Der Begriff tibetische Literatur wird unterschiedlich definiert:vgl. Lara Maconi: Au-delà du débat linguistique : comment définir la littérature tibétaine d’expression chinoise ? « Spécificités nationales » et « spécificités regionales ». In: Revue d’Etudes Tibétaines 14:117–155 (Oktober 2008), Langues et Cultures de l’Aire Tibétaine, CNRS.

Definition nach Sprache: Tibetische Literatur bezeichnet die in Tibetischer Schriftsprache verfasste sowie die den zahlreichen tibetischen Dialekten mündlich überlieferte Literatur. Tibetischsprachige Literatur ist vorwiegend in Tibet vorherrschend. Sie ist auch in der Mongolei, in Indien, Nepal, Bhutan, Sikkim und in der tibetischen Exilgemeinschaft Indiens verbreitet. Ein wichtiger Teil der tibetischsprachigen Literatur besteht aus Übersetzungen buddhistischer Literatur aus indischen Sprachen (Sanskrit), die weitaus überwiegende Mehrzahl der tibetischen Texte sind aber Ritualtexte, autochthone Kommentare, philosophische Abhandlungen, wissenschaftliche Abhandlungen sowie insbesondere Biografien und Werke der Geschichtsschreibung. Ferner beinhaltet tibetischsprachige Literatur auch viele Mythen, Sagen, Märchen, Legenden, Gedichte, Lieder, Opernlibretti und Sprichwörter. Definition nach geografischer Region: Literatur aus Tibet und anderen von Tibetern bewohnten Regionen (s. o.). Definition nach Ethnie: In einer anderen Definition von tibetische Literatur werden auch Texte, die von Tibetern in anderen Sprachen – insbesondere im Chinesischen und Englischen – verfasst werden als tibetische Literatur bezeichnet. Definition nach Thematik: In der Volksrepublik China gehören zudem Texte mit besonderem Tibetbezug – unabhängig von ihrer Herkunft – zur tibetischen Literatur.

Tibetische Volksliteratur Gesar-Epos miniatur|König Gesar (Wandmalerei; anonym) Die tibetische Volksliteratur (tib.: dmangs sgrung) zeichnet sich durch eine bis in die jüngste Zeit überwiegend mündliche Überlieferung aus. Die Hauptmasse sind Märchen, Sagen und Schwänke. Von Bedeutung ist das Gesar-Epos, dessen Heldengesänge auch von sogenannten professionellen „Barden“ auf Volksfesten vorgetragen wurden und werden. Die verschiedenen Versionen sind häufig, jedoch nicht alle, buddhistisch überprägt. Das Gesar-Epos gilt auch als das tibetische Nationalepos.

Onkel Tönpa In den Alltagserzählungen nehmen die Geschichten von Onkel Tönpa (tib.: a khu ston pa) eine überragende Stellung ein. Obschon in Tibet jeder Erwachsene und jedes Kind diese Geschichten kennt, ist die Figur im Westen relativ unbekannt – wohl wegen ihrer teilweise derben, nicht in das übliche Tibet-Klischee passenden Inhalte. Zahlreiche dieser Erzählungen weisen sexuelle Inhalte auf: So versucht Onkel Tönpa meist mit Frauen aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten (Königstochter, Nachbarin, Nonnen) zu schlafen und muss dabei gesellschaftliche Regeln umgehen. Im Vordergrund steht dabei seine immer listige Vorgehensweise.

Verrückte Yogis Damit nur entfernt verwandt sind beliebte Geschichten von sogenannten „Verrückten Yogis“, wie z. B. Drugpa Künleg (tib.: ’brug pa kun legs) oder dem in Tibet wohl bekanntesten buddhistischen Meister Milarepa (tib.: rje btsun mi la ras pa), welche durch oft sehr unkonventionelles Verhalten den Menschen Belehrungen geben, mit dem Ziel, deren Begierden und sonstigen Störgefühle aufdecken. Auch hier handelt es sich zum Teil um sexuelle Inhalte, wobei aber auch beim Leser kein Vergnügen, sondern eher Abkehr entstehen soll. Daneben gibt es längere Märchen und kürzere, meist lustige Geschichten, deren Witz dem europäischen Zuhörer mitunter nicht spontan klar wird.

Epochen tibetischer Literatur Die exakten Grenzen zwischen den einzelnen Epochen tibetischer Literatur sind noch umstritten, insbesondere weil die genaue Datierung von Texten oft schwierig ist. Die sogenannte Terma-Literatur, Texte die entweder physisch oder aber in Visionen wiederentdeckt werden, wird beispielsweise meist Autoren zugeschrieben, die vor der Zeit der Textentstehung gelebt haben. Die Zeit der Textentstehung und die sprachliche Gestalt der Texte machen dann jedoch eine Zuordnung beispielsweise zur klassischen Literatur möglich.

Alte Literatur (bis 950) Die Epoche alte Literatur umfasst alle Literatur, die in etwa bis zum Ende der tibetischen Königszeit verfasst wurde.

Entwicklung der tibetischen Schrift

Mit der zunehmenden Bedeutung des Buddhismus kam es unter dem Herrscher Songtsen Gampo im Jahr 632 zur Entwicklung einer tibetischen Schrift auf der Grundlage einer indo-iranischen Schrift durch den Minister Thonmi Sambhota. Gleichwohl der Ursprung der Schrift nicht bewiesen ist, haben manche Autoren auf die große Ähnlichkeit mit der khotanesischen Schrift in Zentralasien hingewiesen, ein Gebiet, das damals zum tibetischen Imperium gehörte und auch einen tibetischen Bevölkerungsanteil hatte. Aufgrund mehrerer Argumente kann man annehmen, dass die Schrift vermutlich in Zentralasien auf Basis eines dortigen Dialekts entwickelt und nach Zentraltibet bereits voll entwickelt eingeführt wurde. Der früheste Schriftgebrauch in Zentralasien war eindeutig administrativ und geschichtsschreibend. Dass man dabei zum Teil chinesische Texte mit tibetischer Schrift verfasst hat (und umgekehrt), ist ebenfalls hochinteressant für die historische Sprachwissenschaft.

Die Mahavyutpatti Ein bedeutendes Werk des 9. Jahrhunderts ist die Mahāvyutpatti, ein sanskrit-tibetisches Wörterbuch buddhistischer Terminologie, das unter König Thri Relpacen (tib.: khri ral pa can) angefertigt wurde.

Dunhuang In der Oasenstadt Dunhuang wurde etwa im Jahr 950 eine große Bibliothek mit u. a. tibetischen, uigurischen und chinesischen buddhistischen Texten eingemauert, um sie der Vernichtung durch Muslime zu entziehen. Die tibetischen Texte aus den Dunhuang-Grotten und aus Hotan gelten als die ältesten erhaltenen tibetischen Bücher überhaupt. Auch die Vernichtung der buddhistischen Literatur von Gandhara und Indien (vgl. Nalanda) kann weitenteils nur von der tibetischen Übersetzungsliteratur abgedeckt werden. Die alte tibetischsprachige Literatur gilt als die bei weitem vollständigste Überlieferung buddhistischer Traditionen, die sich darüber hinaus bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in einer religiösen splendid isolation auf höchstem Niveau erhalten konnten.

Klassische Literatur (11. Jh.–1950) Die Epoche der klassischen Literatur umfasst den Großteil der tibetischen Texte, die während der sogenannten zweiten Verbreitung seit der Jahrtausendwende entstanden sind.

Die Beschreibung und teilweise Umdeutung der grammatischen Regeln nach Thonmi Sambhota mit dem Ziel, alte Texte verständlich zu machen oder korrekter zu schreiben, bildet einen nicht unbeträchtlichen Bestandteil der klassischen Literatur.

Textkomposition miniatur|Mongolische, tibetische, chinesische und mandschurische Schrift an einem der Eingänge des Lamatempels in Peking Sakya Panditas (1182–1251) Prinzipien der indo-tibetischen Scholastik (tib.: mkhas pa 'jug pa'i sgo) und die Übersetzung Dandins Spiegel der Poesie (Kavyadarsha; tib.: snyan ngag gi me long) markieren die Einführung normativer Regeln der Textkomposition, die bis 1950 Gültigkeit behalten sollten.

Dem sechsten Dalai Lama Tshangyang Gyatsho werden zahlreiche Gedichte (tib.: snyan ngag) oft weltlichen Inhalts von großer Poesie zugeschrieben. Er hatte seine Mönchsgelübde zurückgegeben und sich auch bald aus den Regierungsgeschäften zurückgezogen.

Literatur des Bön

Siehe: Bön

Buddhistische kanonische Literatur miniatur|Kanjur und Tanjur in einer Klosterbibliothek Durch die Einführung der Schrift in Zentraltibet wurde die großangelegte Übersetzung indischer Werke ins Tibetische möglich. In mehr als drei Jahrhunderten wurden ab der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts zahlreiche Texte aus dem Sanskrit übersetzt, die dann in den kanonischen Werksammlungen Kanjur und Tanjur (tib.: bka' 'gyur; „Übersetzung der Worte“ und tib.: bstan 'gyur; „Übersetzung der Lehre“) zusammengefasst wurden. Diese zentrale religiöse Literatur, der buddhistische Kanon, ist in einem besonderen Typ der klassischen Schriftsprache verfasst, die vermutlich im Großen und Ganzen eine stark vom Original beeinflusste künstliche Standardsprache darstellt.

Terma-Literatur Eine Neuerung ist in der tibetisch-buddhistischen Literatur innerhalb der Terma-Literatur (tib. gter ma; wörtlich „Schätze“) gegeben. Belehrungen großer Meister wie Padmasambhava überlebten die Zeit der Vernichtung des Buddhismus unter König Lang Darma (9. Jahrhundert) dadurch, dass sie „versteckt“ wurden. Sie wurden später von Autoren „wiederentdeckt“. Dabei findet die Wiederentdeckung durchaus auch einfach nur mental, nicht physisch statt, das heißt, der (meditativ erfahrene) Autor „sieht“ den versteckten Text und reproduziert ihn. Das berühmteste Beispiel ist das fälschlich Tibetisches Totenbuch genannte „Bardo Thödröl“ (tib.: bar do thos grol; wörtlich: „Die Befreiung durch Hören im Zwischenzustand“; ganz wörtlich: „Zwischenzustand-Hörbefreiung“). Gemäß dem Bardo Thödröl erlebt der Bewusstseinsstrom eines Menschen, der gestorben ist, ohne besondere Einflussmöglichkeiten verschiedene Erfahrungen, die als Farben, Synästhesien, oder Götter und Dämonen beschrieben werden können. Um einen Verstorbenen in dieser Situation anzuleiten, gibt es verschiedene Methoden, damit er oder sie diese Visionen als Illusionen der Qualitäten seines eigenen Geistes erkennt. Die leichteste besteht darin, den Geist durch Vorlesen (Erklären) anzuleiten. Der Verstorbene muss dazu allerdings ein Kenner der Symbolik des Bardo Thödröl gewesen sein.

Biografien und religiöse Gesänge miniatur|Statue Milarepas in der Milarepa Gompa in Nepal Einige große Meister verfassten originär religiöse Gesänge, die als (sehr schöne) Literatur gelten können. Dies beginnt mit den von Milarepa überlieferten Vajra-Liedern und geht bis zu Texten wie Peltrül Rinpoches (tib.: dpal sprul rin po che) „Belehrung nützlich am Anfang, in der Mitte und am Ende“. Biografien (tib.: rnam thar) großer Meister sind eine wichtige Textsorte, darin sind dann oft auch gleich dessen Gesänge. Die bekanntesten Biografien der tibetischen Literatur sind die von Marpa und Milarepa aus dem 15. Jh. von Tsang Nyon Heruka (1452–1507), die bis heute gedruckt und gelesen werden.

Geschichtsschreibung Die tibetische Literatur weist eine Reihe historiographischer Gattungen auf: Chöchung/Chöjung (tib.: chos 'byung): Das tibetische chos 'byung bedeutet so viel wie Geschichte der Lehre. Die Textgattung gibt eine genaue Beschreibung, wie die buddhistische Lehre oder eine bestimmte Lehrtradition in einem Land oder einer Region Verbreitung gefunden hat. Debther (tib.: deb ther): Das tibetische deb ther ist dem Mongolischen entlehnt und wird gewöhnlich mit Annalen wiedergegeben. Dieser Gattung gehören nur wenige Texte an. Das wohl bekannteste und schon früh von Gendün Chöphel (tib.: dge 'dun chos 'phel) und George Nicholas Roerich 1949 ins Englische übersetzte Beispiel sind die Blauen Annalen des Gö Lotsawa Shönnu Pel (1392–1481); die Roten Annalen und die Weißen Annalen gehören ebenfalls zu dieser Gattung. Tentsi (tib.: bstan rtsis): ‚Berechnungen des Anbeginns der Lehre‘; hier wird ausgehend vom Abfassungsdatum der Tag Buddhas Geburt berechnet. Logyü (tib.: lo rgyus): ‚Geschichte‘, so werden überwiegend moderne historiographische Texte bezeichnet.

Moderne und Zeitgenössische tibetische Literatur (ab 1950) In der Volksrepublik China Während der Großen Proletarischen Kulturrevolution wurden in der Region Tibet tausende Klöster zerstört. Auch viele Literaturschätze des Landes wurden zerstört, indem Bücher beispielsweise als Brenn- oder Baumaterial benutzt wurden. Nur teilweise konnten Texte und Bücher ins Exil gerettet, bzw. durch das traditionelle Auswendiglernen im Exil neu aufgelegt werden.

Literarische Produktion von 1950–1980