mini|hochkant|Einziges Porträt Meyers (Joseph Reinhart, ca. 1790). mini|hochkant|Ein Band der Meyerschen Naturlehre, Aarau 1807. Johann Rudolf Meyer Sohn (* 3. April 1768 in Aarau, Republik Bern; † 1825 in Mannheim, Grossherzogtum Baden) war ein Schweizer Seidenbandfabrikant, Naturforscher, Revolutionär und Alpinist. Er baute die Meyerschen Stollen sowie das Meyerhaus in Aarau und betrieb die Gründung der ältesten Kantonsschule der Schweiz. Nach der Konterrevolution gegen die Helvetische Republik wanderte er vorübergehend nach Bayern aus. Eine von ihm herausgegebene Enzyklopädie der Chemie blieb ein Torso. Mit seinem Bruder Hieronymus Meyer, genannt Jérome bestieg er erstmals in der Schweiz einen Viertausender. Nachdem ihm der Vater Schulden hinterlassen hatte, endete er als Falschmünzer im Zuchthaus. Manches an diesem 200 Jahre lang vertuschten Kriminalfall ist bis heute rätselhaft.

Aaraus Meyersche Stollen mini|Meyerhaus, Gartenfassade vor 1939. mini|Meyersche Stollen. Johann Rudolf Meyer – im Folgenden kurz Meyer genannt – war der älteste Sohn des gleichnamigen Aarauer Seidenbandfabrikanten, Philanthropen, Mäzens und Revolutionärs (1739–1813) und der Arzttochter Elisabeth Hagnauer (1741–1781). Sein Vater ist bekannt dafür, dass er 1786–1802 durch Johann Heinrich Weiss (1758–1826) aus Strassburg und Joachim Eugen Müller (1752–1833) aus Engelberg den ersten Atlas der Schweiz aufnehmen liess. Von den fünf überlebenden Geschwistern Meyers stand diesem Hieronymus, genannt Jérôme (1769–1844) am nächsten. Als Meyer dreizehn war, verlor er die Mutter. Zwei Jahre später schloss der Vater eine zweite Ehe mit Marianne Renner (1747–1823), Schwester eines kaiserlichen Generals und des Besitzers von Bad Schinznach. 1788 unternahm Meyer mit Jérôme eine siebenmonatige Reise ins Absatzgebiet der väterlichen Fabrik, die ihn bis nach Stockholm und Riga führte. Zum Färber und Appreteur bestimmt, hörte er anschliessend zwei Semester Physik bei Georg Christoph Lichtenberg in GöttingenHans Joachim Herde: Das Publikum der Physik. Lichtenbergs Hörer. Wallstein Verlag, Göttingen 2006, ISBN 978-3-8353-0015-6, S. 17, 430, 750. und einige Wochen Mineralogie bei Abraham Gottlob Werner in Freiberg (Sachsen). Dort befreundete er sich mit einem Lieblingsschüler Werners, Johann Samuel von Gruner (1766–1824), der entfernt mit seiner Stiefmutter verwandt war. 1790 trat Meyer wie Jérôme in die Familienfirma ein. Im selben Jahr heiratete er zum Missfallen des Vaters seine verarmte Jugendliebe Margarete Saxer (1769–1805). Das Paar hatte vier Kinder, von denen Johann Rudolf (1791–1833) und Johann Gottlieb (1793–1829) das Erwachsenenalter erreichten.

Den Geschwistern seiner Frau war ein Stück Land ausserhalb der Stadt geblieben. Einen Teil davon entsumpfte Meyer ab 1791 durch den Bau der Meyerschen Stollen. Die nötigen Bergleute fand er im Eisenbergwerk des Staates Bern im benachbarten Küttigen. Mit dem Bergbau war er vertraut, weil sein Vater an der Blei-Silber-Mine Trachsellauenen zu Füssen der Jungfrau beteiligt war. Fachwissen steuerte Gruner bei, der nach Abschluss seines Geologiestudiums 1792 zu Meyer zog und mit der Leitung der erwähnten Bergwerke betraut wurde. Im erwähnten Jahr kaufte Meyer das Land der Geschwister Saxer. 1794–1797 liess er dort durch Johann Daniel Osterrieth (1768–1839) aus Strassburg eine schlossartige Villa errichten, die er zusammen mit Jérôme bewohnte. In den beiden Kellergeschossen des Meyerhauses richtete er eine Seidenfärberei ein, die durch die Stollen mit Wasser versorgt wurde und jene in der Fabrik des Vaters (heute Alters- und Pflegeheim Golatti) ersetzte.

Beteiligung an der Helvetischen Revolution Wie sein Vater, sein Bruder Jérôme und sein Schwager Johann Gottlieb Hunziker war Meyer 1798 Mitglied von Aaraus Revolutionskomitee (Sicherheitsausschuss). Die Familie trug massgeblich dazu bei, dass vor dem Rathaus der Stadt die Helvetische Republik ausgerufen wurde und aus dem bernischen Unteraargau der selbständige Kanton Aargau entstand. Als Bern Aarau militärisch besetzte, rief Meyer gegen den Willen des Vaters die Franzosen zu Hilfe.Martin Pestalozzi: Die Unteraargauer Rebellion gegen das Berner Aufgebot zur Franzosenabwehr 1798. In: Aarauer Neujahrsblätter, 1998, S. 44–79, hier: S. 52 f. (). Neben Gruner, der Nationalbuchdrucker und später Oberberghauptmann des revolutionären Einheitsstaats wurde, beherbergte er auch monatelang dessen bekanntesten Propagandisten, den Pädagogen Heinrich Pestalozzi. Als sein Vater in den helvetischen Senat gewählt wurde, übernahm Meyer die Direktion der Familienfirma. Osterrieth erhielt den Auftrag, den Ausbau Aaraus zur Hauptstadt der Helvetischen Republik zu planen. Von seinem Projekt kam aber nur die Laurenzenvorstadt zur Ausführung, da schon nach fünf Monaten Luzern neuer Regierungssitz wurde. 1799 versuchten Meyer und Gruner, den Betrieb des Bergwerks Küttigen aufrechtzuerhalten, traten dieses aber im folgenden Jahr wieder an die helvetische Bergwerksadministration ab.

mini|Aarau, 1809. 1: Meyerhaus. 2: Kantonsschule. 3: Telliring (ältester Turnplatz der Schweiz). mini|Sitz der Kantonsschule war bis 1896 das heutige Amthaus. 1801 stellte Meyer den bayerischen Pestalozzi-Schüler Andreas Moser (1766–1806) als Hauslehrer und Bibliothekar ein. Wohl unter dessen Einfluss forderte er in einem Aufsatz, .Ueber Grundsätze der gesellschaftlichen Verbindungen. In unbekannter Publikation, S. 47–58, Separatabdruck Arau 1801. Zit. nach Rezension in: Der neue schweizerische Republikaner (Bern), 11. August 1801, S. 416 (). In: Der Republikaner nach liberalen Grundsätzen (Bern), 27. Dezember 1801, S. 143 f. (), wird als Autor genannt. Zusammen mit Gruner gab er den Anstoss zur Gründung der 1802 eröffneten ältesten Kantonsschule der Schweiz. Daran beteiligte sich auch Moser. Ausserdem führte dieser an Aaraus Stadtschulen die Pestalozzische Unterrichtsmethode ein. Wegen Mosers anderweitiger Beanspruchung schickte Meyer seine Söhne in Pestalozzis Institut in Burgdorf. Der Vater und Jérôme halfen bei der Finanzierung der Kantonsschule. Meyer selber unterrichtete dort unentgeltlich Chemie und Physik. Leiter der Schule wurde der erste Redaktionssekretär der helvetischen Regierung, Georg Franz Hofmann. Mathematiklehrer Johann Christian Martin Bartels war wie Meyer ein Lichtenberg-Schüler.

Moser schuf mit dem Telliring den ältesten Turnplatz der Schweiz. In seinem 1800 erschienenen Werk Gesunder MenschenverstandGesunder Menschenverstand über die Kunst Völker zu beglücken (…) gedruckt im Lande der Freiheit für das Jahr der Gegenwart und die Zeit der Zukunft. Johann Jakob Hausknecht, St. Gallen 1800; 2. Aufl., Huber & Co., St. Gallen 1807 (). hatte er neben der Demokratie auch offen den Deismus propagiert. Deshalb machte ihn Pfarrer Johann Jakob Pfleger wenige Monate nach Eröffnung der Kantonsschule zur Zielscheibe einer Hetzkampagne.Johann Jakob Pfleger: Ein Wort an seine lieben Mitbürger zur Belehrung, Warnung und Beruhigung über Mosers gesunden Menschenverstand, Arau (9. Juni) 1802. Vgl. Johann Rudolf Meyer (Vater) et al.: Dem Bürger Pfleger, Kammerer und erster Pfarrer in Aarau, (Aarau) 29. Juni 1802; Beyträge zur Beurtheilung der Fehde des Pfarrers und Kammerers Pfleger, mit Mosers gesundem Menschenverstande, (Aarau 1802); dito, Erste Fortsetzung, (Aarau 1802); Johann Rudolf Meyer: Ein freymüthiges Wort über die Zuschrift der 40 Bürger an Herrn Kammerer Pfleger, nebst Beurtheilung seiner Antwort auf dieselbe, (Aarau 1802); derselbe: Beleuchtung einiger Stellen in Herrn Kammerer Pflegers Schrift, die Erziehungsanstalten in Arau betreffend, Aarau 1802; Andreas Moser: Der Kampf eines Laien mit einem Priester (…) Helvetien (Bern) 1802 (). Der altgesinnte Geistliche gab damit das Signal zum Ausbruch der Konterrevolution gegen die Helvetische Republik (Stecklikrieg), die Berns Aristokratie von langer Hand vorbereitet hatte. Mit dem Tod bedroht, musste Moser nach München fliehen. In der Folge wurden alle übrigen Kantonsschullehrer der revolutionären Periode entlassen und die meisten von ihnen aus Aarau vertrieben. Die anfänglich zahlreichen Schüler aus anderen Kantonen, namentlich der Waadt, blieben weg.

Emigration nach Bayern mini|hochkant|Zum Dank dafür, dass Kurfürst Max Joseph das Kloster Geisenfeld der Familie Meyer verkauft hatte, errichteten ihm die Bürger diese Ehrensäule. Als Bonaparte 1803 die Helvetische Republik auflöste, drohte auch der Familie Meyer politische Verfolgung. Sie transferierte deshalb ihre Fabrik und ihr Vermögen nach Bayern, wo Kurfürst Max Joseph und sein Minister Montgelas radikale Reformen durchführten. Anverwandte von Meyers Stiefmutter, die Freiherren von Schwachheim, hatten in Bayern Karriere gemacht.Peter Genner: Die Gastgeber der Helvetischen Gesellschaft. Die Familie Schwachheim-Renner als Besitzerin von Bad Schinznach und ihre Auswanderung nach Bayern. In: Argovia, 2012, S. 126–179 (). Erster Standort der Meyerschen Fabrikkolonie war Schloss Rohrbach (Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm), das einem Bekannten der Schwachheim gehörte. 1803 kaufte die Familie Meyer in der Nachbarschaft von Rohrbach die aufgehobenen Klöster Geisenfeld und Wolnzach, vertauschte diese aber 1804 gegen diejenigen von Polling, Rottenbuch und Steingaden (Landkreis Weilheim-Schongau). Die Kaufverhandlungen führte Gruner. In der Verwaltung der bayerischen Güter wechselte sich Meyer mit Jérôme ab.

Gegen 300 Personen wanderten mit der Familie aus. Zuerst bestand die Kolonie aus Aargauern und Baselbietern. Die Fabrik in Bayern gedieh aber nicht, weil ihr das Basler Seidenbandkartell die Posamenter abwarb. Zur Kolonie stiessen dafür Teilnehmer am Bockenkrieg von 1804, einem Aufstand gegen die Herrschaft der Stadt Zürich über den Rest des Kantons. Erfolg hatten die Auswanderer mit der Zucht von Schweizer Vieh. Nachdem Meyer seine Frau verloren hatte, heiratete er 1805 Gruners uneheliche Tochter Marie, die wohl bei seinen Eltern erzogen worden war und mit 20 Jahren nur wenig älter war als seine Söhne. Nach der Heirat übernahm er wieder die Verwaltung der bayerischen Güter. Die Flitterwochen verbrachte das Paar im Kanonendonner, da sich in der Gegend Franzosen und Österreicher bekämpften.Maries einziger erhaltener Brief, datiert Polling, 27. Oktober 1805, bei Peter Genner: Nach dem Ende der Klosterherrschaft – Schweizer Revolutionäre im Pfaffenwinkel. In: Der Welf, Jahrbuch des Historischen Vereins Schongau – Stadt und Land 2013, S. 69–192 (), hier: S. 113–115 (Fotos: Seite 3 mit Unterschrift, Seite 4 mit Anschrift). Gruner kaufte Meyer vier Schwaigen (Viehzuchtbetriebe) ab, die dieser im Gegenzug von ihm pachtete.

Die Meyersche Naturlehre mini|hochkant|Katalog von Meyers naturwissenschaftlicher Bibliothek, die gegen 40 000 Bände umfasste. Meyers Leidenschaft aber galt den Naturwissenschaften. 1805 veröffentlichte er eine Geognostische Uebersicht der helvetischen GebürgsformationenGeognostische Uebersicht der helvetischen Gebürgsformationen. In Heinrich Zschokke, Johann Heinrich Füssli (Hrsg.): Isis, Eine Monatschrift von Deutschen und Schweizerischen Gelehrten. 2. Band, Orell Füssli, Zürich Oktober 1805, S. 857–878, 1121 (), Karte., die zu Unrecht Gruner zugeschrieben wurdeSo im Nachdruck mit dem Titel Geognostische Uebersicht über die Alpen in Helvetien in Carl Ulysses von Salis in Marschlins, Johann Rudolph Steinmüller (Hrsg.): Alpina. Eine Schrift der genauern Kenntniß der Alpen gewiedmet. 1. Band, Steinerische Buchhandlung, Winterthur 1806, S. 244–265 (), hier: S. 244 ().. Im Anhang findet sich eine frühe geologische Karte der Schweiz.