Die romanische Kirche Saint-Nectaire ist eine ehemalige Wallfahrts- und Prioratskirche, die sich auf dem Mont Cornadore im gleichnamigen Ort befindet. In ihrer Umgebung hat sich die Oberstadt Saint-Nectaire-le-Haut angesiedelt. Die Ortschaft liegt in der Région Auvergne-Rhône-Alpes, im Département Puy-de-Dôme und etwa dreißig Kilometer südwestlich der Großstadt Clermont-Ferrand.

Saint-Nectaire gehört zu den Hauptkirchen der Niederen Auvergne oder der Limagne, so wie die Kirchen von Orcival, Issoire, Saint-Saturnin und Mozac und die Stiftskirche Notre-Dame du Port in Clermont-Ferrand. Sie ist repräsentativ für die sogenannte Auvergnatische Bauschule der Romanik, deren Kirchen sich bei unterschiedlichen Dimensionen nahezu bis ins Detail gleichen. Die ehemalige romanische Kathedrale von Clermont-Ferrand würde als ihre Mutterkirche auch dazu gehören, wenn sie nicht einem gotischen Neubau hätte weichen müssen. mini|hochkant=1.7|Ehemalige Prioratskirche Saint-Nectaire, von Südosten mini|hochkant=1.7|Ansicht von Nordosten

Geschichte Mittelalter mini|hochkant=0.7|Druckgrafik von 1829 mini|hochkant=0.7|Foto von 1876 In der Zeit der Christianisierung der Auvergne im 3. und 4. Jahrhundert war der heilige Nektarius (frz. Nectaire) ein enger Gefährte und Schüler des heiligen Austremonius (frz. Austremoine), des Missionars und späteren Bischofs der Auvergne († um 314). Nektarius wurde nach seinem Tode auf dem Gipfel des Mont Cornadore bestattet. In der Liste der Erzbischöfe von Vienne taucht ein heiliger Nektarius auf mit der Jahreszahl: „circa 356“. Ob es sich hierbei um den hier verehrten Nectaire handelt, ist nicht bekannt.

Ihm zu Ehren errichtete man – mehr als 800 Jahre nach seinem Tod – über seinem Grab die romanische Kirche, wie sie heute noch bekannt ist. Ob die Kirche einen Vorgängerbau hatte, ist nicht bekannt.

Überliefert ist hingegen, dass zwischen 1146 und 1178 (vermutlich aber vor 1169, siehe Sterbedatum Wilhelms VII.) die Mönche der knapp 100 km entfernten Abtei La Chaise-Dieu das Landgut von Saint-Nectaire von dem Grafen der Auvergne Wilhelm VII. († wohl 1169, genannt Guillaume le Jeune) als Schenkung erhielten und dort ein Priorat einrichteten. Zwei päpstliche Bullen dienen als Anhaltspunkte zur Datierung: Unter Papst Eugen III. (1145–1153) wird Saint-Nectaire noch nicht erwähnt; im Jahr 1178, unter Papst Alexander III., zählt es jedoch zu den La Chaise-Dieu gehörenden Landgütern.Bernhard Craplet: Romanische Auvergne, Würzburg 1992. S. 119–130.

Nicht bekannt ist, woher die Mittel zum Bau der Kirche stammten. Als Stifter bzw. Erbauer in Frage kämen Wilhelm VII. oder die Abtei La Chaise-Dieu, vielleicht auch jener Ranulfo, der in der Kapitellplastik der Kirche genannt ist (siehe Chorkapitell C12).

Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass die Kirche irgendwann in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts über dem Grab des heiligen Nectaire in kurzer Zeit und in einheitlichem Stil errichtet worden ist. mini|links|hochkant=0.5|Jakobspilger, Holzschnitt von 1568 Saint-Nectaire liegt, wie alle Hauptkirchen der Basse Auvergne, an einer Nebenroute des Jakobswegs, etwa mittig zwischen den Hauptrouten der Via Lemovicensis (Start in Vézelay) und der Via Podiensis (Start in le Puy). Die eigentliche Blütezeit der Jakobswallfahrt fand in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts statt, in der die Pilger zu Hunderttausenden auf den Haupt- und Nebenrouten nach Süden zogen. Vor allem in dieser Zeit entstanden im Einzugsbereich dieser Wege zahlreiche Kirchen, Klöster, Hospize, Herbergen, wie auch Friedhöfe für die Pilger, die gestorben waren, weil sie den Strapazen der Reise nicht gewachsen waren. Dass die Prioratskirche Saint-Nectaire, eigentlich eine typische Pilgerkirche mit Umgangschor und Kapellen, an den Wallfahrten nach Santiago de Compostela noch wesentlich teilhaben konnte, ist eher unwahrscheinlich. Durch den Streit Englands mit Frankreich um Aquitanien gingen die Pilgerbewegungen im Südwesten Frankreichs in der Mitte des 12. Jahrhunderts stark zurück, im 13. und 14. Jahrhundert versiegten sie fast ganz.Julia Droste-Hennings, Thorsten Droste: Frankreich. Der Südwesten. Dumont Kunst-Reiseführer, Köln 2007, ISBN 978-3-7701-6618-3, S. 25.

Ebenso ist nichts über Wallfahrten zu Ehren der Reliquien des heiligen Nektarius und seiner Gefährten bekannt. Nur das Kirchenbauwerk und das Reliquiar des heiligen Baudimus (siehe Kirchenschatz) geben Zeugnis davon. Baudimus war zusammen mit dem heiligen Auditor Gefährte des heiligen Nektarius bei der Christianisierung der Auvergne im 4. Jahrhundert.

Neuzeit Während der Französischen Revolution von 1789 und in ihrer Folge wurde das Kirchenbauwerk, vor allem ihre Wahrzeichen, die beiden Fassadentürme und der Vierungsturm, stark beschädigt.

Im 19. Jahrhundert wurde die Kirche wiederhergestellt, um die Jahrhundertmitte erneuerte man die Fassadentürme. Im Jahr 1875 beauftragte man den Architekten Bruyerre mit einer umfassenden Restaurierung des Bauwerks. Dieser war zwar bekannt für seinen Schönheitssinn, er zeigte aber wenig Spürsinn und Ehrerbietung gegenüber den historischen Architekturen als Zeugen der Vergangenheit. So errichtete er den Vierungsturm vollständig neu, obgleich das untere der beiden Geschosse noch erhalten war. Er bekleidete die Außenwände des Langhauses mit Blendarkaden, die ursprünglich nicht vorhanden waren. Er verschönerte ebenso die Nord- und Südwand der Querhausarme wie auch das Chorjoch. Hier wäre mehr Zurückhaltung des Restaurators angebracht gewesen.

Wahrscheinlich sind auch in dieser Zeit die ursprünglichen Dacheindeckungen aus roten Hohlziegeln im römischen Format gegen die heute noch vorhandenen grauen Steinplatten ausgetauscht worden. Lediglich die beiden Türme des Westwerks besitzen heute Eindeckungen aus roten Hohlziegeln. Ob diese einmal zeitweise Vorgänger aus grauen Steinplatten hatten, ist nicht bekannt.

Im Jahr 2006 begannen umfassende Restaurierungsarbeiten im Innenraum der Kirche, die in drei Bauabschnitten durchgeführt wurden und inzwischen abgeschlossen sind. mini|Überblick von NO mini|hochkant=1.6|links|Grundriss, Handskizze mini|hochkant=1.6|links|Längsschnitt, Handskizze

Bauwerk Maße und Grundriss Gesamtlänge außen: 39,80 m Langhausbreite außen (ohne Wandvorlagen): 12,70 m Querhauslänge außen (ohne Wandvorlagen): 23,30 m Querhausbreite außen (ohne Wandvorlagen): 6,70 m Gesamtlänge innen: 37,60 m Langhausbreite innen: 10,90 m Mittelschiffbreite innen (zwischen Scheidewänden): 5,00 m Querhauslänge innen: 21,70 m Querhausbreite innen: 5,00 m Mittelschiffhöhe innen: 15,00 m Seitenschiffhöhe innen: 7,50 m Kuppelhöhe im Scheitel: 18,50 m

Saint-Nectaire besitzt, wie die anderen Hauptkirchen der Niederen Auvergne (siehe Einleitung), einen regelmäßigen und komplexen Grund- und Aufriss, und weist wie sie eine seltene nahezu einzigartige Homogenität und Kontinuität auf. Man erkennt im Bauwerk keinerlei Weiterentwicklung des Baustils, wie auch bei den anderen Hauptkirchen. Dabei entsteht der Eindruck, als ob man bei allen diesen Kirchen den Plänen eines einzigen Baumeisters gefolgt sei.

Das ganze Ensemble spricht für eine zügige Bauausführung von Saint-Nectaire. Nicht zuletzt hat das mit den angewandten Bauverfahren zu tun. So findet man hier, wie auch bei den anderen Hauptkirchen, materialsparende Verfahren wie geringere Dicken der Wände und Pfeiler oder die überwiegende Verwendung von unbearbeitetem oder gering bearbeitetem Bruchstein, statt ausschließlich Werkstein. Die einfache Formgebung des Mittelschiffs als Tonnengewölbe, ohne Gurtbögen, gehört zu den zeitsparenden Bauverfahren, wie auch die Herstellung der Arkadenbögen, die vollständig in Wand und Gewölbe aufgehen, mit nur einem einzigen Bogengerüst.

Weniger Material und geringere Bearbeitung desselben bedeuteten Einsparungen beim Transport und an Arbeitszeit der Steinmetze wie auch Erleichterungen in Bau und Handhabung der Bogengerüste. Die Baustellen der Hauptkirchen der Limage sind dementsprechend schneller vorangekommen als andere. mini|hochkant|Mittelschiff zum Narthex Saint-Nectaire ist nach der von Saint-Saturnin die zweitkleinste der Hauptkirchen der Basse-Auvergne. Dennoch wurde auf engstem Raum der ganze Grundriss einer Großkirche realisiert, einer dreischiffigen Emporenbasilika, mit Chorumgang und fünf Radialkapellen. Es wiederholt sich hier in kleinerem Maßstab alles, was die auvergnatische Romanik kennzeichnet. Nicht zuletzt trägt die Verwirklichung der vielgliedrigeren Architektur auf engstem Raum zu der besonderen Intimität von Saint-Nectaire bei.

Die vermutlich einzige Abweichung des Bauwerkes von der einheitlichen Linie der übrigen Hauptkirchen findet man im Langhaus zwischen dem Mittelschiff und den Seitenschiffen unterhalb des Emporengeschosses. Hier tragen Säulen die Arkaden und nicht die üblichen Pfeiler mit teilweise vorgeblendeten Diensten.

Innenraum Narthex mini|hochkant=0.7|links|Kapitell im Narthex Der Zugang zur Kirche erfolgt über das zentral in der Fassade angeordnete große rundbogige Hauptportal in den Narthex. Anders als in frühchristlichen Kirchen, wo der Narthex den Katechumenen vorbehalten blieb, hat der Narthex in der Auvergne die Funktion eines Vestibüls, das man durchschreiten muss, um in den durchlichteten sakralen Raum der Kirche zu gelangen. Architektonisch ist er hier vollkommen integriert in den Baukörper und reicht über lediglich ein Joch mit einem zu einer Empore ausgestalteten Obergeschoss von der Breite des Langhauses. Durch die kräftigen Pfeiler, das niedrige Kreuzgratgewölbe und das herrschende Dämmerlicht wird seine Funktion als Ort der Sammlung und des Transits in eine andere Welt evoziert. mini|hochkant|Nördliches Seitenschiff zum Narthex Die langgestreckte im Grundriss rechteckige Empore wird von Pfeilern getragen, die allseitig von Diensten flankiert werden und mit skulptierten Kapitellen und profilierten Kämpfern ausgerüstet sind. Das mittlere Kreuzgratgewölbe geht, ähnlich wie in den Seitenschiffen, nahtlos in die halbkreisförmigen Bögen zum Schiff über. Die Öffnungen zu den Seitenschiffen sind etwas schlanker als diejenigen zwischen den Seitenschiffjochen. Die Mauern des Narthex sind dicker als die des Langhauses, weil sie zum Tragen der Türme bestimmt sind.

Auf die Emporen gelangt man über die Spindeltreppe im Nordturm. Die Empore öffnet sich weit auf das Mittelschiff. Noch in Höhe der Mittelschiffarkaden ist eine Drillingsöffnung installiert mit zwei Säulchen und skulptierten Kapitellen. Darüber ist ein großer Triumphbogen in ganzer Breite der Drillingsöffnung ausgespart, der mit einem Rundbogen überdeckt wird. Darüber, knapp unter dem Gewölbescheitel, befinden sich noch zwei kleine rundbogige Öffnungen, die von einem kleinen Pfeiler getrennt werden. Zu den Seitenschiffen weisen rundbogige Zwillingsöffnungen. Das Obergeschoss wird erhellt durch das zentrale Fenster über dem Hauptportal, über das in den Abendstunden das gelbe Licht der Abendsonne durch die großen Öffnungen in das Mittelschiff hineinstrahlt.

Langhaus Das vierjochige Langhaus besitzt den Aufriss einer dreischiffigen Emporenbasilika. Das Mittelschiff ist doppelt so hoch wie die Seitenschiffe. Es ist mit einer glatten Tonne überwölbt, die von den Wänden des Mittelschiffs getragen wird. Die Wände gehen ohne horizontalen Abschluss fließend in das Tonnengewölbe über. mini|hochkant|Mittelschiff zum Chor