mini|Hochzeit Christi mit der Kirche. Blatt aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry, 15. Jahrhundert
Die mystische Hochzeit ist ein Motiv der jüdisch-christlichen Literatur, Theologie und Kunst. Die religiöse Vorstellung einer Vereinigung von Gott und Mensch (unio mystica) wird unter dem Bild der Verlobung und Vermählung gedacht und dargestellt.Marianne Heimbach-Steins: Brautsymbolik. II. Brautmystik 1994 Sp. 665f. Im Gegensatz zur Hochzeit zweier Götter (Hierogamie) handelt es sich bei der weiblichen Seite der mystischen Hochzeit um eine irdische Braut.
In der frühen christlichen und in der rabbinischen Literatur entwickelte sich aus Kommentaren zum Hohenlied das Bild der Vermählung Zions, der Kirche, der einzelnen Seele oder einer gottgeweihten Jungfrau mit Gott bzw. dem Messias.
Die Brautsymbolik der Propheten des Alten Testaments ergänzte diese Hochzeitsmystik. In der Kabbala ist die Rede davon, dass eine weibliche Manifestation Gottes, die Schechina, unter die Menschen ausgeht und es zu einer Vereinigungssehnsucht der Menschen mit Gott kommt. Im Neuen Testament ist von Jesus Christus als dem Bräutigam die Rede. Es entstand auf diese Weise im Mittelalter eine Theologie und Frömmigkeit, in der eine Vermählung der allegorischen Braut mit Gott angestrebt wurde.
Bereits in frühchristlicher Zeit war es üblich, Jungfrauen zu weihen, die Christus mystisch anverlobt und für den Dienst der Kirche bestimmt wurden.Johannes Niederhuber, Einleitung zu Über die Jungfrauen drei Bücher. In Des heiligen Kirchenvaters Ambrosius ausgewählte Schriften Bd. 3; Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, (Band 32) Kempten; München : J. Kösel, 1917.Über die Jungfrauen drei Bücher (De virginibus ad Marcellinam sororem libri tres) (Ambrosius von Mailand (340–397)) Es bildete sich im Laufe der Zeit der Ritus der Jungfrauenweihe heraus, der sich in der lateinischen Kirche und den Ostkirchen erhalten hat. Ikonographisch vielfältig zeigen sich künstlerische Darstellungen, die die mystische Anverlobung heiliger Jungfrauen mit Christus nachempfunden haben. In Musik und Literatur wird die Brautmystik bis heute immer wieder weiter entfaltet.
Nachbiblische Kommentare und Überlieferung Brautmystik in den Kommentaren zum Hohelied mini|Das königliche Paar des Hohenlieds, 12. Jh., Miniaturmalerei aus der Kathedrale von Winchester
Das Hohelied ist eine liebeslyrische Schrift der biblischen Weisheitsliteratur. In diesem erotischen Wechselgesang wird eine Liebesbeziehung zwischen einer jungen Frau und dem König Salomo geschildert, der auch als Autor der Schrift genannt wird. Im Hellenismus wurde das erotische Lied allegorisch überhöht, eine Tendenz, die das ganze Mittelalter anhielt und erst bei Johann Gottfried Herder durchbrochen wurde.Ulrich Köpf: Hoheslied. Auslegungsgeschichte im Christentum III/1 Alte Kirche bis Herder. TRE, Band 15, S. 512. Vorher lehnten die Kommentatoren fast alle eine weltliche, wörtlich-erotische Auslegung ab und interpretierten das Liebesgedicht als Beschreibung der Liebe zwischen Gott und seinem auserwählten Volk (im Judentum) bzw. zwischen Christus und der Kirche als Braut Christi (im Christentum). Aus Kommentaren zum Hohelied entstand so eine Brautmystik (auch: nuptiale Mystik), die eine explizit leibbezogene, personal beziehungshafte Gestalt mystischer Erfahrung darstellt.Marianne Heimbach-Steins: Brautsymbolik. II. Brautmystik. 1994, Sp. 665 f.
Das Judentum hat den Weg einer sinnbildlichen Deutung (der Allegorese) des Hohenliedes vorgezeichnet, indem es für die Kommentare auf Bilder vom Bund Gottes mit seinem Volk als Liebe, Brautschaft und Ehe und auf die prophetische Brautsymbolik zurückgriff.Ulrich Köpf: Hoheslied. Auslegungsgeschichte im Christentum III/1 Alte Kirche bis Herder. TRE, Band 15, S. 509. Die nachexilischen Jesajatexte, Deuterojesaja und Tritojesaja, verwenden beispielsweise das Bild der Braut, um Israels neuen Glanz in der Wiederherstellung durch JHWH nach der glanzlosen Zeit im Exil zu beschreiben.Bechmann: Brautsymbolik. Sp. 664. Jesajastellen: ( ).
Auch Motive des Neuen Testaments wurden für die Interpretation des Hohenlieds genutzt. Die Gegenwart des Bräutigams Jesus bei den Jüngern (Mk ) und die eschatologische Wiederkunft des Bräutigams Christus (Mt ) drücken mit dem Wortfeld der Brautsymbolik die intensive Verbindung und Treue der Gemeinde aus.Bechmann: Brautsymbolik. Sp. 665. Paulus sieht die Gemeinde als Braut Christi (Eph.: ), in (2 Kor.: ) sogar mit dem Wort „Jungfrau“ (gr.: parthénos: „[die] Jungfrau“. Der Begriff wird in der Antike vorher als Beiname für die Göttin Athene verwendet.) statt „Braut“ (gr.: nýmphe) .Bechmann: Brautsymbolik. Sp. 665.
Als Antwort auf die Frage, wen die Braut Sulamith des Hohenlieds darstellen soll, trafen im zweiten und dritten nachchristlichen Jahrhundert insbesondere die Kommentare von Rabbi Akiba (ca. 50/55–135) und des antiken Theologen Origenes (185 – ca. 254) aufeinander. Akiba interpretierte das Lied kollektiv als eine Darstellung der Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel.Tremper Longman: Song of Songs. 2001, S. 20 ff. Bei Origenes ist die Braut dagegen individuell die Seele.Otto Kaiser: Einleitung in das Alte Testament – Eine Einführung in ihre Ergebnisse und Probleme. 2. Auflage. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh, 1970, S. 286. Die Auslegung des Hohenlieds ist bei Origenes allerdings noch nicht auf Maria als Braut bezogen.Hans von Campenhausen: Urchristliches und Altkirchliches: Vorträge u. Aufsätze. 1979, S. 128.
Die Kirchenväter Hippolyt (ca. 170–235) und Cyprian von KarthagoCyprian von Karthago: 69. Brief, 2. Kap., und derselbe: Über die Einheit der katholischen Kirche (De catholicae ecclesiae unitate), 4–6 (200 oder 210 bis 258) sehen die Ekklesia, die Kirche, als Braut Christi.Kaiser: Alte Testament. 1970, S. 286. In den Hoheliedinterpretationen von Methodios von Olympos († vermutlich 311 oder 312) und bei Ambrosius von Mailand (339–397) findet man eine Deutung der Braut als gottgeweihte Jungfrau.Ulrich Köpf: Hoheslied. Auslegungsgeschichte im Christentum III/1 Alte Kirche bis Herder. TRE, Band 15, S. 509. Da diese Tradition im christlichen Mittelalter weitergeführt wurde, spielte das Hohelied eine hervorgehobene Rolle in der Marienfrömmigkeit der christlichen Mystiker.
In den 40er Jahren des 12. Jahrhunderts wurde das Trudperter Hohelied verfasst, eine Auslegung des Hohenlieds in frühmittelhochdeutscher rhythmisierter Kunstprosa. Es beinhaltet eine sehnsuchtsvolle Vereinigung mit Gott und ist die erste Schrift über Mystik in (alemannisch-)deutscher Sprache. Rund 80 Jahre zuvor hatte der Abt Williram von Ebersberg (vor 1010–1085) eine Hoheliedparaphrase verfasst.
Seit Aegidius Romanus (1243–1316) versteht man in der Hoheliedinterpretation unter der Kirche als Braut erstmals ihre Amtsträger (praelati).Ulrich Köpf: Hoheslied III/1. TRE, S. 510.
Die Hochzeit der Schechina in der Kabbala Auch die jüdische Kabbala kennt die Vorstellung einer mystischen Hochzeit. Seit Juda ben Samuel (ca. 1140/50–1217) gibt es die Lehre, man könne sich zwar nicht mit Gott vereinen, aber mit der Schechina, einer Art Wohnstatt der Gottheit. Die Schau und die Vereinigung (ziwwuga) mit der Schechina wurde besonders ab dem 16. Jahrhundert in erotischer Symbolik ausgedrückt, die an die kabbalistische Darstellung im Zohar anknüpfte, nach der Mose in mystischer Ehe mit der Schechina dargestellt wird. Gershom Scholem (1897–1982) grenzt die kabbalistische Schechinalehre von der Brautmystik aus den Kommentaren des Hohelieds ab. Die Schechina sei eine Manifestation Gottes und die Braut der Bibel sei eine allegorische Darstellung des Volkes Israel.Gershom Scholem: Schechina; das passiv-weibliche Moment in der Gottheit. In: Ders.: Von der mystischen Gestalt der Gottheit. 1962, S. 135–191. Es gebe aber eine Verbindung dieser beiden Konzepte. Mit der Vertreibung aus dem Paradies sei die Schechina mit vertrieben worden. Diese Trennung von Gott wird als ‚Schechina im Exil‘ beschrieben. Die Schechina weilt unter Israel, so dass das Volk Israel Gott in Liebe zugeneigt ist wie die Braut des Hohelieds.G. Scholem: Schechina 1962, S. 179 f
mini|Kabbalistische Lehrtafel aus Bad Teinach, Außenbild mit Hochzeit, um 1660
Ein Thema der Kabbala ist der Tzimtzum, eine Art Zusammenziehung des En Sofs (des Unendlichen). Tzimtzum wird teilweise als das kreative Nichts Gottes gedeutet. Dieses Nichts sei die Lebenskraft der Welt.Grözinger, S. 818. Die Gottheit steigt in das Nichts herab und der Mensch steigt in einem Akt der Einswerdung zu der göttlichen Weisheit (Ḥochmā) des Nichts hinauf. In diesem Aufstieg wird von Seiten der Menschen die kontemplative Nichtung des Materiellen und eine Vereinigung mit der Gottheit angestrebt.Grözinger, S. 849.
Die erste Zeile des Hymnus Lecha Dodi des Kabbalisten Schlomo Alkabez (1505–1576) lautet: Komm, mein Freund, der Braut entgegen, lasst uns den Sabbat begrüßen. Mit diesem Aufruf wird die Schechina mit dem Sabbat identifiziert und dabei als Braut angesehen.Karl Erich Grözinger: Jüdisches Denken, Theologie, Philosophie, Mystik, Band I, Vom Gott Abrahams zum Gott des Aristoteles, Campus Verlag GmbH, Frankfurt a. M., 2004, S. 302. In der jüdischen Mystik verkörpert der „heilige Mond“ die Sabbat-Braut bzw. die Schechina in der Welt, die mit Israel identifiziert wird. „Die monatliche periodische Verkleinerung des Mondes (analog zur monatlichen = mondlichen Menstruation) symbolisiert das ‚Exil der Schechina‘, die Wiederherstellung des Mondes zu ursprünglicher Größe und Leuchtkraft dagegen die Erlösung des Leibes aus dem Exil.“Klaus W. Hälbig: Der Baum des Lebens: Kreuz und Thora in mystischer Deutung, Würzburg 2011, S. 285.
In der Dreifaltigkeitskirche in Bad Teinach gibt es eine kabbalistische Lehrtafel. Sie wurde von Prinzessin Antonia zu Württemberg (1613–1679) gestiftet, der Schwester Eberhards III. Der aufklappbare Gemäldeschrein stellt ein geistliches Weltsystem dar. In geschlossenem Zustand sieht man als Außenbild eine himmlische Hochzeit. Hier werden die kabbalistischen Traditionen bis zur Unkenntlichkeit modifiziert und christlich umgedeutet. Die mystische Hochzeit ist hier ein Brautzug, der die Metapher des Aufstiegs zum Himmel wörtlich nimmt. Der lange Zug der eingeladenen Jungfrauen knüpft an die endzeitlichen Hochzeitsgeschichten des Neuen Testaments an.Eva J. Schauer: Kabbala Lehrtafel 2006, S. 242–255. Als Braut, die gerade gekrönt wird, ist hier die Prinzessin Antonia von Württemberg selbst dargestellt.
Mystische Hochzeit in Theologie und Kirche Die mystische Vereinigung zwischen Gott und Mensch mit dem Bild der geistlichen Hochzeit hält sich auch in der theoretisch-theologischen MystikHeimbach-Steins, Brautmystik, SP. 665 und entfaltet sich bis heute in der kirchlichen Praxis der Anverlobung innerhalb der Jungfrauenweihe. In der mystischen Theologie wird die Liebessymbolik auf das Verhältnis des einzelnen Gläubigen zu Gott angewendet und oft sogar eine Einheit des Gläubigen mit Gott angestrebt.
Anders als in der symbolischen Hochzeit der Priesterin Basilinna mit dem Gott Dionysos, ist in den Paulusbriefen und im Johannesevangelium die Rede von einer „Einwohnung“ (inhabitatio) Gottes im Menschen, die besonders im Abendmahl von den Gläubigen als Vereinigung von Mensch und Christus erfahren werden kann.K. Lehmkühler: Inabitatio, 2004. In der Epiklese der Eucharistiefeier wird der Wunsch ausgesprochen, dass alle Gläubigen von den Enden der Erde kommen, um das Hochzeitsmahl des Lammes zu feiern in Gottes Reich.Lutherische Liturgische Konferenz-Deutschlands, Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands: Agende für evangelisch-lutherische Kirchen und Gemeinden, Lutherisches Verlagshaus, 1955, S. 75f.
Mystische Anverlobung geweihter Jungfrauen mini|Giovanni di Paolo: Die mystische Hochzeit der heiligen Katharina von Siena mit Christus (um 1460)