Als Unglück am Djatlow-Pass () wird der ungeklärte Tod von neun Skiwanderern im nördlichen Ural in der Sowjetunion im Gebiet zwischen der Republik Komi und der Oblast Swerdlowsk im Jahr 1959 bezeichnet. Sie starben in der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 1959 am nordöstlichen Hang des Berges Cholat Sjachl (; ). Der Gebirgspass, an dem das Unglück geschah, wurde später nach dem Gruppenanführer Igor Djatlow Djatlow-Pass benannt.

Fehlende Augenzeugen, die Umstände des Unglücks und nachfolgende journalistische Untersuchungen zum Tod der Wanderer regten viele Spekulationen an. Untersuchungen der Todesfälle kamen zu dem Ergebnis, dass die Wanderer wahrscheinlich ihr Zelt von innen aufschlitzten und dieses barfuß und leicht bekleidet verließen. Die Leichen zeigten teilweise schwere Verletzungen, zwei Opfer hatten Schädelbrüche, zwei hatten gebrochene Rippen und innere Verletzungen.

Laut dem damaligen Untersuchungsbericht waren die Kleidungsstücke einiger der Verunglückten radioaktiv kontaminiert. Die sowjetischen Untersuchungsorgane legten sich nur darauf fest, dass „höhere Gewalt“ zu den Todesfällen geführt habe. Der Zugang zu dem Gebiet wurde nach dem Ereignis für drei Jahre gesperrt. Der Ablauf des Vorfalls bleibt unklar, da es keine Überlebenden gab.

Die Wanderung Geplante Route Die Skitour wurde vom Sportverein des Polytechnischen Instituts des Urals (kurz UPI, russ. Уральский Политехнический Институт, УПИ, heute Staatliche Technische Universität des Uralgebiets) anlässlich des XXI. Parteitags der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) veranstaltet und sollte 16 Tage dauern. Auf der geplanten Route durch das Gebirge des nördlichen Urals sollten von den Teilnehmern mindestens 350 km auf Skiern zurückgelegt und die Berge Otorten (russ. Отортен, Höhe: , etwa 13,6 km Luftlinie vom Unglücksort entfernt) und Cholat Sjachl bewältigt werden. Die Route wurde mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad (Kategorie III) bewertet.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 13.

Teilnehmer Teilnehmer der Unglückswanderung1. Igor Djatlow (1936–1959), Gruppenführer2. Juri Doroschenko (1938–1959)3. Ljudmila Dubinina (1938–1959)4. Juri Judin (1937–2013), einziger Überlebender5. Alexander Kolewatow (1934–1959)6. Sinaida Kolmogorowa (1937–1959)7. Georgi Kriwonischtschenko (1935–1959)8. Rustem Slobodin (1936–1959)9. Semjon Solotarew (1921–1959)10. Nikolai Tibo-Brinjol (1934–1959) mini|290px|Gedenkstein für die Verstorbenen in Jekaterinburg Die Teilnehmergruppe bestand aus acht Männern und zwei Frauen. Alle Teilnehmer galten als erfahrene Wanderer und kannten sich, mit Ausnahme von Semjon Solotarew, bereits seit mehreren Jahren. Bei Aufbruch schienen die physische und psychische Verfassung der Teilnehmer sowie ihre Ausrüstung, die zum Teil vom UPI gestellt wurde, den Anforderungen des geplanten Vorhabens vollkommen zu genügen.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 30 ff.

Der zum Zeitpunkt des Unglücks 23-jährige Igor Alexejewitsch Djatlow war der Anführer der Gruppe. Der angehende Ingenieur studierte im fünften Studienjahr an der Fakultät für Funktechnik des UPI und beteiligte sich an der Entwicklung und dem Bau von UKW-Funkgeräten. Seit Anfang 1959 hatte er eine Assistentenstelle am UPI inne. Er zählte zu den besten Sportlern des UPI-Sportklubs und hatte bereits mehrere lange Touren mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden absolviert. Zeitgenossen beschrieben ihn als ernsten, besonnen handelnden Menschen. Der Gebirgspass, an dem sich das Unglück ereignete, wurde später nach ihm benannt.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 14 f.

Der 1938 geborene Juri Nikolajewitsch Doroschenko studierte wie Djatlow im fünften Studienjahr an der Fakultät für Funktechnik des UPI. Er galt als trainiert und geübt im Weitwandern auf anspruchsvollen Routen. Er und Sinaida Kolmogorowa, die ebenfalls an der Wanderung teilnahm, waren einige Zeit lang ein Paar gewesen, hatten sich jedoch bereits vor Antritt der Expedition im Guten getrennt.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 18.

Ljudmila Alexandrowna Dubinina, Jahrgang 1938, studierte Bauingenieurwesen im vierten Studienjahr am UPI. Sie hatte 1957 eine Wanderung durch den Ostsajan unternommen und im Februar 1958 eine Tour vom Schwierigkeitsgrad II durch den nördlichen Ural geleitet. Während der Ostsajan-Tour war sie versehentlich von einem Jäger angeschossen worden, hatte die Verletzung jedoch überlebt. Von ihr stammen viele der bei der Djatlow-Pass-Wanderung gefertigten Fotografien.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 18 f.

Der 1937 geborene Juri Jefimowitsch Judin war Student an der Fakultät für Wirtschaftsingenieurwesen des UPI, ebenfalls ein erfahrener Wanderer und der einzige Überlebende der Gruppe.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 30. Da er kurz nach dem Start der Wanderung krank wurde, kehrte er um und rettete dadurch sein Leben.

Alexander Sergejewitsch Kolewatow, geboren 1934, studierte im vierten Studienjahr an der Physikalisch-Technischen Fakultät des UPI. Zuvor hatte er eine Ausbildung an der Fachschule für Bergbau und Metallurgie in Swerdlowsk absolviert und von 1953 bis 1956 als Laborant in einer geheimen Einrichtung des Ministeriums für Mittleren Maschinenbau in Moskau gearbeitet. (Die Einrichtung wurde später zum „Allsowjetischen Wissenschaftlichen Forschungsinstitut für Anorganische Materialien“, in dem für die Atomindustrie geforscht wurde.) Auch Kolewatow verfügte über Wandererfahrung und war bekannt für seine Genauigkeit und Führungsqualitäten sowie sein methodisches Vorgehen und Pflichtbewusstsein.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 22 ff.

Sinaida (Sina) Alexejewna Kolmogorowa wurde 1937 geboren und studierte im fünften Studienjahr an der Fakultät für Funktechnik des UPI. Sie hatte bereits Wanderungen verschiedener Schwierigkeitsstufen im Altai und Ural unternommen und bei einer dieser Touren den lebensgefährlichen Biss einer Viper überlebt.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 25 f.

Der UPI-Absolvent Georgi (Juri) Alexejewitsch Kriwonischtschenko, Jahrgang 1935, war Bauleiter in der Kerntechnischen Anlage Majak (damals Kombinat Nr. 817) in Tscheljabinsk, wo er im September 1957 Zeuge des Kyschtym-Unfalls wurde, bei dem große Mengen an radioaktiven Substanzen freigesetzt wurden, die eine Osturalspur von 300 km Länge hinterließen. Kriwonischtschenko beteiligte sich nach dem Unfall an den Aufräumarbeiten. Er war ein Freund von Djatlow und hatte ihn schon häufig auf Wanderungen begleitet.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 27 f.

Der 1936 geborene Rustem Wladimirowitsch Slobodin war ebenfalls Absolvent des UPI und arbeitete als Ingenieur. Auch er hatte bereits an mehreren Wanderungen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden teilgenommen. Er war Langstreckenläufer, boxte und spielte Mandoline, die er auch auf der Unglückswanderung mitführte.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 28 f.

Semjon Alexejewitsch Solotarew, genannt Sascha, wurde 1921 im Nordkaukasus geboren und war somit der älteste Teilnehmer der Expedition. Er hatte von 1941 bis 1946 beim Militär gedient und den Deutsch-Sowjetischen Krieg überlebt. Nach dem Krieg trat er in die Vorgängerpartei der KPdSU, die Kommunistische Allunions-Partei (Bolschewiki), ein und schloss 1950 ein Studium am Institut für Körperkultur (GIFKB) in Minsk ab. Danach arbeitete er als Wanderführer im Nordkaukasus und Altai. Im Sommer 1958 trat er die Stelle des obersten Wanderführers der Herberge Kourowka in der Oblast Swerdlowsk an, die er aber kurz vor der Unglückswanderung kündigte.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 19 ff.

Nikolai Wladimirowitsch Tibo-Brinjol hatte französische Vorfahren, seine Familie lebte aber bereits seit mehreren Generationen im Ural und hatte einige bekannte Bauingenieure hervorgebracht. Während der Herrschaft Stalins war seine Familie staatlicher Unterdrückung ausgesetzt, in deren Folge seine Mutter in ein Internierungslager kam, wo Tibo-Brinjol 1934 geboren wurde. Nach Beendigung seines Studiums an der Fakultät für Bauingenieurwesen am UPI im Jahre 1958 betätigte er sich in Swerdlowsk als Bauleiter. Wie die anderen Teilnehmer verfügte auch er über Erfahrungen mit Wanderungen unterschiedlicher Schwierigkeitsstufen.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 29 f.

Verlauf Chronologie der Wanderung 23. Januar 1959 Zusammenkunft der Wanderer im heutigen Jekaterinburg. Nacht vom 24./25. Januar 1959 Ankunft mit dem Zug in Iwdel. 26. Januar 1959 Ankunft und Übernachtung in der Waldarbeitersiedlung „41. Kwartal“. 27. Januar 1959 Ankunft in der Bergwerkssiedlung Wtoroi Sewerny, wo die Gruppe ihr Nachtlager aufschlägt. Nacht vom 27./28. Januar 1959 Juri Judin erkrankt. 28. Januar 1959 Judin kehrt um, der Rest der Djatlow-Gruppe setzt die Wanderung fort entlang von Loswa und Auspija. 31. Januar 1959 Die Gruppe erreicht das Gebirge und schlägt ihr Nachtlager im Auspijatal auf. 1. Februar 1959 Die Gruppe beginnt mit der Überquerung des Passes zum Loswatal. Auf halber Strecke kommt es zu dem Unglück.

mini|Der Fluss Auspija, an dem die Djatlow-Gruppe entlang wanderte. Die Teilnehmer kamen am 23. Januar 1959 in Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg, zusammen und reisten mit dem Zug über Serow nach Iwdel, der nördlichsten Stadt der Oblast Swerdlowsk, wo sie in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 1959 eintrafen. Am Nachmittag des 26. Januars 1959 fuhren sie per Anhalter weiter zur Waldarbeitersiedlung „41. Kwartal“ und verbrachten dort die Nacht im Wohnheim der Waldarbeiter. Am nächsten Tag brachen sie auf Skiern zur verlassenen, einst zum Gulag gehörenden Bergwerkssiedlung Wtoroi Sewerny auf, wo sie vom 27. auf den 28. Januar 1959 ihr Lager aufschlugen. In der Nacht erkrankte Judin, so dass er seine Teilnahme an der Wanderung abbrechen musste. Am Vormittag des 28. Januars 1959 gefertigte Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen, wie sich die Gruppe von ihm verabschiedete. Judin sagte später aus, dass es bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Konflikte oder Notfälle gegeben habe. Auch sei ihm nichts Verdächtiges aufgefallen.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 32 ff.

Während Judin zur Waldarbeitersiedlung zurückkehrte, setzten die anderen Teilnehmer ihre Wanderung fort. Die Gruppe plante, Anfang Februar 1959 den Otorten zu erreichen und spätestens am 14. Februar 1959 in der Siedlung Wischai einzutreffen. Gegenüber dem UPI hatten sie angekündigt, dass sie sich von dort per Telegramm melden würden. Mangels Zeugen konnte der weitere Verlauf der Wanderung nur noch anhand der später gefundenen Tagebuchaufzeichnungen der Teilnehmer rekonstruiert werden.Alexej Rakitin: Die Toten vom Djatlow-Pass. 2018, S. 37. (Der sonst üblicherweise beim lokalen Skiverband hinterlassene Routenplan war verlorengegangen oder nie von Djatlow eingereicht worden.)