Arthur Josef Schreck (* 15. August 1878 in Baden-Baden; † 3. Oktober 1963 in Pfullendorf) war ein deutscher Psychiater, Direktor der Pflegeanstalt Rastatt und als T4-Gutachter sowie stellvertretender Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch und Leiter der dortigen Kinderfachabteilung an der Kinder- und Erwachsenen-„Euthanasie“ im Dritten Reich beteiligt.
Herkunft und Studium Arthur Schreck wurde als uneheliches Kind der damals 22-jährigen Karoline Epp geboren. Zwei Monate nach seiner Geburt erkannte ihn der praktische Arzt Josef Schreck, der im Gegensatz zur Mutter katholischer Konfession war, als seinen Sohn an. Gleichwohl heiratete sein Vater in Pfullendorf nicht Karoline Epp, sondern eine begüterte Bürgerstochter und ließ sich 1882 dort mit einer Arztpraxis nieder.
Arthur Schreck besuchte die Volksschule in Freiburg und drei Jahre die Realschule in Überlingen. Nach dem Tod seiner Frau 1891 heiratete Josef Schreck schließlich in Freiburg Karoline Epp, so dass Arthur Schreck mit 14 Jahren der älteste und damit der Stammhalter neben seinen vier Halbgeschwistern war.
Nach der mittleren Reife trat Schreck eine Ausbildung als Apothekerlehrling an, wurde aber 1898 in die Oberprima des Humanistischen Gymnasiums von Konstanz aufgenommen, nachdem er sich gegen den Widerstand seines Vaters im Selbststudium von Latein, Griechisch und Mathematik auf das Abitur vorbereitet hatte. Im Alter von 22 Jahren bestand er 1902 die Reifeprüfung und studierte in Würzburg, Heidelberg, München und Freiburg Medizin. Sein Studium finanzierte er teilweise mit Vertretungen praktischer Ärzte und geriet in der Kreispflegeanstalt Weinheim auch mit geistig Behinderten in Berührung. 1905 erhielt Schreck die Approbation und wurde 1906 mit dem Thema Beiträge zur Serumtherapie der Basedowschen Krankheit promoviert. Im selben Jahr starb seine Mutter.
Berufliche Anfänge Schreck half zunächst in der väterlichen Praxis aus, arbeitete als chirurgischer Assistent am Städtischen Krankenhaus Konstanz und war vom 14. Dezember 1908 bis 14. März 1909 in der Heilanstalt Schussenried sowie vom 1. Juli 1909 bis 1. Oktober 1909 in der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg volontärärztlich tätig.
1910 heiratete sein Vater, der in Pfullendorf zur Ortsprominenz zählte und im Vereins- und kulturellen Leben sehr engagiert war, zum dritten Mal. Mit seiner zwölf Jahre jüngeren Frau zog er nach Dresden, um dort als Medizinalrat die Leitung des Physiatrisch-Diätetischen Sanatoriums in Weißer Hirsch zu übernehmen. Bereits vor seiner erneuten Heirat hatte er einen Großteil seiner ärztlichen Tätigkeiten an seinen ältesten Sohn abgegeben. Arthur Schreck, dem dies zunächst widerstrebte, führte 1909 dann doch die väterliche Praxis in alleiniger Verantwortung weiter und heiratete im Oktober dieses Jahres ebenfalls eine Tochter aus einer gutsituierten bürgerlichen Familie. Es stellten sich in kurzer Folge zwei Kinder ein. Schon im Jahre 1912, in dem sein Vater zum dritten Ehrenbürger von Pfullendorf ernannt wurde, bewarb sich Schreck um eine Arztstelle in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau in Achern. In seinem Bewerbungsschreiben legte er seine Motive für diesen überraschenden Schritt, für den vor allem sein Vater nicht das geringste Verständnis aufbringen konnte, dar:
„Ich hatte stets reges Interesse für Psychiatrie und beabsichtigte schon 1905, mich diesem Fache zuzuwenden, allein ich stieß auf den hartnäckigsten Widerstand von seiten meines Vaters, der das unter keinen Umständen zuließ […] . [Ich] war wegen des leidenden Gesundheitszustandes meines Vaters gezwungen, die väterliche Praxis zu übernehmen. Ich tat dies sehr ungern, allein es geschah meinem Vater zuliebe […]. Da ich ferner der Psychiatrie ein reges Interesse bewahrt habe, so komme ich heute, nach sieben Jahren, abermals zu dem Entschluß, mich definitiv diesem Fache zuzuwenden.“Personalakte Dr. Schreck, Arthur, Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 466 Nr. 6625/2, S. 4–5, zit. nach Hermann/Middelhoff/Peschke „Arthur Schreck - Versuch einer Annäherung“, S. 50
Arzt in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau Schreck erhielt vom Direktor der Illenau Heinrich Schüle eine Zusage und trat am 16. Mai 1913 als außerplanmäßiger beamteter Hilfsarzt in den badischen Staatsdienst ein. Im Februar 1915 wurde er zum planmäßigen und im August 1924 zum Anstaltsoberarzt ernannt. Seit Beginn des Ersten Weltkrieges leitete er selbständig die männliche Heilabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Illenau und war zudem als Gutachter in forensischen, zivilrechtlichen und militärischen Fällen tätig.
Vom Kriegsdienst blieb er aufgrund einer bereits in der Kindheit erworbenen Schwerhörigkeit verschont. 1914 war Schreck für die Leitung eines „Kriegslazaretts für Verwundete“ sowie für die Anstaltsapotheke zuständig. 1916 wurde er hierfür mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet.
In der Illenau wurde Schreck als „hochgeschätzter College“ und „hervorragende Arbeitskraft“ wahrgenommen, der auch bei seinen Patienten beliebt war. In einer Aussage gab ein ehemaliger Arztkollege 1948 zu Protokoll, dass Schrecks Spitzname in der Illenau bezeichnenderweise „Vati“ lautete.
Im August 1928 wurde ihm der Titel eines Medizinalrates verliehen. Wie die meisten seiner Arztkollegen und der Direktor der Illenau, Hans Roemer, trat Schreck zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.089.934).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/39490945 Weiterhin war er Mitglied des NS-Ärzte- und NS-Luftschutzbundes sowie seit März 1936 Zellenleiter der NSV.
Leiter der Pflegeanstalt Rastatt Am 17. April 1934 trat Schreck als vorläufiger kommissarischer Leiter sein Amt in der neugegründeten Pflegeanstalt Rastatt an. Diese im ehemaligen Garnisonslazarett der Festung Rastatt eingerichtete Anstalt sollte als „besondere Verwahrungsanstalt für dauernde anstaltsbedürftige Geisteskranke“ die vier überfüllten badischen Heil- und Pflegeanstalten von den als nicht heilbar geltenden Patienten entlasten und zudem dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 zur Durchsetzung verhelfen. Seine Aufgabe bestand zunächst in der Einrichtung und Ausstattung der neuen Anstalt in kürzester Zeit und mit minimalem finanziellen Aufwand. Schreck war unter anderem für bis zu 580 Anstalts- sowie 450 Fürsorgepfleglingen in vier umliegenden Anstalten, die Anstaltsapotheke, Überwachung der Krankenpflege und -versorgung und die Verwaltung verantwortlich. Daneben erstellte er jährlich bis zu 100 Gutachten. Aufbau und Betrieb der Anstalt führten zu einer dauernden Überlastung Schrecks. Auch seine Patienten bekamen die Folgen ihrer Einstufung als reine Pflegepatienten ohne Heilungsmaßnahmen zu spüren. Schreck beschrieb die Situation in seiner Vernehmung nach dem Krieg:
„Ich war in Rastatt gewissermaßen gezwungen, in bezug auf die Mehrzahl der Kranken von der aktiven und positiven zur passiven und negativen Psychiatrie überzugehen […]. Der unendlich traurige Aspekt meiner Kranken bei der Visite, die Unmöglichkeit ihnen therapeutisch helfen zu können, sowie der Umstand, daß ich mich in Rastatt finanziell ganz erheblich schlechter stellte wie in Illenau, stimmten mich sehr unglücklich. Ich weiß nicht, ob ich in Rastatt ausgehalten hätte, wenn mich nicht die Betreuung von vier Fürsorgeheimen mit 450 jugendlichen Zöglingen […] von dieser Misere etwas abgelenkt hätten.“Staatsarchiv Freiburg F 176/15, Nr. 27 („Schreck/Faust“), S. 251 ff., zit. nach Hermann/Middelhoff/Peschke „Arthur Schreck – Versuch einer Annäherung“, S. 53
Trotz aller Unzulänglichkeiten äußerte sich Schreck in einem Schreiben vom Dezember 1934 prinzipiell einverstanden mit dem neuen Sparkurs:
„Die Primitivität einer Anstalt für Geisteskranke ist in heutiger Zeit zweifellos durchaus gerechtfertigt.“Akten der Pflegeanstalt Rastatt, I Bausachen, Brief vom 4. Dezember 1934, zit. nach Hermann/Middelhoff/Peschke „Arthur Schreck – Versuch einer Annäherung“, S. 52
Er zeigte sich als äußerst korrekter und in finanziellen Angelegenheiten geradezu als penibler Anstaltsleiter. Mit einem praktischen Pflegeschlüssel von einem Pfleger auf 25 Pfleglinge (im Gegensatz zu den Heil- und Pflegeanstalten mit durchschnittlich 1:3) gelang es ihm im Rechnungsjahr 1936 den Pflegesatz auf 1,60 RM zu senken (üblich waren 3,05 RM). Schreck hatte durch einen außerordentlichen Einsatz von Energie und Zeit mit der Pflegeanstalt Rastatt den Prototyp einer geschlossenen reinen Pflegeeinrichtung geschaffen.
Nachdem immer weiteres Pflegepersonal zum Militärdienst einberufen wurde, waren schließlich nur noch sechs Pflegekräfte für etwa 650 Kranke vorhanden. Somit kündigte sich bereits Anfang 1939 das Ende der Anstalt an. Am 5. September 1939 wurden die 579 Kranken in die Heilanstalt Zwiefalten evakuiert, wo Schreck mit seinem Rastatter Personal weiterhin als selbständiger Leiter seiner Pflegeanstalt fungierte. Unzufrieden mit seiner persönlichen Situation und der völlig unzulänglichen Unterbringung seiner Kranken in Zwiefalten erschien Schreck häufig angetrunken zum Dienst, so dass er vom Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Illenau, Hans Römer, als dem Alkohol verfallen bezeichnet wurde, der als Anstaltsleiter unmöglich wäre.
Aktion T4 Im Herbst 1939 begannen mit der meldebogenmäßigen Erfassung der potentiellen Opfer die NS-Krankenmorde, bekannt als „Aktion T4“. Die Direktoren der badischen Anstalten wurden im Dezember 1939 vom Leiter der Gesundheitsabteilung im badischen Innenministerium, Ministerialrat Ludwig Sprauer, über Sinn und Zweck sowie die Durchführung der anlaufenden Aktion unterrichtet. Schreck wurde im Februar 1940 in Berlin offiziell eingeweiht.
Am 27. Februar 1940 erfolgte ein erster Transport seiner Patienten in die NS-Tötungsanstalt Grafeneck. Seinen Mitarbeitern erklärte er die Verlegung mit planwirtschaftlichen Gründen aus Anlass des Krieges, die von oben angeordnet worden sei und strengster Geheimhaltung unterliege. So endeten fast alle seiner 500 Patienten in der Gaskammer von Grafeneck.
Auf seinen eigenen Wunsch hin durfte er im Mai 1940 den Betrieb der Gaskammer und des Verbrennungsofens in Grafeneck besichtigen. Kritisch äußerte er sich nur über die primitiven Anlagen der Tötungseinrichtung. Der als „Euthanasie“ verbrämte Krankenmord wurde von ihm nicht in Frage gestellt. Am 14. August 1947 sagte Schreck hierzu aus:
„In die Gaskammer habe ich durch die offene Türe hineingesehen. Es lagen etwa 50 - 60 tote Leute darin, die alle möglichen Stellungen einnahmen, teils auf Stühlen und Bänken sitzend, teils auf dem Boden liegend. Es waren Männer […]. Ich kam zu einer Zeit, in der gerade Verbrennungen stattfanden. Etwa 30 Meter von dem Gasraum entfernt stand ein großer Verbrennungsofen im Freien. Der Ofen hatte die Größe eines Zimmers und wurde mit Koks geheizt. Wärter trugen jeweils zwei Tote aus dem Gasraum […] und schoben die Leichen in den Ofen. Die Leichenverbrennung dauerte etwa eine Viertelstunde, ich ging aber vorzeitig wieder weg und habe Dr. Schumann vorgehalten, daß die Art der Verbrennung mir primitiv vorkomme. Ich hätte mir eine Art Krematorium vorgestellt. Dr. Schumann versicherte mir, sie hätten den Verbrennungsofen anfänglich unter Dach untergebracht, die Hitze wäre aber so groß gewesen, daß das Dach beinahe Feuer gefangen hätte. Der Ofen hätte deshalb im Freien aufgestellt werden müssen. Außerdem werde die Anstalt Grafeneck in einigen Wochen aufgelöst, in anderen Anstalten seien bereits Krematorien errichtet.“Aussage Dr. Schreck am 14. August 1947, Staatsanwaltschaft beim Landgericht Freiburg gegen Dr. Schreck, 1 Ks 5/48, zit. nach Ernst Klee „’Euthanasie’ im NS-Staat“, S. 164/165
Nachdem mit wenigen Ausnahmen alle Patienten an die Tötungsanstalten der Aktion T4 ausgeliefert worden waren, wurde die Anstalt Rastatt (mit Sitz in Zwiefalten) am 15. Juni 1940 aufgelöst.