mini|hochkant|Friedrich Schiller, Ölgemälde (1786–1791) von Anton Graff Der Geisterseher (Aus den Memoiren des Grafen von O**) ist ein Romanfragment Friedrich Schillers, das in mehreren Fortsetzungen zwischen 1787 und 1789 in der Zeitschrift Thalia erschien und später in drei Buchausgaben veröffentlicht wurde. Zeittypische Elemente wie Geisterbeschwörung, Spiritismus und Verschwörungen verknüpfend, kam der Text der Leseerwartung entgegenMatthias Luserke-Jaqui, Der Geisterseher (1787/89), A. Francke Verlag, Tübingen und Basel 2005, S. 175–179 und brachte Schiller zu Lebzeiten den größten Publikumserfolg ein.Otto Dann, Der Geisterseher. In: Schiller-Handbuch, Leben – Werk – Wirkung, Metzler, Stuttgart 2001, S. 311 Die romantische Schauer- und deutschsprachige Kriminalliteratur wurden durch ihn nachhaltig beeinflusst.Peter-André Alt, Der Geisterseher, in: Schiller, Leben – Werk – Zeit, Band I, C.H.Beck, München 2009, S. 567.
Schiller beschreibt in seiner Erzählung die Intrige einer jesuitischen Geheimgesellschaft, die einen protestantischen Prinzen zum Katholizismus bekehren und ihm zugleich die Krone in seinem Stammland sichern will, um dort die eigene Machtbasis auszubauen.H.A. und E. Frenzel: Daten deutscher Dichtung, Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte, Band 1, Klassik, Friedrich von Schiller, Der Geisterseher, DTV, München, 1982 S. 254 Am Schicksal des Prinzen verdeutlicht Schiller den für ihn zentralen Konflikt zwischen Leidenschaft und Sittlichkeit, Neigung und Pflicht. In den religions- und geschichtsphilosophischen Passagen des Werkes zeigen sich seine Ideale der Aufklärung als Religions- und Gesellschaftskritik, die bereits auf die spätere intensive Beschäftigung mit Immanuel Kant hindeuten.
Stil und Struktur des Werkes sind wegen der schleppenden Entstehung und Schillers Abneigung gegenüber dem Projekt nicht einheitlich und reichen von rhetorisch stilisierter Prosa über dramatische, an Don Karlos erinnernde, Dialoge bis zu Kolportageelementen der Unterhaltungsliteratur.
Inhalt Erzählsituation Die Handlung ist den fiktiven Memoiren des Grafen von O** entnommen, die dem Leser von einem Herausgeber, der in der Thalia-Erstfassung mit S. unterschriebene Fußnoten-Kommentare beisteuert, vorgestellt wird. Darin beschreibt der Graf als Ich-Erzähler die Geschichte eines Prinzen, den er zur Karnevalszeit in Venedig besucht. Gleich zu Anfang betont der Graf, dass es sich um eine unglaublich scheinende Begebenheit handele, deren Augenzeuge er selbst gewesen sei und die er wahrheitsgetreu berichten wolle, denn „wenn diese Blätter in die Welt treten, bin ich nicht mehr und werde durch den Bericht, den ich abstatte, weder zu gewinnen, noch zu verlieren haben.“Friedrich Schiller, Der Geisterseher. In: Sämtliche Werke, Band III: Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen, Deutscher Bücherbund, Stuttgart S. 529 Während im ersten Buch der Graf Augenzeuge aller wichtiger Ereignisse ist, gibt er im zweiten Teil die 10 Briefe des Baron von F** wieder, der ihn während seiner Abwesenheit von Venedig über den Fortgang der Ereignisse informiert.
Erstes Buch Der Prinz begegnet dem Armenier mini|hochkant|Der Prinz in der Schiller-Galerie (1859), Stahlstich von Conrad Geyer nach Arthur von Ramberg
Der Prinz, ein zurückhaltender, in seine Phantasiewelt verschlossener, melancholisch-ernster Charakter, hat sich in Venedig zurückgezogen und glaubt, in dieser „wollüstigen Stadt“ inkognito leben zu können. Er möchte sich frei und ohne Standespflichten entfalten, in der Zurückgezogenheit ein ruhiges Privatleben führen und sich nur mit geistvollen Dingen befassen. Seine geringen finanziellen Mittel hätten es ihm ohnehin nicht erlaubt, seinem Rang gemäß aufzutreten. So umgibt er sich mit wenigen, ihm ergebenen Vertrauten. Als dritter Erbfolger hat er keinen Ehrgeiz, die Regierungsgeschäfte in seiner Heimat zu übernehmen.
Eines Abends werden der Graf und er bei einem Spaziergang über den Markusplatz von einem maskierten Mann verfolgt, einem Armenier. Dieser erreicht sie schließlich durch das Gedränge und raunt einige seltsame Worte: „Wünschen Sie sich Glück, Prinz...um neun Uhr ist er gestorben.“ Rasch entfernt er sich und wird auch nach langer Suche nicht entdeckt. Sechs Tage später erfährt der Prinz, dass am Abend der unheimlichen Begegnung um neun Uhr sein Cousin gestorben ist. Mit dessen Tod erhöht sich für den Prinzen die Aussicht auf den Thron in seiner Heimat. Der Prinz aber möchte daran nicht erinnert werden: „Und wenn eine Krone für mich wäre gewonnen worden, ich hätte jetzt mehr zu tun, als dieser Kleinigkeit nachzudenken.“Friedrich Schiller, Der Geisterseher, Sämtliche Werke, Band III., Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen, Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 533
Die Staatsinquisition Am folgenden Abend flüchten die Freunde vor dem Regen in ein am Markusplatz gelegenes Kaffeehaus, in dem einige Personen Karten spielen. Der Prinz beobachtet das Spiel, bis ein Venezianer, den das Glück verlassen hat, den Prinzen in beleidigendem Tonfall auffordert, sich zu entfernen. Die Situation eskaliert, es kommt zu Handgreiflichkeiten und der Prinz wirft den Venezianer zu Boden. Andere Italiener rotten sich zusammen und verlassen das Haus. Die zurückbleibenden Gäste warnen den Prinzen und raten ihm, die Stadt sofort zu verlassen, da der ebenso wohlhabende wie einflussreiche Venezianer versuchen werde, ihn aus der Welt zu schaffen. Plötzlich erscheinen Beamte der venezianischen Staatsinquisition und fordern die Freunde auf, sie zu begleiten. In einer Gondel bringt man sie an einen geheimen Ort und führt sie mit verbundenen Augen in ein Gewölbe. Als man ihnen die Binde abnimmt, stehen sie in einem Kreis schwarz gekleideter Staatsinquisitoren. Der Venezianer wird vorgeführt. Ein greiser Mann fragt den Prinzen, ob dies der Mann sei, der ihn beleidigt habe; der Prinz bejaht. Der Venezianer seinerseits gesteht, er habe den Prinzen ermorden lassen wollen. Vor den Augen des entsetzten Prinzen wird der Mann geköpft.
Die Geisterbeschwörung mini|hochkant|Die Zauberer John Dee und Edward Kelley rufen den Geist eines Toten hervor. Kupferstich in einem Buch über Astrologie und Okkultismus von 1806.
Seltsame Begebenheiten und Verwicklungen führen dazu, dass der Prinz sich nach einer langen Gondelfahrt über die Brenta mit großem Gefolge trotz vieler Zweifel auf eine Geisterbeschwörung einlässt, die von einem dubiosen sizilianischen Magier durchgeführt wird. Befragt, welchen Geist er zu sehen gedenke, entscheidet sich der Prinz für den des Marquis von Lanoy, eines Freundes, der in seinen Armen an einer Kriegsverletzung gestorben war. Da der Tod den „Faden seiner Rede“ zerschnitten hatte, möchte der Prinz die „Fortsetzung hören.“Friedrich Schiller, Der Geisterseher, Sämtliche Werke, Band III., Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen, Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 541 Bei der unheimlichen Beschwörung, eingeleitet durch Blitz und Donner, erscheint an der Wand des Kamins eine bleiche Gestalt mit blutigem Hemd, und eine schwache Stimme ist zu hören. Plötzlich wird der Vorgang durch einen weiteren Donnerschlag unterbrochen und eine „andere körperliche Gestalt, blutig und blass wie die erste, aber schrecklicher“,Friedrich Schiller, Der Geisterseher, Sämtliche Werke, Band III., Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen, Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 544 erscheint und versetzt den Magier in panischen Schrecken. Während die Gesellschaft entsetzt ist und ein englischer Lord den Geist erfolglos mit dem Degen angreift, bleibt der Prinz ruhig, erkennt seinen Freund Lanoy und erfährt in einem kurzen Gespräch, was dieser ihm noch sagen wollte. In einem russischen Offizier, der den am Boden liegenden Magier bedroht und dessen unergründliches Gesicht dem Grafen vorher bereits aufgefallen war, erkennt der Prinz den geheimnisvollen Armenier.
Etwas später wird der Magier verhaftet und seine Darbietung als Täuschung entlarvt; die zweite Erscheinung indes bleibt rätselhaft. Während der Graf auf die Unerklärlichkeit einiger Phänomene hinweist und Übernatürliches nicht ausschließen möchte, beharrt der Prinz auf einer rationalen Erklärung und erkennt eine gegen ihn gerichtete Intrige.
Die Erzählung des Magiers Obwohl der Prinz die Täuschung durchschaut, haben die Vorgänge im weiteren Verlauf einen verhängnisvollen Einfluss auf sein Wesen und Verhalten. Zunächst gelingt es ihm, mit dem inhaftierten Magier zu sprechen. Dieser erzählt ihm von dem unheimlichen Armenier, dem er schon einmal begegnet sei und der das Schicksal einer bekannten adligen Familie mit beeinflusst habe. Der Armenier erscheint in der detaillierten Erzählung des Magiers als „schreckliches Wesen.“ „Es gibt glaubwürdige Leute, die sich erinnern, ihn in verschiedenen Weltgegenden zur gleichen Zeit gesehen zu haben. Keines Degens Spitze kann ihn durchbohren, kein Gift kann ihm etwas anhaben, kein Feuer sengt ihn, kein Schiff geht unter, worauf er sich befindet. Die Zeit selbst scheint an ihm ihre Macht zu verlieren.“Friedrich Schiller, Der Geisterseher, Sämtliche Werke, Band III., Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen, Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 556. Der lange Bericht des Magiers umfasst auch eine Binnenerzählung, die von einer tragischen Liebesbeziehung handelt; in ihr spielt der geisterhafte Armenier ebenfalls eine zentrale Rolle.
Erneut disputieren die Freunde über den Bericht des Sizilianers; der Prinz verwirft alles als unglaubwürdig und verweist auf die niedere Gesinnung des Mannes ebenso wie auf die Gesetze der Natur. Es liege „im Charakter dieser Art Leute, dass sie solche Aufträge übertreiben und durch das Zuviel alles verschlimmern, was ein bescheidener und mäßiger Betrug vortrefflich gemacht hätte.“ „Wollen Sie lieber ein Wunder glauben, als eine Unwahrscheinlichkeit zugeben? lieber die Kräfte der Natur umstürzen, als eine künstliche und weniger gewöhnliche Kombination dieser Kräfte sich gefallen lassen?“, fragt er den Grafen, der entgegnet: „Wenn die Sache auch eine so kühne Folgerung nicht rechtfertigt, so müssen Sie mir doch eingestehen, dass sie weit über unsre Begriffe geht.“Friedrich Schiller, Der Geisterseher, Sämtliche Werke, Band III., Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen, Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 575.
Zweites Buch Der Graf ist nur am Anfang und Ende der Handlung in Venedig anwesend. Über die Entwicklung informieren ihn zehn Briefe des Barons von F., der allerdings selbst nur lückenhaft Kenntnis der Ereignisse hat, da sich ihm der Prinz zunehmend verschließt und von anderen Personen beeinflusst wird, z. B. von einem verwandten Prinzen von**d**, seinem neuen Sekretär Biondello oder dem jungen italienischen Marchese von Civitella, .
Die Geheimgesellschaft Bucentauro Die Veränderung des Prinzen wird immer deutlicher. Der vorher bescheiden und zurückhaltend Lebende stürzt sich in wilde Feste, lebt verschwenderisch über seine Verhältnisse und häuft Schulden an. Er tritt der ominösen Gesellschaft „Bucentauro“ bei, deren finstere Methoden der Graf zu durchschauen meint.
In der „bigotten, knechtischen Erziehung“ und einer autoritär vermittelten Religion in der Kindheit glaubt der Graf den Grund für die Verirrung des Prinzen zu begreifen. „Alle Lebhaftigkeit des Knaben in einem dumpfen Geisteszwange zu ersticken, war das zuverlässigste Mittel, sich der höchsten Zufriedenheit der fürstliche Eltern zu versichern.“Friedrich Schiller, Der Geisterseher, Sämtliche Werke, Band III., Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen, Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 583 So sei es nicht verwunderlich, dass der Prinz „die erste Gelegenheit ergriff, einem so strengen Joche zu entfliehen – aber er entlief ihm wie ein leibeigner Sklave seinem harten Herrn, der auch mitten in der Freiheit das Gefühl seiner Knechtschaft herumträgt.“