Kannada (ಕನ್ನಡ ), auch Kanaresisch, ist eine Sprache aus der dravidischen Sprachfamilie. Sie wird in Südindien, hauptsächlich im Bundesstaat Karnataka, von etwa 44 Millionen Muttersprachlern gesprochen und vornehmlich in Kannada-Schrift geschrieben. Ein Kannada-Sprecher wird als Kannadiga bezeichnet.

Verbreitung und Sprecherzahl mini|Ungefähres Verbreitungsgebiet des Kannada

Das Verbreitungsgebiet des Kannada deckt sich weitgehend mit dem südindischen Bundesstaat Karnataka, dessen Grenzen 1956 entlang der Sprachgrenze des Kannada gezogen wurden. Daneben gibt es kannadasprachige Minderheiten in den angrenzenden Gebieten Südindiens. Seit jüngerer Zeit wird Kannada auch unter Auslandsindern in den USA, im Vereinigten Königreich sowie in Kanada und Australien gesprochen. Das Kannada dient im Bundesstaat Karnataka als Amtssprache. Die meisten nicht-kannadasprachigen Einwohner des Bundesstaates beherrschen Kannada als Zweitsprache. Daneben ist es auf überregionaler Ebene als eine von 22 Verfassungssprachen Indiens anerkannt.

Laut der indischen Volkszählung 2011 wird Kannada von knapp 44 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen. Davon leben gut 41 Millionen in Karnataka, wo Kannada-Sprecher rund zwei Drittel der Bevölkerung stellen. Größere Minderheiten von Kannada-Sprechern finden sich auch in den Nachbarbundesstaaten Tamil Nadu (1,3 Millionen), Maharashtra (1,0 Millionen) und Andhra Pradesh (0,5 Millionen).Census of India 2011: Data on Language and Mother Tongue. Part A: Distribution of the 22 scheduled languages-India/States/Union Territories - 2011 census.

Sprachverwandtschaft

Kannada gehört zur Familie der hauptsächlich in Südindien verbreiteten dravidischen Sprachen. Neben Telugu, Tamil und Malayalam ist Kannada eine der vier großen dravidischen Sprachen. Innerhalb dieser Sprachfamilie gehört Kannada zum süddravidischen Zweig. Der nächste Verwandte des Kannada ist Badaga. Diese unter der Stammesbevölkerung des Nilgiri-Gebirges in Tamil Nadu gesprochene Sprache wird teilweise auch als Kannada-Dialekt aufgefasst.Sanford B. Steever: Introduction to the Dravidian Languages. In: Sanford B. Steever: The Dravidian Languages, London 1998. Hier S. 7.

Mit den in Nordindien gesprochenen indoarischen Sprachen ist Kannada nicht verwandt. Es ist aber recht stark durch Sanskrit, die klassische Sprache des Hinduismus, beeinflusst worden und hat neben einer großen Zahl an Lehnwörtern auch strukturelle Merkmale aus dieser indoarischen Sprache übernommen.

Sprachformen

Kannada teilt sich in vier Dialektgruppen ein, die aus weiteren Unterdialekten bestehen. Der südliche Dialekt wird in und um die beiden größten Städte Karnatakas, Bengaluru und Mysuru gesprochen. Im Raum Mangaluru ist der westliche Dialekt verbreitet. Der nördliche Dialekt wird in der Gegend von Dharwad gesprochen, der nordöstliche Dialekt in und um Vijayapura. Der nördliche und nordöstliche Dialekt sind von Marathi, der indoarischen Sprache des Nachbarbundesstaates Maharashtra, beeinflusst worden.

Parallel zu den geografischen Dialekten existieren Kastendialekte beziehungsweise Soziolekte. Die Hauptunterscheidung liegt hierbei zwischen den Dialekten der Brahmanen, Nichtbrahmanen und Dalit-Dialekten. In jüngerer Zeit treten aber auch bei den Soziolekten verstärkt Klassenunterschiede an die Stelle der Kastenzugehörigkeit.Sanford B. Steever: Kannada. In: Sanford B. Steever: The Dravidian Languages, London 1998. Hier S. 129.

Geschriebene und gesprochene Sprache unterscheiden sich im Kannada recht stark voneinander, wenn auch die Diglossie weniger stark ausgeprägt ist als etwa im verwandten Tamil. Als überregionale Standardumgangssprache hat sich die gesprochene Sprache der gebildeten Stadtbevölkerung Bengalurus und Mysurus eingebürgert.

Sprach- und Literaturgeschichte

mini|Kannada-Inschrift im Tempel von Basaral (Hoysala-Dynastie, 13. Jhd.)

Kannada wird in drei Sprachstufen eingeteilt: Altkannada (bis 1200), Mittelkannada (1200–1700) und modernes Kannada (seit 1700). Das älteste erhaltene Sprachzeugnis des Kannada ist eine im Distrikt Hassan gefundene Inschrift, die auf die Zeit um 450 datiert wird.

Kannada ist nach Tamil die zweitälteste dravidische Literatursprache. Das älteste bekannte Werk der Kannada-Literatur, das dem Rashtrakuta-König Amoghavarsha I. zugeschriebene Kavirajamarga, eine in Versform geschriebene Abhandlung über die Dichtkunst, wird auf das erste Viertel des 9. Jahrhunderts datiert. Im 10.–12. Jahrhundert entstanden Gedichte, epische Dichtungen und Fabeln vornehmlich aus der Feder der jainistischen Autoren Pampa, Ponna und Ranna. Das erste Prosa-Werk auf Kannada ist das Lokopakara des Chavundaraya aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Wichtige Autoren des ausgehenden 12. Jahrhunderts sind die hinduistischen Dichter Harihara und Raghavanka. Während der Zeit des Vijayanagar-Königreichs im 14.–16. Jahrhundert erlebte die Kannada-Literatur durch die Patronage des Hofes einen Aufschwung. Die bekanntesten Autoren dieser Periode sind Chamarasa und Kumara Vyasa.

Nachdem Indien zu einer britischen Kolonie geworden war, versiegte die Kannada-Literatur. Erst Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine Renaissance der Kannada-Literatur ein, die nun auch aus westlichen Einflüssen schöpfte und neue Genres wie den Roman und die Kurzgeschichte einführte. Insgesamt siebenmal konnte ein kannadasprachiger Autor den Jnanpith Award, den wichtigsten indischen Literaturpreis, gewinnen, zuletzt Girish Karnad (1998) und U. R. Ananthamurthy (1994). 2025 wurde die Kurzgeschichten-Sammlung Heart Lamp von Banu Mushtaq, ins Englische übersetzt von Deepa Bhasthi, mit dem International Booker Prize ausgezeichnet.In a First, a Story Collection Wins the International Booker Prize, New York Times vom 20. Mai 2025, abgerufen am 21. Mai 2025

Schon früh hatte sich eine einheimische Kannada-Grammatiktradition entwickelt. Deren wichtigste Werke sind das Shabdamanidarpana des Keshiraja aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und das Shabdanushasana des Bhattakalanka (1604). Die erste westliche Kannada-Grammatik erschien 1820. Im 19. Jahrhundert beschäftigten sich vornehmlich christliche Missionare mit dem Kannada. Vor allem der deutsche evangelische Missionar Ferdinand Kittel studierte von 1853 bis 1892 Sprache und Kultur gründlich. Erste Publikationen dazu erfolgten ab 1862. Mit seinem Kannada-Englisch-Wörterbuch von 1894 und seiner Grammatik von 1903 erwarb er sich große Verdienste, seine Werke wurden auch von den nachfolgenden Generationen benutzt und geschätzt.Karnata F Kittel – Font Release Event, Website kittel.sanchaya.net (2022, englisch, abgerufen am 7. August 2026)

Schrift

mini|Zweisprachiges Straßenschild (Kannada/Englisch) in Bengaluru

Wie viele indische Sprachen verfügt Kannada über eine eigene Schrift, die Kannada-Schrift. Diese ähnelt der Telugu-Schrift sehr und gehört zur Familie der indischen Schriften. Mit den übrigen Schriften Indiens, Tibets und Südostasiens teilt sie den gemeinsamen Ursprung von der Brahmi-Schrift aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. und ein gemeinsames Funktionsprinzip: Es handelt sich bei ihnen um eine Zwischenform aus Alphabet und Silbenschrift, sogenannte Abugidas, bei denen jedes Konsonantenzeichen einen inhärenten Vokal a besitzt, der durch diakritische Zeichen modifiziert werden kann. Typisch für eine südindische Schrift zeichnet sich die Kannada-Schrift durch ihre runden Formen aus.

Phonologie

mini|Eine alte Frau spricht über die Kannada-Sprache + Konsonantenphoneme des Kannada   labial dental retroflex palatal velar Plosive stl. unasp. p [] t [] ṭ [] c [] k [] stl. asp. ph [] th [] ṭh [] ch [] kh [] sth. unasp. b [] d [] ḍ [] j [] g [] sth. asp. bh [] dh [] ḍh [] jh [] gh [] Frikative stl. (f []) s [] ṣ [] ś [] h [] sth.   (z [])       Nasale m [] n [] ṇ [] (ñ []) (ṅ []) Laterale   l [] ḷ []     Halbvokale v []     y []   Flap   r []      

Kannada besitzt 34 konsonantische Phoneme. Typisch für die indischen Sprachen ist die Unterscheidung nach fünf Artikulationsorten: velar, palatal, retroflex, dental und labial. Bei den Plosiven (Verschlusslauten) kontrastieren stimmlose und stimmhafte Laute. Durch die zahlreichen Lehnwörter aus dem Sanskrit haben die aspirierten Plosive (sowohl stimmlose als stimmhafte) im Kannada Phonemstatus erlangt, so dass die Plosive wie in den indoarischen Sprachen in Viererreihen auftreten (z. B. k, kh, g, gh). In ererbten dravidischen Wörtern kommen keine aspirierten Konsonanten vor. Bei nachlässiger Aussprache und in bestimmten Dialekten können sie durch die entsprechenden unaspirierten Laute ersetzt werden. Die Konsonanten f und z kommen nur in jüngeren Lehnwörtern, etwa aus dem Englischen, vor, deshalb wird ihnen nicht immer ein Phonemstatus zugestanden. Die beiden Nasale ñ und ṅ sind Allophone von n, die nur vor den entsprechenden Plosiven vorkommen. In der Kannada-Schrift werden Nasale vor Plosiven durchgängig mit dem Anusvara ṃ wiedergegeben, das je nach folgendem Konsonant für m, n, ṇ, ñ oder ṅ stehen kann.

+ Vokalphoneme des Kannada   vorne zentral hinten kurz lang kurz lang kurz lang geschlossen i [] ī []     u [] ū [] mittel e [] ē []     o [] ō [] offen     a [] ā []    

Im Kannada kommen zehn Vokalphoneme vor. Die Vokale a, i, u, e und o kommen jeweils in Paaren von langem und kurzem Vokal vor. Dazu kommen die phonematischen Diphthonge ai und au. Ferner gibt es den Vokal /ǣ/, der auf englische Lehnwörter beschränkt ist (z. B. von englisch bank), und daher meist nicht als vollwertiges Phonem gezählt wird. In bestimmten Dialekten kommt er aber auch in echten Kannada-Wörtern vor.

Fast alle Kannada-Wörter enden auf einen Vokal. Bei Lehnwörtern, die auf einen Konsonanten enden, wird oft ein sogenannter enunziatorischer Vokal u oder i angehängt (z. B. von englisch bus). Am Wortanfang können alle Konsonanten außer retroflexem ḷ und ṇ vorkommen. Konsonantencluster (Aufeinanderfolgen von zwei oder mehr Konsonanten) am Wortanfang kommen nur bei Lehnwörtern vor (z. B. „Liebe“, aus dem Sanskrit). Vor allem ungebildete Sprecher fügen aber oft einen Sprossvokal ein und sprechen z. B. /piriti/. Die Betonung liegt im Kannada stets auf der ersten Silbe eines Wortes. Sie ist also nicht bedeutungsunterscheidend und auch nicht allzu stark ausgeprägt.

Beim Auftreffen von Morphemen innerhalb eines Wortes oder Wörtern untereinander können Sandhi-Prozesse auftreten. So wird zwischen dem Wortstamm („Blume“) und dem Instrumentalsuffix -iṃda ein Gleitlaut v eingefügt: . Werden zwei Wörter aneinandergefügt, kann der stimmlose Anfangskonsonant des zweiten Worts stimmhaft werden. Diese Erscheinung kommt aber in der Schrift meist nicht zum Ausdruck: („Unterlippe“), gesprochen /keḷaduṭi/. Ein phonologischer Prozess, der nur in der Umgangssprache vorkommt, ist der Ausfall (Synkope) eines Vokals in der zweiten Silbe von drei- oder mehrsilbigen Wörtern (z. B. schriftsprachlich , umgangssprachlich „Name“).

Grammatik

Kannada ist eine agglutinierende Sprache und drückt die Beziehungen von Wörtern untereinander durch Suffixe (Nachsilben) aus.

Nomina

Genera

Kannada kennt drei Genera: Maskulinum (männlich), Femininum (weiblich) und Neutrum (sächlich). Die Genuseinteilung beruht dabei auf dem natürlichen Geschlecht (Sexus): Für männliche Personen oder Götter benutzt man das Maskulinum, für weibliche Personen oder Göttinnen das Femininum und für Tiere oder Dinge in der Regel das Neutrum. Bei den Stämmen auf -a und den Personen bezeichnenden Stämmen auf -u ist das Genus an den Suffixen des Nominativs Singular erkennbar: vgl. ಸೇವಕನು sēvaka-nu (mask.) „Diener“, ಸೇವಕಳು sēvaka-ḷu (fem.) „Dienerin“ und ಮರವು mara-vu (neutr.) „Baum“.

Pluralbildung

Die Nomina im Kannada kommen in zwei Numeri vor: Singular und Plural. Der Plural wird agglutinativ durch eines von vier möglichen Suffixen gebildet:

-aru bei männlichen und weiblichen Stämmen auf -a (z. B. ಹುಡುಗ huḍuga „Junge“ – ಹುಡುಗರ huḍugaru „Jungen“)