Greetsiel ist ein Ortsteil der Gemeinde Krummhörn im Landkreis Aurich in Niedersachsen. Mit 1247 Einwohnern (Stand: 31. Dezember 2024) ist es der zweitgrößte Ortsteil der Gemeinde Krummhörn.
Geografie Der Sielort liegt unmittelbar an der Leybucht, einer kleinen Bucht an der ostfriesischen Westküste. Große Teile der Bucht wurden nach und nach eingedeicht, sodass Greetsiel heute der einzige Hafenort an der Leybucht ist. Zu Greetsiel gehören auch der Nebenort Hauen und der auf einer Warft gelegene Wohnplatz Akkens, die beide westlich des Dorfes liegen.
In den 1990er-Jahren wurde das Leybuchthörn fertiggestellt. Dieses Bauwerk erstreckt sich als Landzunge in das Wattenmeer. Innerhalb des Leybuchthörns befinden sich ein Speicherbecken und die Zufahrt von der Nordsee zum Greetsieler Hafen. Zwischen Hafen und offenem Meer befindet sich eine Schleuse. Seit Fertigstellung des Bauwerks ist der Greetsieler Hafen tideunabhängig erreichbar.
Die Entfernung zu den nächstgelegenen Städten Emden und Norden beträgt 15 bis 20 Kilometer in nördlicher bzw. südwestlicher Richtung. Der Krummhörner Hauptort Pewsum liegt 7,2 Kilometer in südlicher Richtung.
Westlich von Greetsiel befindet sich das Naturschutzgebiet Leyhörn, das Teil des EU-Vogelschutzgebietes Krummhörn ist. Das Schutzgebiet ist 646 Hektar groß und umfasst neben den Wasser- und Schlickflächen ausgedehnte Röhrichte, Hochstaudenfluren und Grünlandbereiche. Der Ort grenzt zudem an den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer.
Geschichte mini|Historischer Ortskern mini|Burg Greetsiel mini|Historischer Ortskern Am Ort des heutigen Dorfes begann gegen Ende des 13. Jahrhunderts der Bau einer kleinen Wurt. Diese bescheidene Siedlung hat sich die zunächst im benachbarten Appingen ansässige Häuptlingsfamilie Cirksena angeeignet und in ihren Schutz genommen. Hatte Appingen zunächst einen direkten Zugang direkt am Meer, verlandete die vor dem Dorf liegende Leybucht mit der Zeit immer mehr. Nach 1375 ließen die Cirksena das neue Land eindeichen. Vermutlich veranlassten sie auch die im späten 14. Jahrhundert mit drei mächtigen Aufträgen vorgenommene Erhöhung der bestehenden Wurt, die dadurch zur Langwurt wurde. Auf der Krone dieser Wurt verlief die noch heute so genannte Hohe Straße, entlang derer sich das Dorf entwickelte. Außerdem ließen die Cirksena zwischen 1362 und 1388, also etwa um 1375 an der Mündung des Pilsumer Tiefs ein Siel errichten, das das weiter landeinwärts gelegene capmasile (Kaufmannssiel) ablöste. Um ihren Herrschaftsanspruch zu zeigen, ließen die Cirksena zwei Steinhäuser als Burgen erbauen. Vermutlich waren die Häuptlinge Edzard II. und dessen Sohn Haro die Bauherren.
In der Nähe des Siels entstand ein größeres Steinhaus, das so genannte „olde huus“, mit dem der Hafen kontrolliert werden konnte. Es wurde zum neuen Stammsitz der Familie und später zur heute nicht mehr erhaltenen Burg Greetsiel ausgebaut. Das zweite Steinhaus war viel bescheidenener und stand am Westende der Wurtsiedlung. Die Cirksena ließen es wohl nicht zu Verteidigungszwecken, sondern als Statussymbol und Hoheitszeichen am landseitigen Ortseingang der neuen Siedlung errichten. Von diesem Steinhaus ist heute noch der Keller erhalten. Während der Mutterort in der Folge immer mehr an Bedeutung verlor, wurde Greetsiel zum Häuptlingssitz.Hajo van Lengen: Die Anfänge von Greetsiel und der Aufstieg der Häuptlingsfamilie Cirksena. Abgerufen am 31. März 2023. In Briefen aus dem Jahr 1388 (Ocko I. tom Brok) wird Greetsiel das erste Mal urkundlich erwähnt. Hamburger Schiffe lagen damals im Hafen von Greetsiel vor Anker und hatten Zoll zu entrichten. Nach dem Tod seines Vaters ließ Haro um 1400 am östlichen Ende der Langwurt die noch heute bestehende Kirche bauen.
Nachdem Haro kinderlos gestorben war, erbte sein Bruder Enno seinen Besitz in Greetsiel. Als er verstarb, ging sein Besitz an seinen Sohn Ulrich I. über, der später der erste Graf von Ostfriesland wurde. Er ließ das „olde huus“ von 1457 bis 1460 zu einer großen vierflügeligen Burg ausbauen und direkt daneben ein neues Siel anlegen, da es dort viel besser verteidigt werden konnte als das alte Siel.
1462 wurde auf der Cirksenaburg Graf Edzard der Große geboren, unter dessen späterer Landesherrschaft sich Ostfriesland von der Weser bis nach Groningen erstreckte. Er ließ das „olde huus“ abreißen und die Burg weiter ausbauen.
mini|hochkant|Greetsiel um 1649 1547 wurde Ubbo Emmius als Sohn des lutherischen Pastors Emme Dyken und dessen Ehefrau Elke Tjarda, Bürgermeisterstochter aus Norden (Ostfriesland), in Greetsiel geboren. Auf alten niederländischen Karten ist der Ort als Grietjezijl eingezeichnet.
Im Zuge der hannoverschen Ämterreform 1859 wurde das Amt Greetsiel, dessen Sitz in Pewsum war, aufgelöst und dem Amt Emden zugeschlagen, Greetsiel gehörte seitdem zum letztgenannten.Verordnung zur Neuordnung der Verwaltungsämter 1859. S. 675 ff., abgerufen am 21. Mai 2013. Bei der preußischen Kreisreform 1885 wurde aus dem Amt Emden der Landkreis Emden gebildet, dem Greetsiel danach angehörte.
Schlechte Wirtschaftsbedingungen führten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Auswanderungswelle, in deren Zuge etwa 80 bis 90 Personen, vor allem Handwerke und Arbeiter, in die Vereinigten Staaten auswanderten.
Jahrhundertelang waren die natürlichen Tiefs und die Entwässerungskanäle, die die Krummhörn in einem dichten Netz durchziehen, der wichtigste Verkehrsträger. Über Gräben und Kanäle waren nicht nur die Dörfer, sondern auch viele Hofstellen mit der Stadt Emden und dem Hafenort Greetsiel verbunden. Besonders der Bootsverkehr mit Emden war von Bedeutung. Dorfschiffer übernahmen die Versorgung der Orte mit Gütern aus der Stadt und lieferten in der Gegenrichtung landwirtschaftliche Produkte: „Vom Sielhafenort transportierten kleinere Schiffe, sog. Loogschiffe, die umgeschlagene Fracht ins Binnenland und versorgten die Marschdörfer (loog = Dorf). Bis ins 20. Jahrhundert belebten die Loogschiffe aus der Krummhörn die Kanäle der Stadt Emden.“Harm Wiemann/Johannes Engelmann: Alte Straßen und Wege in Ostfriesland. Selbstverlag, Pewsum 1974, S. 169 (Ostfriesland im Schutze des Deiches; 8).
Torf, der zumeist in den ostfriesischen Fehnen gewonnen wurde, spielte über Jahrhunderte eine wichtige Rolle als Heizmaterial für die Bewohner der Krummhörn. Die Torfschiffe brachten das Material auf dem ostfriesischen Kanalnetz bis in die Dörfer der Krummhörn, darunter auch nach Greetsiel. Auf ihrer Rückfahrt in die Fehnsiedlungen nahmen die Torfschiffer oftmals Kleiboden aus der Marsch sowie den Dung des Viehs mit, mit dem sie zu Hause ihre abgetorften Flächen düngten.Gunther Hummerich: Die Torfschifffahrt der Fehntjer in Emden und der Krummhörn im 19. und 20. Jahrhundert. In: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, Band 88/89 (2008/2009), S. 142–173, hier S. 163.
Im April 1919 kam es zu sogenannten „Speckumzügen“ Emder Arbeiter, an die sich Landarbeiterunruhen anschlossen. Zusammen mit dem Rheiderland war der Landkreis Emden der am stärksten von diesen Unruhen betroffene Teil Ostfrieslands. Arbeiter brachen in geschlossenen Zügen in die umliegenden Dörfer auf und stahlen Nahrungsmittel bei Bauern, wobei es zu Zusammenstößen kam. Die Lage beruhigte sich erst nach der Entsendung von in der Region stationierten Truppen der Reichswehr. Als Reaktion darauf bildeten sich in fast allen Ortschaften in der Emder Umgebung Einwohnerwehren. Die Einwohnerwehr Greetsiels umfasste 70 Personen. Diese verfügten über 30 Waffen. Aufgelöst wurden die Einwohnerwehren erst nach einem entsprechenden Erlass des preußischen Innenministers Carl Severing am 10. April 1920.Hans Bernhard Eden: Die Einwohnerwehren Ostfrieslands von 1919 bis 1921. In: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Bd. 65 (1985), S. 81–134, hier S. 94, 98, 105, 114.
Erklärung des Ortsnamens Alte Bezeichnungen des Ortes sind 1388 Greit, 1388 Gredsyle, 1787 Greetsyhl und 1787 Greete. Bei einem gegen Ende des 14. Jahrhunderts erbauten Siel entstandener Sitz der Familie Cirksena. Es handelt sich um eine Zusammensetzung mit „gred“ für Wiese, Weideland, angeschwemmtes Land, also „Siel am Neuland“. Siel als Durchlass für Abwässer, Deichschleuse mit Abzugs-, Entwässerungsgraben zum Durchlassen oder Abfließen des Binnenwassers.
Eingemeindungen Am 1. Juli 1972 wurde Greetsiel in die neue Gemeinde Krummhörn eingegliedert. Bei der Bildung dieser neuen Gemeinde entbrannte eine Diskussion um den Verwaltungssitz – Pewsum oder Greetsiel. Wegen der zentraleren Lage wurde Pewsum vorgezogen und wuchs in der Folge sehr stark. Heute hat Pewsum eine mehr als doppelt so hohe Einwohnerzahl wie Greetsiel (nur Hauptwohnsitze).
Einwohnerentwicklung Jahr Einwohnerzahlen 1821 722 1848 931 1871 898 1885 815 1905 754 1925 925 1933 1124 Jahr Einwohnerzahlen 1939 1278 1946 1547 1950 1679 1956 1461 1961 1366 1970 1569 1980 1529 Jahr Einwohnerzahlen 1990 1391 2000 1552 2005 1588 2006 1534 2012 1450
Politik Rat und Bürgermeister Seit 1. November 2021 ist Hilke Looden Bürgermeisterin der Gemeinde Krummhörn.
Seit der Kommunalreform 1972 wird der Ortsteil Greetsiel vom Rat der Gemeinde Krummhörn vertreten.
Ortsvorsteher Seit der Kommunalwahl ist Gerd Wellbrock Ortsvorsteher.
Wappen
Kultur und Sehenswürdigkeiten Bauwerke Im Ortszentrum stehen zahlreiche Baudenkmäler mit geschichtlicher, künstlerischer oder städtebaulicher Bedeutung.
mini|Die evangelisch-reformierte Kirche Greetsiel
Die evangelisch-reformierte Kirche ist eine rechteckige Backstein-Saalkirche mit gotischen Spitzbogenfenstern und wurde zwischen 1380 und 1410 als Eigenkirche des Häuptlings Haro Edzardsna in zwei Bauabschnitten errichtet. Im Jahr 1401 wurde sie durch Papst Bonifatius IX. bestätigt, lange vor ihrer endgültigen Fertigstellung, soll sie bis zur Reformation der St. Marien geweiht worden sein und gehörte zum Bistum Münster. Bekrönt wird der Bau von einem kleinen, mit einer Uhr ausgestatteten Dachreiter. Diesen ziert eine um 1730 entstandene Wetterfahne in Form eines Schiffes. Dargestellt ist ein Dreimaster mit drei gesetzten Rahsegeln. Der eigentliche Glockenturm steht etwas abseits. Das Geläut besteht aus drei Glocken, die 1958 die Glockengießerei Bachert für die 2012 abgerissene evangelischen Kreuzkirche im Mannheimer Stadtbezirk Neckarstadt-Ost/Wohlgelegen gegossen hatte. Das schlichte, ehemals von einer Flachdecke abgeschlossene Innere der Kirche wird seit 1852 von einer leicht gewölbten Holzdecke überspannt. Die erste Orgel wurde 1555 vom Kloster Aland übernommen. Diese wurde 1694–1695 durch eine neue Orgel von dem Orgelbauer Valentin Ulrich Grotian ersetzt. 1738 erfolgte ein Orgelneubau durch Johann Friedrich Constabel. Das Orgelprospekt mit wertvollem Schnitzwerk ist heute noch aus der Zeit erhalten. 1914 wurde von der Orgel nur noch das Gehäuse behalten und durch eine neue Orgel von Friedrich Klassmeier ersetzt. Die heute bestehende Orgel wurde 1963 von der Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt erbaut. Die Kanzel wurde hingegen bereits 1669 geschaffen.
mini|Das Cirksena-Steinhaus