Die dissoziative Anästhesie ist eine Form der Anästhesie, die auf einer funktionellen Entkopplung (Dissoziation) zwischen der sensorischen Reizaufnahme und deren bewusster Verarbeitung im Kortex beruht. Im Gegensatz zur klassischen (gabaergen) Narkose führt sie nicht zu einer globalen Dämpfung des Zentralnervensystems. Stattdessen verbleibt das Individuum in einem kataleptischen und tranceähnlichen Zustand: Die Augen sind zumeist geöffnet, Schutzreflexe wie Schluck- und Hustenreflex bleiben weitgehend erhalten und die Spontanatmung ist stabil. Für die Dauer der Narkose besteht eine Analgesie (Schmerzausschaltung) sowie eine Amnesie (Gedächtnisverlust).
Zu den Hauptanwendungsgebieten gehören die Versorgung von Patienten mit Polytraumata, Schock oder Verbrennungen in der Notfall-, Intensiv- und Katastrophenmedizin, kurze schmerzhafte Eingriffe (prozedurale Sedierung) sowie der Einsatz in der Kinderanästhesie, der perioperativen und chronischen Schmerztherapie und in der Tiermedizin. Diese Anästhesieform ist vorteilhaft, wenn eine klassische Narkose aufgrund drohenden Atemstillstands oder Blutdruckabfalls zu riskant ist, ein schneller Wirkungseintritt unter Zeitdruck nötig ist oder das Legen eines Venenzugangs erschwert ist.
Das dissoziativ wirkende Lachgas wurde bereits ab dem 19. Jahrhundert angewendet. Nach der Entdeckung dissoziativer Effekte unter der Wirkung von Phencyclidin in den späten 1950er Jahren prägte Antoinette „Toni“ Domino 1965 die Bezeichnung dissoziative Anästhesie im Austausch mit ihrem Ehemann Edward Domino, der die Erprobungsstudien zu Ketamin leitete. Das bekannteste und am meisten verwendete dissoziative Anästhetikum ist das PCP-Derivat Ketamin bzw. dessen Enantiomer Esketamin. Rauschstoffe dieser Kategorie werden auch kurz als Dissoziativa bezeichnet.
Literatur
Kategorie:Anästhesie