Die Wahlforschung (selten auch Psephologie; von altgriechisch psephos ψῆφος, 'Kieselstein' – diese wurden im antiken Griechenland als Stimmzettel benutzt) setzt sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung von politischen Wahlen auseinander. Die Wahlsoziologie – auch bekannt als empirische Wahlforschung – ist ebenso Teil des Forschungsgebiets wie die Wahlsystem- und Wahlrechtsforschung.Andreas M. Wüst, Philip Stöver 2006: Wahlen in Europa. In: PVS 47/2006, S. 289–309.

Zur Wahlforschung tragen akademische Wahlforscher und Forscher von kommerziellen Instituten bei. Zwischen beiden gibt es enge Verbindungen.Henry Kreikenbom, Maxi Stapelfeld 2008: Politikforschung, Steigende Nachfrage in Zeiten gesellschaftlichen Wandels. In: Eva Balzer (Hrsg.): Qualitative Marktforschung in Theorie und Praxis, ISBN 978-3-8349-0244-3, S. 469–481. Beide verfolgen jedoch durchaus unterschiedliche Ziele, was sich in unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten niederschlägt. Kommerzielle Wahlforscher legen großen Wert auf die Erhebung gut geeigneter Daten und die Beschreibung von Wahlverhalten. Beispielsweise erheben kommerzielle Institute in regelmäßigen Abständen die aktuelle politische Stimmung der Bevölkerung, unter anderem mit der Sonntagsfrage, und die Stimmung zu bestimmten Themen oder Personen. An den Wahltagen werden mit Wahltagsbefragungen (exit polls) Daten für Hochrechnungen und Prognosen erhoben. Akademische Wahlforscher legen im Vergleich dazu größeren Wert darauf, Wahlverhalten nicht nur zu beschreiben, sondern es auch zu erklären.Harald Schoen 2010: Wahlforschung. In: Irene Gerlach, Eckhard Jesse, Marianne Kneuer, Nikolaus Werz (Hrsg.): Politikwissenschaft in Deutschland. Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft (DGfP), Nomos, Baden-Baden, S. 223–238. Akademische Wahlforscher sind in Deutschland in der Deutschen Gesellschaft für Wahlforschung (DGfW) organisiert.

Die Wahlsystemforschung Die Wahlsystemforschung setzt sich im Wesentlichen mit drei Fragenbündeln auseinander: der Beschreibung und Klassifizierung von Wahlsystemen, der Entstehung und Entwicklung von Wahlsystemen und ihrer Komponenten sowie mit den Wirkungen von Wahlsystemen. Für Beschreibung und Klassifizierung dienen häufig die Größe des Wahlkreises, die Form der Kandidatur, das Stimmgebungsverfahren und das Stimmverrechnungsverfahren als wichtige Unterscheidungskriterien.Harald Schoen (2005): Wahlsystemforschung. In: Jürgen W. Falter, Harald Schoen (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 573–607. Dieses Forschungsfeld wurde infolge der Weiterentwicklung bestehender Wahlsysteme über die Grenzen der klassischen Typen der Mehrheits- und Verhältniswahl hinaus und unterschiedliche Versuche, diese Subtypen zu typisieren, unübersichtlicher. Gleichzeitig führten Reformen an den Wahlsystemen in bestehenden Demokratien, wie Neuseeland und Japan, sowie die Entwicklung der neuen Demokratien in Mittel- und Osteuropa zu einer verstärkten Forschung auf dem Gebiet. Dabei werden kaum noch klassische Systeme beobachtet, sondern Mischtypen, sogenannte „Mixed Member Systems“. Zur Erforschung der Entstehung und Entwicklung von Wahlsystemen haben Einzelfallsanalysen und quantitativ-statistische Untersuchungen beigetragen. Sie zeigen unter anderem, dass Parteienkonstellationen und kulturelle Faktoren eine wichtige Rolle spielen. In Untersuchungen zu den Wirkungen von Wahlsystemen werden unter anderem deren Einflüsse auf das Verhältnis von Stimm- und Mandatsanteilen, das Verhalten von Wahlberechtigten, das Verhalten von Kandidaten und Amtsinhabern, etwa bei der Regierungsbildung, die Entwicklung von Parteiensystemen sowie die Entwicklung und Stabilität politischer Systeme betrachtet.

Die Empirische Wahlforschung Erklärungsansätze und Theorien Zur Erklärung von Wahlverhalten werden verschiedene Ansätze und Theorien verwendet. Eine wichtige Rolle spielen dabei soziologisch, psychologisch und ökonomisch orientierte Ansätze.

Der mikrosoziologische Ansatz im Anschluss an Paul F. Lazarsfeld und dessen Kollegen (The People’s Choice) erklärt Wahlverhalten mit den parteipolitischen Normen, mit denen eine Person in ihrer (Primär-)Umgebung in Berührung kommen.Paul F. Lazarsfeld, Bernard R. Berelson, Hazel Gaudet 1944: The People's Choice. How the Voter Makes up his Mind in a Presidential Campaign, New York: Duell, Sloan and Pearce; Bernard R. Berelson, Paul F. Lazarsfeld, William N. McPhee 1954: Voting. A Study of Opinion Formation in a Presidential Campaign, Chicago, University of Chicago Press. Personen, die regelmäßig mit Menschen kommunizieren, die eine bestimmte Partei bevorzugen, sollten nach dieser Vorstellung ebenfalls für diese Partei stimmen. Das Wahlverhalten von Personen, die unterschiedlichen parteipolitischen Normen ausgesetzt sind, ist mit diesem Ansatz nicht vorherzusagen. Sie stehen unter „cross-pressures“ und neigen – so die Annahme – zu Wahlenthaltung und Wechselwahl.Weiterführend Harald Schoen 2005: Soziologische Ansätze in der empirischen Wahlforschung. In: Jürgen W. Falter, Harald Schoen (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 135–185.

Der makrosoziologische Ansatz im Anschluss an Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan führt Wahlverhalten auf die Positionierung von Personen in gesellschaftlichen Konfliktlinien zurück (Cleavage-Theorie).Seymour M. Lipset, Stein Rokkan 1967: Cleavage Structures, Party Systems, and Voter Alignments. An Introduction. In: Seymour M. Lipset, Stein Rokkan (Hrsg.): Party Systems and Voter Alignments: Cross-National Perspectives, Collier, Macmillan, New York/London, S. 1–64. Für die Bundesrepublik prägend sind vor allem die sozioökonomische und die religiös-konfessionelle Konfliktlinie. Demnach sollten beispielsweise Arbeiter für linke, sozialdemokratische Parteien stimmen, christlich-religiöse Bürger sollten demnach für christdemokratische Parteien stimmen. Das Wahlverhalten von Menschen, die sich in diesen gesellschaftlichen Konflikten nicht eindeutig einordnen lassen oder aus deren sozialer Lage einander widersprechende Empfehlungen folgen, ist nicht eindeutig prognostizierbar.Siehe ausführlich Harald Schoen 2005: Soziologische Ansätze in der empirischen Wahlforschung. In: Jürgen W. Falter, Harald Schoen (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 135–185.

Der sozialpsychologische Ansatz geht auf eine Forschergruppe um Angus Campbell an der University of Michigan in Ann Arbor zurück (The American Voter).Angus Campbell, Gerald Gurin, Warren E. Miller 1954: The Voter Decides, Evanston, IL: Row, Peterson and Company; Angus Campbell, Philip E. Converse, Warren E. Miller, Donald E. Stokes 1960: The American Voter, New York: Wiley. In seiner einfachsten Form führt der Ansatz Wahlverhalten zurück auf Kandidatenorientierungen, Streitfragenorientierungen (Issueorientierungen) sowie die Parteiidentifikation. Die Parteiidentifikation wird als langfristig stabil betrachtet und dient daher als stabilisierender Faktor, der vor allem konstantes Wahlverhalten erklären kann. Kandidaten- und Issueorientierungen sind hingegen kurzfristig variabel und können daher gut Veränderungen im Wahlverhalten erklären.Siehe Harald Schoen, Cornelia Weins 2005: Der sozialpsychologische Ansatz zur Erklärung von Wahlverhalten. In: Jürgen W. Falter, Harald Schoen (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 187–242.

Der ökonomische Ansatz (auch Rational Choice-Ansatz) geht zurück auf die Arbeit An Economic Theory of Democracy von Anthony Downs, der mikroökonomische Konzepte auf die Analyse politischer Prozesse anwandte.Anthony Downs 1957: An Economic Theory of Democracy, New York, Harper. Downs legt seiner Analyse einige kognitive und motivationale Annahmen zugrunde und geht unter anderem davon aus, dass Bürger mit der Wahlentscheidung ihren Nutzen zu maximieren suchen. In einem einfachen Zweiparteiensystem entscheiden sie sich daher für diejenige Partei, deren Wahlsieg und deren Regierungspolitik ihnen den größten Nutzen spendet. Diese Idee entfaltet Downs unter anderem weiter, indem er sie auf Mehrparteiensysteme anwendet und Probleme der Ungewissheit einführt. Eine wichtige Erkenntnis seiner Analyse besteht im sogenannten Wahlparadoxon. Es besteht darin, dass an Wahlen regelmäßig erhebliche Teile der Wahlberechtigten teilnehmen, obwohl die Wahlbeteiligung aus der mikroökonomischen Sicht jedes einzelnen irrational ist.Siehe Kai Arzheimer, Annette Schmitt 2005: Der ökonomische Ansatz. In: Jürgen W. Falter, Harald Schoen (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 243–303.

Methoden Folgende Methoden werden für Wahlforschung eingesetzt: Quantitative Methoden wie Befragungen von Wahlberechtigten (telefonisch, mündlich, online oder schriftlich) Qualitative Methoden wie Fokusgruppen, Tiefeninterviews Netzwerkanalysen Hochrechnungen Aggregatdatenanalysen Schätzungen auf Basis von Modellen

Am häufigsten werden quantitative, standardisierte Befragungen verwendet, da sie Aussagen über die gesamte Wählerschaft ermöglichen. Befragt wird eine repräsentative Auswahl (sample) der Gesamtwählerschaft. Die Auswertung der Daten erfolgt mit statistischen Methoden.

Qualitative Methoden sind für das Testen von Argumentationslinien und Kommunikationsstrategien vor einer Wahl geeignet. In Fokusgruppen kann zum Beispiel die Akzeptanz einer Plakatlinie beziehungsweise eines Fernsehspots überprüft werden. Fokusgruppen ermöglichen es die Kommunikationsstrategie auf Zielgruppen abzustimmen.

Netzwerkanalysen beleuchten die Kommunikationsnetzwerke bestimmter Zielgruppen. Sie können für die Steuerung der Kommunikation bei Wahlen eingesetzt werden. Oder sie untersuchen das Surfverhalten der Wähler innerhalb der üblichen Internetportale.Zeitung '20 Minuten': Wikipedia sagt SVP Wahlschlappe voraus vom 11. Juni 2015

Hochrechnungen werden an Wahlabenden erstellt und häufig von TV-Stationen in Auftrag gegeben. Sie errechnen auf der Basis bereits ausgezählter Stimmkreise das voraussichtliche Endergebnis.

Aggregatdatenanalysen verwenden tatsächliche Wahlergebnisse, anhand derer statistische Zusammenhänge analysiert werden. Ein Beispiel für die Anwendung von Aggregatdatenanalysen ist die Wählerstromanalyse.

Kommerzielle Wahlforschung Einige kommerzielle Meinungsforschungsinstitute betreiben neben der Marktforschung auch Wahlforschung. Die Auftraggeber dafür sind häufig Medien, Parteien, öffentliche Körperschaften oder Interessenvertretungen. Die ersten kommerziellen Umfrageinstitute in Deutschland waren das Institut für Demoskopie Allensbach, gegründet 1947, und das Deutsche Institut für Volksumfragen, das aus einer 1945 eingerichteten Abteilung der amerikanischen Militärverwaltung hervorging und mittlerweile nicht mehr existiert. Die Auftraggeber der veröffentlichten Wahlumfragen kommen meist aus den Medien. Neben Allensbach sind die Forschungsgruppe Wahlen (im Auftrag des ZDF) und Infratest dimap (für die ARD) aktiv. Früher auch Forsa (für RTL) und TNS-Emnid (für ProSiebenSat.1 Media).

In Österreich befassen sich das Institut für empirische Sozialforschung (IFES) und das SORA Institute for Social Research and Consulting im Auftrag des ORF mit der Wahlforschung. Wahlforschungsinstitute der Schweiz sind gfs.bern (für die SRG Medien) und Isopublic. International ist YouGov tätig.

Zur Problematik der Beeinflussung des politischen Systems durch Wahlumfragen Wahlentscheidung und -beteiligung In der Politikwissenschaft wird der Einfluss von Wahlumfragen sowohl auf die Wahlentscheidung, also die Entscheidung welche Partei gewählt wird, als auch auf die Wahlbeteiligung diskutiert. Von unterschiedlichen Wissenschaftlern wurden seit den 1950er Jahren Theorien formuliert, wie sich Wahlumfragen auf die Wahlentscheidung auswirken. Diese Theorien sind zum Teil widersprüchlich und konnten sich empirisch nur selten beweisen.