Die Stiftskirche St-Léonard-de-Noblat steht inmitten des Altstadtkerns der gleichnamigen Stadt. Die französische Gemeinde liegt im Département Haute-Vienne in der Region Nouvelle-Aquitaine.

Saint-Léonard-de-Noblat befindet sich am Übergang einer wichtigen Straße von Bourges nach Bordeaux über die Vienne, die bereits vor der römischen Eroberung existierte. Die südlich der Stadt gelegene Brücke, die Pont-de-Noblat, stammt aus dem 13. Jahrhundert. Im Mittelalter hatte eine Burg des Bischofs von Limoges die Aufgabe, diese Straße zu kontrollieren. Im 12. Jahrhundert wurde es zu einer wichtigen Etappe auf der Via Lemovicensis, einem der vier französischen Hauptabschnitte auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela.

mini|hochkant=1.9|Stiftskirche St.-Léonard-de-Noblat, von Osten

Geschichte mini|Richard de Montbaston: Vie des Saints (14. Jahrhundert). Der hl. Leonhard als Fürsprecher der Gefangenen vor dem Thron des Merowingerkönigs Chlodwig I. mini|hochkant=0.5|links|Stadtwappen

Die Entstehung der Stadt Saint-Léonard-de-Noblat, mit ihr die Errichtung ihrer gleichnamigen Stiftskirche (fr. Collégiale), hat ihre Ursprünge in der Lebensgeschichte des hl. Leonhard von Limoges (fr. Saint-Léonard), die zunächst mündlich überliefert wurde, dann im 11. Jahrhundert erstmals niedergeschrieben worden ist. Der Text der Biografie weist den Charakter einer Legende auf.

Der Ort hatte sich deutlich vorher um das Grab des weithin verehrten Heiligen entwickelt. Er wurde in der Chronik des Ademar von Chabannes bereits um 1010 erwähnt, der Mönch in der Abtei Saint-Martial in Limoges war.

Leonhard war ein gegen Ende des 5. Jahrhunderts geborener und am Hof der Merowinger erzogener Adelssohn. Chlodwig I. (466–511) soll sein Taufpate gewesen sein. Gemäß seiner Biografie taufte und erzog ihn der Erzbischof Remigius von Reims (440–534). Von Mitleid erfüllt, suchte der junge Leonhard regelmäßig Gefangene auf und sprach erfolgreich für ihre Freilassung bei König Chlodwig I. beziehungsweise dessen Nachfolger Chlothar I. vor. Im frühen 6. Jahrhundert lehnte er die ihm angebotene Bischofswürde ab, um sich als Eremit in die Einsamkeit des unweit von Limoges gelegenen Waldes von Pauvain zurückzuziehen. Von seiner Zelle aus begann er, für Kranke und Hilfsbedürftige zu predigen. Er soll dort bald beachtliche Erfolge als Wunderheiler entwickelt und weithin großes Ansehen genossen haben.

Zu Grundbesitz kam Leonhard, nachdem er die hochschwangere Frau des Königs gerettet hatte. Das Königspaar jagte in den Wäldern von Limoges, doch die Königin lag in den Wehen und fing fürchterlich an zu schreien. Die Schreie hörte Leonhard und eilte der Königin zur Hilfe. Er rettete ihr und ihrem Kind das Leben. Der König – vermutlich handelte es sich auch um König Chlodwig I. – wollte Leonhard durch Reichtum Dank sagen. Doch der erbat sich lediglich so viel Waldfläche, wie er mit seinem Esel in einer Nacht umreiten könne. Den Wunsch erfüllte der König auch. Leonhard blieb auf seinem Land nicht lange allein. Er begründete eine weitläufige Landwirtschaft, mit deren Erträgen er „Abtrünnige“ loskaufen konnte, um sie wieder auf den rechten Weg zu bringen und die dann dort arbeiten konnten. So wurde er zum „Befreier der Gefangenen“. Im Andenken an die königliche Schenkung wurde das Gebiet lateinisch Nobiliacum („Ort der Edlen“) genannt, woraus später das Kloster Noblat wurde, das noch heute besteht.

Léonard-de-Noblat errichtete zunächst ein Oratorium, das der „Notre-Dame-de-sous-les-Arbres“ (Unsere Liebe Frau unter den Bäumen) gewidmet wurde. In dem Bethaus wurde am 6. November 559 sein Leichnam beigesetzt und weiterhin zur Verehrung aufbewahrt. Saint-Léonard galt seitdem als Schutzpatron derer, „die in Ketten liegen“, also der Gefangenen – aber auch der „Geisteskranken“, die man bis ins 18. Jahrhundert ankettete. Die Legende besagt, es seien durch das Gebet des hl. Leonhard oder durch an ihn gerichtete Fürbitten, sowohl vor als auch nach dessen Tod, auf wundertätige Weise die Ketten zahlreicher Gefangener zersprungen. Nach der Reformation wurde er auch Schutzpatron von Haustieren, besonders der Pferde, weil man die Ketten, mit denen er abgebildet wurde, irrtümlich als Viehketten deutete.

Das ehemalige Oratorium wurde bald zu klein und musste einer größeren Kirche weichen. Die Tradition der Pilgerfahrt zum Grab des heiligen Leonhard gab es bereits 1010, die zahlreiche und auch bedeutende Anhänger fand. So reiste etwa 1023 eine Gruppe von Geistlichen mit einem Vogt namens Jourdain de Laron dorthin. Der wurde noch im selben Jahr Bischof von Limoges und förderte die Entwicklung der Pilgerfahrt. Er veranlasste später die Niederschrift der oben genannten Biografie und regte vermutlich auch die Planung einer neuen Kirche an.

Weder vom Oratorium noch von der ihm folgenden Kirche sind heute Reste erhalten. Es gibt allerdings eine Überlieferung, nach der die für die Grabpflege zuständigen Geistlichen um ein Zeichen baten, an welcher Stelle man einen Neubau errichten sollte. In der folgenden Nacht bedeckte eine für das Limousin ungewöhnlich dicke Schneeschicht das Land, bis auf eine Stelle, an der dann die erste große Kirche gebaut wurde. Dieses dritte Gotteshaus, von dem die Mauern des Haupt- und Querhauses noch weitgehend erhalten sind, wurde in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts errichtet.

Die Stiftskirche bietet heute, auf Grund der unterschiedlichen Bauepochen und Erweiterungen, eine recht verwirrende Erscheinung.

Folgende Bauabschnitte werden unterschieden:

mini|links|Grundriss, I. Bauabschnitt, Handskizze

1. Ab Anfang 11. Jahrhundert (Neubau des Ursprungsbauwerks)

Errichtung des Ursprungsbauwerks einer großen Kirche zur Verehrung des heiligen Leonhard. Der schlichte romanische Grundriss besitzt die Form eines lateinischen Kreuzes aus einem lang gestreckten Hauptschiff ohne Gliederung in Joche und einem Querschiff mit ausladenden Armen. Das Chorhaupt bestand sehr wahrscheinlich aus einem einfachen Chor mit Apsis und zwei getrennten Apsiden der Querhauskapellen. Die durchfensterten Wände der Schiffe weisen schlanke Querschnitte auf, was steinerne Einwölbungen ausschließt, abgesehen vom Chor und den Kapellen. Die Schiffe waren mit gezimmerten Dachstühlen und Satteldächern überdeckt. Dieser Ursprungsbau war zunächst noch keine Basilika und keine Stiftskirche. Sie unterstand aber einem Kapitel von Kanonikern (fr. Église du chapitre canonial), das in entsprechenden Klostergebäuden untergebracht sein musste, von denen aber keine Überlieferungen bekannt sind.

mini|hochkant|Ansicht von NO, 1. bis 4. Bauabschnitt

2. Gegen 1075 (Anbau der Grabeskapelle)

Auf der Nordseite der Kirche wurde im Winkel zwischen Haupt- und Querschiff eine „Grabeskapelle“ in Form einer kreisrunden Rotunde (Zentralbau) angebaut, mit einem inneren Arkadenkranz, steinernen Einwölbungen und vier halbkreisförmigen Kapellen. Solche Zentralbauten wurden damals in Erinnerung an die Rotunde der Grabeskirche von Jerusalem errichtet. Es waren keinesfalls Baptisterien (Taufkapellen). Beispiele in Frankreich sind etwa die Krypta der Kathedrale von Dijon oder die Rotunde von St-Jacques de Neuvy-Saint-Sépulchre.

3. Ende des 11. Jahrhunderts (Einbau der Kuppeln, der Vierungslaterne, der Gewölbe im 4. und 5. Joch des Langhauses).

Man hatte sich für die steinernen Einwölbungen des Querschiffs und des Hauptschiffs entschieden. Das Querschiff erhielt drei Pendentifkuppel­wölbungen, die mittlere mit einer Laterne aus einem achteckigen Tambour. Im Langhaus wurden zunächst die Joche 4 und 5 mit Tonnengewölben überdeckt. Da die schlanken Außenwände keine Gewölbe tragen konnten, teilte man das ehemalige Hauptschiff in ein Mittelschiff, flankiert von zwei schmalen Seitenschiffen. Die Hauptlasten der Gewölbe tragen nun die Scheidewände (zwischen den Schiffen) und die sie tragenden Pfeiler. Die in dem Bereich mit flachen Wandpfeilern verstärkten Außenwände übernehmen nur noch geringe Restlasten. Mit den Einwölbungen erhielt die Kirche den Aufriss einer Pseudobasilika.

4. Anfang des 12. Jahrhunderts (Wölbungen der Joche 1 bis 3 und Anbau des Glockenturms)

In Verlängerung des Mittelschiffs der Joche 4 und 5 entstanden drei Joche mit Tonnengewölben. Statt der Abstützung der Gewölbe mit den Seitenschiffen entschied man sich hier für den Einbau kräftiger Wandpfeiler, auf denen breite Arkadenbögen aufstehen, die so die Lasten der Gewölbe der Joche 1 bis 3 aufnehmen. Die dabei entstandenen Wandnischen dienten wahrscheinlich als Kapellen.

Auf der nördlichen Außenseite der Kirche errichtete man im Bereich des dritten Jochs einen im Grundriss nahezu quadratischen sehr schlanken Glockenturm, aus einem offenen Narthex aus neun Pfeilern, darüber mit drei quadratischen Stockwerken, die in zwei achteckige übergehen.

5. Mitte des 12. Jahrhunderts (Chorhaupterneuerung)

Ersatz des bisherigen Chorhauptes aus Chor mit Apsis und den beiden Apsiden der Querhauskapellen durch deren Abbruch und Neubau eines neuen Chorhauptes aus einem zweijochigen Chor mit Apsis, einem breiten Chorumgang (auch Ambulatorium) von Querhausarm zu Querhausarm und einem Kapellenkranz aus sieben Radialkapellen.

6. Spätes 13. Jahrhundert (Fassadenvormauerung)

Vormauerung einer neuen Fassade (westliche Wand des Langhauses) mit einem großen Archivolten­portal, flankiert von zwei Blendarkaden und überdeckt von einem großen Archivoltenfenster.

7. Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts (Erhöhung des Chors mit Verstärkungen der Konstruktionen)

Die Erhöhung der Umfassungsmauer des Chorraums, um größere Fenster einzubauen, bedeuteten höhere Lasten für die Stützen der Chorarkaden. Die waren dafür nicht ausreichend dimensioniert. Ohne Rücksicht auf architektonische Ästhetik wurden die schlanken Rundstützen unförmig verstärkt und ein zusätzlicher Pfeiler eingefügt. Außerdem wurden die ehemals schlanken gestelzten Arkadenbögen teilweise vermauert. Mit der Erhöhung der Chorraumwände wurde auch das Chorgewölbe entsprechend angehoben. Die Querkräfte des neuen Gewölbes mussten außenseitig mit zusätzlichen Strebewerken in die Außenwände des Chorumgangs abgeleitet werden.

Wiederherstellung der Einwölbung von Joch 1, jedoch mit einem Kreuzgratgewölbe.

8. Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts (Anbau von Nebenräumen)

Anfügung von äußeren Wandpfeilern als Strebepfeiler auf der Südwand des Langhauses. Später Anbau von Sakristei- und anderen Nebenräumen im Bereich der Joche 3 bis 5 und außen bündig mit der Südwand des Querhauses abschließend.

Etappe auf dem Jakobsweg mini|hochkant=0.5|links|Jakobspilger, Holzschnitt von 1568 mini|Jakobsgrab, Santiago-de-Compostela Die gegen Ende des 11. Jahrhunderts einsetzenden Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela in Nordspanien, und die damit verbundenen Spendeneinnahmen, lösten vermutlich die ersten Umbauarbeiten aus, vor allem die Einwölbungen der Schiffe. Der größte Erweiterungsabschnitt gegen Mitte des 12. Jahrhunderts fiel zusammen mit der großen Blütezeit der Wallfahrt nach Santiago in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, in der die Pilger jährlich zu Hunderttausenden nach Süden zogen. An diesen Wegen entstanden nicht nur neue Kirchen, Klöster, Hospize, Herbergen und Friedhöfe, sondern vorhandene Einrichtungen wurden den neuen Anforderungen entsprechend erweitert. Man brauchte für eine Pilgerkirche vor allem mehr Bewegungsflächen für die zahlreichen Pilger, wie Chorumgänge und Seitenschiffe, und möglichst viele Kapellen, zur Präsentation von Reliquien und deren Verehrung. Während der aufwändigen Erweiterung des Chorhauptes hat man sich provisorisch mit der eingeengten Nutzung der Schiffe begnügen müssen.