mini|Überreste von Häusern im Bandelier National Monument

Die Archäologie in Nordamerika unterscheidet sich wesentlich von derjenigen in Europa und wird dort traditionell als Teilgebiet der Anthropologie (Wissenschaft des Menschen; Völkerkunde) gesehen. Der Grund dafür liegt darin, dass es aus der Zeit vor der Eroberung durch die Europäer keine schriftlichen Zeugnisse gibt – die Indianer kannten keine Schrift – und auch mündliche Überlieferungen äußerst rar sind. Die Archäologen müssen also die ganze vorkoloniale Geschichte Nordamerikas aus den Hinterlassenschaften und Ruinen der Völker, die einst den Kontinent besiedelten, rekonstruieren.

Erst in den 1960er-Jahren kamen allmählich Methoden auf, die sich nicht ausschließlich auf Artefakte als Grundlage für die archäologischen Forschungen stützten. Man versuchte jetzt, Erkenntnisse aus der Ethnologie mit den bisherigen Forschungen zu verknüpfen. Die Ethnologen betrieben kulturökologische Forschungen, versuchten also, das Zusammenleben der Menschen zu ergründen und die Kulturentwicklung des Menschen zu erörtern, während die traditionelle Archäologie sehr materiell orientiert war.

Rahmenbedingungen Entdeckung Nordamerikas mini|Das Nordmeer auf einer alten Karte von 1573

Generell wird heute die Entdeckung Amerikas Christoph Kolumbus zugerechnet, wenn auch inzwischen gesichert ist, dass Wikinger zur Zeit Erik des Roten bereits Nordamerika erreicht hatten. Kolumbus hatte aber – obwohl er selbst den Kontinent nie betreten hatte – die ersten schriftlichen Berichte von Amerika und den „Indianern“ nach Europa gebracht. Kolumbus hatte versucht, die Indianer darüber zu befragen, woran sie glaubten und wohin sie einst glaubten, zu gehen. Die Erkenntnisse darüber – wenngleich sie Kolumbus selbst als Sagen ohne einen Nutzen bezeichnet – führten immerhin dazu, dass 1537 die päpstliche Bulle Sublimis Deus Indianer als „vernunftbegabte Wesen mit einer Seele“ und somit als „Menschen“ bezeichnete, obwohl in der Bibel keinerlei Hinweise auf „Rothäute“ zu finden sind.

Spanische Eroberungen von Mexiko her mini|Titelseite von Brevísima relación de la destrucción de las Indias von Bartolomé de Las Casas, 1552 Die eigentliche Eroberung Nordamerikas geschah nach 1492 durch die Spanier von Süden her. Das Vordringen der Engländer und der Franzosen von Osten und Südosten her folgte viel später.

Es ist hinreichend bekannt, dass die Spanier bei ihrer Eroberung der Neuen Welt äußerst unzimperlich vorgingen und auf der Suche nach dem sagenumwobenen Eldorado Leichen ohne Zahl zurückließen. Getrieben wurden sie vom unermesslichen Reichtum, über den die indigene Bevölkerung angeblich verfügte – und den die hoffnungslos verschuldete spanische Krone dringend benötigte. Der einzige, der den Mut hatte, sich gegen die Eroberer zu stellen war Bischof Bartolomé de Las Casas, der 1552 seinen „kurzgefassten Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder“ schrieb. Er war der einzige – soweit bekannt – der die Indianer als eigenes Volk akzeptierte und ihre Kultur schätzte. Zumindest in Mittel- und Südamerika bei den Azteken und Inkas war der Begriff der „Kultur“ auch offensichtlich angebracht, bei den Indianern Nordamerikas sollte das noch lange umstritten bleiben. Auch Las Casas hielt sich selbst indianische Sklaven, behandelte sie aber menschlich. Besonders schwer klagt er die Spanischen Missionen an, deren Hauptaufgabe die Verbreitung des katholischen Glaubens in der neuen Welt war. Tatsächlich tauften sie jedoch die Menschen vorwiegend zu dem Zweck, sie anschließend zu versklaven und ihrer Freiheit und angestammten Lebensweise zu entreißen.

Diese Umstände – beispielhaft wurden hier die Spanier genannt, die Engländer und Franzosen verhielten sich bei ihren Eroberungsfeldzügen nicht besser – führten dazu, dass niemand die Indianer nach ihrer Kultur, ihrer Religion oder ihrer Vergangenheit fragen konnte. Jene, die etwas dazu zu sagen gehabt hätten, wurden umgebracht oder, im weniger schlimmen Fall, verloren das Vertrauen in die Weißen, ihnen darüber zu berichten. Und wissen wollte es sowieso niemand.

mini|Frühe Karte Nordamerikas mini|links|Die ungefähre Reiseroute von Cabeza de Vaca Die meisten dieser Gräuel der ersten Eroberungswelle im 16. Jahrhundert wurden in Mittelamerika begangen. Nordamerika, und insbesondere der Nordwesten, war noch ein weißer Fleck auf der Landkarte. Noch auf Karten des 17. Jahrhunderts war an der Stelle der heutigen Bundesstaaten Washington, Yukon, British Columbia, Nordwest-Territorien und Alaska lediglich ein Ozean eingezeichnet.

Erste Berichte und erstes Vordringen nach Nordamerika Die ersten Berichte, die auch niedergeschrieben wurden und heute als eine wichtige Quelle über die Zeit vor der europäischen Eroberung dienen, formulierte Cabeza de Vaca. Er war der Erste, der Nordamerika von Osten nach Westen durchquerte – zu Fuß und in nicht weniger als acht Jahren. Er beschrieb als erster die Sitten und Gebräuche der Indianer Nordamerikas, unter denen er die ganze Zeit leben musste, um zu überleben. Zunächst als Sklave, später machte er sich einen Ruf durch Wunderheilungen im Namen des Kreuzes, die ihm immer wieder gelangen, was ihm selbst aber auch nicht geheuer war.

Nachdem de Vaca Mexiko erreicht hatte, flammte eine alte Sage neu auf, die bereits viel Elend in die Neue Welt gebracht hatte: Jene von den Sieben Städten von Cibola. Diese Legende berichtete von sieben sagenumwobenen Städten, deren Plätze und Straßen mit Gold gepflastert und deren Türen mit Edelsteinen besetzt sein sollten. De Vaca selbst gilt als sehr differenzierender Beobachter. Seine Berichte sind entsprechend vielschichtig und beschreiben die Realität der indianischen Kulturen, unter denen er acht Jahre lang leben musste, sehr genau und ohne Vorurteile. Doch hören wollten alle nur von den mächtigen Königreichen und dem vielen Gold im Norden. Schließlich wurden seine Berichte über Städte, von denen auch er selbst nur gehört hatte, mit mehrstöckigen Häusern und festungsähnlichem Aufbau, als die gesuchten Städte interpretiert (es handelte sich „nur“ um die später als Pueblos bekannten Siedlungen). De Vaca wurde gar vorgeworfen, das wahre Geheimnis des Reichtums für sich zu behalten.

Estevanico, der mit de Vaca Nordamerika durchquert hatte, machte sich im Jahr 1539 zusammen mit Fray Marcos de Niza auf, um diese sagenumwobenen Städte zu finden. Die Expedition fand zwar einige der mehrstöckigen Pueblos, konnte sie auch erobern, aber den gesuchten Reichtum fanden sie nicht. Das einzige, was es in diesen Städten reichlich gab, war Mais, doch für die Spanier, die nach der langen Reise müde und hungrig waren, war das zunächst annähernd gleichwertig.

Ausdehnung des spanischen Territoriums mini|Spanische Missionsstation, hier in Mexiko

Um ihren Einfluss in ihren Kolonien auszubauen, benutzten die Spanier ein System, das später als Spanische Missionen bekannt wurde. Franziskaner, Dominikaner, Jesuiten und Augustinermönche betrieben Missionsstationen, mit denen sie den katholischen Glauben verbreiteten. Sie tauften die Indianer und wiesen ihnen Arbeiten in der Station zu, die bald zu den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Zentren der eroberten Gebiete wurden. Solche Stationen gab es in allen südlichen und südwestlichen Gebieten der heutigen USA: Florida, Texas, New Mexico, Arizona und Kalifornien. Bis auf den Rückschlag beim sogenannten Pueblo-Aufstand in New Mexico 1680 gelang es den Einheimischen nirgends, genügend Kräfte aufzubieten, um den Spaniern die Stirn zu bieten. Vielerorts ließen sich die Indianer auch freiwillig taufen, vorwiegend aus Neugierde und um am Handel der Stationen beteiligt zu sein. Dass sie dadurch ihre Freiheit verloren, bemerkten sie erst viel zu spät. Und natürlich interessierte sich niemand für ihre Kultur.

Vordringen der Amerikaner nach Westen

mini|Indianisches Massengrab, um 1890 mini|Ishi, einer der letzten Überlebenden des Yana-Stammes in Kalifornien (1914) Im 19. Jahrhundert drangen nun die Amerikaner von Osten her gegen den Westen vor. Auch für sie zählte der Indianer nichts. Die Weißen, darunter auch viele, die als Revolverhelden die Grenzen des Gesetzes nicht so genau nahmen, drangen zu hunderttausenden in den Westen vor. Besonders in den 1840er- und 1850er-Jahren, infolge des Goldrausches in Kalifornien siedelten viele in den Westen über. In dieser Zeit wurden viele Indianerstämme, die noch verblieben waren, regelrecht niedergemetzelt. Diese Metzeleien gingen bis 1868 weiter. Danach verschwanden die Indianer Kaliforniens von der Bildfläche. Wie sich später herausstellte, hatten sie es geschafft, fast 40 Jahre lang im Verborgenen zu leben und ihre Wege durch (die später mystifizierten) Schleichtechniken zu verbergen.

Der letzte Indianer, der auch als erster von den Bräuchen und Gebräuchen seines Volkes, den Yana, erzählte, war Ishi. Er war von 1911 bis zu seinem Tod 1916 die Hauptattraktion des Museums von San Francisco.

Zusammenfassung Aufgrund der Art, wie Nordamerika erobert wurde, ist unschwer zu erkennen, dass es kaum Überlieferungen über das Leben und die Kultur der indianischen Völker gab, als man sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich mit der Vergangenheit dieses Kontinents und seiner Bewohner zu befassen begann. Als weitere Schwierigkeit kam hinzu, dass die Indianer keinerlei Schriftsystem entwickelt hatten, auch eine Bildsprache war, bis auf wenige kultische Figuren, nicht vorhanden. Zudem waren, das war schon früh erkannt worden, viele Stämme längst aus unbekannten Gründen verschwunden und ihre Städte verlassen, lange bevor die Europäer gekommen waren. Die einzige Möglichkeit, etwas über diese Völker herauszufinden, besteht also darin, ihre Überreste zu analysieren. Die Archäologie Nordamerikas hat also durchgehend mit Urgeschichte zu tun.

Geschichte der Archäologie in Nordamerika Erste archäologische Versuche mini|Erster Altertumsforscher Amerikas: Thomas Jefferson Als eine Art Begründer der Archäologie als Wissenschaft (und nicht nur als Plünderung und Grabräuberei) gilt ein Mann, der für vieles bekannt wurde, aber nicht für seine naturwissenschaftlichen Forschungen: Thomas Jefferson, Verfasser der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten und später dritter Präsident der Vereinigten Staaten. 1781 schrieb er seine Notes on VirginiaAutobiography, Notes on the State of Virginia, Public and Private Papers, Addresses, Letters, Cambridge University Press, 1984, ISBN 0-521-26344-1, die in dreiundzwanzig Kapiteln ausführlich über Topographie, Geologie, Ökonomie und Politik, Zoologie und Botanik, Mineralien und Marine und über die „Ureinwohner“ berichtet. Im Zusammenhang mit der Archäologie interessiert natürlich vor allem Letzteres. Jefferson berichtet darüber als „den ersten Versuch einer wissenschaftlich überlegten archäologischen Ausgrabung“.Ceram, Seite 19

Als erster führt Jefferson eine systematische Grabung durch einen sogenannten Mound, von denen noch die Rede sein wird, durch. Er gilt damit als Begründer der Stratigraphie, der Schichtenlehre, also der Bestimmung des (relativen) Alters von unter Erde verborgenen Gegenständen und Knochen aufgrund ihrer Lage zueinander.

Pioniere der Archäologie Systematische Ausgrabungen von Mounds und Erdwerken der Hopewell-Kultur und der Mississippi-Kultur begannen mit Ephraim George Squier und Edwin H. Davis, die in den 1840er Jahren in den Tälern des Ohio Rivers und des Mississippi Rivers gruben. Sie veröffentlichten 1848 Ancient Monuments of the Mississippi Valley als ersten Band in der Schriftenreihe der neu gegründeten Smithsonian Institution.