mini|318px|Inschrift Schilkhak-In-Schuschinaks aus Susa, um 1140 v. Chr. Die elamische oder elamitische Sprache ist die ausgestorbene Sprache der Elamer, eines altorientalischen Volkes im Südwesten des heutigen Iran. Elamische Texte stammen aus der Zeit von 2400 bis 350 v. Chr., insgesamt ergibt sich also eine zweitausendjährige Überlieferungsgeschichte.
Das Elamische ist mit keiner anderen bekannten altorientalischen Sprache verwandt: Es gehört weder zu den semitischen Sprachen (wie zum Beispiel das Akkadische) noch zu den indogermanischen Sprachen (wie zum Beispiel das Hethitische oder das Altpersische); auch mit dem benachbarten Sumerischen ist es mit Sicherheit nicht verwandt. Die meisten Forscher halten das Elamische für eine isolierte Sprache, einige sehen aber genetische Beziehungen zu den drawidischen Sprachen des indischen Subkontinents.
Die Überlieferung elamischer Texte erfolgte in drei unterschiedlichen Schriftsystemen, von denen zwei auf mesopotamische Schriftformen zurückgehen, während die dritte, die „Strichschrift“, eine elamische Eigenentwicklung ist. Die Geschichte Elams kann bisher nur lückenhaft und für bestimmte Phasen vor allem aus mesopotamischen (sumerischen, akkadischen, assyrischen und babylonischen) Quellen erschlossen werden; historische Texte in elamischer Sprache gibt es dagegen nur relativ selten.
Die Wissenschaft von der elamischen Sprache, Kultur und Geschichte heißt Elamistik.
Die Elamer spielten mindestens seit dem Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr. eine wichtige Rolle im südwestlichen Iran, etwa im Gebiet des heutigen Chuzestan, Luristan und des zentralen Zāgros-Gebirges. Hauptorte waren Anschan (heute Tall-i Malyan) und Susa (heute Shush). Wirtschaftliche Basis für die Entwicklung elamischer Staaten waren die damalige große Fruchtbarkeit der Susiana und die frühe Bedeutung als Durchgangsgebiet für die Handelswege von Mesopotamien nach Iran und zum Industal. Die elamische Geschichte ist von der ständigen politischen, kriegerischen, aber auch kulturellen Wechselwirkung mit den benachbarten Staaten Mesopotamiens geprägt, die in langen Phasen die Oberhoheit über das elamische Gebiet ausübten und kulturell meist die „Gebenden“ waren. Dennoch haben die Elamer in vielen Bereichen gegenüber Mesopotamien ihre Eigenständigkeit bewahren können, zum Beispiel in einem sehr speziellen System der Thronfolge, bei der Verwendung und Adaption von mesopotamischen Schriftsystemen und durch den Erhalt ihrer Sprache bis weit ins erste nachchristliche Jahrtausend.
mini|350px|Die Karte zeigt das Gebiet des Landes Elam (in rot).
Eigen- und Fremdbezeichnungen Elams Die elamische Eigenbezeichnung für das Land Elam ist haltamti oder hatamti, dies wurde sumerisch zu elama, akkadisch zu elamtu und hebräisch zu 'elam. Die Eigenbezeichnung der Sprache ist nicht überliefert. Die üblichen modernen Bezeichnungen elamisch oder elamitisch (englisch und französisch elamite) gehen auf Archibald Sayce zurück, der für Volk und Sprache 1874 die Bezeichnung elamite nach akkadischem Vorbild prägte.
Geschichte Elams und der elamischen Sprache Die elamische Geschichte ist bisher nur phasenweise darstellbar und lässt sich vereinfacht in folgende fünf Abschnitte gliedern:
Protoelamisch Aus der protoelamischen Zeit, etwa 3100–2600 v. Chr., gibt es noch keinen direkten sprachlichen Nachweis für die Elamer. Allerdings stellte die darauf folgende altelamische Periode eine kulturell bruchlose Fortsetzung dieser Periode dar, was dafür spricht, dass auch die Träger der protoelamischen Kultur in der Susiana bereits Elamer waren. In dieser Periode wurde nach dem Vorbild der nur wenig älteren archaischen sumerischen Schrift die bisher nicht entzifferte protoelamische Bilderschrift entwickelt und für die Wirtschaftsverwaltung genutzt (Funde vor allem aus der Zeit 3050 bis 2800 v. Chr.).
Altelamisch Die altelamische Zeit, etwa 2600–1500 v. Chr., umfasst die elamischen Dynastien von Anwan, Simaš und die der Epartiden. Seit dem Akkadreich (2340–2200) verstärkte sich der mesopotamische Einfluss in Elam. Nach kurzer Unabhängigkeit unter König Puzur-Inšušinak (um 2200) gewann die sumerische Ur-III-Dynastie um 2100 wieder die Oberhoheit, während die Elamer das Ende ebendieser Dynastie entscheidend mitbewirkten. Auch gegenüber dem Reich von Hammurapi und seinen Nachfolgern (1900–1600) bewahrte sich Elam unter der Epartiden-Dynastie eine relative Unabhängigkeit. In der altelamischen Periode entwickelten die Elamer ihre eigenständige Strichschrift (nur kurze Zeit um 2200 benutzt) und adaptierten die mesopotamische Keilschrift, die sie im Laufe der Zeit stark veränderten (Details zu den elamischen Schriften siehe unten).
Mittelelamisch Die mittelelamische Periode umfasst etwa den Zeitraum 1500–1000 v. Chr. unter den Dynastien der Igehalkiden und Šutrukiden mit dem glänzenden Höhepunkt unter Untaš-Napiriša mit seiner Hauptstadtgründung Dur-Untaš (heute Tšogha Zambil) und der wohl besterhaltenen Ziggurat des ganzen Nahen Ostens. Die Babylonier unter Nebukadnezar I. beendeten diese Phase.
Neuelamisch In der neuelamischen Periode, etwa 1000–550 v. Chr., fand Elam einen letzten Höhepunkt im sog. neuelamischen Reich (760–640), dessen Reichsstrukturen schließlich von den Assyrern ausgelöscht wurden.
Achämenidisch-Elamisch Die achämenidisch-elamische Sprache kann als eine späte und kontaktbedingte Variante der elamischen Sprache bezeichnet werden. Sie weist eine teilweise Umstrukturierung der elamischen Grammatik auf, die strukturelle Parallelen einer zweisprachigen Situation unterstützt.Wouter F. M. Henkelman: Cyrus the Persian and Darius the Elamite: a Case of Mistaken Identity. In: Robert Rollinger, Brigitte Truschnegg, Reinhold Bichler (Hrsg.): Herodot und das Persische Weltreich. Akten des 3. Internationalen Kolloquiums zum Thema „Vorderasien im Spannungsfeld klassischer und altorientalischer Überlieferungen“. Innsbruck 24.–28. November 2008. Wiesbaden 2011, S. 588.
In der achämenidischen Periode 550–330 v. Chr. wurde die elamische Kultur ein wichtiger Bestandteil des achämenidischen Reiches. Seine Sprache war eine von vier Amtssprachen (neben dem Persischen, Babylonischen und Aramäischen) und in Persepolis und Susa verwalteten Schreiber die Staatskanzlei und die Buchhaltung in Achämenidisch-Elamisch. Die vormals elamische Hauptstadt Susa wurde mit neuen großen Palästen eines der Verwaltungszentren der achämenidischen Herrschaft. Während die schriftliche elamische Überlieferung 350 v. Chr. abbrach, wurde das Elamische wahrscheinlich noch bis zum Ende des 1. nachchristlichen Jahrtausends in Chusistan („Chusi“, „Chusisch“) gesprochen; die Belege dafür sind allerdings umstritten.Walther Hinz: Das Reich Elam, 1964, S. 19 (Online).Rocznik orientalistyczny, Bände 41–43, Polskie Towarzystwo Orientalistyczne, Polska Akademia Nauk. Komitet Nauk Orientalistycznych, Polska Akademia Nauk. Zakład Orientalistyki, 1979, S. 40 (Online).
Elamische Schriften und ihre Entzifferung mini|500px|Rekonstruktion der Entwicklung des Schreibens (beginnend vor 3500 v. Chr. bis 1000 v. Chr.), mit der Hypothese, dass die sumerische Keilschrift im Vergleich zu den ägyptischen Hieroglyphen die ältere Schriftform sei (vergleiche kretische Hieroglyphen, luwische Hieroglyphen; elamische Schriften, Indusschrift).Geoffrey Barraclough, Norman Stone: The Times Atlas of World History. Hammond Incorporated, Maplewood, New Jersey 1989, ISBN 978-0-7230-0304-5, S. 53 (archive.org).
Protoelamische Bilderschrift mini|Tafel in protoelamischer Bilderschrift
Kurz nach der sumerischen Schrifterfindung findet man auch in Elam seit 3050 und bis 2800 v. Chr. eine Schriftform, die der etwas älteren archaischen sumerischen aus Uruk sehr ähnlich ist und wie diese fast nur Wort- und Zahlzeichen verwendet, die protoelamische Bilderschrift. Hauptfundort ist Susa mit 1600 Tontafeln, vereinzelte Funde gibt es im ganzen südwestlichen, aber auch verstreut im östlichen Iran. Die Schrift konnte bisher nicht entziffert werden, doch gleichen die Tafeln in ihrer Struktur und wahrscheinlich auch im Inhalt den archaischen sumerischen Tafeln, die ausschließlich für Zwecke der Wirtschaftsverwaltung verwendet wurden. Die protoelamische Schrift enthält etwa 1000 Zeichen, die in rund 5000 Varianten vorkommen.
Das Zahlensystem dieser Inschriften ist äußerst komplex, je nach Zählobjekt werden – ähnlich wie in den Uruk-Texten – verschiedene Einheiten verwendet. Die Arbeiten von Englund 1989 und 1997 und Damerow 1989 ergeben folgende unterschiedliche Zählmodi:
Unterschiedliche Zählsysteme der protoelamischen Schrift
Objektarten Grundsystem Verwendete Einheiten Menschen, Tiere dezimal 1 – 10 – 100 – 1.000 – 10.000 diskret unbelebt sexagesimal 1 – 10 – 60 – 600 – 3.600 Getreiderationen (bi)sexagesimal 1 – 10 – 60 – 120 – 1.200 Hohlmaße (Getreide) gemischt 1 – 2 – 4 – 12 – 24 – 60 – 360 – 3.600 etc. Flächenmaße gemischt 1 – 6 – 18 – 180
Da nicht für jede Einheit der unterschiedlichen Zählsysteme unterschiedliche Zeichen verwendet wurden, hängt der Zahlenwert der einzelnen Mengenzeichen entscheidend davon ab, in welchem Kontext sie auftreten.
Eine sichere Zuordnung dieser Texte zu den Elamitern wäre – selbst bei vollständiger Entzifferung – wegen des hohen Anteils sprachunabhängiger Wortzeichen kaum möglich. Den aktuellen Stand der Entzifferung dieser Schrift beschreibt ausführlich Robinson 2002.
Elamische Strichschrift