Die Republik Tuwa (/Respublika Tywa, auch /Tuwa; /Tywa Respublika) ist eine zur Russischen Föderation gehörende autonome Republik im südlichen Teil von Sibirien.
Geographie Tuwa liegt im Süden Russlands an der nordwestlichen Grenze der Mongolei und ist eingerahmt von den Gebirgen Westlicher Sajan im Norden, Tannu-ola im Süden und dem Altai im Westen. Wichtigster Fluss ist der Jenissei, dessen rechter Quellfluss Großer Jenissei (Bii-Chem) in der Republik entspringt. Dieser vereinigt sich bei Kysyl mit dem Kleinen Jenissei (Kaa-Chem), der den Südosten der Republik durchfließt und aus zwei aus der Mongolei kommenden Quellflüssen entsteht.
Das Klima ist kontinental. Die Durchschnittstemperaturen im Januar betragen −45 °C bis −28 °C. Die durchschnittliche Temperatur im Juli beträgt um die 20 °C, oft ist es sehr heiß bis um 30 °C. Es regnet sehr selten im Sommer und schneit nur wenig im Winter. Die Menge der Niederschläge ist niedrig: 200–300 mm (in den Gebirgen 400–600 mm) im Jahr. In Tuwa gibt es ca. 300 Sonnentage im Jahr.
Das Gebiet von Tuwa befindet sich in den Ausläufern des Mongolischen Hochlands und kann aufgeteilt werden in ein östliches gebirgiges und ein westliches flaches Territorium, eingerahmt von Westsajan und Tannu-ola. Die ebenen Steppen von Tuwa liegen auf 520– über NN. Der höchste Berg ist der Mongun-Taiga mit über dem Meeresspiegel. Es gibt etwa 6700 größere und kleinere Seen. Die meisten liegen im Todscha-Becken (auch Todscha-Senke).
Bevölkerung Bei der Volkszählung 2025 betrug die Einwohnerzahl 338.341. Die Tuwiner sind ein Turkvolk und stellen die Mehrheitsbevölkerung in der Republik. Die Tuwiner sind eine der größten Minoritäten in Sibirien und neben den Jakuten in der Republik Sacha als einzige in einem autonomen Gebiet Sibiriens gegenüber den Russen in der Mehrheit. Zudem sind viele Russen und Angehörige kleinerer Minderheiten (Chakassen, Tataren und Ukrainer) abgewandert. Die stets kleine Minderheit der Russlanddeutschen ist zwischen dem Höchststand 1979 und 2021 um 91,3 % geschrumpft. Aus all diesen Gründen ist der Anteil der Tuwiner seit dem Ende der Sowjetunion stark gestiegen. Stark gewachsen ist der Anteil der Personen ohne Angabe einer Nationalität. Bei diesem Personenkreis dürfte es sich um Menschen handeln, die ethnisch gemischter Herkunft sind – eine Kategorie, die statistisch nicht vorgesehen ist.
miniatur|rechts|Volksgruppen von Tuwa: grün die beiden Gruppen der Tuwiner, rot Russen Amtssprachen sind die tuwinische und die russische Sprache. Die Tuwiner bekennen sich überwiegend zum Buddhismus, genauer zum Tibetischen Buddhismus, daneben gibt es in Tuwa auch viele altgläubige orthodoxe Christen sowie eine geringe Anzahl an Anhängern des indigenen Schamanismus.
Volksgruppe VZ 1959 VZ 1970 VZ 1979 VZ 1989 VZ 2002 VZ 2010Bevölkerung der russischen Gebietseinheiten nach Nationalität 2010 (russisch) VZ 2021 Rosstat Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Tuwiner 97.996 57,00 % 135.306 58,61 % 161.888 60,50 % 198.448 64,31 % 235.313 77,02 % 249.299 82,04 % 279.789 88,66 % Russen 68.924 40,09 % 88.385 38,28 % 96.793 36,17 % 98.831 32,03 % 61.442 20,11 % 49.434 16,27 % 31.927 10,12 % Chakassen 1.726 1,00 % 2.120 0,92 % 2.193 0,82 % 2.258 0,73 % 1.219 0,40 % 877 0,29 % 359 0,11 % Tataren 481 0,28 % 822 0,36 % 988 0,37 % 1071 0,35 % 584 0,19 % 352 0,12 % 180 0,06 % Ukrainer 1.105 0,64 % 1.466 0,75 % 1.729 0,65 % 2.208 0,72 % 832 0,27 % 493 0,16 % 107 0,03 % Deutsche 61 0,04 % 173 0,07 % 298 0,11 % 260 0,08 % 153 0,05 % 87 0,03 % 26 0,01 % Andere 1635 0,95 % 2.591 1,12 % 3.708 1,39 % 5.472 1,77 % 5.964 1,95 % 3.315 1,09 % 3.170 1,00 % Völker TOTAL 171.928 100,00 % 230.863 100,00 % 267.597 100,00 % 308.548 100,00 % 305.507 100,00 % 303.857 98,68 % 315.558 93,73 % keine Angaben 0 0,00 % 1 0,00 % 2 0,00 % 9 0,00 % 3 0,00 % 4073 1,32 % 21.093 6,27 % Einwohner 171.928 100,00 % 230.864 100,00 % 267.599 100,00 % 308.557 100,00 % 305.510 100,00 % 307.930 100,00 % 336.651 100,00 %Ergebnisse der Volkszählungen. Anmerkung: Prozentanteile nach Anteilen der Bevölkerung mit Nationalitätenangaben
Die Lebenserwartung in Tuwa gehört mit 56,4 Jahren zu den niedrigsten innerhalb von Russland. 1994 fiel die Lebenserwartung der Männer unter 50 Jahre.
Geschichte miniatur|Karte von Tuwa miniatur|In der Hauptstadt Kysyl liegt der geographische Mittelpunkt Asiens Die ältesten Spuren menschlicher Besiedelung werden auf ein Alter von mindestens 40.000 bis 100.000 Jahren geschätzt (Altsteinzeit). Im Neolithikum (5. Jahrtausend v. Chr.) begannen Viehzucht und die Produktion von Kupfer- und Bronze-Werkzeugen, wovon Felszeichnungen zeugen. Die Bevölkerungszunahme während der Eisenzeit führte zu halbnomadischer Viehzucht. Im sibirischen Tal der Könige bei Turan gruben Archäologen aus Deutschland und Russland 2001 den seit etwa 2.500 Jahren unberührten, zur Aldy-Bel-Kultur gehörenden Grabhügel Arschan 2 eines skythischen Herrschers aus. Das Gebiet der Skythen reichte in dieser Zeit von der Mongolei bis an die Schwarzmeerküste.
Uiguren, Kirgisen, Mongolen und Oiraten besiedelten das Mongolische Hochland. 1207 eroberte Dschingis Khan die Region, die später unter die Herrschaft der Yuan-Dynastie fiel. Das Gebiet von Tuwa, früher auch Urjanchai genannt, gehörte administrativ lange Zeit zur Äußeren Mongolei. Während der Qing-Dynastie wurde das Mongolische Hochland 1644 in zwei Provinzen gegliedert: die nördliche Äußere Mongolei und die südliche Innere Mongolei, die bis 1912 Bestandteile des Kaiserreichs China waren.Robert Arthur Rupen: Mongols of the Twentieth Century. Indiana University 1964, S. 276.
Der Reichtum an Fellen und Bodenschätzen in der Region zog ab Mitte des 19. Jahrhunderts viele Russen an. Die zaristische Regierung unterstützte eine separatistische Bewegung, welche am 15. Februar 1912 die Unabhängigkeit von Tuwa proklamierte.Toomas Alatalu: Tuva. A State Reawakens. In: Soviet Studies Band 44, Nr. 5, 1992, , S. 881–895 Da diese Sezession weder die Provinzverwaltung der Äußeren Mongolei, noch die Regierung in Peking anerkannte, besetzten russische Truppen das Land. Am 17. April 1914 erklärte das Russische Reich den so genannten Urjanchai Krai zu seinem Protektorat.
Nach der Xinhai-Revolution erreichte der chinesische Regierungsvertreter Sun Baoqi beim Abschluss des Vertrags von Kjachta im Jahr 1915, dass die Republik China wieder die vollständige Herrschaft über die gesamte Äußere Mongolei erlangte. Der Provinz wurde jedoch eine weitgehende Autonomie eingereicht. Formal blieb die Tuwa-Region ein Bestandteil Chinas. 1918/19 wurde das Land in den Russischen Bürgerkrieg hineingezogen. Nach dem Sieg der Bolschewiki riefen tuwinische Revolutionäre am 14. August 1921 mit Unterstützung der Roten Armee die Volksrepublik Tannu-Tuwa aus.Richard B. Spence: White against Red in Uriankhai: Revolution and Civil War on Russia's Asiatic Frontier, 1918–1921, in: Revolutionary Russia, Jg. 6 (1993), Nr. 1, S. 97–120 (hier: S. 117), . Die Hauptstadt blieb aus Protektoratszeiten Belozarsk. Tannu-Tuwa wurde so zum Satellitenstaat der 1922 gegründeten Sowjetunion. 1926 schloss die Sowjetunion mit der Mongolischen Volksrepublik, ebenfalls ein Satellitenstaat der UdSSR, einen Vertrag über den Verzicht auf den Anspruch auf das Tuwa-Gebiet. Dieser Vorgang war völkerrechtswidrig, da die Mongolische Volksrepublik zumindest bis 1946 keinerlei Souveränitätsrechte besaß und außer von der Sowjetunion von keinem Land diplomatisch anerkannt war.Friedrich-Christian Schroeder, Ludwig Bauer, Boris Meissner: Bundesstaat und Nationalitätenrecht in der Sowjetunion. Duncker & Humblot, 1984, S. 51.
Erster Präsident des Landes wurde Donduk Kuular. Als Währung war der sowjetische Rubel im Umlauf, von 1934 bis 1944 dann der tuwinische Akşa, welcher an den Rubel gebunden war. Kuular versuchte, die Abhängigkeit zur Sowjetunion einzudämmen; es gab Bestrebungen, wieder eine engere Bindung zur Mongolei herzustellen. Donduk Kuular erhob den Buddhismus zur Staatsreligion und schränkte den Zuzug russischer Siedler ein. 1929 wurde er auf Geheiß Stalins verhaftet und exekutiert. Nach Kuulars Tod war die Sowjetunion endgültig die bestimmende Macht in der Tuwinischen Volksrepublik. Die kommunistische Führung begann mit der Kollektivierung des Landes. Gleichzeitig begannen die Stalinschen Säuberungen nebst der Vernichtung des Buddhismus und des Schamanismus in der Region.
Als Satellitenstaat der UdSSR erklärte die Tuwinische Volksrepublik als eines der ersten Länder am 22. Juni 1941 nach Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Kriegs dem Deutschen Reich den Krieg, was de jure ohne Bedeutung war, da das Deutsche Reich das Land nicht anerkannt hatte. Am 17. August 1944 beantragten Vertreter der Tuwinischen Volksrepublik die Eingliederung in die Sowjetunion, dem das Präsidium des Obersten Sowjets zustimmte. Damit wurde das Land am 13. Oktober 1944 als autonomes Gebiet Teil der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR). Bemerkenswert war der doppelte Verfassungsbruch, denn gemäß der tuwinischen wie auch der sowjetischen Verfassung konnte eine solche Entscheidung nur das tuwinische Parlament beziehungsweise der Oberste Sowjet der UdSSR treffen. Sowjetische Zeitungen berichteten erst zwei Jahre später über den AnschlussDavid J. Dallin: Soviet Russia and the Far East. Yale University Press, New Haven 1948, S. 89. Andere Publikationen nennen das Jahr 1945 als den Zeitpunkt der Eingliederung in die UdSSR.Julian Towster: Political Power in the U.S.S.R. 1917-1947. The Theory and the Structure of Government in the Soviet State. Oxford University Press, New York 1948, S. 108
1961 erfolgte eine Umbenennung in Tuwinische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik. Mit dem Zerfall der Sowjetunion erklärte Tuwa im November 1991 seine Unabhängigkeit, die aber von den Regierungen der RSFSR und der UdSSR nicht anerkannt wurde. Am 31. März 1992 war Tuwa einer der Unterzeichner des Vertrags zur Schaffung der Russischen Föderation.
Wappen Im blauen Wappenschild mit goldenem Bord ein Pferd mit Reiter, das nach heraldisch links der goldenen Sonne am Schildrand entgegen strebt. Unter dem Pferd ein silbernes Band mit dem Namen der Republik in kyrillischen Versalien: „“. Der Schild ist ein Fünfeck, dessen Seiten nach außen kreisförmig aufgebogen sind.
Wirtschaft mini|links|Nur zwei asphaltierte Straßen führen nach Tuwa. mini|Sajanski-Pass auf 2206 m Höhe an der Grenze zwischen Chakassien und Tuwa.
Es gibt lediglich zwei größere Straßenverbindungen nach Tuwa, die eine durch den Westsajan zur Hauptstadt Kysyl, die andere von Abakan über Abasa nach Ak-Dowurak im Westen des Landes. Dabei windet sich die Straße auf 250 km durch die Schluchten des Sajans und über drei Gebirgspässe. Am Sajanski-Pass auf Höhe, dem höchsten der drei Pässe, liegt auch die Grenze zwischen Chakassien und Tuwa.
Kysyl soll, nach einem Beschluss des russischen Verkehrsministeriums unter Minister Lewitin vom 17. Mai 2006, über eine Eisenbahnstrecke nach Kuragino an die Transsibirische Eisenbahn angebunden werden. Die Strecke soll auch die Kohlelager von Elegest erschließen. Im Dezember 2011 wurde der Bau der Trasse (symbolisch) eröffnet.Bericht über den offiziellen Beginn der Bauarbeiten auf dela.ru, 21. Dezember 2011 (russisch). Abgerufen am 30. Januar 2014. Nachdem die russische Regierung das Projekt im November 2012 von der Liste der staatlichen Investitionsprojekte gestrichen hatte, auf rzd-partner.com, 14. November 2012 (englisch). Abgerufen am 1. Februar 2014. wurde Anfang 2013 der Fortgang der Bauarbeiten auf Basis von Privatinvestitionen genehmigt. auf railwaybulletin.com, 1. März 2013 (englisch). Abgerufen am 1. Februar 2014. Bis Ende 2019 hatte man noch nicht begonnen.
miniatur|Tuwinische Landschaft: ein Teil des Sajano-Schuschensker Stausees.