mini|hochkant=0.88|Richard Wilhelm Richard Wilhelm (Ab 1924 , wohl weil „“ (wèi) hptsl. militärisch benutzt wird und Leutnant bedeuten kann, „“ (ebenfalls wèi) aber „verteidigen“ oder „schützen“. Von R. W. auch in Langformen benutzt: Qīngdǎo Wèi Lǐxián () = „[Richard] Wilhelm von Tsingtau“ ist so auf den chinesischen Titelblättern der Originalausgaben im Eugen Diederichs-Verlag bis in die 1920er Jahre zu finden; die andere Langform war 1924: Běijīng Wèi Lǐxián () = „[Richard] Wilhelm von Peking“ (s. damaliges chinesisches Titelblatt des I Ging). Die letzte verwendete Version hieß Fólǎngfǔ Wèi Lǐxián () = „[Richard] Wilhelm von Frankfurt“. Der Personenname wäre eigentlich , die komplette phonetische Namenswiedergabe stattdessen wiederum . Dementsprechende Komplikationen sind bei allen Recherchen zu beachten., * 10. Mai 1873 in Stuttgart; † 1. März 1930 in Tübingen) war ein deutscher evangelischer Theologe, Missionar und Sinologe. Seine Übertragungen und Kommentare zu klassischen chinesischen Texten – insbesondere des I Ging – fanden weite Verbreitung. Er gründete 1925 das China-Institut der Universität Frankfurt, das er bis zu seinem Tod leitete.
Leben Jugend und theologische Ausbildung Richard Emil Wilhelm wurde 1873 in Stuttgart als Sohn des aus Oberweißbach (Thüringen) stammenden Glas- und Porzellanmalers Gotthilf Wilhelm (1832–1882) und seiner Ehefrau Friederike (geb. Kayser) geboren. Nach dem Tod des Vaters wurden Richard und seine Schwester Helene (geb. 1874) von der Mutter und Großmutter aufgezogen.
Nach der Elementarschule besuchte er ab 1881 das Realgymnasium, in der Absicht, später den väterlichen Hofmaler-Betrieb zu übernehmen. Aufgrund der finanziellen Schwierigkeiten der Familie nach dem Tod des Vaters wechselte er dann jedoch 1883 zum humanistischen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, um auf Wunsch der Mutter Pfarrer zu werden. Per mit dem Abitur verbundener Wettbewerbsprüfung in Tübingen (sogenannter „Konkurs“ für eine Freistelle)Siehe Vgl. auch Concours (Auswahlverfahren). wurde ihm 1891 der Eintritt das dortige evangelisch-theologische Stift ermöglicht, ohne dass Studien- und Unterhaltskosten anfielen. Während seines Theologie-Studiums im Stift und an der Universität Tübingen war er seit 1891 Mitglied der Studentenverbindung AG Rothenburg Tübingen.Tübinger Rothenburg (Hrsg.): Mitgliederverzeichnis der Tübinger Rothenburg 1978. Tübingen 1978, Nr. 82. Nach seiner Ordination in der Stuttgarter Stiftskirche 1895 wurde er Vikar in Wimsheim und 1897 in Boll. Die dortige Begegnung mit Christoph Blumhardt, der sich in seinen späten Jahren aus der engen Bindung mit der evangelischen Kirche löste und zu sozialen Fragen und der Sozialdemokratie bzw. SPD hingezogen fühlte, wurde für Wilhelm lebensbestimmend.„Richard Wilhelm solle ein Apostel Jesu Christi und nicht ein »Apostel der europäischen Christenwelt« sein. Er müsse in China eine politische Rolle spielen, dagegen sei sein Pfarrer-Dasein bloß »Nebensache«. Richard Wilhelm ermutigte er darin, die Taufe von Chinesen zu unterlassen und stattdessen Bildungseinrichtungen und Krankenhäuser aufzubauen.“ Jörg Hübner: Christoph Blumhardt. Prediger, Politiker, Pazifist. Eine Biographie. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2019, S. 186. Siehe auch Kapitel Tsingtau und Bad Boll: Hier beginnt der »Zukunftsstaat«!, ebenda S. 219–223.Siehe auch Christoph Blumhardt: Christus in der Welt. Briefe an Richard Wilhelm. Hrsg. v. Arthur Rich. Zwingli Verlag, Zürich 1958. Als Wilhelm Ende 1898 nach Backnang versetzt wurde, bewarb er sich mit Unterstützung Blumhardts erfolgreich bei der Protestantischen Weimarer Ostasien-MissionErster Schirmherr der Mission war Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach Carl Alexander. (Allgemeiner Evangelisch-Protestantischer Missionsverein – AEPM bzw. AepMV, ab 1929 Deutsche Ostasienmission) für eine Stelle des deutschen „Schutzgebietes“ im Kaiserreich China.
Familie Nach der Stellenzusage verlobte er sich im Januar 1899 mit Christoph Blumhardts Tochter Salome (1879–1958). Die Hochzeit mit Salome fand in Shanghai am 7. Mai 1900 statt. Aus dieser Ehe gingen vier Söhne hervor, die alle in Tsingtau geboren wurden: Siegfried, Manfred, Hellmut und Walt.
Siegfried Wilhelm (1901–1962) studierte Architektur. Er heiratete Annemarie Roth. Beide wurden Eltern von sechs Kindern. Bis 1938 lebte er in China und kehrte dann mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Manfred Wilhelm (1902–1985SINOLOGICA COLONIENSIA 28, Wei jiao zi ai „Schone dich für die Wissenschaft“, Leben und Werk des Kölner Sinologen Walter Fuchs (1902–1979) in Dokumenten und Briefen, Bearbeitet und herausgegeben von Hartmut Walravens und Martin Gimm, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2010, S. 195, .) wurde Maschinenbauingenieur und arbeitete von 1934 bis 1956 in China für verschiedene Firmen. Er heiratete Ruth Wang. Sie hatten einen Sohn. Hellmut Wilhelm (Wèi Démíng, , 1905–1990) legte 1928 sein Jura-Staatsexamen ab, wechselte danach zur Sinologie und absolvierte 1932 seine Promotion bei Otto Franke. Beide Ehefrauen waren jüdischer Abstammung: 1932 Maria Illch und danach 1951 Erika (Erica) Samuel, mit der er zwei Söhne bekam. Im Anschluss an seine Exilzeit in Peking während des Dritten Reiches erhielt er einen Lehrstuhl für Sinologie an der University of Washington. Walt Wilhelm (1910–1971) machte eine Ausbildung beim I.G. Farben-Konzern Bayer Leverkusen. Er heiratete zweimal; in jeder Ehe wurde eine Tochter geboren. Für die Firma Bayer arbeitete er nach seiner Ausbildung bis Ende der fünfziger Jahre hauptsächlich in China; danach in Hongkong und in Mailand im leitenden Management und wurde zuletzt Vorstandsmitglied bei Bayer in Köln.Biographie auf www.tsingtau.org. Zuletzt abgerufen am 30. August 2017.
Wirken in Tsingtau (Qingdao) mini|Das Gebiet um Tsingtau, Wirkstätte von Richard Wilhelm mini|Besiedlung und Kirche von Tsingtau (vor 1914) Nach einem Vorbereitungskurs in London brach Wilhelm am 12. April 1899 als Missionar im Dienst des AEPM in das Kaiserreich China auf. Am 12. Mai des Jahres kam er in Tsingtau (Qingdao) in der Provinz Schantung (Shandong) an. Das ehemalige Fischerdorf war ab 1897 als Verwaltungssitz und Marinestützpunkt der Kaiserlichen Marine (Ostasiengeschwader) ausgebaut worden, entwickelte sich aber auch als Handelshafen des damaligen deutschen Pachtgebietes Kiautschou (Jiāozhōu) zur Stadt. Das Gebiet war dem Reichsmarineamt unterstellt, mit Kapitänen zur See als Gouverneure,1898–1899 Carl Rosendahl, 1899–1901 Paul Jaeschke, 1901–1911 Oskar von Truppel, 1911–1914 Alfred Meyer-Waldeck, der bis 1920 in japanische Kriegsgefangenschaft geriet. hatte mit dem „Chinesenkommissar“ Wilhelm Schrameier (1859–1926)Schrameier, Wilhelm Ludwig In: Project Database “China and the West”. University of Zurich (UZH), abgerufen am 17. Januar 2026. aber einen zivilen Stellvertreter.
Richard Wilhelm war als Unterstützung für den wissenschaftlich wie auch vielfältig sinologisch ambitionierten Missionar Ernst Faber geplant, doch im Sommer erkrankten beide während einer Dysenterie-Epidemie, so dass Wilhelm nach Fabers Tod im September 1899 die dortige Leitung des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins übernahm und als Pfarrer und Pädagoge für die deutsche Bevölkerung und deren Kinder arbeitete. Ab April 1900 kam als Mitarbeiter (der spätere Sinologe) Wilhelm Schüler (1869–1935) hinzu.
Gleichzeitig lernte Wilhelm Chinesisch, was durch die Bekanntschaft mit dem Augenarzt Li Benjing in kultureller und literarischer Hinsicht vertieft wurde. Da chinesischen Kindern der Zugang zu regulären deutschen Schulen verwehrt war, gründete er im Mai 1900 zunächst im kleinen Rahmen das „Deutsch-Chinesische Seminar“, danach ab 20. Juni 1901 in einem neuen Gebäude (Shanghai Road 7) die sogenannte „Welichen“-Schule bzw. „Li Hiën Schu Yüan“ (Lǐxián shūyuàn-Oberschule, ), auch mit einheimischen Lehrern, um chinesischen Jungen neben ihrer Muttersprache Unterricht in deutscher Sprache und in Naturwissenschaften zu gebenLydia Gerber: Christianity for a Confucian Youth: Richard Wilhelm and His Lixian Suhyuan School for Boys in Qingdao, 1901–1912. – In: Anthony E. Clark (Hrsg.): A Voluntary Exile. Chinese Christianity and Cultural Confluence since 1552. Lehigh University Press, Bethlehem (Michigan) 2014, S. 117–143. – was für Absolventen einen chinesischen Hochschulbesuch ermöglichte; 1952 umbenannt, existiert sie heute noch als Quingdao Nr. 9 Mittelschule (die weiterhin seinen verkürzten Namen „Lixian“ trägt). Pionierarbeit leistete die Mission bei der Schulbildung der Mädchen, da diese ihnen bislang kaum zugänglich war – ihre traditionelle Stellung war von völliger Abhängigkeit in der (zukünftigen) Familie bestimmt und noch immer war die Verkrüppelung per Füßebinden üblich. Da koedukativer Unterricht nicht möglich war, folgten unter Beteiligung von Salome Wilhelm (die Deutsch lehrte) 1905 die „Me-I“-Mädchenschule (Měiyì shūyuàn, Auch geführt als Měiyì xuéyuàn, (Meyi Akademie)., benannt nach der Kurzform von Salome)Nach der Endsilbe von Salome im Chinesischen: „“. Meiyi = ehrenwerte Me. und 1911 die „Schu-Fan“In der Übersetzung von Salome Wilhelm (1956, S. 200): „Vorbild edler Weiblichkeit“.-Mädchenoberschule (Shūfàn nǚxuéxiào, Auch geführt als Měiyì xuétáng, .); diese ist heute die Qingdao Nr. 7 Mittelschule.Zur pädagogischen Arbeit vgl. Chen Zhuangying: Richard Wilhelm als Kulturvermittler und sein Einfluss auf Hermann Hesse. – In: Achim Aurnhammer, Chen Zhuangying (Hrsg.): Deutsch-chinesische Helden und Anti-Helden. Strategien der Heroisierung und Deheroisierung in interkultureller Perspektive. Ergon, Baden-Baden 2020, S. 138–140. Richard Wilhelm gab für den Unterricht eigens angefertigte deutsch-chinesische Lehr- und Übungsbücher heraus, einschließlich eines zusammen mit Ferdinand Lessing 1911 erstellten Deutsch-Englisch-Chinesisch-Fachwörterbuches. / Deutsch-Englisch-Chinesisches Fachwörterbuch / German-English-Chinese dictionary of technical terms. Deutsch-Chinesische Hochschule, Tsingtau 1911.
Zu einem weiteren Betätigungsfeld wurde es, die Behandlung kranker Chinesen zu organisieren, wobei ihm der in westlicher Medizin ausgebildete Li Benjing zur Seite stand. Eine reiche Chinesin und die vorbestimmte Erbschaft von Ernst Faber ermöglichten die Errichtung eines Hospitalgebäudes, das 1907 durch einen Neubau deutlich erweitert wurde.Zum nach Faber benannten Krankenhaus (chinesisch bzw. ) siehe u. a. die Faberbiografie Hua Zhi'an von Li Yading (, Chefredakteur des Biographical Dictionary of Chinese Christianity – BDCC) auf bdcconline.net (chinesisch). Das heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude von 1907 (File:青岛福柏医院广告.png - Wikimedia Commons) wurde seit 1951 Teil des Volkskrankenhauses (Anhui Road Nr. 21). Folgend konnten Ärzte des AEPM, nämlich Edmund Dipper (1900–1908), Willy Wick (1903–1906), Richard Wunsch (1908–1911, dort an Fleckfieber verstorben) und Adolf Eyl (1911–1915), dort die Arbeit übernehmen.Vgl. Weiman Yuan: Medizin und Kolonialismus. Deutsche Darstellung von chinesischer Medizin vom Opiumkrieg bis zum Ersten Weltkrieg. De Gruyter, Oldenbourg 2021, S. 69–70, 99–102.