mini|Hypokaustierter Raum im Schutzbau der Kleinen Thermen Cambodunum war der Name der kaiserzeitlichen römischen Stadt auf dem Gebiet der heutigen Stadt Kempten im Allgäu. In der frühen und hohen Kaiserzeit war Cambodunum eine der bedeutendsten Römerstädte der Provinz Raetia und wahrscheinlich vor Augsburg (Augusta Vindelicum) erste Hauptstadt der Provinz.Gerhard Weber in: Gerhard Weber (Hrsg.): Cambodunum-Kempten. Mainz 2000, S. 43f.; Wolfgang Czysz in: Die Römer in Bayern. 1995, S. 200; Tilmann Bechert u. a. (Hrsg.): Orbis Provinciarum. Die Provinzen des römischen Reiches. Einführung und Überblick. Mainz 1999, S. 152. Kempten kann wegen der frühesten schriftlichen Erwähnung einer Stadt in Deutschland neben Trier (Augusta Treverorum) und Köln (Colonia Claudia Ara Agrippinensium) zu den ältesten Städten Deutschlands gerechnet werden. Die ausgegrabenen und restaurierten Überreste der römischen Stadt werden vor Ort als Archäologischer Park Cambodunum (APC) präsentiert. Funde aus dem Stadtgebiet wurden teilweise auch im Römischen Museum Kempten im Zumsteinhaus ausgestellt, nach der Schließung im Jahr 2015 wurden sie jedoch in die Depots der Stadtarchäologie Kempten verlegt. Die spätrömische Kastellsiedlung im Flusstal westlich der kaiserzeitlichen Stadt trug den Namen Cambidanum.
Lage mini|Lageplan der römischen Siedlung im heutigen Stadtbild von Kempten Der Kern der früh- und mittelkaiserzeitlichen Siedlung befand sich auf dem Lindenberg, einer eiszeitlichen Schotterterrasse am östlichen Hochufer der Iller (Hilara). Es ist unklar, ob die heutige Geländekante der antiken westlichen Stadtgrenze entspricht. Durch Erosionserscheinungen könnte diese abgegangen sein. Die nachweisbare Ausdehnung der Siedlung beträgt etwa 500 mal 700 m.
In der Spätantike wurde die verbleibende Siedlung auf die leichter zu verteidigende Burghalde in den Schutz eines Militärlagers verlegt.
Verschiedene Indizien deuten auf einen Verlauf der Iller westlich der Burghalde bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts n. Chr. Dafür sprechen Funde von zwölf Eichenstämmen aus dem Bereich des Rathausplatzes, die wahrscheinlich von einer Brücke stammen. Durch Dendrochronologie konnten sie auf die Regierungszeit des Kaisers Tiberius datiert werden. Dazu können auch ein C14-datierter Birkenstamm sowie verschiedene römische Kleinfunde in Schwemm- und Kiesschichten unterhalb der heutigen Altstadt gerechnet werden.
Name Cambodunum ist vermutlich auch der ehemalige Name von Champéon (Cambdonno, Cambidonno, 9. Jahrhundert) und Chambezon (Chambedon, 11. Jahrhundert) in Frankreich sowie eines Ortes in England bei Leeds. Der Name ist keltischen Ursprungs und besteht aus den Elementen cambo- „Kurve“, „Schleife, Mäander“ (wie altirisch camb, camm „Kurve, krumm“, bretonisch kamm „gebogen, schief“) und -dunon (*dūnon) „Festung, Burg, Berg“ (wie altirisch dún „Festung, Befestigung“, walisisch dinas „Stadt“, bretonisch din). Das keltische -dunon ist möglicherweise mit dem germanischen *tūna (englisch -ton, town, deutsch Zaun) verwandt.Xavier Delamarre: Dictionnaire de la langue gauloise. Une approche linguistique du vieux-celtique continental. Collection des Hespérides, Errance 2003, ISBN 2-87772-237-6, S. 100, 154–156 f. Der Name der heutigen Stadt Kempten leitet sich unmittelbar aus dem lateinischen Namen ab.
Geschichte mini|Lage Cambodunums in der Provinz Raetia
Quellen Die früheste Erwähnung in schriftlichen Quellen fand die Stadt bei Strabon als Kandobounon.Strabon 4,6,8 (p. 206 C.), vermutlich ein Schreibfehler in der Florentiner Handschrift, siehe Gerhard Weber 1995, S. 109. Der Name ist weiterhin gesichert durch Erwähnungen bei Claudius Ptolemäus als Kambodounon (Καμβόδουνον)Claudius Ptolemäus, Geographike Hyphegesis 2,12,3, in der Tabula Peutingeriana (Camboduno), dem Itinerarium Antonini (Campoduno)Itinerarium Antonini 237. und der Notitia dignitatum (Cambidano).Notitia dignitatum occidentis XXXV 8,19. Inschriftliche Belege liegen durch den Fund eines Meilensteins aus dem ehemaligen Kloster Isnya Camb(oduno) , 201 n. Chr. sowie einen Grabstein aus Budapest vor.Camboduno , erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. – Eine Kopie des Steins ist im Archäologischen Park Cambodunum aufgestellt. Fotos in der Commons-Kategorie CIL III 015162. Der Name erhielt sich bis ins 18. Jahrhundert in der Form Campidonia auf Talern des Fürststifts Kempten.
Frühe und mittlere Kaiserzeit mini|Rekonstruierte Grundmauern der Basilika im Archäologischen Park Cambodunum Der Erwähnung des Geographen Strabon folgend, handelte es sich bei der keltischen Siedlung Cambodunum um den Civitas-Hauptort der Estionen, eines vindelikischen Stammes, der 15 v. Chr. durch die Unterwerfung des Voralpenraums durch Drusus und Tiberius im Rahmen der Augusteischen Alpenfeldzüge unter römische Herrschaft kam.Strabon 4, 206. Entgegen dieser schriftlichen Quelle ist bisher keine vorrömische Besiedlung dieser Zeit im Bereich der späteren Römerstadt nachweisbar. Zwar gibt es Funde aus der wesentlich früheren Urnenfelderkultur (1200 bis 750 v. Chr.), Besiedlungsspuren der späten Latènekultur, die der römischen Besetzung unmittelbar vorausging, fehlen aber.Gerhard Weber: Die polis Kambodounon. In: Gerhard Weber (Hrsg.): Cambodunum-Kempten. Mainz 2000, S. 19.
Der Aufschwung der Stadt im 1. Jahrhundert wurde durch die Lage an Fernstraßen begünstigt, besonders durch die Verbindung über Chur und die dortigen Alpenpässe nach Italien sowie an den Bodensee und das römische Brigantium (Bregenz) durch die Römerstraße Kempten–Bregenz. Entlang der Iller über Caelius Mons, das heutige Kellmünz, erreichte man im Norden die Donau bei Günzburg (Guntia); siehe Römerstraße Kempten–Kellmünz–Günzburg. Nach Osten verlief eine Römerstraße zum Lech, den sie bei Epfach (Abodiacum) erreichte (Anschluss an die Via Claudia Augusta).
Erste Holzgebäude sind in Cambodunum seit der Regierungszeit des Tiberius nachweisbar, Steingebäude frühestens ab claudischer Zeit. Nach der Regierungszeit des Antoninus Pius lassen sich kaum noch Neu- oder Umbauten nachweisen, die Bautätigkeit kam wohl allmählich zum Erliegen.
Seit 1885 wurden auf dem Lindenberg die Mauern einer Forumsanlage mit Basilika und heiligem Bezirk aufgedeckt. Die Anlage zeugt von einem hohen Maß an munizipaler Selbstverwaltung, wenn sie nicht sogar der Sitz des bisher in Rätien nicht sicher lokalisierten Provinziallandtages war. Diese These wird durch die Entdeckung eines gallorömischen Tempelbezirks im Westteil des Plateaus gestützt, der als zentrales Heiligtum gedient haben könnte. Ferner konnten zwei Thermenkomplexe im Nordosten ausgegraben werden, hingegen ist ein großer Teil der Zivilsiedlung unerforscht. So sind vor allem die Randgebiete der Stadt, ihre vorstädtischen Bereiche sowie die Gräberfelder des 2. und 3. Jahrhunderts unbekannt. Deshalb gestalten sich Überlegungen zur Größe und Einwohnerzahl von Cambodunum schwierig.
Spätantike mini|hochkant|Darstellung in der Notitia dignitatum. Die Buchmalerei gibt keine realen Bauwerke wieder, in der mittleren Zeile rechts Cambidano.
Unter dem anhaltenden Druck eindringender Germanen wurde die städtische Siedlung auf dem Lindenberg spätestens gegen Ende des 3. Jahrhunderts aufgegeben. Die Bevölkerung suchte Schutz auf einer hochwasserfreien Terrasse östlich der Iller unterhalb der sogenannten Burghalde, eines etwa 25 m aus dem Illertal aufragenden Geländerückens. Die stark verkleinerte Siedlung war nun auf der Terrasse besser geschützt. Zusätzlich wurde eine etwa 1,8 m breite Mauer errichtet, deren Verlauf aufgrund mittelalterlicher und neuzeitlicher Überbauung nur im Westen gesichert ist.Zu Kempten/Cambidanum in der Spätantike siehe Gerhard Weber: Kempten – Cambidano in spätrömischer Zeit. In: Karl-Josef Gilles, Clive Bridger (Hrsg.): Spätrömische Befestigungsanlagen in den Rhein- und Donauprovinzen. Archaeopress, Oxford 1998, ISBN 0-86054-887-2 (British Archaeological Reports Intern. Ser. 704), S. 137–141; Jochen Garbsch: Der spätrömische Donau-Iller-Rhein-Limes (Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands 6), Stuttgart 1970, bes. S. 14f.; Michael Mackensen: Cambidanum – eine spätrömische Garnisonsstadt an der Nordwestgrenze der Provinz Raetia secunda. In: Gerhard Weber (Hrsg.): Cambodunum-Kempten. 2000, S. 134–146; derselbe: Raetia Secunda – neue Festungsbauten und das spätrömische Heer in Nordraetien. In: C. Sebastian Sommer (Hrsg.): Archäologie in Bayern, Fenster zur Vergangenheit. Pustet, Regensburg 2006, ISBN 3-7917-2002-3, S. 218–222.
Funde aus den genannten Bereichen sind rar. Die wichtigsten spätantiken Fundstellen Kemptens sind die Körpergräberfelder nördlich der spätantiken Siedlung und auf dem westlichen Illerufer („auf der Keckwiese“). Von diesen ist Letzteres aufgrund der stark überwiegenden weiblichen Bestattungen eher als zivil anzusprechen.Michael Mackensen: Das römische Gräberfeld auf der Keckwiese in Kempten. Kallmünz 1984 (= Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte 34), S. 196 und 200.
Mit dem Verlust des Dekumatlandes war Kempten zur Grenzstadt geworden. Von Kempten bis zur Illermündung verlief die Reichsgrenze entlang des Flusses. Höchstwahrscheinlich war im höher gelegenen Areal der Burghalde (0,7 ha) die in der Notitia dignitatum erwähnte Abteilung der Legio III Italica stationiert. Die Befestigung war in die spätrömische Grenzverteidigung am sogenannten Donau-Iller-Rhein-Limes eingebunden. Im Gegensatz zum Limes der mittleren Kaiserzeit waren die Grenzfestungen wesentlich kleiner, aber dafür fortifikatorisch an die Umgebung angepasst. Anschauliche Beispiele für solche Befestigungen konnten in den beiden benachbarten Kastellen von Isny (Vemania) und Kellmünz an der Iller (Caelius Mons) archäologisch untersucht werden.
Der Beginn der Stationierung auf der Kemptener Burghalde dürfte in der Zeit der Reformen Diokletians um 300 anzusetzen sein. Ein Militariafund aus einem kleinen Wohnhaus belegt die Anwesenheit von Soldaten noch zu Beginn des 5. Jahrhunderts. Spätestens um die Mitte des Jahrhunderts dürfte die Militärgarnison aufgegeben worden sein.Michael Mackensen: Cambidanum – Eine spätrömische Garnisonsstadt an der Nord-Westgrenze der Provinz Raetia secunda. In: Gerhard Weber (Hrsg.): Cambodunum-Kempten. 2000, S. 146. mini|hochkant|Reliefbruchstück aus dem „Forumsschutt“ des älteren Forums
Forschungsgeschichte Die ersten gezielten archäologischen Ausgrabungen in Kempten fanden 1885 durch den Kaufmann August Ullrich statt. Weitere Grabungen wurden bis 1911 durch den im Jahr 1884 gegründeten Allgäuer Alterthumsverein durchgeführt. Fortgeführt wurden sie 1912 bis 1935 durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege unter Paul Reinecke. Gegen den Protest der internationalen Denkmalpflege fiel den Baumaßnahmen dieser Zeit unter Oberbürgermeister Otto Merkt ein Großteil der Bodendenkmäler der Römerstadt auf dem Lindenberg zum Opfer. Durch die Grabungen war es erstmals möglich, ein Bild von der Struktur der Siedlung auf dem Lindenberg zu erhalten.
Das Gräberfeld „Auf der Keckwiese“ wurde 1952 bis 1967 ergraben. Seit 1961 werden die römerzeitlichen Funde im Römischen Museum Kempten im Zumsteinhaus präsentiert. Die Stadt Kempten förderte die Erforschung der Römerstadt seit 1982 durch die Einrichtung eines Amtes für Stadtarchäologie. Dieses Amt wurde mittlerweile aufgrund von Geldeinsparungen aufgehoben und seine Tätigkeiten in die Bereiche des Kulturamtes übertragen. Mehrere Nachuntersuchungen, unter anderem am Gallorömischen Tempelbezirk 1983/86, dienten der Einrichtung des Archäologischen Parks Cambodunum (APC). Dieser wurde im Oktober 1987 mit einem ersten Abschnitt (Gallorömischer Tempelbezirk) eröffnet.
Römische Bauwerke mini|Modell des Forums, Ansicht von der Stadtseite