Transamazônica ist der umgangssprachliche Straßenname der Fernstraße BR-230 in Brasilien, die am Atlantik in Cabedelo (Paraíba) beginnt und derzeit in Lábrea (Amazonien) nach 4342 Kilometern endet.
Etymologie Das Wort „Transamazônica“ erschien ersichtlich erstmals 1973 als „Straße durch das Amazonasgebiet“Isolde Nortmeyer, Die Präfixe inter- und trans-: Beiträge zur Lehn-Wortbildung, 2000, S. 307., die in der Brockhaus Enzyklopädie 1973 als „Straße, die N-Brasilien (Amazonien) von João Pessoa und Recife bis Boa Esperança an der Grenze Perus … durchqueren und dort an die Transandina nach Lima anschließen soll.“Brockhaus Enzyklopädie (Hrsg.), Der große Brockhaus, 1973, S. 1966 ff.
Allgemeines Die Transamazônica ist eine der längsten Straßen der Welt und die zweitlängste Fernstraße in Brasilien nach der BR-101. Sie soll künftig den Flächenstaat Brasilien von Ost nach West bis nach Lima (Peru) durchqueren. Sie ist überwiegend eine Naturstraße ohne Asphaltdeckschicht, die meist dem Gütertransport dient. Insbesondere in Amazonien ist sie der einzige traversale Landweg; ansonsten stehen nur die zahlreichen Wasserwege des Flusssystems des Amazonas zur Verfügung. Die unentwickelte Amazonas-Region wurde deshalb ab 1964 in die brasilianische Wirtschaftsplanung einbezogen.Gerd Kohlhepp, Regenwaldzerstörung im Amazonasgebiet Brasiliens, in: Friedrich-Verlag (Hrsg.), Geographie heute, 1983, S. 38 Die Transamazônica gilt als die längste Lehmpiste der Welt.
Der Bedarf einer Verkehrsinfrastruktur durch Straßenverkehr im Amazonas-Regenwald ist nur mit Bodenschätzen (Gold, Edelsteine), der Holzwirtschaft (Tropenholz) und der Landwirtschaft (Agrarprodukte wie Sojabohnen, deren Anbaufläche sich von 4000 km² auf 46.000 km² verzehnfacht hatDIE ZEIT online vom 8. Juni 2021, Soja-Anbau im Amazonas binnen weniger Jahre vervielfacht.) zu erklären, denn es gibt dort eine extrem geringe Besiedlungsdichte, deren Transportbedarf durch Wasserstraßen erfüllt wird. Wurden Rohstoffe entdeckt, ließ der Straßenbau nicht lange auf sich warten.Aus dieser Erfahrung resultiert der brasilianische Spruch: „Warte nur bis die Straße kommt“ (.) Die Straße soll den Transport von Agrarprodukten beschleunigen.Harenberg Lexikon-Verlag (Hrsg.), Harenberg Länder-Lexikon 1995/1996, 1995, S. 81.
Geschichte Bereits im November 1964 zeigte die Militärregierung unter Humberto Castelo Branco mit dem Landgesetz (), dass ihr die fehlende Entwicklung des Nordostens und die Notwendigkeit einer Agrarreform bewusst war. Sie schonte jedoch die Großgrundbesitzer () und bevorzugte stattdessen die Kolonisierung Amazoniens durch Landlose.Hans-Joachim König, Geschichte Brasiliens, 2014, o. S. Der Slogan lautete: „Ein Land ohne Menschen für Menschen ohne Land“ ().Birgit Weiler, Mensch und Natur in der Kosmosvision der Aguaruna und Huambisa und in den christlichen Schöpfungsaussagen, 2011, S. 53.
Die Raumplanung in Brasilien sah Entwicklungsachsen vor, von denen eine die Ost-West-Richtung als Querverbindung erschließen sollte. Im Juli 1970 veröffentlichte die Regierung ihr „Nationales Integrationsprogramm“ (, PIN) zur Erschließung des Amazonas-Beckens, in welchem damals knapp 4 % der brasilianischen Bevölkerung mit einer Bevölkerungsdichte von gerade 1 Einwohner pro Quadratkilometer wohnte.Martin Schwind/Erich Obst, Allgemeine Staatengeographie, 1972, S. 181. Es handelte sich ausschließlich um indigene Völker wie die Parakanân, für welche die FUNAI im Juli 1971 ein an die Transamazônica grenzendes Indianerreservat errichtete.Catherine Caufield, Der Regenwald: Ein schwindendes Paradies, 1987, S. 42. Das Bauprojekt der Straße sollte sowohl als Leitlinie für die Binnenwanderung aus dem Nordosten dienenInge Buisson, Entwicklungsstrategien in Lateinamerika in Vergangenheit und Gegenwart, 1983, S. 179. als auch den Amazonas als einzigem Transportweg für Personen- und Gütertransporte entlasten. Der Straßenbau stand vor großen Herausforderungen, denn sowohl der tropische Regenwald mit seinen Sumpfgebieten als auch zahlreiche südliche Nebenflüsse des Amazonas waren als natürliche Hindernisse zu überwinden.
Vorbild war die zwischen 1958 und 1960 gebaute Rodovia Belém-Brasília als Nord-Süd-Verbindung. Den Entwurf für die „Rodovia Transamazônica“ legte im Juni 1970 der deutschstämmige Ingenieur Walter Alves Reis vor.Peter Baumann/Erwin Patzelt, Das Amazonas-Dschungelbuch, 1980, S. 44. Er plante eine Streckenlänge von 4.997 km, von der jedoch nur 4.223 km realisiert wurden. Nach einer nur dreimonatigen Planung wurde das Straßenbauprojekt im September 1970 von 500 Ingenieuren, 11.000 Arbeitern und zwei Pionierbataillonen mit Unterstützung durch die Luftwaffe begonnen.Pick-Verlag (Hrsg.), Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, 1975, S. 253. Am 9. Oktober 1970 legte Präsident Emílio Garrastazu Médici in Altamira den Grundstein für den Streckenabschnitt von Altamira nach Itaituba.Rettet den Regenwald e. V. (Hrsg.), Regenwald-Report, Ausgabe 2–3, 2004, S. 15 ff. Das erste Teilstück von 1254 km zwischen Marabá und Tapajós wurde am 27. September 1972 durch Präsident Médici unasphaltiert dem Verkehr übergeben.Superintendência do Desenvolvimento da Amazônia (Hrsg.), A Amazônia é o novo Brasil, 1972, S. 62. Im März 1973 folgte die Übergabe des zweiten Teilstücks zwischen Itaituba und Humaitá. Die Fertigstellung verschlang Baukosten in Höhe von 156 Millionen US$.Stanley D. Brunn (Hrsg.), Engineering Earth, Volume 1, 2011, S. 577 f. Die komplette Teilstrecke von Marabà bis Altamira ist seit 1999 asphaltiert.
Das Straßennetz Amazoniens entwickelte sich bis 1999 wie folgt:Stanley D. Brunn (Hrsg.), Engineering Earth, Volume 1, 2011, S. 572.
Jahr Bundesstraßen (in km) Staatsstraßen (in km) Straßennetz gesamt (in km) 1968 400 0 400 1975 17.504 13.246 30.750 1981 18.672 31.044 49.716 1999 19.223 37.410 56.633
Enthalten sind asphaltierte und nicht asphaltierte Strecken.
Verlauf
Die Transamazônica durchquert sieben Bundesstaaten und verläuft durch den halbwüstenartigen Sertão in der Região Nordeste und endet im Regenwald des Amazonasbeckens in der Nähe des Äquators. Dabei führt sie durch die Bundesstaaten Paraíba, Ceará, Piauí, Maranhão, Tocantins, Pará und Amazonas. Zunächst folgt sie einer westlichen Richtung, führt durch Paraibas Hauptstadt João Pessoa und Campina Grande, nach Balsas im Bundesstaat Maranhão verdünnt sich das Straßennetz, und die BR-230 folgt nordwestlicher Richtung über Marabá bis Altamira im Bundesstaat Pará, von wo aus sie südlich parallel zum Amazonas verläuft. Es folgt Itaituba, wobei die BR-230 parallel zum Rio Tapajós führt und am Nationalpark Amazônia () entlang führt. Sie durchquert den nördlichen Teil des Indianerreservats Terra Indígena Tenharim Marmelos und erreicht, bereits in Amazonien, Humaitá. Allein zwischen Altamira und Humaitá befinden sich 148 Brücken. Nach Humaitá gibt es einen Anschluss an die BR-319von Porto Velho im Süden, während sich der nördlich nach Porto Velho führende Teil noch im Bau befindet., um dann vorerst in Lábrea zu enden.
Die Entfernungen zwischen einzelnen wesentlichen Ortschaften finden sich in folgender Tabelle, woraus sich beispielsweise zwischen Cabedelo und João Pessoa die kürzeste Entfernung von nur 18 km ergibt:In der Tabelle sind nicht alle an der BR-230 liegenden Orte angegeben, sondern nur die mit einem eigenen Artikel in Wikipedia.
Ortschaft Bundesstaat Entfernung (in km) Cabedelo 0 João Pessoa 18 Campina Grande 129 Balsas 1384 Araguatins 419 Marabá 137 Altamira 503 Itaituba 487 Humaitá 1048 Lábrea 217 Transamazônica gesamt 4342
Die Entfernungsangaben zwischen den Orten und der Gesamtstrecke differieren in den verschiedenen Quellen teilweise erheblich. Deshalb beträgt die addierte Gesamtstrecke der Tabelle 4.342 km, während die Literaturangaben zwischen 4.075 km und 4.900 kmArthur Tetzlaff-Verlag (Hrsg.), Internationales Verkehrswesen, Bände 31–32, 1979, S. 240. schwanken.
Die Transamazônica hat als transversal verlaufende Bundesstraße () Straßenkreuzungen mit Fernstraßen in Nord-Süd-Richtung wie die BR-010 (Belém-Brasilia), die BR-163 („Soja-Highway“), die BR-319 (Cuiabá-Porto Velho-Manaus-Boa Vista) oder die BR-163 (Cuiaba-Santarém).
Straßenzustand Die Transamazônica ist überwiegend eine Naturstraße.Peter Frey, Amazonien, 1983, S. 78. Durch den trockenen Nordeste führt sie als Schotterstraße, im feuchten Amazonas-Regenwald besteht der Straßenbelag aus Vertisol (). Gerade letzterer wird insbesondere in der Regenzeit und Übergangszeit in der Schwemmebene versumpft und tief durchwässert, so dass die Straße mit Geländewagen kaum oder nicht befahrbar ist.Peter Frey, Amazonien, 1983, S. 78. Mietbare Traktoren dienen örtlich für besonders schlechte Trassen als Zugfahrzeuge (etwa früher am legendären „Hügel der alten Frau“, ; Paraiba). In Amazonien sind zahlreiche Nebenflüsse des Amazonas wie Rio Tocantins, Rio Xingu, Rio Tapajós, Rio Madeira oder Rio Purus zu überwinden. Schmale Flüsse werden durch klapprige Holzbrücken (aus Baumstämmen) oder Stahlbrücken überquert, Fähren verbinden breite Flüsse (wie den Tocantins und Xingu). Durch das Belo-Monte-Wasserkraftwerk am Rio Xingu erfolgte im Jahre 2016 eine asphaltierte Umleitung der Transamazônica bei Altamira.
Der Straßenzustand ist sehr veränderlich, denn die Natur sorgt regelmäßig für Überwucherung oder Überschwemmung von Streckenabschnitten, Holzbrücken werden altersschwach und können zum Verhängnis werden. Mindestens zweimal im Jahr tauchen an mehreren Passagen erhebliche Straßenschäden auf.
Folgen des Straßenbaus Mit dem Bau der Transamazônica begann 1970 gleichzeitig die Phase der modernen Deforestation.Patrick Love/Ralph Lattimore, Esenciales, OCDE: Comercio Internacional, 2015, S. 116. Allerdings war die straßenbaubedingte Abholzung wesentlich geringer als der – größtenteils illegale – Kahlschlag in der Holzwirtschaft und wegen des Bergbaus.
Aus der Sicht der Ökologie und Bevölkerungspolitik war der Bau und ist der Weiterbau der Transamazônica selbst in Brasilien sehr umstritten. Auch aus der Perspektive der Verkehrserschließung war und ist das Projekt fragwürdig, weil den indigenen Völkern der Wasserverkehr genügte. Da in Amazonien das Straßennetz sehr dürftig ist, besitzt die Flussschifffahrt hier – vor allem in den Amazonas-Städten Belém, Manaus und Santarém – den Hauptanteil am Transportwesen.Verlag Karl Baedeker (Hrsg.), Brasilien, 2019, S. 128. Deshalb kann die Erschließung für den Straßenverkehr nur mit der ökonomischen Nutzung des Amazonas-Regenwalds (Bergbau, Forstwirtschaft, illegaler Holzeinschlag, Landwirtschaft) erklärt werden, die logistisch bewältigt werden muss, zumal ein Schiffstransport eine längere Transportzeit in Anspruch nimmt als ein streckenmäßig vergleichbarer Transportweg über die Straße. Die Straße könnte eine Übernutzung des Regenwaldes und der Agrarflächen fördern.