mini|Wilhelm I. in Uniform mit Orden, Porträtfoto von Wilhelm Kuntzemüller (1884) rahmenlos|zentriert|Signatur Wilhelm I., mit vollem Namen Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen (* 22. März 1797 in Berlin; † 9. März 1888 ebenda), aus dem Haus Hohenzollern war von 1861 bis zu seinem Tod König von Preußen und seit der Reichsgründung 1871 erster Deutscher Kaiser. Als zweitgeborener Sohn Friedrich Wilhelms III. wurde er zunächst nicht auf die Aufgaben eines Monarchen vorbereitet, sondern schlug eine militärische Laufbahn ein. Infolge des Dekabristenaufstandes 1825 in Russland und der Julirevolution von 1830 in Frankreich entwickelte Wilhelm eine ausgeprägte Revolutionsfurcht. Da sein älterer Bruder König Friedrich Wilhelm IV. kinderlos blieb, avancierte Wilhelm zum Thronfolger. Die Öffentlichkeit nahm ihn als Symbolfigur der antiliberalen Militärpartei am preußischen Hof wahr. Wilhelms Haltung während der Märzrevolution 1848 ist in der Forschung umstritten. Der Prinz wird von Historikern aber meist als Befürworter eines gewaltsamen Vorgehens gegen die Demonstranten angesehen. 1849 ließ er als Oberbefehlshaber die Revolutionen in der Pfalz und in Baden blutig niederschlagen. Den deutschen Nationalismus betrachtete er zunehmend als ein mögliches politisches Instrument für Preußens Krone.

1858 übernahm Wilhelm für seinen erkrankten Bruder die Regentschaft. In der politischen Öffentlichkeit förderte der Thronwechsel Hoffnungen auf eine Neue Ära. Da der Prinzregent, ab 1861 König von Preußen, jedoch auf eine konservative Heeresreform hinarbeitete, eskalierte kurz darauf ein Streit mit dem Abgeordnetenhaus zu einem Verfassungskonflikt. Im Kampf gegen das Parlament berief Wilhelm 1862 Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten. Mit dessen Unterstützung wurde der Verfassungskonflikt 1866 beigelegt. Durch die drei Einigungskriege 1864–1871 erreichte Preußen eine gewaltige Machtsteigerung. Nach der Reichsgründung wurde Wilhelm am 18. Januar 1871 im Schloss Versailles bei Paris zum Deutschen Kaiser proklamiert. In der Innenpolitik setzte Wilhelm auf eine konservative Linie, um einer weiteren Parlamentarisierung des Deutschen Reiches entgegenzuwirken. Er unterstützte Bismarcks Maßnahmen gegen die Sozialdemokratie. Außenpolitisch betrieb er bis Anfang der 1880er Jahre vor allem eine Annäherung an das Zarenreich, anschließend befürwortete er einen territorialen Status quo zwischen Österreich-Ungarn und Russland auf dem Balkan. Inwieweit der Kaiser von Bismarck dominiert war oder doch eigenständig agierte, ist in der Forschung umstritten. Die Öffentlichkeit im Deutschen Kaiserreich nahm Wilhelm zunehmend als eine nationale Identifikationsfigur wahr. Hierzu trugen insbesondere öffentlichkeitswirksame Inszenierungen durch Massenmedien, Memoiren, fotografische Vervielfältigungen, Paraden, Einzüge und Denkmäler bei.

Leben Kindheit und Erfahrung der napoleonischen Kriege (1797–1815)

Wilhelm war der zweitgeborene Sohn des Kronprinzenpaares Friedrich Wilhelm und Luise von Preußen. Deshalb stand sein älterer Bruder, der spätere König Friedrich Wilhelm IV., vor ihm in der Thronfolge.Jan Markert: „Wer Deutschland regieren will, muß es sich erobern“. Das Kaiserreich als monarchisches Projekt Wilhelms I. In: Andreas Braune, Michael Dreyer, Markus Lang, Ulrich Lappenküper (Hrsg.): Einigkeit und Recht, doch Freiheit? Das Deutsche Kaiserreich in der Demokratiegeschichte und Erinnerungskultur (= Weimarer Schriften zur Republik, 17). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-515-13150-6, S. 11–37, hier S. 13. Entsprechend widmete ihr gemeinsamer Hauslehrer Johann Friedrich Gottlieb Delbrück seine Erziehung und Lehre hauptsächlich Friedrich Wilhelm. Von seinem vierten bis zwölften Lebensjahr stand Wilhelm unter Delbrücks Obhut, der zuvor als Rektor am Magdeburger Pädagogium tätig gewesen war. Als Verfechter des Philanthropismus, eines aufklärerischen Erziehungskonzeptes, gestand Delbrück den Kindern Freiheiten wie Spielen und Tanzen zu.Rita Weber: Wilhelm I. Nicht zum König geboren. Nicht zum König erzogen. In: Martina Weinland (Hrsg.): Im Dienste Preußens. Wer erzog Prinzen zu Königen? Henschel, Berlin 2001, ISBN 978-3-89487-404-9, S. 153–172, hier S. 153. Wilhelm verbrachte an der Seite seines Bruders eine glückliche Kindheit. Obwohl das Hofprotokoll nur einen zeitlich begrenzten Kontakt zu den Eltern vorsah, stand Wilhelm vor allem zu seiner Mutter Luise in einem engen Verhältnis.Robert-Tarek Fischer: Wilhelm I. Vom preußischen König zum ersten Deutschen Kaiser. Böhlau, Köln 2020, ISBN 978-3-412-51926-1, S. 27.

Sein Vater, seit November 1797 als Friedrich Wilhelm III. König von Preußen, sah für ihn eine militärische Laufbahn vor.Robert-Tarek Fischer: Wilhelm I. Vom preußischen König zum ersten Deutschen Kaiser. Böhlau, Köln 2020, ISBN 978-3-412-51926-1, S. 28. Er entwickelte sich, wie Wolfram Siemann meint, „durch und durch [zu einem] Soldaten“. Das Militärische blieb für ihn zeit seines Lebens von großer Bedeutung.Wolfram Siemann: Gesellschaft im Aufbruch. Deutschland 1849–1871. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1990, ISBN 978-3-518-11537-4, S. 201. Auf Wilhelm wirkte sich auch die Niederlage Preußens im Vierten Koalitionskrieg prägend aus. Er floh 1806 zusammen mit seinen Geschwistern vor den anrückenden französischen Truppen aus Berlin nach Memel, an den äußersten Rand des preußischen Königreiches.Rita Weber: Wilhelm I. Nicht zum König geboren. Nicht zum König erzogen. In: Martina Weinland (Hrsg.): Im Dienste Preußens. Wer erzog Prinzen zu Königen? Henschel, Berlin 2001, ISBN 978-3-89487-404-9, S. 153–172, hier S. 159. An seinem zehnten Geburtstag wurde er zum Fähnrich ernannt, den damals niedersten Offiziersrang der Infanterie,Robert-Tarek Fischer: Wilhelm I. Vom preußischen König zum ersten Deutschen Kaiser. Böhlau, Köln 2020, ISBN 978-3-412-51926-1, S. 32. im Oktober 1807 trat er in das 1. Garde-Regiment zu Fuß ein.Franz Herre: Kaiser Wilhelm I. Der letzte Preuße. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1980, ISBN 3-462-01409-9, S. 42. In der folgenden Zeit wurde er im Exerzieren und dem Abnehmen von Paraden geschult. Nach Meinung seines Umfeldes, etwa der Königin, zeigte sich der häufig kränkelnde Wilhelm in seinen Offiziersaufgaben überfordert.Robert-Tarek Fischer: Wilhelm I. Vom preußischen König zum ersten Deutschen Kaiser. Böhlau, Köln 2020, ISBN 978-3-412-51926-1, S. 36–37. Als der Prinz 13 Jahre alt war, starb seine Mutter Luise.Robert-Tarek Fischer: Wilhelm I. Vom preußischen König zum ersten Deutschen Kaiser. Böhlau, Köln 2020, ISBN 978-3-412-51926-1, S. 39. Zu einer Art Ersatzmutter für Wilhelm entwickelte sich seine Tante Luise Radziwiłł. In deren Tochter Elisa Radziwiłł fand er eine Spielgefährtin, in die er sich als Jugendlicher verliebte.Karin Feuerstein-Praßer: Augusta. Kaiserin und Preußin. München 2011, ISBN 978-3-492-26456-3, S. 41, 44.

Im Winter 1813/1814 gab Friedrich Wilhelm III. dem seit Beginn der Befreiungskriege geäußerten Wunsch des Prinzen nach, ihn ins Feld ziehen zu lassen, sorgte jedoch dafür, dass er an den Schlachten stets nur aus sicherer Entfernung teilnahm. Das Geschehen sollte dem jungen Prinzen als Anschauungsmaterial bei der Erlernung des Kriegshandwerks dienen. Entsprechend unterrichtete ihn ein Oberst in militärstrategischen Überlegungen. Die Gelegenheit, selbst an einer Schlacht teilzunehmen, erhielt er am 27. Februar 1814 in der Schlacht von Bar-sur-Aube. Zusammen mit dem König fand sich Wilhelm – ohne dass es geplant war – im gegnerischen Gewehrfeuer wieder.Rita Weber: Wilhelm I. Nicht zum König geboren. Nicht zum König erzogen. In: Martina Weinland (Hrsg.): Im Dienste Preußens. Wer erzog Prinzen zu Königen? Henschel, Berlin 2001, ISBN 978-3-89487-404-9, S. 153–172, hier S. 163. Zu Pferd begleitete der Prinz den Angriff eines Kavallerieregiments.Guntram Schulze-Wegener: Wilhelm I. Deutscher Kaiser, König von Preußen, Nationaler Mythos. Mittler, Hamburg/Bonn 2015, ISBN 978-3-8132-0964-8, S. 71. Für den kurzen Einsatz erhielt er am 5. März 1814 den russischen St.-Georgen-Orden und am 10. März 1814 das Eiserne Kreuz. Wilhelm selbst äußerte, dass die Auszeichnung ihm nur aufgrund seines Ranges zuerkannt worden sei.Guntram Schulze-Wegener: Wilhelm I. Deutscher Kaiser, König von Preußen, Nationaler Mythos. Mittler, Hamburg/Bonn 2015, ISBN 978-3-8132-0964-8, S. 71.

Jugend: Eheschließung, diplomatische Aufträge, Offizierslaufbahn und Residenzgestaltung Seit den 1820er Jahren zog ihn der König zu diplomatischen Beratungen heran. Wilhelm erhielt Informationen von den preußischen Gesandtschaften, führte einführende Unterredungen mit neu eingesetzten Diplomaten und wurde auf außenpolitische Missionen geschickt. Nach dem Tod Zar Alexanders I. stattete Wilhelm 1826 Nikolaus I. einen Antrittsbesuch ab.Dietmar Grypa: Der Diplomatische Dienst des Königreichs Preußen (1815–1866). Institutioneller Aufbau und soziale Zusammensetzung. Duncker & Humblot, Berlin 2008, ISBN 978-3-428-12363-6, S. 42–43.

Sein Aufenthalt fiel in die Zeit kurz nach dem Dekabristenaufstand, dessen blutige Niederschlagung und die sich anschließenden Hinrichtungen er als vorbildlich bewertete.Guntram Schulze-Wegener: Wilhelm I. Deutscher Kaiser, König von Preußen, Nationaler Mythos. Mittler, Hamburg/Bonn 2015, ISBN 978-3-8132-0964-8, S. 143–144. Gleichzeitig ließ der Aufstand bei ihm eine Furcht vor Revolutionen entstehen. Wie viele Monarchen und Politiker des Vormärz glaubte er fortan an geheime Verschwörungen, die auf einen Sturz der gekrönten Häupter Europas hinarbeiten. Er zog daraus die Schlussfolgerung, dass jedes Zugeständnis an eine Volkssouveränität durch repressive Mittel verhindert werden müsse.Jan Markert: „Wer Deutschland regieren will, muß es sich erobern“. Das Kaiserreich als monarchisches Projekt Wilhelms I. In: Andreas Braune, Michael Dreyer, Markus Lang, Ulrich Lappenküper (Hrsg.): Einigkeit und Recht, doch Freiheit? Das Deutsche Kaiserreich in der Demokratiegeschichte und Erinnerungskultur (= Weimarer Schriften zur Republik, 17). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-515-13150-6, S. 11–37, hier S. 13–14. Wilhelms diesbezügliche Sympathien für das autokratisch regierte Russland gewannen auch politisch an Bedeutung, denn der neue Zar war mit seiner Schwester Charlotte verheiratet.Robert-Tarek Fischer: Wilhelm I. Vom preußischen König zum ersten Deutschen Kaiser. Böhlau, Köln 2020, ISBN 978-3-412-51926-1, S. 63.

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