Die Nathusius’schen Gewerbeanstaltengemäß einer Mitteilung zu anderen im Verlag Vieweg erschienenen Werken, in: Matthias Jacob Schleiden, Ernst Ehrhard Schmidt (Hrsg.): Encyclopädie der gesamten theoretischen Naturwissenschaften in ihrer Anwendung auf die Landwirthschaft … Friedrich Vieweg und Sohn, Braunschweig 1850, Google Books, Vorspann (auch genannt Fabrik- und Manufacturanstalten zu Althaldensleben, Gewerbeanstalt Althaldensleben, Althaldensleber Gewerbeanstalt,Gertrud Milkereit: Vortrag am 13. Januar 1970 (PDF; 2,0 MB) im Seminar für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität zu Köln Oekonomie- und Gewerbeanstalt Althaldensleben bei Magdeburg,Eduard Florens Rivinius: Historisch-statistische Darstellung des nördlichen Englands nebst vergleichenden Bemerkungen auf einer Reise durch die südwest. Grafschaften, Hinrichs’sche, Leipzig 1824 Nathusius Gewerbeanstalten Althaldensleben, Gewerbeanstalt zu Althaldensleben bei Magdeburg oder Nathusius landwirtschaftliche Gewerbe-Anstalt) in und um Althaldensleben bestanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie waren ein Unternehmenskomplex aus organisatorisch eng miteinander verknüpften Gewerbebetrieben, der als erster Mischkonzern des frühindustriellen DeutschlandsRoswitha Willenius: Nathusius, Johann Gottlob. In: Magdeburger Biographisches Lexikon, Magdeburg [ 2004] gilt.Andere Quellen bezeichnen die Althaldensleber Gewerbeanstalt als ersten „Industriekonzern“ Deutschlands, so in: Filmprojekt „Auf die süße Tour“. In: InternetTV aus Magdeburg, Das Magazin zum Lesen, SchalliMoViWerbung&InternetTV, S. 30. Wieder andere Quellen sprechen von einer „Agrarfabrik“, wie Dr. Siegfried Both (Projektleiter): Entstehung und Auswirkungen einer industrialisierten Landwirtschaft im 19. Jahrhundert, 2. Abschnitt: Industrialisierungsprozesse in der preußischen Provinz Sachsen. In: Industrialisierung Mitteldeutschlands im 19. Jahrhundert beim Landesinstitut für Lehrerfortbildung Dieser Firmenverbund mit seinen bis zu 35 eigenständigen Gewerbeeinheiten war Vorbild unternehmerischen Schaffens im 1836 entstandenen Grossroman Die Epigonen von Karl Leberecht Immermann.Info auf der Website des Alvensleben’schen Familienverbandes Im Umfeld und in der Nachfolge der Nathusius Gewerbeanstalten entstanden vielfältig neue wirtschaftliche Aktivitäten, die nicht nur der Stadt Haldensleben zu ihrer frühen Industrialisierung verhalfen,Haldensleben, ein Stadtportrait. S. 3. sondern auch die Entstehung der später bedeutenden Magdeburger Schwerindustrie (besonders den Maschinenbau) befruchteten.Ulrich Hauer: Der Kaufmann Johann Gottlob Nathusius und sein Agrar-Industriekomplex in Althaldensleben und Hundisburg. (PDF; 23 kB) 2004 bei Ecomusee.de
mini|500px|Ansicht von Althaldensleben um 1835Kupferstich von W. Ries aus etwa südlicher Richtung. Gut erkennbar der große ehemalige, helle Klosterkomplex links der Bildmitte. Weiter links davon, teilweise verdeckt von 4 Pappeln (auf der Rousseau-Insel des Landschaftsparks) und leicht erhöht, stehen die insgesamt sechs Gewächshäuser. Ganz links am Bildrand die große Tabakscheune. Rechts des Klostergebäudes befindet sich eine stark rauchemittierende, 1815 errichtete Gebäudegruppe, in der sich die Steingut- und Porzellanmanufakturen befanden. Vor den Gebäuden sind verschiedene Anpflanzungen der Baumschule erkennbar. Im Hintergrund liegt Neuhaldensleben mit dem Turm der Marienkirche.Ulrich Hauer: Von Kunstgärtnern und Gartenkunst. Die Gärtner und Gärten der Familie Nathusius in Althaldensleben und Hundisburg. KULTUR-Landschaft Haldensleben-Hundisburg e. V. und Museum Haldensleben (Hrsg.), Haldensleben-Hundisburg 2005
Geschichtlicher Überblick Die Entstehung, Blüte und der Untergang der Gewerbeanstalten in Althaldensleben fällt in eine Zeit komplexer politischer und damit verbundener wirtschaftsstruktureller Veränderungen im heutigen Sachsen-Anhalt. mini|Johann Gottlob Nathusius (1760–1835), Magdeburger Kaufmann und Begründer der Althaldensleber Gewerbeanstalt
Königreich Preußen Seit der Machtübernahme Friedrich Wilhelms von Brandenburg war Magdeburg eine brandenburgisch-preussische Festungsstadt. Neben dem Ausbau der Festungsanlagen durch den Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau profitierte Magdeburg damals von einer staatlichen Wirtschaftsförderung (Tabak, Fayencen, Textil, Seide, Zichorien, Zuckerrüben) die es – trotz zunehmender Erschwernisse seit dem Beginn der Koalitionskriege 1792 – zu einer der bedeutendsten und reichsten Städte Preußens machen sollte. Auch die gemäßigt-liberale Wirtschaftspolitik von Friedrich Wilhelm II., der staatliche Monopole aufhob (Tabak, Kaffee, Zucker) und Zölle und sonstige Abgaben (Seide, Baumwolle) reduzierte, stimulierte das Unternehmertum.
So war auch der Magdeburger Kaufmann Johann Gottlob Nathusius als Händler von Kolonialwaren zu Wohlstand gekommen und hatte mit seinem Geschäftspartner Johann Wilhelm Richter 1787 die Schnupftabak-Fabrik Richter & Nathusius in Magdeburg gegründet. Damit waren aus den Händlern auch Fabrikanten geworden. 1793, zum Zeitpunkt als Richter starb, beschäftigte diese Fabrik bereits 130 Personen. Ende des Jahrhunderts arbeiteten 300 Menschen in der Fabrik, etwa die Hälfte der in Magdeburg verarbeiteten 22.000 Zentner Tabak wurden hier verwertet.Rolf Straubel: Kaufleute und Manufakturunternehmer. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, VSWG Beihefte, Franz Steiner, Stuttgart 1995, ISBN 3-515-06714-0, S. 370 Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Nathusius zum reichsten Magdeburger Bürger geworden. Da sich der Import der Tabakblätter wegen steigender Steuern und Zölle ständig verteuerte, entschloss Nathusius sich, ein Gut in der Umgebung Magdeburgs zu erwerben und dort selber Tabak anzubauen.Bereits einige Jahre vorher hatte er zu diesem Zwecke rund 5 Hektar Land außerhalb Magdeburgs gepachtet Die weitere politische Entwicklung ergab für Nathusius die Möglichkeit, seinen Plan zu verwirklichen.
Königreich Westphalen Der Schlacht bei Jena und Auerstedt, bei der die preußische Armee im Oktober 1806 vernichtend geschlagen wurde, folgte 1807 der Tilsiter Frieden, demzufolge Magdeburg und Umgebung an das durch ein Dekret Napoleon Bonapartes zum 1. September 1807 geschaffene Königreich Westphalen fielen. Zum 1. Januar 1808 wurde im französischen Satellitenstaat der Code Napoléon eingeführt, der die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz herstellte. Damit fielen auch die letzten Privilegien des Adels (Steuerfreiheit, Ämteranspruch, ..), das Bürgertum konnte nun unbeschränkt am Wirtschaftsleben teilnehmen.
Althaldensleben und Hundisburg Im Jahr 1810 erließ die westfälische Regierung (Jérôme Bonaparte, ein Bruder Napoleons regierte das Königreich Westphalen) einen Erlass, nach dem die bisherigen Nonnenklöster des Königreichs zu säkularisieren und anschließend zu verkaufen seien. Im Juni 1810 kaufte Nathusius für 450.000 Francs („… denselben Tag auf ein Brett gezahlt …“)Manfred Beckert: Johann Gottlob Nathusius, Ein Mann druckte sein eigenes Geld, aus der Serie: Persönlichkeiten aus Magdeburgs Wirtschaftsgeschichte. In: Volksstimme vom 27. April 1990. das vormalige Kloster Althaldensleben bei Haldensleben.
Der auf eine Gründung im Jahre 1228 zurückgehende Zisterzienserinnen-Besitz bestand aus einem großen Klostergebäude, einem land- und forstwirtschaftlichen Hauptgut in Althaldensleben von etwa 1.200 Hektar Größe sowie einem landwirtschaftlichen Vorwerk in Glüsig mit weiteren 200 Hektar Landbesitz.Es wurden für das Althaldensleber Gut 5.000 Morgen Grundbesitz exklusive der 800 Morgen in Glüsig genannt, gem. Wochenschrift des Vereines zur Beförderung des Gartenbaus, S. 358. Die ältesten Teile des Klostergebäudes stammten aus dem 13. Jahrhundert, die Land- und Forstwirtschaft befanden sich in einem schlechten Zustand. Die Wälder waren zu Zeiten der Klosterwirtschaft nach und nach abgeholzt worden, anstatt neue Kulturen anzulegen, hatte man sie sich selbst überlassen. Der Viehbestand war so heruntergekommen, dass die einzelnen Felder nur alle neun Jahre Dünger erhalten hatten.
Bereits ein Jahr später konnte Nathusius auch das Nachbargut Hundisburg mit dem gleichnamigen Barockschloss erwerben. Das von dem hannoveranischen Staatsminister Johann Friedrich II. von Alvensleben errichtete größte barocke Landschloss Sachsen-Anhalts konnte von seinen Erben nicht mehr finanziert werden. Der gesamte Besitz war hoch verschuldet und am 13. November 1811 wurde er auf Verlangen der Gläubiger von dem damaligen Königlich Westpfählischen Civil-Tribunale zu Neuhaldensleben versteigert.Peter Wilhelm Behrends (Bearb.): Neuhaldenslebische Kreis-Chronik, oder Geschichte aller Oerter des landräthlichen Kreises Neuhaldensleben, im Magdeburgischen. Zweiter Theil. Carl August Eyraud, Neuhaldensleben 1826, S. 84 ff. Google Books Nathusius, der bereits Hauptgläubiger war, erhielt den Zuschlag.
Auch dieser etwa 750 Hektar große Neuerwerb war abgewirtschaftet. Der Landbesitz lag verstreut, die Böden waren erschöpft, die Forsten zum Teil abgeholzt und der wertvolle Eichenwald „Gräwig“ bereits verkauft.Nathusius kaufte die „Gräwig“ später zurück Die prächtigen Gemächer des Schlosses enthielten nur noch Gärtenbänke, alles andere war von den Alvensleben’schen Erben bereits verkauft worden.
Aufbau der Gewerbeanstalten Als Kaufmann erwartete Nathusius eine angemessene Verzinsung des in den Kauf der beiden Güter investierten Kapitals. Da der Verkauf landwirtschaftlicher Roherzeugnisse wenig Gewinn versprach, entschied er sich, durch die Verarbeitung geeigneter Produkte vor Ort und eine so entstandene Fertigungstiefe einen höheren Anteil am Wertschöpfungsprozess zu erzielen.
Zunächst war eine Effektivitätssteigerung in der Althaldensleber Bodenbearbeitung notwendig. Die Landwirtschaft musste möglichst alle benötigten Rohprodukte für die geplanten agrarindustriellen Einrichtungen liefern und durfte deshalb nicht mehr – wie bislang, rotierend – zur Regenerierung brach liegen. Das Holz teilweise noch vorhandener Eichen- und Buchenbestände wurde mangels Stein- und Braunkohle verfeuert. Gerodetes Land wurde fast ausschließlich mit Nadelholz, zumeist mit Kiefern, neu aufgeforstet, weil diese schneller Nutzen brachten. Auch wurde der Abbau von Bodenschätzen geprüft und begonnen.Ulrich Hauer: 850 Jahre Hundisburg, Broschüre zur 850-Jahrfeier, Rat der Gemeinde Hundisburg (Hrsg.), Hundisburg 1990 1812 wurde die Austreibung des Viehs inhibiert, sowohl für das Kloster wie für die Gemeinde. Das führte zu einem sozialen Umschwung der Verhältnisse.Otto Dieskau: Aus Althaldenslebens Vergangenheit, IX Teil, Nr 42: Der Kampf um die Weideberechtigung (S. 7–16), Verlag von Simmerlein, Neuhaldensleben/Althaldensleben 1929 Nur solche Vorprodukte sollten von außerhalb des Verbundes zugekauft werden, die man selbst nicht billiger produzieren konnte. Das Ineinandergreifen von Landwirtschaft und Produktion, der Grundsatz, auf den sich seine Unternehmungen aufbauten, wollte Nathusius für den ganzen Staat gelten lassen. Seiner Ansicht nach beruhte darauf der eigentlich dauernde Wohlstand eines Gemeinwesens, wie der des einzelnen Wirtschaftssubjektes.
Auch die Hundisburger Landwirtschaft wurde modernen Produktionsmethoden angepasst. Daneben wurden schnell weitere Gewerbe etabliert, so dass in Schloss und Dorf Hundisburg bald schon ganz anders als zu den Zeiten ländlich-feudaler Lebensart der Alvenslebens gewirtschaftet wurde. Hier wurden vorwiegend Produktionsstätten zur Metallgewinnung und -Verarbeitung angelegt. Außerdem entstand eine Branntweinbrennerei und ab 1814 wurden hier auch sogenannter „Schweizer Käse“ hergestellt und künstlicher Marmor produziert. Nathusius legte ein umfangreiches Naturalien- und Kunstkabinett im Schloss an, das weniger privaten, sondern vielmehr wissenschaftlich-geschäftlichen Zwecken dienen sollte.
Preußische Provinz Sachsen