1756 mit dem ebenfalls evangelisch-lutherischen Herzog Ernst August II. Constantin von Sachsen-Weimar und Eisenach vermählt. Am 3. September 1757, kurz vor ihrem 18. Geburtstag, erfüllte sie mit der Geburt des Erbprinzen Carl August die wichtigste dynastische Erwartung. Ihr zweiter Sohn Friedrich Ferdinand Constantin kam nach dem frühen Tod ihres Mannes (28. Mai 1758), am 8. September 1758 zur Welt. Anna Amalia blieb bis zu ihrem Tod am 10. April 1807 verwitwet.
Regentschaft mini|Anna Amalias Monogramm auf 1/6-Taler von 1764 mini|Wertseite 1/6-Taler mit F.S.W.U.E.O V.M. als Umschrift
Gemäß der testamentarischen Verfügung ihres Mannes führte die Herzogswitwe seit dem 30. August 1759 die obervormundschaftliche Landesadministration (Regentschaft) in den Herzogtümern Weimar und Eisenach für ihre unmündigen Söhne. Die mit ihrem Monogramm versehenen Münzen trugen auf der Wertseite die Abkürzung F.S.W.U.E.O.V.M für „Fürstlich Sachsen-Weimar- und Eisenachische Obervormundschaftliche Landesmünze“.Gerhard Schön: Deutscher Münzkatalog 18. Jahrhundert. 3. Auflage. München 2002, S. 841–843 und 1107. Die Verwendung des eigenen Monogramms auf den Kleinmünzen und vor allem des eigenen Porträts auf den Kurantmünzen lässt darauf schließen, dass Anna Amalia nicht nur mit Stellvertretungsabsicht, sondern auch mit eigenem Gestaltungsanspruch das Amt ausübte. Als Regentin hatte sie gegen die Beharrungskraft von Räten und Landständen zu kämpfen, gegen die sie sich, als die Volljährigkeit des Erbprinzen nahte, immer weniger durchsetzen konnte. Sie startete Reformansätze in Justiz, Policey (Sozial- und Ordnungspolitik) und Bildungswesen, diese blieben aber unvollendet. Als Anna Amalia am 3. September 1775 die Regierung an ihren Sohn Carl August übergab, waren die Staatsfinanzen durch den Siebenjährigen Krieg und eine aufwändige Hofhaltung zerrüttet. Doch nicht mit allen Reformbemühungen ist Anna Amalia gescheitert. Unter ihrer Regentschaft wurde die Stadtbefestigung weitestgehend abgebrochen, da diese modernen Waffen ohnehin nicht mehr gewachsen war. Die Steine wurden zum Wohnungsbau verwendet. So verschwanden die Stadttore, die Stadtmauern und Türme bis auf Reste wie den Kasseturm, die Stadtmauer am oberen Graben am Kasseturm und den sog. Stadtturm, der zum Magazinturm der Bibliothek werden sollte. So wurde Raum geschaffen für eine Stadterweiterung und zudem öffnete sich die Stadt nach außen.Theaterplatz auf Weimar-Lese Das war sicher auch den schweren Folgen des Siebenjährigen Krieges geschuldet, was Anna Amalia zu dem Schritt veranlasste und den sie gegen den Widerstand der Stadt durchsetzte.Annette Seemann: Weimar. Eine Kulturgeschichte. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63030-9, S. 71–72. Gegen den Widerstand der Hofkreise berief sie zudem Goethe nach Weimar, was wiederum für Weimar und darüber hinaus ein neues Zeitalter einläutete.Effi Biedrzynski: Goethes Weimar. Das Lexikon der Personen und Schauplätze. Artemis & Winkler, München/Zürich 1992, ISBN 3-7608-1064-0, S. 337. Goethe seinerseits brachte schließlich Ordnung in die Staatsfinanzen.
Das Verhältnis der ‚Obrigkeit’ zu den ‚Untertanen’ war durch wohlmeinende „Beglückungsmaßnahmen“, die der traditionellen Lebenswelt der Bevölkerung fremd blieben, gespannt. Dies zeigte sich nicht zuletzt in dem bürgerkriegsähnlichen Tumult um den sogenannten „Hebammengroschen“. Diese Abgabe sollte die Ausbildung von Hebammen sichern und ein Geburtshaus finanzieren, das der Bevölkerung aber als unschicklich galt. Am Tag nach den Unruhen, am 6. Mai 1774, brannte das Weimarer Schloss. Die Bürger der Stadt wurden in die Untersuchungen zum Schlossbrand einbezogen und zu Denunziationen aufgerufen.
Erziehung der Söhne mini|Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar und Eisenach, geb. Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel, Gemälde von Johann Friedrich August Tischbein, 1795, Gleimhaus Halberstadt
Für die Erziehung der beiden Prinzen war der Graf Johann Eustach von Schlitz genannt Görtz zuständig sowie weitere Prinzenlehrer. Obgleich Anna Amalia ihn selbst für das Amt des Prinzenerziehers vorgeschlagen hatte, blieb das Verhältnis zwischen ihm und der Herzogin stets von Misstrauen geprägt. Anna Amalia befürchtete, Görtz wolle ihr ihre Söhne entfremden. 1772 holte sie den Dichter Christoph Martin Wieland in die Gruppe der Prinzenlehrer. In dem angesehenen Schriftsteller hoffte sie einen Verbündeten gegen Görtz zu gewinnen. Wieland und Görtz buhlten beide um die Gunst Carl Augusts, des baldigen Herzogs, um ihre eigene Position zu sichern. Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit entließ Anna Amalia den Prinzenerzieher, während Wieland in Weimar blieb und der Herzogsmutter als Gesellschafter und Berater in literarischen Fragen diente.
Standesgemäßer Umgang Während der Regentschaft stand die Herzogin stets im Zentrum der Aufmerksamkeit der engeren, adligen Hofgesellschaft. Gelegentlich bereicherten auswärtige Gäste das Hofleben, die die Maskenbälle und die Vorführungen des – 1774 aufgelösten – Hoftheaters besuchten. Ihr gelang es, die Schauspiel-Gesellschaft des Abel Seyler zu engagieren, die zu dieser Zeit als die beste Theatergesellschaft in Deutschland galt. Die Gesellschaft wurde nach dem Schlossbrand entlassen. Seit dem Schlossbrand führte Anna Amalia eine separate Witwenhofhaltung in ihrem Stadtpalais, in den Sommermonaten (seit 1781) im nahen Tiefurter Kammergutpächterhaus. Wenn Militärs, Künstler und Wissenschaftler am Hof des Herzogs gastierten, machten diese häufig auch seiner Mutter die Aufwartung. Nach 1775 integrierte Anna Amalia zunehmend Bürgerliche in die geselligen Unterhaltungsformen, jedoch fast ausschließlich männliche Künstler und Gelehrte, die in der Regel nicht dem Weimarer Stadtbürgertum entstammten, wie etwa den ehemaligen Prinzenlehrer Christoph Martin Wieland, den Schriftsteller und Illuminaten Johann Joachim Christoph Bode, den Leipziger Kunstprofessor Adam Friedrich Oeser, den Maler Georg Melchior Kraus oder den Altertumskenner Karl August Böttiger. Die Frauen, die Anna Amalia einlud, waren vor allem Niederadlige. Sie waren entweder mit Männern verheiratet, die in auswärtigen Hof- und Militärdiensten standen, lebten von ihnen getrennt eine Zeit in Weimar oder ließen sich als Witwen dauerhaft dort nieder. Ihr Briefwechsel diente der Herzogin dazu, sich in künstlerischen Moden, gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Ereignissen auf der Höhe der Zeit zu präsentieren.
Höfische Geselligkeit Inhalte und Formen der Geselligkeit, die Anna Amalia ausrichtete, wandelten sich über die Jahrzehnte – Feste, Bälle und Redouten (Maskenbälle), Vorleserunden, Theateraufführungen, Konzerte und Kammermusiken sowie Vorträge und Vorführungen. Für die betriebsame Phase des Liebhabertheaters (1776–1780) bildete die Hofhaltung der Herzogsmutter das gesellig-kunstliebhabende Zentrum des Weimarer Gesamthofs. Diese Position als Zentralperson der Geselligkeit konnte Anna Amalia jedoch nicht aufrechterhalten, da sich das Interesse des Hofes immer mehr dem regierenden Herzogspaar, Carl August und seiner Frau Luise, zuwandte. Nach 1790 überwachten Herzog Carl August und Goethe die Geselligkeitsformen und Unterhaltungsmedien am Hof zunehmend. Die dilettierende Herzogsmutter schlossen sie von diesen Aktivitäten aus. Anna Amalia distanzierte sich daraufhin von Goethes (und Schillers) Bestreben, sich in Weimar als ästhetische Überwachungsinstanzen zu etablieren.
Anna Amalia initiierte 1781, kurz nachdem ihr Onkel Friedrich der Große ein Pamphlet über die deutsche Literatur veröffentlicht hatte, das Journal von Tiefurt.Katharina Mommsen: Herzogin Anna Amalias „Journal von Tiefurth“ als Erwiderung auf Friedrichs II. „De la littérature allemande“. Weimar 2008, S. 8. (online) (Über das Journal für Tiefurt) Es erschien in einer privaten, handschriftlich vervielfältigten Auflage in 49 Ausgaben in den Jahren 1781 bis 1784. Die Weimarer literarische Gesellschaft um Goethe sowie Anna Amalia selbst und andere Weimarer Damen beteiligten sich daran schriftstellerisch.Eduard von der Hellen (Hrsg.): Das Journal von Tiefurt. Mit einer Einleitung von Bernhard Suphan. (= Schriften der Goethe-Gesellschaft. Band 7). Weimar 1892. (Digitalisat)Jutta Heinz, Jochen Golz (Hrsg.): „Es ward als ein Wochenblatt zum Scherze angefangen.“ Das Journal von Tiefurt. Wallstein, Göttingen 2011, ISBN 978-3-8353-0957-9.
Kunstliebhaberei und Italienaufenthalt mini|Schloss und Park Ettersburg
Goethes und Schillers Klassizismus-Konzept setzte die Herzogin das gesellige Ideal „sinnlicher“ Bildung entgegen – sie wollte in erster Linie ihre Fähigkeiten erweitern, ästhetische Eindrücke genießen und sich dabei unterhalten. Bezeichnenderweise fand die von Goethe initiierte „Freitagsgesellschaft“ mit gelehrten Vorträgen nur etwa ein halbes Jahr (Herbst 1791/Frühjahr 1792) im Stadtpalais der Herzogin statt, bevor sie in Goethes Wohnhaus am Frauenplan „umzog“. Anna Amalia zog sich auf ihre eigene Hofhaltung zurück, die sie und ihre Günstlinge zum Zufluchtsort der Musen stilisierten, an dem sie sich unbeschwert der Kunstliebhaberei hingeben konnten, fernab der politischen Wirren und Kriege der 1790er und 1800er Jahre. Im Sommer scharte sie die befreundeten Geistesgrößen auf Schloss Ettersburg um sich. Anna Amalias persönliche Interessen variierten: Sie nahm Zeichenunterricht bei Georg Melchior Kraus, lernte Englisch, Italienisch und Griechisch und verfasste einige kleine literarische Manuskripte.