miniatur|hochkant|Karl Megerle, 1938 oder früher Karl Megerle (* 18. Oktober 1894 in Neuenstein, Württemberg; † 2. April 1972 ebenda) war ein deutscher Journalist und NS-Propagandist (NSDAP). Ab 1934 arbeitete er für das Propagandaministerium von Joseph Goebbels, für das er propagandistische Sonderaufträge in Österreich durchführte. Goebbels setzte sich daher nach dem Anschluss Österreichs 1938 bei Adolf Hitler dafür ein, dass Megerle ein Reichstagsmandat erhielt, das er bis 1945 innehatte. Von 1941 bis Kriegsende war Megerle Beauftragter für Propaganda des Außenministers Joachim von Ribbentrop. Als solcher wirkte er an Propaganda gegen die sogenannte Feldscher-Aktion von 1943/44 zur Rettung jüdischer Kinder vor den Nationalsozialisten mit. Deswegen wurde ab Mitte der 1960er Jahre staatsanwaltschaftlich gegen Megerle ermittelt. Die Ermittlungen wurden 1971 eingestellt, so dass er sich nicht vor Gericht verantworten musste. Ihm wurde zugutegehalten, dass er keinen Einfluss auf Vernichtungsmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung genommen habe.

Leben und Wirken Megerle war ein Sohn des Maurermeisters August Megerle und seiner Ehefrau Rosine, geborene Reißer. Nach dem Besuch der Volksschule wurde Megerle am Lehrerseminar Künzelsau ausgebildet. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Kriegsfreiwilliger im Infanterie-Regiment 121 teil. Nach Kriegsende, aus dem er als Leutnant der Reserve und Schwerkriegsbeschädigter heimkam, holte Megerle als Externer das Abitur nach. Anschließend studierte er Geschichte, Germanistik, Philosophie und Staatswissenschaften. Im Februar 1922 wurde er bei Adalbert Wahl an der Universität Tübingen zum Dr. phil. promoviert. Danach war er zunächst im Schulaufsichtsdienst tätig, bevor er von 1924 bis 1928 als außenpolitischer Redakteur, damals Schriftleiter genannt, in Hamburg bei den dortigen Hamburger Nachrichten arbeitete. In den 1920er und 1930er Jahren schrieb Megerle als freier Mitarbeiter Artikel für Zeitungen wie die Berliner Börsen-Zeitung, die Rheinfront, Wilhelm Stapels Deutsches Volkstum und die Westfälische Landeszeitung. Zum 1. Mai 1933 trat er in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 2.634.079).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/28051403Maria Keipert (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 3: Gerhard Keiper, Martin Kröger: L–R. Schöningh, Paderborn u. a. 2008, S. 212 f., Der Deutsche Reichstag, Wahlperiode nach d. 30. Jan. 1933, Bd.: 1938, Berlin, 1938, „Lebensbeschreibung“ Karl Magerle, S. 312 f. Von seinem Privatleben ist nur bekannt, dass er verheiratet und Hermann Görings Schwager war.Maria Keipert (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 3: Gerhard Keiper, Martin Kröger: L–R. Schöningh, Paderborn u. a. 2008, S. 212 (dort ohne Nennung des Namens seiner Ehefrau oder des Datums: „verheiratet“); Alfred Kube: Pour le mérite und Hakenkreuz. Hermann Göring im Dritten Reich. 2. Auflage. Oldenbourg, München 1987, S. 219 (dort ohne weitere Angaben in Fußnote 39: „Görings Schwager Karl Megerle“).

Goebbels’ Beauftragter für NS-Propaganda in Österreich (1934–1938) Im Oktober 1934 wurde Megerle im Propagandaministerium bis April 1935 als Referent in der Abteilung 7 (Ausland) angestellt; anschließend erhielt er Sonderaufträge im Zusammenhang mit der Österreich-Politik des NS-Regimes.Maria Keipert (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 3: Gerhard Keiper, Martin Kröger: L–R. Schöningh, Paderborn u. a. 2008, S. 212. Bereits im Oktober 1934 teilte Goebbels dem Auswärtigen Amt mit, dass er Megerle „auf Wunsch des Führers“ nach Wien senden wolle, und eine Notiz des Leiters der Abteilung II (West-, Süd- und Südosteuropa) im Auswärtigen Amt, Gerhard Köpke, vom 1. August 1935 hatte zum Inhalt, dass die Gründung eines „Büros Megerle“ die Billigung der „allerhöchsten Stellen im Reich“ gefunden habe; Adolf Hitler wolle sich demnächst selbst von Megerle berichten lassen.Klaus Amann: Der Anschluß österreichischer Schriftsteller an das Dritte Reich. Athenäum, Frankfurt a. M. 1988, S. 97. Amann bezieht sich dabei in der zugehörigen Fußnote 418, S. 200, auf: ADAP [= Akten zur deutschen auswärtigen Politik], Serie C, Bd. IV, S. 513 (Aufzeichnung Köpke, 1. August 1935). Das Büro Megerle arbeitete in enger Abstimmung mit der von Franz von Papen geleiteten Wiener Gesandtschaft, aber, so der Literaturwissenschaftler Klaus Amann in seiner Habilitationsschrift, nach außen unabhängig auf „propagandistisch-kulturellen Gebiet […] zur Aufrechterhaltung der Förderung der kulturellen und geistigen Beziehungen zwischen dem Reiche und Österreich“.Klaus Amann: Der Anschluß österreichischer Schriftsteller an das Dritte Reich. Athenäum, Frankfurt a. M. 1988, S. 97. Zu den Aufgaben des Büros Megerle gehörte auch die Versorgung des Bundes Deutscher Mädel (BDM) und der Hitlerjugend (HJ) Österreichs in den Jahren des „illegalen Kampfes“ mit etwa 24.000 Bänden propagandistischer Broschüren und nationalistischer Bücher, darunter 700 Exemplare von Mein Kampf.Klaus Amann: Der Anschluß österreichischer Schriftsteller an das Dritte Reich. Athenäum, Frankfurt a. M. 1988, S. 105. Im Frühjahr 1937 nahm Megerle an den Verhandlungen des „deutsch-österreichischen Kulturausschusses“ teil, bei denen es, wie Megerles Delegationskollege, Legationsrat Fritz von Twardowski, nach Ende der Verhandlungen berichtete, unter anderem gelang, „das nationalsozialistische Schrifttum von der Diffamierung als staatsfeindliche Literatur zu befreien“.Klaus Amann: Der Anschluß österreichischer Schriftsteller an das Dritte Reich. Athenäum, Frankfurt a. M. 1988, S. 121.

Megerles propagandistische Tätigkeit für Goebbels spiegelt sich auch in den Tagebüchern des Propagandaministers wider, für den er, so die Historikerin Angela Hermann in ihrer Studie zu Goebbels’ Tagebüchern, „von Berlin aus mit finanzieller Hilfe des Reichs die NS-Propaganda in Österreich koordinierte“.Angela Hermann: Der Weg in den Krieg 1938/39. Quellenkritische Studien zu den Tagebüchern von Joseph Goebbels. Oldenbourg, München 2011, ISBN 978-3-486-70513-3, S. 83. Goebbels notierte am 27. Oktober 1937: „Megerle berichtet über Österreich. Er meint, daß die Regierung fester sitze. Ich weiß es nicht. Will aktivere Kulturpropaganda […] Ich lasse mir von ihm einen präzisierten Vorschlag ausarbeiten“. Megerle arbeitete umgehend eine Sechs-Punkte-Denkschrift mit dem Titel „Kulturelles Sofortprogramm“ aus, in der er unter anderem die Eröffnung eines „nationalen Theaters […] gegen jüdische Alleinherrschaft“ vorschlug – Goebbels bemerkte am 23. November 1937 in seinem Tagebuch, dass er sich Megerles Vorschläge „noch mal gründlich überlegen“ müsse.Angela Hermann: Der Weg in den Krieg 1938/39. Quellenkritische Studien zu den Tagebüchern von Joseph Goebbels. München 2011, S. 83 f. Daneben war er für die Dienststelle Ribbentrop tätigMagnus Ilmjärv: Silent Submission. Formation of Foreign Policy of Estonia, Latvia and Lithuania. Period from mid-1920s to annexation in 1940. (Studia Baltica Stockholmiensia), Almquiest & Wiksell, Stockholm, S. 284., für die er eine Koordinationsstelle zwischen der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes und dem Reichspropagandaministerium einrichtete.David Crowe: The Baltic states and the great powers. foreign relations, 1938–1940. Westview Press, Boulder 1993, S. 34. Megerle schrieb am 10. Juni 1938 an das Auswärtige Amt, dass von seinem „österreichischen Sonderauftrag“ noch 35.000 Reichsmark verblieben seien, und erhielt für seinen Vorschlag, diese Restsumme für eine Propaganda-Kampagne gegen die Tschechoslowakei zu verwenden, die Zustimmung des Amtes.

In seinen nach dem Anschluss Österreichs 1938 zusammen mit dem SA-Brigadeführer Alfred Persche herausgegebenen Briefen des Kampfes und des Glaubens. Dokumente aus Österreichs Notzeit publizierte Megerle eine Zusammenstellung von Kassibern inhaftierter österreichischer Nationalsozialisten und Briefen an diese, deren „persönlichen Schicksale“, laut Eugen Diederichs Verlag, „in ihrer Gesamtheit zum Symbol jenes heiligen Willens [wurden], der die Sache des deutschen Volkes zum Sieg trug“.Florian Triebel: Kultur und Kalkül. Der Eugen Diederichs Verlag 1930–1949. Dissertation, Universität München 2001. (), S. 175f. Der Verlag hatte die Arbeit Megerles erstmals schon im Dezember 1935 großzügig unterstützt, indem er einen größeren Posten stark verbilligter Bücher des nationalistischen Bestsellerautors Edwin Erich Dwinger zur Verfügung stellte, die, so Megerle in einem Schreiben an General Muff in der Deutschen Gesandtschaft in Wien, als „wertvolle nationale Bücher“ an „mittellose Parteikameraden und Kämpfer verteilt werden sollten“, ohne den Verlag als Unterstützer zu nennen, um diesem „keine Schwierigkeiten zu machen“.Florian Triebel: Kultur und Kalkül. Der Eugen Diederichs Verlag 1930–1949. Dissertation, Universität München 2001. (), S. 302.

Kriegspropagandist Ribbentrops im Auswärtigen Amt (1939–1945) Seit September 1939 war Megerle offiziell als Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter für das Auswärtige Amt tätig, wo er als Propagandaspezialist des inzwischen zum Außenminister avancierten Joachim von Ribbentrop arbeitete. Dem Historiker Peter Longerich zufolge war Megerle hauptsächlich mit der „Besorgung und Unterbringung von Hintergrundartikeln völkerrechtlicher und historischer Art“ befasst.Peter Longerich: Propagandisten im Krieg. Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop. Oldenbourg, München 1987, S. 63. Er war, wie Longerich betont, ein „wichtiger publizistischer Helfer Ribbentrops“, der Ende 1940 in der unter der offiziellen Herausgeberschaft Ribbentrops stehenden Zeitschrift Berlin-Rom-Tokio die „Überwindung des europäischen Partikularismus“ zum Zukunftsprojekt einer Verbindung „europäische[r] Solidarität“ mit einer „unbestrittenen kraftvollen Führung“ erklärte, wobei auch Spanien „eine bedeutende Rolle“ zustehe und Frankreich nach einer noch zu leistenden Wiedergutmachung an das Deutsche Reich „der ihm gebührende Platz im neuen Europa“ offen bleibe.Peter Longerich: Propagandisten im Krieg. Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop. Oldenbourg, München 1987, S. 79. Im Juli 1941, nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, schlug Megerle Ribbentrop vor, als Leitlinie für die Auslandspropaganda auszugeben, die Wehrmacht habe bei diesem angeblichen Präventivkrieg „noch gerade zum rechten Zeitpunkt“ gehandelt und Europa „im letzten Augenblick“ vor dem bolschewistischen Zugriff bewahrt. Man strebe die „wirtschaftliche Erschließung und Nutzbarmachung des russischen Raumes unter gesamteuropäischen Vorzeichen“ an, die es auch zu dokumentieren gelte und müsse allen „Kulturvölkern einhämmern“, dass eine Niederlage der Wehrmacht Europa der Sowjetunion ausliefern würde.Peter Longerich: Propagandisten im Krieg. Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop. Oldenbourg, München 1987, S. 80 f. 1942 unterstützte Staatssekretär Ernst von Weizsäcker einen von Megerle ausgearbeiteten „Russlandvorschlag“, der vorsah, durch den Aufbau regionaler Selbstverwaltungen separatistische Bestrebungen zu fördern und eine Art Gegenregierung zu Stalin aufzubauen.Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Karl Blessing, München 2010, S. 212.