mini|Art class for women (Kunstklasse für Frauen), Gemälde von Louis Lang, 19. Jahrhundert Die Zulassung von Frauen zum Universitätsstudium, kurz Frauenstudium, setzte sich im deutschsprachigen Raum schrittweise durch: Während die Schweiz bereits im 19. Jahrhundert Pionierarbeit leistete, folgte der Rest des deutschsprachigen Sprachbereichs erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Möglichkeit für Frauen, Zugang zu einer universitären Ausbildung zu erhalten und im Weiteren einen Hochschulabschluss zu erlangen, ist Teil der allgemeinen höheren Bildung, genauer der Frauenbildung.

Entstehungsphase der Universitäten, Mittelalterliche Universitäten mini|Die mittelalterliche Universität als Männerwelt: Kolleg über Ethik im 14. Jhdt., Laurentius de Voltolina: Liber ethicorum des Henricus de Alemannia (Einzelblatt, Kupferstichkabinett Berlin) Universitäten entstanden ab dem 12. Jahrhundert, zuerst durch Gewohnheitsrecht, ab ca. 1350 erfolgten Gründungen als landesherrliche Stiftungen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in dieser Gründungsphase sowie die in der Entstehungsphase wirkenden Prozesse führten dazu, dass die Universität als Männerwelt entstand.Bea Lundt: Zur Entstehung der Universität als Männerwelt. In: Elke Kleinau, Claudia Opitz (Hrsg.): Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung. Bd. 1: Vom Mittelalter bis zur Aufklärung. Campus, Frankfurt am Main 1996. S. 103–118, 484–488, 550–551.

Viele Universitäten gingen aus Domschulen für Priesternachwuchs hervor. Das bedeutete, dass Hochschullehrer als Kleriker galten, die dem Zölibat folgen mussten (erst nach 1452 durften Doktoren der Medizin offiziell heiraten). Damit verbunden war, dass Studenten als klerikale Grundlage für alle weiterführenden Fächer die Artistenfakultät der Sieben Freien Künste durchlaufen mussten, zu deren Abschluss die niederen Weihen gehörten. Damit waren Frauen, denen das Priesteramt (aufgrund des Paulus zugeschriebenen Schweigegebots im ersten Korintherbrief)Britta-Juliane Kruse: Frauenstudium, medizinisches. 2005, S. 435. nicht offenstand, ohne ausdrückliches Verbot vom Universitätsstudium ausgeschlossen.Bea Lundt: Zur Entstehung der Universität als Männerwelt. S. 109–110.

Anders als im deutschsprachigen Raum gab es in Italien schon früh Fälle von studierenden und lehrenden Frauen. An der Schule von Salerno, die als Medizinhochschule berühmt war, konnten vermutlich Frauen studieren. Ärztinnen dieser Schule (vgl. Frauen von Salerno) sind namentlich belegt. So wirkte Trota von Salerno vermutlich im frühen 12. Jahrhundert als praktische Ärztin an der Schule von Salerno und schrieb mehrere Abhandlungen über die medizinische Praxis, insbesondere über die Frauenheilkunde. In einer im Umfeld der Schule von Salerno verfassten Schrift, De Aegritudinum Curatione aus dem 12. Jahrhundert, sind Texte der sieben Lehrmeister (magistri) der Schule enthalten, darunter auch Trotas Lehren. An einzelnen Schulen konnten Frauen also anscheinend Medizin studieren und lehren. Auch an der Universität Bologna studierten und unterrichteten Frauen vereinzelt im 13. und 14. Jahrhundert.

mini|links|Abaelardus und Héloïse in einer Handschrift des Roman de la Rose (14. Jahrhundert) mini|Die Enthauptung der Heiligen Katharina von Alexandrien (1390) von Lorenzo Monaco Die Errichtung der Universitäten führte zu einer Ausweitung der Bedeutung und Aufgabe von Wissenschaft in Abgrenzung vom geschulten Handwerker. Für Akademiker bzw. Wissenschaftler entwickelte sich eine Identität von geistig, geistlich und männlich, die die polarisierende Zuweisung der Geschlechter (Mann = Geistwesen, Frau = Körper) aus der mittelalterlichen Theologie übernahm. So wurden Wissenschaft und Weiblichkeit mehr und mehr als Gegensatz begriffen.Bea Lundt: Zur Entstehung der Universität als Männerwelt. S. 110–111. Weibliches Können und Wissen wurden mehr und mehr dämonisiert (als Magie, Giftmischerei). Frauen, insbesondere wissbegierige Frauen, wurden als Ablenkung des (geistigen) Mannes von der Wissenschaft bis hin zur Gefährdung des Gelehrten aufgefasst (siehe hierzu die Geschichten um Abelard und Héloïse sowie um Merlin und Viviane).Bea Lundt: Zur Entstehung der Universität als Männerwelt. S. 116–118. Die Hochschullehrer und Studenten wählten zwar eine gelehrte Frau als Schutzpatronin aus, nämlich die Heilige Katharina von Alexandrien. Doch zeichnete sich diese Schutzpatronin dadurch aus, dass sie ihrer Legende zufolge ihr Wissen nicht für Macht und Einfluss nutzte. Sie lehnte weltliche Macht für sich ab, begrenzte ihr aktives Handeln also selbst.Bea Lundt: Zur Entstehung der Universität als Männerwelt. S. 114–115.

An den Universitäten entwickelten sich bald Männerbünde mit entsprechender Subkultur (wie z. B. belegt durch Lieder der Carmina Burana). Hemmungsloses Verhalten eines Teils der Studenten verursachte häufig Konflikte mit der Stadtgesellschaft, die bis zum Auszug ganzer Akademikergruppen führen konnten, die an anderen Orten neue Universitäten gründeten. Unter den Intellektuellen der Universitäten lehnten viele sowohl den klerikalen Zölibat als auch die Ehe ab. Sie sahen sich im Wettbewerb mit dem Geburtsadel. Dies drückte sich im Protzen mit erotischen Erfolgen sowie in Übergriffen auf Frauen aus. Um die Bürgertöchter vor Übergriffen zu bewahren, richteten die Städte daraufhin Bordelle ein.Bea Lundt: Zur Entstehung der Universität als Männerwelt. S. 111–113.

Universitäten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert Bis zum 18. Jahrhundert erfolgte die Ausbildung der Söhne des Adels und des Bürgertums an den Universitäten, die weiterhin in vier Fakultäten gegliedert waren. Neben der Artistenfakultät gab es die theologischen, medizinischen und juristischen Fakultäten, die Pfarrer, Ärzte bzw. Verwaltungsbeamte, Richter und Rechtsanwälte ausbildeten.Beatrix Niemeyer: Ausschluss oder Ausgrenzung? Frauen im Umkreis der Universitäten im 18. Jahrhundert. In: Elke Kleinau, Claudia Opitz (Hrsg.): Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung. Bd. 1: Vom Mittelalter bis zur Aufklärung. Campus, Frankfurt am Main 1996. S. 275–294, 512–514, 559; hier S. 276. Obwohl der Zölibat der Professoren abgeschafft worden war und die Studenten auch nicht mehr in beaufsichtigten, nur Männern zugänglichen Internaten zusammenlebten, waren die Universitäten weiterhin Orte der männlichen Sozialisation. Dies ergab sich aus der Ausrichtung auf die späteren Berufe, die nur Männern offenstanden. Außerdem verstanden sich seit dem 16. Jahrhundert die Studenten als commilitones (Waffenbrüder) und das Duellwesen breitete sich aus.Beatrix Niemeyer: Ausschluss oder Ausgrenzung? S. 277.Trude Maurer: Einführung: Von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Das deutsche Frauenstudium im internationalen Kontext. In: Trude Maurer (Hrsg.): Der Weg an die Universität. Höhere Frauenstudien vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. Wallstein, Göttingen 2010. S. 7–22; hier S. 10.

mini|links|Die Gottschedin, Ölbild vonElias Gottlob Haußmann (um 1750) Da es keine allgemein verbindlichen Zulassungsvoraussetzungen gab, waren Frauen nicht ausdrücklich vom Studium ausgeschlossen. Es bot sich für sie aber auch keine Berufstätigkeit im Anschluss an das Universitätsstudium an, so dass es für sie praktisch keinen Anreiz gab, ein Studium anzustreben. Nur vereinzelt studierten Frauen daher an deutschsprachigen Universitäten. Die wenigen Beispiele und die Umstände ihres Studiums unterstreichen, dass es wichtig war, dass durch die studierende Frau zumindest optisch die Männerwelt der Universität nicht gestört wurde. So nahm z. B. Anna Maria von Schürmann im 17. Jahrhundert an Vorlesungen an der Universität Utrecht teil, aber nur von einer vergitterten Loge aus, um die Studenten vor ihrem Anblick zu schützen. Auch Luise Adelgunde Victorie Gottsched konnte die Vorlesungen ihres Mannes an der Universität Leipzig im 18. Jahrhundert nur hinter einer angelehnten Tür verborgen verfolgen. So außerhalb des Gesichtsfelds war in Einzelfällen ein Studium für Frauen möglich, eine Frau als Professorin war aber an (deutschen) Universitäten ausgeschlossen.Beatrix Niemeyer: Ausschluss oder Ausgrenzung? S. 280–283.

mini|Dorothea Christiane Erxleben An Universitäten, die im 18. Jahrhundert Reformbestrebungen offen gegenüberstanden, war einzelnen Frauen, insbesondere den Ehefrauen und Töchtern von Professoren, über informelle Formen des Zusammentreffens ein intellektueller Austausch mit Studenten und Professoren möglich. So waren z. B. viele Göttinger Professorentöchter und -gattinnen im Vergleich mit anderen Frauen hoch gebildet.Beatrix Niemeyer: Ausschluss oder Ausgrenzung? S. 283–284.

Die erste promovierte Frau in den deutschen Ländern war Dorothea Christiane Erxleben. Ihr Vater, ein Arzt, unterrichtete sie privat in theoretischer und praktischer Medizin. Nachdem sie vom preußischen König Friedrich II. die Erlaubnis zur Ablegung eines medizinischen Examens erhalten hatte, reichte sie im Januar 1754 eine Dissertation mit dem Titel Academische Abhandlung von der gar zu geschwinden und angenehmen, aber deswegen öfters unsicheren Heilung der Krankheiten an der Universität Halle ein. Am 6. Mai desselben Jahres trat sie in Halle zum Promotionsexamen an, das sie mit großem Erfolg ablegte.Gisela Kaiser: Über die Zulassung von Frauen zum Studium der Medizin am Beispiel der Universität Würzburg. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 14, 1996, S. 173–184; hier: S. 173. Anschließend war sie als Ärztin tätig.Beatrix Niemeyer: Ausschluss oder Ausgrenzung? S. 288–290.

Die zweite promovierte Frau war Dorothea Schlözer, mit der ihr Vater August Ludwig von Schlözer ein universitäres Bildungsexperiment durchführte. Sie wurde 1787 an der Universität Göttingen nicht-öffentlich und ohne Vorlage einer Dissertation promoviert. Im Anschluss an die Promotion konzentrierte sich ihr Vater darauf, sie standesgemäß zu verheiraten.Beatrix Niemeyer: Ausschluss oder Ausgrenzung? S. 286–288.

Die Ausnahmefälle unterstreichen nur, dass es im Laufe des 18. Jahrhunderts für Frauen eher schwerer als leichter wurde, ein Studium zu absolvieren und das erworbene Wissen im Lebensentwurf weiterzufolgen oder zu nutzen. Die vermittelten Kenntnisse galten als „unweiblich“ und waren potenziell rufgefährdend. Ein Studium gefährdete die Heiratschancen der Frauen, ermöglichte aber keine unabhängige berufliche Existenz.Beatrix Niemeyer: Ausschluss oder Ausgrenzung? S. 293–294.

19. Jahrhundert bis Ende des Ersten Weltkriegs Die männliche Prägung der deutschen Universität erreichte im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Zum einen entwickelte sich an deutschen Universitäten das besondere deutsche Verbindungswesen (Corps, Burschenschaften).Trude Maurer: Von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. S. 10. Zum anderen etablierte sich in dieser Zeit in der Gesellschaft das Konzept der polarisierten Geschlechtscharaktere mit geschlechtsbezogener Arbeitsteilung.Karin Hausen: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Werner Conze (Hrsg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Klett, Stuttgart 1976, S. 363–393.