mini|Ferdinand von Schirach, 2009 Ferdinand Benedikt von Schirach (* 12. Mai 1964 in München) ist ein deutscher Schriftsteller und Jurist. Bekannt wurde er auch als Strafverteidiger in den Berliner Mauerschützenprozessen von 1991 bis 2004.
Biografie Kindheit und Ausbildung Schirach ist Sohn des Münchner Druckereikaufmanns Robert von Schirach (1938–1980) und Enkel des NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach und dessen Ehefrau Henriette, Neffe des Sinologen Richard von Schirach sowie Cousin des Schriftstellers Benedict Wells. Sein Urgroßvater war der Hitler-Fotograf Heinrich Hoffmann.
Schirachs Mutter Elke (geb. Fähndrich) ist eine Enkelin des Trossinger Unternehmers und NSDAP-Politikers Fritz Kiehn, in dessen Unternehmen, den Efka-Werken, Robert von Schirach eine Ausbildung absolviert hatte und dann zunächst als Facharbeiter beschäftigt war.Hartmut Berghoff, Cornelia Rauh-Kühne: Fritz K. – ein deutsches Leben im zwanzigsten Jahrhundert. 2000, ISBN 3-421-05339-1, S. 291; Hartmut Berghoff: Zwischen Kleinstadt und Weltmarkt: Hohner und die Harmonika 1857–1961. 2. Aufl., 2006, ISBN 978-3-506-72984-2, S. 592.Verlobung des Druckereikaufmanns Robert Benedict Wolf von Schirach (23) in München mit Fräulein Elke Fähndrich (19). In: Der Spiegel, 1. August 1962, abgerufen am 14. September 2019. Sein älterer Bruder ist der Geschäftsmann und Schriftsteller Norris von Schirach.
Über das Verhältnis zu seinem Großvater Baldur äußerte sich Schirach 2011 in einem Essay im Spiegel. Über seine Großmutter Henriette sagte er: „Dass meine Großmutter auch nach dem Krieg, nach den Bildern der Befreiung von Auschwitz, Gegenstände und Kunstwerke von den Behörden herausforderte, die jüdischen Familien geraubt wurden, erfüllt mich mit Scham und Wut. Das ist eine zweite Schuld, eine Wiederholung der furchtbaren Verbrechen, ein erneuter Raub.“ Er finanzierte mit Hilfe des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste eine Studie über den Kunstbesitz seiner Großeltern, die im April 2019 veröffentlicht wurde.
Schirach wuchs bis zum Alter von vier Jahren in München auf. Danach verbrachte er seine Kindheit auf dem Anwesen des Unternehmers Fritz Kiehn, seines Urgroßvaters mütterlicherseits, in Trossingen auf der Baar. Nach der Scheidung seiner Eltern besuchte er ab dem Alter von zehn Jahren bis zum Abitur 1984 das von Jesuiten geführte Kolleg St. Blasien. Danach trat er aus der Kirche aus und ging zur Bundeswehr.Interview mit Christoph Amend, in: ZEITMagazin, 28. Februar 2019, S. 21.
Wirken Schirach absolvierte ein Jurastudium in Bonn und machte sein Referendariat in Aachen und Berlin.
Er ließ sich 1994 in Berlin als Rechtsanwalt nieder, spezialisiert auf Strafrecht. Schirach vertrat unter anderen den Agenten Norbert Juretzko, ferner Günter Schabowski in den Berliner Mauerschützenprozessen.
Im Jahr 2008 machte er von sich reden, als er im Rahmen der Liechtensteiner Steueraffäre Strafanzeige gegen den Bundesnachrichtendienst erstattete. Eine weitere Anzeige im Namen der Familie des verstorbenen Schauspielers Klaus Kinski folgte; damals hatte das Landesarchiv Berlin mit Zustimmung des Berliner Landesbeauftragten für den Datenschutz Alexander Dix dessen Krankenakte veröffentlicht.
Im Jahr 2009 veröffentlichte Schirach seine ersten Kurzgeschichten. Die Bücher erscheinen in mehr als 40 Ländern. Die Gesamtauflage bis 2022 lag bei zehn Millionen verkauften Büchern.
Im Februar 2010, als der Missbrauchsskandal in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland öffentlich thematisiert wurde, schrieb er im Spiegel anlässlich der Missbrauchsfälle am Kolleg St. Blasien über seine Erfahrungen an diesem Internat.
Bücher „Verbrechen“, 2009
Der Erzählband mit Kurzgeschichten basiert auf Fällen aus seiner Kanzlei. Verbrechen ist 2009 auch als Hörbuch, gesprochen von Burghart Klaußner, erschienen. Außerdem gibt es mittlerweile mehrere Verfilmungen.
„Schuld“, 2010
Wie der Band Verbrechen enthält es Erzählungen aus dem anwaltlichen Alltag. Das von Burghart Klaußner gelesene Hörbuch gewann den Deutschen Hörbuchpreis 2011. Die Constantin Film kaufte die Filmrechte an diesem Buch. In drei Staffeln ist für das ZDF eine Krimiserie mit 45-minütigen Episoden entstanden, die 2015, 2017 und 2019 erstmals ausgestrahlt wurden.Schuld (TV Serie), IMDb, abgerufen am 24. Juli 2020.
„Der Fall Collini“, 2011 Das Buch Der Fall Collini erzählt vom Mord an dem Industriellen Hans Meyer, der früher NS-Offizier in Italien war.
Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger setzte am 11. Januar 2012 eine unabhängige Kommission zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Bundesministerium für Justiz ein und verwies dabei unter anderem auf den Fall Collini. Das Wall Street Journal in New York zählte den Roman zu den „10 Best Mysteries of 2013“. Das Buch wurde für den Los Angeles Times Book Prize 2014 nominiert.
Der Fall Collini wurde vom WDR zu einem Hörspiel umgearbeitet (Regie: Uwe Schareck). Die Erstausstrahlung fand am 8. März 2014 statt.
Das Buch wurde unter der Regie von Marco Kreuzpaintner als Der Fall Collini verfilmt. Der Film kam am 18. April 2019 in die deutschen Kinos.
„Carl Tohrberg“, 2012 Im Jahr 2012 veröffentlichte Schirach drei Kurzgeschichten im Erzählband „Carl Tohrbergs Weihnachten“ im Piper Verlag. Das Taschenbuch erschien 2017 unter dem Titel „Carl Tohrberg. Drei Stories“.
„Tabu“, 2013
Im September 2013 veröffentlichte Schirach den Roman Tabu. In diesem Roman werden die Themen Schuld und Sühne, Verbrechen und Strafe am Beispiel der Lebensgeschichte des Installationskünstlers Sebastian von Eschburg behandelt.
In Tokio wurde Tabu am Neuen Nationaltheater als Theateradaption aufgeführt. Am 26. Februar 2017 wurde Tabu als Theateradaption in Hamburg am Altonaer Theater aufgeführt. Am 15. März 2019 erfolgte die Wiederaufnahmepremiere dieser Inszenierung von Tabu an den Schauspielbühnen Stuttgart.Tabu auf der Website der Schauspielbühnen, abgerufen am 27. April 2019.
„Die Würde ist antastbar“, 2014 Im August 2014 erschienen die gesammelten Essays, die Schirach für den Spiegel geschrieben hatte, in dem Band Die Würde ist antastbar. Das Buch stieg auf Platz 2 der Bestsellerliste des Spiegels ein. Die Rezensionen waren positiv. Im NDR hieß es, Schirachs „Ringen um klaren Ausdruck, die schnörkellosen Sätze sind der rhetorische Beweis für die Klarheit seiner Gedanken“, und die Hannoversche Allgemeine Zeitung nannte die Texte „über den Tag hinaus gültig“.Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 11. August 2014. In einem Interview mit dem Standard erklärte Schirach, er möge den Begriff „Intellektueller“ nicht, er habe nur ein paar Dinge aufgeschrieben, die ihm durch den Kopf gingen. „Tatsächlich ist es nur mein Unbehagen – die Welt scheint zu kompliziert für mich geworden zu sein, vieles verstehe ich einfach nicht.“ In demselben Interview sagte Schirach, er habe gerade ein Theaterstück fertiggestellt, über dessen Film- und Aufführungsrechte verhandelt werde.
„Die Herzlichkeit der Vernunft“, 2017 Im Oktober 2017 veröffentlichten Alexander Kluge und Schirach einen Gesprächsband mit dem Titel Die Herzlichkeit der Vernunft. Das Buch enthält fünf Gespräche über Sokrates, Voltaire, Kleist, Politik und Schirachs Theaterstück Terror. Die literarische Welt druckte vorab das Gespräch über Sokrates mit Modeaufnahmen von Karl Lagerfeld, was die gesamte Ausgabe des gedruckten Einlegers einnahm. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärte Schirach, das Buch sei dadurch entstanden, dass Kluge und er in den vergangenen Jahren mehrere Filminterviews und eine Reihe von Gesprächen aufgezeichnet hätten.
„Strafe“, 2018 Im März 2018 erschien Schirachs Kurzgeschichtenband Strafe, in dem zwölf Schicksale beschrieben werden. Der Stern druckte in seiner Ausgabe vom 22. Februar 2018 eine Geschichte vorab. Das heute-journal stellte das Buch in der Nachrichtensendung vom 7. März 2018 vor und nannte die Texte „schonungslos, präzise, manchmal kalt distanziert, dann wieder zutiefst menschlich.“ In einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur erklärte Schirach, Strafe komplettierte die Reihe, die er mit Verbrechen und Schuld begonnen habe. Die Trilogie sei von Anfang an so geplant gewesen, sie entspreche der Prüfungsreihenfolge einer Anklage vor Gericht. In einem Interview mit Nils Minkmar im Spiegel sagte Schirach zu dem Buch: „Viele Menschen in meinen Erzählungen sind einsam. Es ist das Grundgefühl, das ich mit meinen Figuren teile.“
Das Feuilleton nahm den Erzählungsband positiv auf. Anne Siemens schrieb am 11. März 2018 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Sein neuer Band ‚Strafe‘ hat an Intensität noch gewonnen; er lässt den Leser mit aufgewühlter Seele zurück und zugleich jedoch beeindruckt, auch glücklich über die Kunst Schirachs, in wenigen Sätzen – manchmal nur in einem – große Fragen des Lebens zu fassen.“ Uwe Wittstock schrieb in der Ausgabe des Focus vom 2. März 2018: „Ferdinand von Schirach ist kein Schriftsteller des lauschigen Halbdunkels. Er schreibt eine Literatur der Klarheit, der Helligkeit, eine Literatur, die genau hinsieht, auch wenn nicht schön ist, was dabei zum Vorschein kommt.“ Die Frankfurter Rundschau urteilte: „Schirach ist ein Könner im Weglassen. Gerade seine kürzesten Geschichten besitzen, so hart sie oft sind, die Gnade des erschrockenen Schweigens.“ Die Abendzeitung schrieb am 5. März 2018: „Kaum ein anderer Schriftsteller kann mit so wenigen Worten so tiefe Gefühle beschreiben und auslösen. Schirach ist ein mitfühlender, zutiefst menschlicher Erzähler.“
Schirach stellte das Buch in einer Premierenlesung in der ausverkauften Berliner Philharmonie zusammen mit den Philharmonikern Guy Braunstein, Olaf Maninger und Amihai Grosz vor. Der rbb übertrug die Lesung im Livestream und im Programm.
Das Buch stieg in der ersten Woche auf Platz 3 der Bestsellerliste des Spiegels ein und erreichte in der zweiten Woche Platz 1.
Im Juni 2018 kritisierte Thomas Fischer auf der Onlineplattform meedia „die Elogen (…) über den unvergleichlich ‚präzisen‘, ‚lakonischen‘, ‚empathischen‘ Stil Schirachs“ und wies nach, dass einzelne Fälle nicht der Fallpraxis des Autors entstammten, sondern Entscheidungen des Bundesgerichtshofs nachempfunden sind.Thomas Fischer: Strafe, für was auch immer: die mörderisch triviale Gebrauchsliteratur des Ferdinand von Schirach Sabine Rückert hielt dem entgegen, dass Schirach selbst in zahlreichen Interviews erklärt hatte, seine Geschichten seien „wahr, aber nicht in dem Sinne, dass alle so passiert sind“, sondern weil sie Literatur seien.
Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle sagte in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung, er freue sich über den Erfolg der Bücher von Ferdinand Schirach, denn „sie zeigen auf eingängige Weise, wie vermeintlich einfache Rechtsfragen mit großen anderen Fragen verbunden sind – Schuld, Sühne, Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe, Hass. Und dass es mitunter schwerfällt, eindeutige Antworten auf diese Fragen zu finden.“
„Kaffee und Zigaretten“, 2019 Ferdinand von Schirach gibt in 48 Kapiteln Beobachtungen aus seinem Leben wieder. Er schildert seine Depressionen, einen Suizidversuch im Alter von 15 JahrenInterview mit Christoph Amend, in: Zeit-Magazin, 28. Februar 2019, S. 21., Begegnungen mit Imre Kertész, Lars Gustafsson oder Michael Haneke und schreibt über seinen Großvater Baldur von Schirach. Das Buch blieb elf Wochen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und war mit Stand vom 8. Dezember 2019 auf Platz 2 der meistverkauften Bücher 2019.