Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) ist eine nichtstaatliche Universität in Witten im südöstlichen Ruhrgebiet. Sie wurde 1982 vom Bundesland Nordrhein-Westfalen anerkannt und nahm 1983 als erste deutsche Privatuniversität den Lehrbetrieb auf. Seit 1987 ist sie in gemeinnütziger Trägerschaft („Private Universität Witten/Herdecke gGmbH“). Die Universität ist Mitglied der Hochschulrektorenkonferenz.
Der Bestandteil Herdecke geht zurück auf die Gründung der Universität durch anthroposophische Ärzte am Gemeinschaftskrankenhaus in der Wittener Nachbarstadt Herdecke, wo auch in den ersten Jahren der Unterricht stattfand. Die Universität verfolgt mit der sogenannten Wittener Didaktik einen besonderen Lern- und Lehransatz, der die Persönlichkeitsentwicklung in den Fokus stellt. Die beiden Fakultäten der Universität sind „Gesundheit“ sowie „Wirtschaft und Gesellschaft“. Allen Studierenden sind über das verpflichtende „Studium fundamentale“ jedes Semester bis zu 100 interdisziplinäre Lehrveranstaltungen zugänglich.
Hochschulprofil Die Universität verwendet „Here we grow.“ (dt.: „Hier wachsen wir.“) als ihren Leitspruch. An der Universität waren im Wintersemester 2025/26 3.720 Studierende eingeschrieben. Seit Mai 2020 besteht die Universität aus zwei Fakultäten:
Fakultät für Gesundheit, bestehend aus den Departments Humanmedizin Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Pflegewissenschaft Psychologie und Psychotherapie Fakultät für Wirtschaft und Gesellschaft, bestehend aus den Departments Management und Unternehmertum Philosophie, Politik und Ökonomik WittenLab: Zukunftslabor Studium fundamentale
Die Studienplätze werden in einem mehrstufigen Verfahren vergeben; unter anderem wird dabei in persönlichen Gesprächen die individuelle Eignung des Bewerbers festgestellt. Die Aufnahmekommissionen bestehen aus Vertretern der Hochschule (Professoren, Mitarbeiter, Studierende) und Externen (Förderer sowie Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Medien und Kultur) sowie Alumni.
Die Universität hat das Ziel, ihre Studenten so auszubilden, dass diese nachhaltige und gerechte Lösungen für die sozialen, ökologischen und ökonomischen Herausforderungen der Gesellschaft erkennen, anstoßen und umsetzen.
Organisation Die Universität hat folgende Gremien:
Präsidium und Geschäftsführung
Präsident der Universität ist Martin Butzlaff, Kanzler Jan Peter Nonnenkamp, diese bilden gemeinsam auch die Geschäftsführung. Weitere Angehörige des Präsidiums sind Jan P. Ehlers (Vizepräsident für Lehre und Lernen), Petra Thürmann (Vizepräsidentin für Forschung) sowie Dirk Jakobs (Vizepräsident für Organisationsentwicklung).
Bisherige Präsidenten der Universität waren Gründungspräsident Konrad Schily (von 1982 bis 1999), Walther Christoph Zimmerli (von 1999 bis 2002), Wolfgang Glatthaar (nach Vakanz des Postens von April 2005 bis 2007), Birger Priddat (von 2007 bis Ende 2008) sowie Martin Butzlaff (seit Anfang 2012, nachdem er die Universität bereits seit 2009 als wissenschaftlicher Geschäftsführer geleitet hatte).
Aufsichtsrat
Zum 1. Dezember 2009 hat die Universität Witten/Herdecke einen Aufsichtsrat etabliert, der sich aus Führungspersönlichkeiten sowie Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Gesundheit zusammensetzt. Der von den Gesellschaftern und vom Senat der Universität gewählte Aufsichtsrat begleitet und kontrolliert als neutrales Gremium die Aktivitäten der Geschäftsführung.
Zum 1. Januar 2026 bestand der Aufsichtsrat der Universität aus folgenden Personen: Janosch Dahmen (Vorsitzender), Sandra Wolf (stellv. Vorsitzende), Radoslav Albrecht, Katrin Käufer, Heinz-Peter Mansel, Beate Schücking und Katharina Weghmann.
Gesellschafter
Die Gesellschafter der Universität sind folgende (Stand 2025):
Software AG – Stiftung (46,67 %) Gemeinnützige Stiftung Private Universität Witten/Herdecke (20,02 %) StudierendenGesellschaft Witten/Herdecke e. V. (16,77 %) IWU gemeinnützige GmbH (12,29 %) Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke gGmbH (4,25 %)
Senat
Der Senat ist das höchste akademische Entscheidungsgremium der Universität Witten/Herdecke. Er ist wesentlich an der strategischen Ausrichtung der Universität in Lehre, Studium und Forschung beteiligt. Die Aufgaben des Senats ergeben sich aus dem Hochschulgesetz (HG) des Landes Nordrhein-Westfalen und der Grundordnung der Universität Witten/Herdecke. Vorsitzende des Senats ist Sabine Bohnet-Joschko.
Weiterhin gibt es ein Kuratorium mit verschiedenen Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur, Politik und Wissenschaft. Sie agieren als Botschafter der Universität nach außen.
Geschichte mini|Universität Witten/Herdecke, Altbau des ehemaligen Amtshauses von Annen mini|Universität Witten/Herdecke Luftbildaufnahme, Campus im Gewerbegebiet Wullen mini|Universität Witten/Herdecke, Campus im Gewerbegebiet Wullen Ende der 1970er Jahre schlossen sich einige anthroposophisch ausgerichtete Hochschullehrer, u. a. Konrad Schily, und Ärzte wie Gerhard KienleChristian Weymayr, Nicole Heißmann: Die Homöopathie-Lüge: So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen. Piper, München 2012, Kapitel: Universität mit anthroposophischen Wurzeln. zusammen, um eine alternative, nichtstaatliche Universität zu gründen. Sie sahen die damalige Entwicklung an anderen Universitäten als Stillstand an und beklagten vor allem die Praxisferne des Studiums und die Qualität der Lehre. Sie traten für individuellere Betreuung, geringere Studierendenzahlen, mehr „Studium fundamentale“ und Gesamtbildung ein – mit Fokus auf einem Wissenschafts- und Theorienpluralismus sowie einer Kombination von akademischer und beruflicher Bildung. Bis heute zeichnet die Mediziner-Ausbildung die Praxisnähe aus – etwa Patientenkontakt im ersten Studiensemester statt wie an staatlichen Universitäten erst nach einigen Jahren.
Die notwendigen Pläne und Anträge für die Gründung arbeitete der dafür 1980 gegründete Universitätsverein Witten/Herdecke e. V. aus. Mit Bescheid vom 14. Juli 1982 erfolgte die staatliche Anerkennung, Gründungspräsident wurde Konrad Schily. Die Aufnahme des Studienbetriebs erfolgte am 30. April 1983 mit der Immatrikulation von 27 Studenten der Humanmedizin. 1984 nahmen die Fakultäten für Wirtschaftswissenschaften und Zahnheilkunde den Studienbetrieb auf. Die Bertelsmann Stiftung, Deutsche Bank, Krupp-Stiftung und Zeit-Stiftung waren am Aufbau des Hochschulmodells ideell und finanziell stark beteiligt. 1987 kam es zur Änderung der Rechtsform. Vom Universitätsverein wurden die Aktivitäten auf die gemeinnützige Universität Witten/Herdecke GmbH übertragen; im gleichen Jahr wurde das Hauptstudium Biochemie (Biowissenschaften) eingeführt. 1989 wurde die Gründungsphase offiziell beendet.
Die Akademisierung der Pflege wurde an der Universität Witten/Herdecke 1995 mit dem Institut für Pflegewissenschaft begonnen, welches inzwischen als Departement für Pflegewissenschaft in die heutige Fakultät für Gesundheit eingegliedert wurde.
Die UW/H wurde 2001 mit vollem Stimmrecht in die deutsche Hochschulrektorenkonferenz sowie 2002 in die Landesrektorenkonferenz aufgenommen. 2005 urteilte der Wissenschaftsrat, dass in der Medizinerausbildung an der Universität erhebliche inhaltliche und strukturelle Schwächen in Lehre und Forschung bestünden. Der Privatuniversität wurde daraufhin angedroht, keine weitere Förderung durch das Bundesland NRW über die bis 2006 gültigen Finanzierungszusagen hinaus zu erhalten.Vernichtendes Urteil über Uni Witten-Herdecke, sz.de, 10. Mai 2010. Zu einem Entzug der Medizinerausbildung kam es aber nicht. Eine von der UW/H vorgelegte Neukonzeptionierung der Humanmedizin wurde im Juli 2006 vom Wissenschaftsrat positiv verabschiedet.
Im Dezember 2008 wurde bekannt, dass das Land Nordrhein-Westfalen der Universität ab 2008 keine Fördermittel mehr gewähren würde. Die Landesregierung stoppte Beihilfen von 4,5 Millionen Euro und forderte drei Millionen zurück, da rechtliche Voraussetzungen nicht erfüllt worden seien. Zudem bemängelte sie fehlende Nachweise ordnungsgemäßer Geschäftsführung und einen verlässlichen Wirtschaftsplan. Präsident Birger Priddat dementierte die Vorwürfe, trat jedoch zurück.Hochschule Witten-Herdecke. Pleite-Uni gerettet. sz-online 17. Mai 2010. Aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise und dem damit verbundenen Rückzug eines wichtigen Förderers drohte eine Insolvenz. Am 23. Dezember 2008 konnte die Zahlungsfähigkeit über den Jahreswechsel hinaus durch den gemeinnützigen Verein zur Entwicklung von Gemeinschaftskrankenhäusern gesichert werden. Die Insolvenz konnte dadurch abgewendet werden.
Am 16. März 2009 wurde aufgrund der Finanzierungsprobleme ein neuer Gesellschaftervertrag unterzeichnet; neue Gesellschafter waren die Software AG - Stiftung, die Stiftung Private Universität Witten/Herdecke, die Initiative der Wirtschaft, die Alumni-Initiative und das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. Nach Restrukturierungsmaßnahmen und einer Bürgschaft der Software AG-Stiftung in Höhe von 10 Millionen Euro nahm das Land NRW die ausgesetzte Landesförderung wieder auf. Im Sommer 2010 verabschiedete die Universität ihre neue Grundordnung. In ihr ist „neben der Rechtsstellung und den Aufgaben der Universität vor allem auch die Organisation und Leitung in den Fakultäten und wissenschaftlichen Einrichtungen der Universität geregelt“.
Die beiden medizinischen Fakultäten für Humanmedizin und für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde sowie das Institut für Pflegewissenschaft wurden im Oktober 2010 in einer in Deutschland damals neuartigen „Fakultät für Gesundheit“ zusammengefasst. Diese besteht aus den vier Departments für Humanmedizin, Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Psychologie und Psychotherapie sowie für Pflegewissenschaft.
Der Alumnus und ehemalige Finanzvorstand des DAX-Unternehmens K+S, Jan Peter Nonnenkamp, übernahm zum 15. Oktober 2012 das Amt des Kanzlers von Michael Anders.
In den 2010er-Jahren wurden die Studienplätze innerhalb mehrerer Jahre deutlich ausgebaut, insbesondere durch eine Verdopplung der Zahl der Humanmedizin-Studierenden. 2020 gründete die Universität die Fakultät für Wirtschaft und Gesellschaft, wofür die zuvor bestehenden Fakultäten für Wirtschaftswissenschaften und Kulturreflexion zu einer gemeinsamen Fakultät zusammengelegt wurden. Dieser Schritt ermöglichte auch Promotion zum Doktor der Philosophie und erfolgte nach einer Handlungsempfehlung des Wissenschaftsrates.
Finanzierung Die Finanzierung erfolgt aus Studienbeiträgen, Spenden und Fördermitteln. Außerdem erhält die Universität eine jährliche Förderung vom Land Nordrhein-Westfalen. Die StudierendenGesellschaft Witten/Herdecke, ein von Studierenden geführter, gemeinnütziger Verein, organisiert seit 1995 die elternunabhängige und sozialverträgliche Finanzierung des Studiums anhand des Umgekehrten Generationenvertrags. Dieser ermöglicht das Studium an der Universität unabhängig vom finanziellen Hintergrund und entkoppelt die Beitragszahlung vom Studium: Beiträge können auch erst dann geleistet werden, wenn im späteren Beruf Einkommen erzielt wird.
Haushalt 2025 nahm die Universität 77,6 Millionen Euro an Erträgen ein. Wesentliche Einnahmequellen der UW/H waren im Jahr 2025 die Studienbeiträge (über 17,8 Mio. Euro), Spenden und Fördergelder (8,0 Mio. Euro), die Forschungsförderung (6,5 Mio. Euro), die Umsatzerlöse aus der Zahnklinik (8,3 Mio. Euro) und die Zuwendungen des Landes Nordrhein-Westfalen (23,0 Mio. Euro). Die Personalkosten der Universität lagen 2025 bei rund 52,7 Millionen Euro. Die Universität legte einen ausgeglichenen Haushalt vor und erzielte im vierzehnten Jahr in Folge ein positives Ergebnis.Universität Witten-Herdecke, Jahresabschluss/Rechenschaftsbericht, Geschäftsjahr: 01/25 bis 12/25, veröffentlicht im Lobbyregister. Aktualisiert am 12. August 2026, abgerufen am 28. August 2026.
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