mini|Chinesische Fassung der „Abhandlung über die Lamas“ in, einer der Gesetzestexte Qianlongs über den Gebrauch der Goldenen Urne im Lamatempel in Peking Die Goldene Urne bzw. die Zeremonie der Losziehung aus der Goldenen Urne (; tib. gser bum skrug pa) bezeichnet ein 1792 vom chinesischen Kaiser Qianlong eingeführtes und bis zum Ende der Kaiserzeit eingesetztes Losverfahren zur Bestimmung der Reinkarnationen großer Meister im tibetischen und mongolischen Buddhismus (tibetisch Trülku, mongolisch Qutuqtu, teilweise durch Übersetzung des chinesischen Begriffs huofo auch irreführend „lebende Buddhas“ genannt). 1995 griff die Volksrepublik China das Verfahren im Streit um die Nachfolge des verstorbenen 10. Penchen Lama, Thrinle Lhündrub Chökyi Gyeltshen, wieder auf und besteht seitdem in verschiedenen Fällen auf den Gebrauch des Verfahrens, was in den 2010er und -20er Jahren zu Unstimmigkeiten zwischen der chinesischen Regierung und Vertretern des tibetischen Buddhismus geführt hat, unter anderem da die im Exil ansässige tibetische Regierung und der 14. Dalai Lama das Vorgehen ablehnen, die chinesische Regierung aber auf den Gebrauch des Verfahrens besteht.
Die Goldenen Urnen sind aus vergoldetem Kupfer in Form einer traditionellen tibetischen Urne hergestellt, nach Angabe Qianglongs wurde auf vier Seiten das Kalchakra-Mantra angebracht. Der Kaiser wählte auch persönlich die den Deckel verzierenden Edelsteine aus. Die Urnen sind 34 cm hoch und mit Lotosblumenblatt-, Ruyi- und Zweigmustern verziert. Sie sind mit einer farbigen Überdecke aus Brokat und mit je fünf Elfenbeinstäbchen als Lose versehen.Xizang difang xilie huace (De) (gefunden am 4. November 2009)
Die Goldene Urne im Qing-Kaiserreich
Einführung des Verfahrens mini|Höfische Darstellung des Kaisers Qianlong von 1791 Historischer Hintergrund für die Einführung des Verfahrens war die (zweite) Invasion Tibets durch nepalesische Gurkha-Krieger von 1791 bis 1792, in Zuge dessen auch Trashilhünpo, der Sitz des Penchen Lama verwüstet wurde. In der Folge versuchte Kaiser Qianlong stärkere und direktere Kontrolle über die Verwaltung Tibets zu erlangen. Viele Reinkarnationslinien konzentrierten sich auf einzelne Familien, so stammten die Zeitgenossen, der 8. Dalai Lama (Jampel Gyatsho), der 6. Panchen Lama (Tenpe Nyima) und der 4. Jebtsundamba Khutukhtu (Lobsang Thubten Wangchug Jigme Gyatsho), welche die drei bedeutendsten Reinkarnationslinien der Gelug-Schule darstellen, aus demselben Familien-Klan.
Bei dem Verfahren wurde auf ähnliche Vorläufer in der chinesischen Bürokratie zurückgegriffen. Seit 1594 hatte die chinesische Ming-Dynastie eine Lotterie eingesetzt, um den Einsatzort von Verwaltungsbeamten zu bestimmen. Die hölzernen Lose mit den möglichen Einsatzorten der Beamten wurden aus einer zylindrischen Vase gezogen. Damit sollte Bestechung um beliebte Orte unterbunden werden. Das Lotteriesystem wurde auch auf weitere Ministerien ausgeweitet und auch von der Qing-Dynastie übernommen. Da Kaiser Qianlong in der Bestimmung der Reinkarnation buddhistischer Lamas ebenfalls Korruption am Werk sah, orientierte er sich an der von der Ming-Dynastie eingeführten Lotterie, um Korruption und Bestechung, vor allem durch mongolische und tibetische Aristokraten, zu unterbinden. Laut Max Oidtmann hatte Qianlong zwei Ziele in der Einführung des Verfahrens der Goldenen Urne: die Vermeidung der Machtkonzentration in wenigen tibetischen und mongolischen Eliten, die den Reinkarnationsfindungsprozess manipulierten und die Abschaffung von Orakeln bei der Auffindung von Kandidaten für die Reinkarnation. Die Abschaffung der Orakel rückte für Qianlong mit Fortlauf der Zeit zunehmend in den Vordergrund.
Zur Umsetzung dieser Ziele bestimmte Qianlong im 57. Jahr seiner Regierung (1792), zwei Goldene Urnen aufzustellen: die eine im Pekinger Lamatempel (Yonghe gong) für die Bestimmung von Reinkarnationen unter den Mongolen, die andere im Jokhang-Kloster in Lhasa für die Bestimmung von Reinkarnationen in Tibet. Bei der Bestimmung der Reinkarnationen musste sowohl im Yonghe-Tempel als auch im Jokhang-Kloster das „Seelenkind“,( bzw. ) dessen Name auf eines von fünf Los-Stäbchen geschrieben war, durch Ziehen des Loses aus der Urne ermittelt werden. Die Bedeutung des Verfahrens für den Kaiser wird darin deutlich, dass gleich der erste Artikel der im Frühjahr 1793 verlautbarten „29 Artikel für eine besser Verwaltung Tibets“ (Qinding Zang nei shanhou zhangcheng, 钦定藏内善后章程) das Losverfahren mit der Goldenen Urne genauer behandelte. In den folgenden Jahren wurde das Losverfahren zum bestimmenden Thema zwischen der lokalen Regierung in Lhasa und Kaiser Qianlong. Der vollständige Text dieses ersten Artikels lautet:
mini|Mandschu-sprachige Version der „Abhandlung über die Lamas“, auf den übrigen drei Seiten der Stele ist der Text auf Chinesisch, Mongolisch und Tibetisch zu lesen Bereits im November 1792 verfasste Qianlong einen Text mit dem Titel „Abhandlung über die Lamas“ (喇嘛說, Lama shuo), der sich ebenfalls mit dem Verfahren der Goldenen Urne befasste. 1794 verordnete Qianlong, eine Stele mit dem Text der Abhandlung in Lhasa (Jokhang-Kloster) und Peking (Yonghe-Tempel) aufzustellen, wenn auch heute nichts über die tatsächliche Aufstellung einer Stele in Peking bekannt ist.
Änderungen des Rituals Nach Festsetzung des Verfahrens in den 29 Artikeln und der Abhandlung über die Lamas veränderte sich das Ritual der Losziehung immer wieder. Im Gegensatz zu seinem späteren Interesse, spielen in der Abhandlung über die Lamas die Orakel zur Auffindung möglicher Kandidaten für die Reinkarnation noch eine bedeutende Rolle. Etwa zeitgleich mit der Bekanntwerdung der Abhandlung intensivierte Qianlong seine Bemühen, den Einfluss der Orakel einzudämmen und diese abzuschaffen. Tibetische Quellen berichten allerdings, dass die traditionelle Methode der Orakel nicht vollständig durch den Gebrauch der Goldenen Urne zurückgedrängt wurde. Qianlong scheiterte somit in seinem ihm wichtigsten Ziel.
Bei seiner ersten Nutzung in Tibet 1797 wurde das Ritual vor einem Bildnis Qianlongs im Potala-Palast und nicht wie zuvor festgesetzt vor der Statue Tsongkapas im Jokhang-Tempel durchgeführt. Zudem wurde das Ritual von zwei Ambans durchgeführt. 1794 wurde verboten, innerhalb der Familien der Dalai Lamas, Panchen Lamas oder der mongolischen Aristokratie nach Reinkarnationen zu suchen. In einigen Fällen durften Reinkarnationen trotz der ursprünglichen Intention in aristokratischen mongolischen Familien gefunden werden. Für den Fall, dass die Vorschläge einstimmig auf nur eine Person fielen, wurde ein leeres Los eingeführt, um die Korrektheit der Wahl zu verifizieren oder eine neue Suche in Auftrag zu geben, sollte das leere Los gezogen werden. Gebrauch der Goldenen Urne im Qing-Kaiserreich John Powers schrieb 2015 in seiner Monographie über die chinesische Einflussnahme auf den tibetischen Buddhismus, tibetische Dokumente zeigten auf, dass es tibetischen Widerstand gegen die Verordnung gegeben habe und das Verfahren nur sporadisch genutzt worden sei. Max Oidtmann hingegen argumentierte 2018 in seiner Monographie über die Entstehung des Verfahrens im Kaiserreich, dass zwar der Ursprung des Verfahrens der Goldenen Urne der Wunsch des Kaisers Qianlong, mehr Kontrolle über tibetische Wahrsagerei und Vorhersagungen (divination and prognostication) zu gewinnen gewesen sei, aber sowohl tibetische als auch mongolische Eliten, innerhalb und außerhalb der Klosterkultur, darin die Möglichkeit erkannten, ihre jeweilige Autorität auszubauen. Laut Oidtmann gab es nur wenig Protest aus der gesellschaftlichen Elite gegen das Verfahren. Durch den Gebrauch der Goldenen Urne wurde die Defition darüber, was als „Tibet“ galt, geographisch erweitert, da zentraltibetische Eliten auch in den Findungsprozess in ferner liegenden Regionen miteinbezogen wurden. Zudem teilten die lokalen Eliten die Hoffnung, den Prozess zur Auffindung einer Reinkarnation glaubhafter zu machen.
Nach Oidtmann wurden zwischen 1792 und 1911 etwa 80 Reinkarnationen in Tibet und der Mongolei identifiziert, darunter Reinkarnationen der Trülkus Dalai Lama, Penchen Lama, Jebtsundamba Khutukhtu, Demo Khutukhtu, Tatsak Khutukhtu, Pagbalha Khutukhtu. Obwohl das Verfahren bis ans Ende der Kaiserzeit immer wieder in Gebrauch war – 1909 das letzte Mal in Peking, 1908 das letzte Mal in Lhasa – konzentriert sich der Großteil der nachweisbaren Nutzung der Goldenen Urnen auf die Zeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Amy Kellam schrieb, die Literatur sei sich darin einig, dass das Ritual nicht durchweg durchgesetzt worden sei und kein Indiz für eine ständige Kontrolle der Qing-Dynastie über Tibet sei. Martin Slobodník führte die nicht durchgehende Durchsetzung des Verfahrens auf die im 19. Jahrhundert schwindende Kontrolle Chinas über Zentraltibet zurück. Oidtmann hingegen argumentiert, dass bis ins 20. Jahrhundert, die Qing-Dynastie die Möglichkeit hatte, bei der Reinkarnationsfindung zu intervenieren, wenn sie Wahl für inakzeptabel hielt.
mini|Darstellung aus dem frühen 19. Jahrhundert: Der junge Lungtog Gyatsho, als 9. Reinkarnation des Dalai erkannt, wird dem traditionellen Test unterzogen, die Besitzgegenstände der vorhergehenden Inkarnation zu erkennen. Am rechten Rand der Darstellung sind chinesische Gesandte (Amban) zu sehen, die der Zeremonie beiwohnen. Trotz der Gesetzgebung gab es Ausnahmen zum Verfahren, prominenterweise etwa bei der Auswahl des 9. und 13. Dalai Lamas 1808 bzw. 1877. Auf Anfrage der lokalen tibetischen Regierung, die die Hinweise auf die Richtigkeit der Wahl auf ein Kind als Reinkarnation für außerordentlich überzeugend hielt, stimmte die chinesische Zentralregierung der Ausnahme zu, die Reinkarnationen wurden ohne die Goldene Urne bestimmt. In einigen Fällen setzte sich die chinesische Regierung auch über die eigene Regel hinweg. 1823 akzeptierte sie das Ergebnis des Verfahrens bei der Anerkennung einer Reinkarnation nicht und ließ die Suche von neuem beginnen. Im Fall des siebten Jebtsundamba Khutukhtu versuchten mongolische Adlige, das Verfahren der Urne zu umgehen, um einen aus ihren Reihen als Reinkarnation anzuerkennen. Zwar bestand die Regierung auf das Verfahren der Goldenen Urne, ließ das Ritual aber in Lhasa durchführen, nicht in Peking, wie es die Regelung für mongolische Reinkarnationen vorschrieb.
Nach Darstellung des 14. Dalai Lama wurde das Ritual nach seiner Einführung 1792 im Falle der Dalai Lamas bis zu ihm nur ein einziges Mal gebraucht, um eine Reinkarnation zu bestimmen, denn im Falle des 10. Dalai Lama sei die Reinkarnation schon gefunden worden, um der mandschurischen Herrschaft entgegenzukommen, sei verkündet worden, das Ritual sei genutzt worden. Der 12. Dalai Lama sei schon anerkannt worden, bevor das Ritual ausgeführt worden sei. Somit sei nur der 11. Dalai Lama durch Goldene Urne ausgesucht worden. Die Darstellung wird zum Teil auch in wissenschaftlicher Literatur übernommen, zum Teil auch widersprochen.
Wiedereinführung in der Volksrepublik China Nach Ende des chinesischen Kaiserreichs, in der Zeit der Republik China (1912–1949), also in der Zeit der Eigenstaatlichkeit Tibets und im Falle der Mongolei größtenteils der Mongolischen Volksrepublik kam das Verfahren nicht zum Einsatz. Allerdings veröffentlichte die Republik China 1936 die „Maßnahmen für die Reinkarnation Lebender Buddhas“ (chin. Huofo zhuanshi banfa 活佛轉 世辦法), laut denen Reinkarnationen nur durch das Verfahren der Losziehung aus der Goldenen Urne anerkannt werden dürften. Gemeinsam mit der Kommission für tibetische Angelegenheiten sollte der Dalai Lama das Los ziehen. Martin Slobodník konstatierte, das Dokument sollte als ein Beweis für den Anspruch der (allerdings nur fiktiven) Souveränität Chinas über Tibet zu dieser Zeit dienen.