Der Zentralrat der Juden in Deutschland (ZdJ) ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts der größte Dachverband von jüdischen Gemeinden und Landesverbänden in Deutschland und deren politische Vertretung. Er wurde am 19. Juli 1950 in Frankfurt am Main gegründet und hat seit 1999 seinen Sitz in Berlin. Präsident ist seit November 2014 Josef Schuster. Dem Zentralrat gehörten 23 Landesverbände mit 104 Gemeinden und rund 92.000 Mitgliedern im Jahr 2021 an. Damit vertritt er 97 Prozent der insgesamt 95.000 Juden in Gemeinden und 46 Prozent der etwa 200.000 Juden in Deutschland insgesamt. Er sieht sich als Vertretung aller Juden in Deutschland und ist nach seinem Selbstverständnis für alle Richtungen innerhalb des Judentums offen. Die meisten Mitgliedsgemeinden des Zentralrats der Juden in Deutschland halten orthodoxe Gottesdienste ab. Neben dem Zentralrat besteht die Union progressiver Juden in Deutschland als Dachverband mehrheitlich jüdisch liberaler Gemeinden.
Geschichte Vorgängerverbände 1869–1945 mini|Deutsch-Israelitischer Gemeindebund, Siegelmarke Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund (1869–1933) war die erste überregionale Dachorganisation jüdischer Gemeinden in Preußen und im Deutschen Kaiserreich Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (1893–1938) in Berlin repräsentierte die Mehrheit der assimilierten bürgerlich-liberalen Juden in Deutschland Reichsvertretung der Deutschen Juden (1933–1935, nach dem Erlass der Nürnberger Rassengesetze musste sich dieser Verband 1935 in Reichsvertretung der Juden in Deutschland umbenennen) (1935–1938) 1938–1939 wurde daraus der Reichsverband der Juden in Deutschland. Vom Februar bis Juli 1939 führte diese Organisation den Namen Reichsvereinigung der Juden in Deutschland Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (eine NS-Organisation unter der Leitung des Reichssicherheitshauptamtes/der Gestapo; Verstaatlichung Juli 1939–1943; am 16. Juni 1943 befiehlt das RSHA die Auflösung aller noch existierender Geschäftsstellen)
Gründung 1950–1990 Der Zentralrat wurde am 19. Juli 1950 in Frankfurt a. M. von Delegierten der in der Bundesrepublik Deutschland bereits wieder existierenden jüdischen Gemeinden und ihrer Landesverbände gegründet. Seinem ersten Direktorium gehörten an: der bayerische Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte, Philipp Auerbach; der in Bergen-Belsen befreite, später langjährige Vorsitzende der Berliner jüdischen Gemeinde Heinz Galinski; der auf Wiedergutmachungsfragen spezialisierte Jurist Benno Ostertag; die beiden Mitglieder des Zentralkomitees in der US-Zone Peisach Piekatsch und Chaskiel Eife; Josef Rosensaft und Norbert Wollheim für die britische Zone. Erster Sitz des Zentralrats der Juden in Deutschland wurde Frankfurt am Main, ab 1951 Düsseldorf, ab 1985 Bonn und seit dem 1. April 1999 Berlin, wo die Hauptverwaltung im Leo-Baeck-Haus untergebracht ist.
Die Organisation selbst weist darauf hin, dass sich bereits zwei Monate nach der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten und der Kapitulation Nazideutschlands das Zentralkomitee der befreiten Juden in der amerikanischen Zone bildete. Es wird als eine der Keimzellen des fünf Jahre später gegründeten Zentralrats angesehen. Ähnliche Zusammenschlüsse gab es auch in den anderen Besatzungszonen. Schon 1945 wurden insgesamt 51 Gemeinden wiedergegründet; ein Jahr später gab es bereits wieder 67 jüdische Gemeinden in Deutschland.Nach der Geschichtsseite auf der Zentralrats-Homepage
Als ihre Hauptaufgabe betrachtete die Organisation in den ersten Jahren, auf die Gesetzgebung zur Wiedergutmachung des nationalsozialistischen Unrechts einzuwirken. Später wurden der Kampf gegen den Antisemitismus, die Unterstützung einer Annäherung zwischen Deutschland und dem Staat Israel und die Förderung der Arbeit der Mitgliedsgemeinden und Landesverbände zu wichtigeren Aufgaben, ebenso der Einsatz für das gegenseitige Verständnis von Juden und Nichtjuden.
1963 erhielt der Zentralrat den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.
Wiedervereinigung 1990-heute Seit dem Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung 1990 bildet die Zuwanderung von Zehntausenden von Juden (zumeist als „Kontingentflüchtlinge“) aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion (GUS-Staaten) einen neuen Wirkungsschwerpunkt. Sie wurden nach dem Königsteiner Schlüssel, der hauptsächlich die Einwohnerzahl berücksichtigt, auf die Bundesländer verteilt. Seit 1990 hat sich die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder in Deutschland mehr als verdreifacht.
Noch prägen in Deutschland Geborene den Zentralrat – und wenige aus dem Osten Europas stammende Juden, die mittlerweile vielerorts die Mehrheit der Gemeindemitglieder stellen. Der Zentralrat gibt die Wochenzeitung Jüdische Allgemeine heraus. Die Union progressiver Juden, deren Gemeinden ca. 3000 Mitglieder angehören, ist nach dem Zentralrat die zweitgrößte Vereinigung jüdischer Gemeinden in Deutschland. Nach früheren Spannungen zwischen beiden Organisationen hat sich das Verhältnis nunmehr normalisiert. Teilweise gibt es mittlerweile Mitgliedschaften von Landesverbänden der Union progressiver Juden im Zentralrat der Juden in Deutschland. Im April 2023 entstand – unter dem Dach des Zentralrats – ein weiterer Zusammenschluss liberaler jüdischer Gemeinden, der Jüdische Liberal-Egalitäre Verband (JLEV).Heike Schmoll: Zentralrat will Perspektive auf den jüdischen Widerstand stark machen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. April 2023 (online, abgerufen am 24. April 2023).
Auf Initiative seines damaligen Präsidenten Dieter Graumann rief der Zentralrat im Jahr 2012 eine Bildungsabteilung ins Leben. Sie wird in der seit 2021 in Frankfurt am Main im Bau befindlichen, voraussichtlich 2026 ihren Betrieb aufnehmenden Jüdischen Akademie aufgehen.
Der Zentralrat ist Kooperationspartner der 2015 gegründeten Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus.
Im Innenhof der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin fand am 15. September 2020 der Festakt zum 70-jährigen Bestehen des Zentralrats der Juden in Deutschland statt. Die Festreden hielten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der amtierende Präsident des Zentralrats, Josef Schuster. Der Festakt fand im Beisein einer großen Zahl namhafter Politiker statt.Festakt zum Jubiläum, Jüdische Allgemeine, 15. September 2020. Abgerufen am 17. September 2020.
Finanzierung Die Bundesregierung trägt zur Erhaltung und Pflege des deutsch-jüdischen Kulturerbes, zum Aufbau einer jüdischen Gemeinschaft und zu den integrationspolitischen und sozialen Aufgaben des Zentralrats in Deutschland bei und unterstützt den Zentralrat bei der Erfüllung seiner überregionalen Aufgaben sowie den Kosten seiner Verwaltung finanziell. Das war erstmals im Jahr 2003 in einem Staatsvertrag ausgehandelt worden.Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch den Bundeskanzler, und dem Zentralrat der Juden in Deutschland - Körperschaft des öffentlichen Rechts -, vertreten durch den Präsidenten und die Vizepräsidenten vom 27. Januar 2003 (). Mit Vertrag vom 6. Juli 2018 verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland, die jährlichen Staatsleistungen von 10 auf 13 Millionen Euro zu erhöhen.Staatsvertrag mit dem Zentralrat der Juden an Ausschüsse überwiesen Deutscher Bundestag, abgerufen am 10. Juni 2020. Am 25. April 2023 wurde der Änderungs-Staatsvertrag zur Erhöhung der jährlichen Staatsleistungen an den Zentralrat auf 22 Millionen Euro unterschrieben.
Organisation miniatur|Das Leo-Baeck-Haus in der Berliner Tucholskystraße 9: Sitz des Zentralrates der Juden in Deutschland seit 1999 Der Zentralrat hat drei Organe: das Präsidium als Exekutive, das Direktorium als Vertretung der Landesverbände und Großgemeinden, die Ratsversammlung als Vertretung der Gemeinden.
Der Ratsversammlung gehören alle Landesverbände sowie die Großgemeinden in Berlin, München, Frankfurt und Köln an, wobei für je 1000 Gemeindemitglieder ein Delegierter entsandt wird. Als oberstes Entscheidungsgremium des Zentralrats hat sie die Richtlinienkompetenz, das Haushaltsrecht und kontrolliert die Arbeit des Präsidiums. Sie entscheidet über Grundsatzfragen der jüdischen Gemeinschaft unter Berücksichtigung der Autonomie der einzelnen Mitgliedsgemeinden in höchster Priorität. Sie tagt mindestens einmal im Jahr und wählt aus ihrer Mitte für die Dauer von vier Jahren drei Mitglieder in das neunköpfige Präsidium des Zentralrats.
Das Direktorium setzt sich aus von den einzelnen Mitglieds- bzw. Landesverbänden entsandten Vertretern zusammen, wobei je angefangenen 5000 Gemeindemitglieder ein Delegierter entsandt wird. Das Direktorium wählt aus seiner Mitte auf vier Jahre sechs Mitglieder des neunköpfigen Präsidiums. Das Direktorium überwacht die Tätigkeit des Präsidiums und wählt den Generalsekretär.
Das Präsidium wählt aus seinen Reihen den Präsidenten und die beiden Vizepräsidenten, die den Zentralrat der Juden in der Öffentlichkeit vertreten. Das Präsidium führt die Geschäfte des Zentralrats, die laufenden Geschäfte führt der auf fünf Jahre gewählte Generalsekretär.
1996 wurde ein Schieds- und Verwaltungsgericht eingerichtet. Damit sollten Streitigkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft intern und nicht nur vor staatlichen Gerichten behandelt werden können. 2009 wurde zusätzlich das Obere Schieds- und Verwaltungsgericht eingerichtet. 2022 wurde die Gerichtsbarkeit grundlegend reformiert. Nun wurden zwei Instanzen mit fester Besetzung eingerichtet: das Gericht und der Gerichtshof.
2016 wurde die Jüdische Studierendenunion Deutschland als Körperschaft des öffentlichen Rechts innerhalb des Zentralrats gegründet.
Vorsitzende / Präsidenten alt=|mini|Josef Schuster, Zentralratspräsident seit 2014
1954–1963: Heinz Galinski, Vorsitzender 1963–1969: Herbert Lewin, Vorsitzender 1969–1988: Werner Nachmann, Vorsitzender 1988–1992: Heinz Galinski, Vorsitzender und Präsident 1992–1999: Ignatz Bubis, Präsident 2000–2006: Paul Spiegel, Präsident 2006–2010: Charlotte Knobloch, Präsidentin 2010–2014: Dieter Graumann, Präsident seit November 2014 Josef Schuster
Generalsekretäre / Geschäftsführer 1950–1973: Hendrik van Dam, Generalsekretär 1973–1988: Alexander Ginsburg, Generalsekretär 1988–1992: Micha Guttmann, Generalsekretär 2004–2014: Stephan Kramer, Generalsekretär seit Mai 2014: Daniel Botmann, Geschäftsführer
Landesverbände 2023 gehören 24 Verbände mit insgesamt 108 jüdischen Gemeinden mit rund 87.934 Mitgliedern dem Zentralrat an. Jüdischer Liberal-Egalitärer Verband (JLEV) Israelitische Religionsgemeinschaft Baden Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern Jüdische Gemeinde zu Berlin Landesverband der Jüdischen Gemeinden Brandenburg Jüdische Gemeinde im Lande Bremen Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main Jüdische Gemeinde Hamburg Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen Synagogen-Gemeinde Köln Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz Synagogengemeinde Saar Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden Landesverband jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein Jüdische Landesgemeinde Thüringen Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg
Mitgliedschaften Der Zentralrat ist Vollmitglied in mehreren internationalen jüdischen Organisationen, unter anderem: Jüdischer Weltkongress Europäischer Jüdischer Kongress World Jewish Restitution Organisation Conference on Jewish Material Claims against Germany
Preisverleihungen mini|Gewinner der Jewrovision 2023