mini|Werkstatt Bartholomäus Rutenzweig: Kreuzigungsgruppe mit Franziskanerheiligen (Mittelteil des Hochaltarretabels in der Freiburger Franziskanerkirche, um 1479) mini|Werkstatt Bartholomäus Rutenzweig: Anbetung der Hl. Drei Könige (Rechter Innenflügel des Hochaltarretabels in der Freiburger Franziskanerkirche, um 1479)
Nelkenmeister bezeichnet eine Gruppe anonymer spätgotischer Maler, die zwischen 1479 und 1510 in schweizerischem Gebiet tätig waren. Sie signierten ihre Bilder noch nicht wie später weitgehend üblich namentlich, sondern mit zwei geschnittenen Nelken in roter und weisser Farbe oder auch manchmal einer Nelke mit Rispe. Der Gruppe werden ca. 30 Tafelbilder – alle mit religiösen Motiven – zugeordnet, die in ihren Werkstätten wohl zuerst in Basel und dann Bern, Baden, Solothurn und Zürich entstanden.
Das Symbol der Nelken Eventuell war das Nelkensymbol anfänglich Zeichen einer Marienverehrung und der Passion Christi oder sogar einer Art Bruderschaft dieser Maler.Charlotte Gutscher-Schmid: Nelken statt Namen. Die spätmittelalterlichen Malerwerkstätten der Berner Nelkenmeister. Benteli, Bern 2007. Zuerst also vielleicht ein Zeichen mit mystischer Bedeutung, kann es sich dann zu einem reinen „Markenzeichen“ einer eigenständigen eidgenössischen Malerschule entwickelt haben, mit dem sich die Meister von anderen im schweizerischen Raum tätigen Malern aus anderen Regionen unterscheiden konnten. Das Nelkensymbol ist erstmals 1479 auf dem Hochaltarbild der Franziskanerkirche in Freiburg (Schweiz) zu finden.
Werkgruppen Basler Nelkenmeister Hauptwerk und Ausgangspunkt der Gruppe ist das Hochaltarbild der Freiburger Franziskanerkirche, das wohl alle anderen Werkstätten kannten; es wurde von der Basler Werkstatt des Bartholomäus Rutenzweig († 1494) für die Freiburger Franziskanerkirche ausgeführt. Dabei ist Rutenzweig namentlich bekannt, weil er diesen Auftrag und einige andere akquirieren konnte. Ob er dieses Werk künstlerisch entscheidend geprägt hat, ist unklar. Klar ist aber, dass mehrere Hände am Freiburger Hochaltar unterschieden werden können.
Nachfolger Es können dann neben diesem Werk die nachfolgenden Werkgruppen unterschieden werden: drei Werkgruppen um die Berner Nelkenmeister und Werkgruppen um zwei Zürcher Nelkenmeister, von denen einer Hans Leu der Ältere gewesen sein könnte. Sie signierten ihre Werke mit Nelke und Rispe. In Bern soll sich der erste Nelkenmeister um 1485 angesiedelt haben und mit Paul Löwensprung zu identifizieren sein. Demnach soll er bereits als Geselle Palus am Freiburger Hochaltar mitgearbeitet haben. Seine ersten Berner Werke werden auf die Zeit um 1485 bis 1490 datiert. Zur gleichen Zeit dürften in Zürich die frühesten Tafeln des ersten oder älteren Nelkenmeisters entstanden sein. Daneben ist ein zweiter Zürcher Nelkenmeister zu unterscheiden, der mit Hans Leu dem Ältere identifiziert wird.
Berner Nelkenmeister Johannes der Täufer in der Wüste ist ein Gemälde aus der Werkstatt eines Berner Nelkenmeisters. Das Bild befindet sich im Kunsthaus Zürich. In der französischen Kirche in Bern, der ehemaligen Dominikanerkirche, befinden sich im Lettner mehrere Gemälde mit dem Nelkenzeichen. Sie werden ebenfalls einer Berner Nelkenmeisterwerkstatt zugeschrieben. Sie wurden im Jahr 1495 vollendet.
Zürcher Nelkenmeister
Erster Zürcher Nelkenmeister
Gastmahl des Herodes mini|links|Gastmahl des Herodes, 1485–1490, 1945 im Kaiser-Friedrich-Museum, Berlin, verbrannt Das Gastmahl des Herodes, das in Berlin 1945 einem Brand zum Opfer fiel und nur noch in Schwarzweiss-Abbildungen überliefert ist, ist nach Ansicht des Kunsthauskonservators Christian Klemm und von Ulrich Gerster das früheste Werk des ersten Zürcher Nelkenmeisters. Es stellt die Szene dar, in der Salome von rechts her den Raum betritt und ihrer Mutter Herodias das Haupt des Johannes überreicht. Herodias traktiert das tote Haupt mit einem Messer. Das Motiv des Herodiasstichs findet sich in französischen Passionsspielen des frühen 15. Jahrhunderts. Barbara G. Lane wies am Beispiel des Johannesaltars von Rogier van der Weyden darauf hin, dass dieser Stich als präfigurative Vorwegnahme des Lanzenstichs gesehen werden kann, den der römische Hauptmann Longinus dem am Kreuz hängenden Christus versetzte. Damit verweist das Gastmahl des Herodes direkt auf das Letzte Abendmahl hin.
Enthauptung eines jungen Heiligen Die so genannten Kappelerhofbilder bestehen aus vier Tafeln fast identischer Abmessungen. Sie gehörten einst als Vorder- und Rückseiten zusammen. Im Einzelnen sind das die Marienkrönung, das Martyrium der Zehntausend, die Dornenkrönung und die Kreuztragung. Aufgrund des Querformats dieser Tafeln ist davon auszugehen, dass jeder Flügel aus je zwei übereinanderliegenden Tafeln bestand. Der damaszierte Goldgrund der Marienkrönung und des Martyriums der Zehntausend zeichnen diese beiden Tafeln als Flügel im geöffneten Zustand aus, wie sie sich an Festtagen präsentierten. Die beiden Passionsszenen waren im geschlossenen Zustand, also in der Alltagsansicht, zu sehen. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um Flügelfragmente desselben Flügelaltars. Für die Marienkrönung gibt es einen Hinweis aus dem Jahr 1873, wonach das Bild „vor einigen Dezennien“ im Kappelerhof aufgestellt gewesen war.Ulrich Gerster (2023), S. 46. Aufgrund der Dimensionen inklusive einer hinzugedachten Predella und eines Masswerks, des so genannten Gesprenges, kommt man auf beachtliche Dimensionen, die zwar in der Kapelle des Kappelerhofs Platz gehabt, aber einen höchst überdimensionierten Eindruck hinterlassen hätten. Wahrscheinlicher ist, dass nur einzelne Tafeln in den Kappelerhof gelangten und dort aufgestellt wurden. Die für diesen Ort belegte Marienkrönung passt gut in die Kapelle, die offenbar der Gottesmutter geweiht war. Mit der Annahme, dass nur Teile des Altars in dieser Kapelle aufgestellt waren, ist die Datierung von 1508/09 dann nur noch als Zeitpunkt zu verstehen, bis zu dem die Bilder spätestens entstanden sind. Für die Abfolge der Bilder ist man mangels Teilinformationen auf Mutmassungen angewiesen. Gerster geht davon aus, dass die Werkstatt sich an der Abfolge des Passionsgeschehens und des zwölfteiligen Kupferstichwerks von Martin Schongauer orientierte, wie das die Altaraussenseiten nahelegen.Ulrich Gerster (2023), S. 46–52.
In den 1980er Jahren tauchte die Tafel Enthauptung eines jungen Heiligen in französischem Familienbesitz auf. Die Zürcher Zünfte kauften das Gemälde und schenkten es 1986 zum 650. Jubiläum der Brun’schen Zunftverfassung an die Stadt Zürich. So kam es ins Kunsthaus. Zur Datierung helfen mangels belastbarer zeitgenössischer Dokumente nur Vergleiche mit anderen Werken, die dem Meister zugeschrieben werden. Christian Klemm datierte es im Sammlungskatalog von 2007 „um 1485“. Dem widerspricht Ulrich Gerster mit der Feststellung, dass dieses Werk eine reifere Leistung darstelle als das Gastmahl des Herodes, das gemeinhin auf „um 1490“ datiert wird und das von Klemm ursprünglich als das scheinbar „früheste Werk des Nelkenmeisters der Enthauptung“ bezeichnet wurde. Unbestritten ist die Zuschreibung an den ersten Zürcher Nelkenmeister. Unsicher ist trotzdem der ursprüngliche Standort dieses Werkes. Zwar macht die Zürcher Werkstatt einen Standort in Zürich wahrscheinlich. Christoph und Dorothee Eggenberger legten 1989 dar, die Tafel könnte für die Barfüsserkirche in Zürich bestimmt gewesen sein. Gerster hält dies aufgrund der dünnen Faktenlage für eine feinsinnige Spekulation. Nach Gerster lässt sich nicht einmal mit Sicherheit festhalten, dass das Gemälde für einen Sakralbau geschaffen wurde. Auch die Identifikation des Heiligen, dem kein Attribut beigegeben ist, bleibt ungewiss. Denn auch die übrigen Figuren liefern keine eindeutigen Hinweise zur Identifikation. Natürlich legt die Werkstatt in Zürich nahe, dass es sich um den Stadtpatron Felix handelt. Aber auch dieser Annahme fehlt eine faktische Grundlage. Laut Gerster könnte es sich um irgendeinen Märtyrer handeln, der enthauptet wurde. Und die weitaus meisten von ihnen wurden enthauptet, weil das die einzige ehrbare Todesart war. Christoph und Dorothee Eggenberger vertraten ebenfalls die Ansicht, dass der dargestellte Märtyrer nicht der Heilige Felix sei, sondern der Typus des Märtyrers an sich. Soweit geht Gerster nicht. Er gibt aber zu bedenken, dass das Martyrium der Stadtheiligen üblicherweise mit allen drei Märtyrerfiguren ins Bild gesetzt und der heilige Felix zu jener Zeit eher mit Bart dargestellt wurde.
Marienkrönung mini|Marienkrönung, (Kappelerhoftafel), vor/um 1508/09, Landesmuseum Zürich Das Motiv der Marienkrönung taucht in der bildenden Kunst erstmals in der französischen Frühgotik auf: In den ersten Darstellungen sitzen Christus und Maria gekrönt nebeneinander. In späteren Darstellungen setzen Christus und Gottvater der in der Mitte sitzenden Gottesmutter die Krone auf. Und schliesslich schuf Rogier van der Weyden um 1442–1445 ein Marientryptichon, das gewöhnlich nach dem wahrscheinlichen Herkunftsort, dem Kloster Miraflores, benannt ist und sich in den Staatlichen Museen zu Berlin befindet. Das Haupt- und Hintergrundmotiv wird von fein ausgearbeiteten Archivolten umrahmt. Die dritte Darstellung zeigt, wie Jesus als Auferstandener seiner Mutter erscheint. In der Archivolte zeigt die oberste, rechte Szene eine Marienkrönung: Gottvater zur Rechten und Christus zur Linken der Gottesmutter und zentral über ihr die Taube des Heiligen Geistes. Hier sind alle Elemente des neuen Typs der Marienkrönung durch die Trinität vorhanden. Dieric Bouts, einer von Rogiers van der Weydens Nachfolgern, übersetzte das Kleinbild des Meisters in eine grosse Komposition, seine Marienkrönung. Damit schuf Dieric Bouts einen Typus, der nördlich der Alpen breit rezipiert und oft variiert wurde. Gerster vergleicht die Marienkrönung der Kappelerhoftafel mit jener des Rohrdorfer Retabels, das um 1480–85 entstanden ist und sich in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe befindet. Beiden ist die Krönung durch die Trinität gemeinsam. Nur trägt Christus in der Rohrdorfer Darstellung wie Gottvater eine Krone und ist ebenfalls prächtig gekleidet. In beiden Bildern fällt die strikte Parallelität zwischen Christus und Gottvater auf. Für die Platzierung der Engel scheint sich der Nelkenmeister hingegen an Bouts gehalten zu haben. Die perspektivische Erfassung des Raums ist bei Bouts geglückt, beim Nelkenmeister verlaufen die nach hinten laufenden Geraden nicht in einem Fluchtpunkt; der Boden kippt nach rechts weg. Die Stärken des ersten Zürcher Nelkenmeisters sind die sensible zeichnerische Anlage des Bildes und die versierte Farbgestaltung.Ulrich Gerster (2023), S. 52–58
Martyrium der Zehntausend mini|Erster Zürcher Nelkenmeister: Martyrium der Zehntausend (Kappelerhoftafel), vor/um 1508/09, Landesmuseum Zürch