Die Khasi – Eigenname Ki Khasi („Die von einer Frau Geborenen“) oder Ki Khun U Hynniewtrep („Die Kinder der Sieben Hütten“) – sind ein indigenes Volk im Nordosten von Indien mit über 1,4 Millionen Angehörigen im kleinen Bundesstaat Meghalaya in den Vorläufern des Himalaya-Gebirge. Sie bilden dort etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Rund 35.000 Khasi leben im benachbarten Bundesstaat Assam und etwa 100.000 im südlich angrenzenden Bangladesch. Die Khasi bilden eine matrilineare Gesellschaft über Mütterlinien, bei denen Abstammung, Familienname und Erbfolge nur von der Mutter hergeleitet werden, nicht vom Vater. Diese Verhältnisse sind in der Verfassung von Meghalaya verankert, auch für das matrilineare Nachbarvolk der Garo; beide haben den Staat im Jahr 1972 begründet, die indische Verfassung garantiert ihnen besondere Schutz- und Selbstverwaltungsrechte als „registrierte Stammesgemeinschaften“ (Scheduled Tribes). Nach der Khasi-Tradition liegt der Besitz von Grund und Boden nur in den Händen von Frauen, er sichert den Müttern und ihren Großfamilien soziale und wirtschaftliche Selbständigkeit und Absicherung. Männer gehören zur Großfamilie ihrer Mutter, erben von ihr den Familiennamen und die Clan-Zugehörigkeit und tragen zu ihrem Unterhalt bei; sie sind Teil der Solidargemeinschaft, können aber normalerweise kein Land erben. Nach einer Heirat zieht der Ehemann meist zu seiner Ehefrau und ihrer Mutter (matrilokale Wohnfolge), seine Kinder werden ihrer Großfamilie zugehören. Der Bruder der Ehefrau gilt als ihr Beschützer und Berater und wird sich traditionell als sozialer Vater um ihre Kinder kümmern (Avunkulat des Mutterbruders).
Die meisten Familien betreiben traditionellen Pflanzbau mit Tierhaltung als Bedarfswirtschaft und handeln mit Ernteüberschüssen auf den Wochenmärkten der rund 3000 Khasi-Dorfgemeinschaften; zu Dorfvorstehern werden fast immer Männer bestimmt. Zusammengehörende Familien bilden Verbände (Clans), die neben ihren Clanmüttern auch gewählte Anführer haben (Häuptlinge). Die 3363 teils sehr großen Clans der Khasi-Stämme organisieren sich politisch als Stammesgesellschaft, unterteilt in 64 Clan-Häuptlingstümer. Die ursprüngliche Herkunft der Khasi wird östlich vermutet, im Gebiet des Flusses Mekong (siehe unten), denn die Khasi-Sprache ähnelt in keiner Weise den benachbarten indischen Sprachen. Die Khasi sind zu 83 % Christen verschiedener Kirchen, pflegen daneben aber ihre traditionelle, animistische Religion Niam Khasi mit Ahnenverehrung und heiligen Wäldern sowie einem eigenen Eier-Orakel. Einige Khasi-Dörfer wurden weltbekannt für ihre großen Wurzel-Brücken aus lebenden Gummibäumen (siehe Bilder).
Khasi 250px|Khasia Woman-03, Srimongol, Moulvibazar, Bangladesh, (C) Biplob Rahman 2012 250px|Khasia Man-00, Khasia Hill, Srimongol, Moulvibazar, Bangladesh, (C) Biplob Rahman 2012 Aufnahmen aus Moulvibazar (Khasi-Berge, Distrikt Sylhet, Bangladesch, 2012) Bevölkerung Khasi in Meghalaya (2011)
1.412.000 von 2.967.000 Einwohn. = 48 % 717.000 Frauen (50,8 %) = 49 % 695.000 Männer (49,2 %) = 47 %
≈ 260.000 Khasi-Haushalte (ab 1 Person)
≈ 78 % wohnen ländlich, städtisch 22 %
≈ 74 % Lesefähigkeit in Meghalaya ≈ 77 % der Khasi 79 % der Frauen (52,2 %) 76 % der Männer (47,8 %)
≈ 44 % Erwerbstätigkeit; 4,8 % arbeitslos ≈ 40 % der Khasi 34 % der Frauen (43,5 %) 45 % der Männer (56,5 %)
≈ 55 % der Stammesvölker Meghalayas
≈ 83 % Christen (verschiedene Kirchen)
Indigene Religion: Niam Khasi (15 %)
Historische Khasi-Bevölkerungsentwicklung: 1901: 176.600 (in Assam: 340.524) 1951: 363.600 (in Assam: 605.674) 1971: 463.900 (in Assam: 1.011.699) 1981: … (Meghalaya: 1.336.000) 1991: … (Meghalaya: 1.775.000) 2001: 1.123.500 (56,0 % von 2.318.800) 2011: 1.411.775 (47,6 % von 2.966.889) Meghalaya 270px|Meghalaya 2012 Meghalayas 11 Verwaltungsdistrikte
Khasi siedeln mittig und östlich in 6 Distrikten West Khasi Hills South West Khasi Hills East Khasi Hills West Jaintia Hills East Jaintia Hills Ri-Bhoi (im Nordosten)
Das ganze Khasi-Gebiet, rot umrandet, im Norden fast bis zum großen Brahmaputra, im Süden steil abfallend zu Bangladesch:
270px|Khasi in Meghalaya
Sprache Das Khasi ist keine indoeuropäische Sprache wie die meisten in Indien, sondern eine Mon-Khmer-Sprache, verwandt mit dem Kambodschanischen und dem Vietnamesischen. Angenommen wird die Verwandtschaft mit einigen isolierten Sprachen in Zentralindien: Das Khasi könnte eine Brückenfunktion haben zwischen diesen und der großen austroasiatischen Sprachfamilie, die ursprünglich aus China stammt.
Khasi ist untergliedert in zahlreiche Dialekte und gilt in Meghalaya seit 2005 als assoziierte Amtssprache (neben Garo und Englisch); die vier Hauptdialekte sind Khasi, Pnar/Synteng (Jaintia), War und Lyngngam (Namen von Khasi-Unterstämmen). Die Volkszählung in Indien 2011 gibt 1.431.300 Sprecherinnen und Sprecher an, die neben den 1.411.800 Khasi in Meghalaya auch 16.000 im Bundesstaat Assam und 1000 Khasi im benachbarten Mizoram einschließen. Aufgeschlüsselt nach Dialekten ergibt sich: 1.038.000 sprechen Khasi, 319.300 sprechen Pnar/Synteng (Jaintia), 51.600 sprechen War, 11.600 sprechen Lyngngam und 10.900 andere Dialekte.
Eine eigene Schrift haben die Khasi nicht; ab 1840 führten britische Methodisten-Missionare das lateinische Alphabet ein, und ab 1890 erschien das erste Wörterbuch Khasi–Englisch und eine übersetzte Ausgabe der christlichen Bibel. 1896 wurde die erste Khasi-Druckerei gegründet unter dem Namen Ri Khasi Press („Khasiland-Verlag“).
Heute ist das Khasi in geschriebener und gesprochener Form eine lebendige Sprache mit eigener Literatur-Tradition. In Meghalaya erscheinen mehrere Zeitungen in Khasi und es gibt Radioprogramme und zwei Fernsehsender, die ausschließlich auf Khasi senden (siehe unten zu aktuellen Konfliktthemen der Khasi). Im Jahr 1984 erschien der erste farbige Kinofilm auf Khasi: Manik Raitong von Ardhendu Bhattacharya, nach einer volkstümlichen Legende der Khasi; er wurde mit dem indischen Filmpreis National Film Award ausgezeichnet. 2016 erschien eine Übersetzung der Bibel in die Khasi-Umgangssprache.
Das Kulturministerium Meghalayas leitete im Jahr 2000 ein Symposium zu Leben und Werken von Khasi-Autoren („Life and Works of Khasi Authors in the field of Khasi Literature“) und ein Jahr später eine Konferenz zur Förderung des Khasi und des benachbarten Garo („Growth and Development of Khasi and Garo Languages“). Außerdem vergab das Ministerium den ersten literarischen Preis State Literary Award 2000 for Khasi book.
Die Khasi-Folklore kennt eine einzigartige Form der individuellen Dichtkunst, phawar genannt, die besonders beim Bogensport zum Einsatz kommt: Mit einfallsreichen Vorträgen in gereimten Zweizeilern werden die eigenen Vorteile gelobt und die Schwächen von Gegnern verspottet (siehe unten).
Bildung 1924 wurde im Gebiet des heutigen Meghalaya die erste weiterführende Schule (college) von den irischen Christian Brothers gegründet. Die Lesefähigkeit (Alphabetisierung) stieg von niedrigen 27 % im Jahr 1961 auf 63 % im Jahr 2001 und weiter auf 74,4 % bei der Volkszählung 2011 und lag damit knapp über dem indienweiten Durchschnitt (73 %). Von den Khasi konnten 77 % lesen und schreiben, dabei lag die Rate der Frauen mit 79 % um 3 % höher als bei Männern (siehe unten zu den geschlechtsspezifischen Daten). In Meghalaya gibt es mehr als 14.000 Schulen, über 500 Colleges sowie 10 Universitäten, mehrheitlich privat. Die größte ist die 1973 gegründete staatliche North Eastern Hill University in der Hauptstadt Shillong. Die Universität verfügt über die beiden sprachwissenschaftlichen Abteilungen Khasi Department und Garo Department und das anthropologische Anthropology Department, das Kultusministerium Meghalayas betreibt das Tribal Research Institute zur Erforschung der Stämme (Scheduled Tribes). Hier erforschen auch Khasi-Professor/-innen und Khasi-Doktorand/-innen die eigenen Traditionen und ihre Veränderungen, vor allem in Hinsicht auf ihre matrilineare Geschlechterordnung.
In Shillong führen die christlichen Salesianer seit 2001 das „Don Bosco-Zentrum für indigene Kulturen“ (DBCIC: Don Bosco Centre for Indigenous Cultures) mit dem großen anthropologischen Don Bosco Museum. Das DBCIC umfasst Forschungen, Publikationen, Trainings- und Animationsprogramme in Bezug auf die Kulturen in Nordostindien und Umgebung.
Siedlungen mini|links| Über Meghalaya (wörtlich „Heimstätte der Wolken“) ist der Himmel meist bedeckt; Cherrapunji hält den Regen-Weltrekord seit 1861 (Laitmawsiang, Khasi-Berge, 2004) mini| Piyain-Fluss in den südlichen Khasi-Bergen bei Jaflong (Distrikt Sylhet, Bangladesch, 2011) mini|links| Die „Sieben Schwestern-Wasserfälle“ (7 Sister Falls) nahe der Bergstadt Cherrapunji: hier fällt das Hochplateau mit der Hauptstadt Shillong schroff ab zum südlich gelegenen Bangladesch (2013) mini| Die Nohkalikai Falls bei der Bergstadt Cherrapunji sind mit 340 Metern die höchsten Indiens (2014)
Das Gebiet des indischen Bundesstaats Meghalaya umfasst das Shillong-Plateau, eine Erhebung, die vor dem großen Himalaya-Gebirge liegt und von 30 Meter über Meeresspiegel auf 1500 Meter ansteigt. In der Mitte umschließen die bergigen Hügelketten eine Hochfläche, auf der eine kleine Erhebung bis auf fast ansteigt. Meghalaya entspricht grob einem Rechteck mit etwa 300 km Ausdehnung von West nach Ost und etwa 100 km von Süd nach Nord. Der große Fluss Brahmaputra umfließt den Staat im Norden und Westen, die waagrechte Südkante des Plateaus fällt steil ab zum tiefliegenden Bangladesch. Das mittlere Drittel der Staatsfläche bilden die Khasi-Berge (Khasi Hills), deren Name abgeleitet ist von dem Volk, das um 1500 n. Chr. erstmals unter dem Namen „Khasi“ als hier ansässig erwähnt wird (siehe unten zur Herkunft). Die hügeligen Berge mit der ausgedehnten Hochebene sind unterteilt in drei Verwaltungsdistrikte: West Khasi Hills, South West Khasi Hills (ab 2012) und East Khasi Hills. Die Mehrheit der Khasi lebt im Gebiet der Hochfläche, auf der auch die Hauptstadt Shillong liegt (etwa 150.000 Einwohner); nahebei steigt der Shillong Peak auf , die höchste Erhebung Meghalayas. Die ganze Hochebene ist zergliedert, durchzogen von tief eingeschnittenen Schluchten und Tälern mit großen Höhenunterschieden von 600 bis 1900 Metern.
Wolkenland Der neugebildete Sanskrit-Name Meghalaya bedeutet „Wohnstätte der Wolken“ (Abode of the Clouds) und beschreibt damit eine der regenreichsten Gegenden der Welt mit über 120 Regentagen in der ausgedehnten Regenzeit zwischen April und Oktober. Im Süden Meghalayas fallen die Khasi-Berge steil ab und bringen die aufsteigenden Monsunwolken zum Abregnen. Hier hält die Bergstadt Cherrapunji seit 1861 den Weltrekord für die höchste Jahresmenge an Niederschlag (26,5 Meter), das Dorf Mawsynram hält seit 2015 den Weltrekord für die höchste durchschnittliche Jahresmenge (11,9 Meter). Ein Teil dieser anhaltenden Monsunregen fließt ab in unzähligen Wasserfällen, die Nohkalikai Falls sind mit 340 Metern die höchsten Indiens.
Ökoregion Der Pflanzenbewuchs des Khasi-Gebiets besteht hauptsächlich aus Monsunwäldern, unterteilt in drei Klimazonen: In Höhen zwischen 30 und 300 Metern finden sich tropische Tiefland-Regenwälder und zwischen 300 und 1100 Metern subtropische Feuchtwälder, die sich bis in die gemäßigte Höhenstufe zwischen 1100 und 1900 Metern erstrecken, mit stellenweisen Wolken- und Nebelwäldern. Bambuswälder bedecken 14 % der Fläche Meghalayas; insgesamt sind 12 % aller bewaldeten Flächen in staatlichem Besitz und werden von Aufsehern betreut.