Die Tr’ondek Hwech’in First Nation (auch Tr’ondëk Hwëch’in First Nation oder Tr’ondek Hwech’in Han Nation) ist eine kanadische First Nation im Yukon-Territorium der Han (Hän Hwëch’in) („Volk das am Fluss [dem Yukon River] lebt“), die sowohl sprachlich als auch kulturell zu den Nördlichen Athabasken zählen. Da ihr traditioneller Fischplatz Tr’ochëk („Mündung des Klondike River“) am Zusammenfluss von Yukon (Chu Kon’ Dëk) und Klondike (Trʼondëk) gegenüber dem späteren Dawson lag und entlang der beiden Flüsse ebenfalls ihre Jagdgründe, wurden sie früher auch Dawson Indian Band genannt. Eine weitere ebenfalls Häɬ goɬan bzw. Hän-sprachige Band lebt heute im Alaska Native Village namens Eagle Village nahe der Stadt Eagle (in Hän: Tthee T’äwdlenn) in Alaska.
Heute besitzen sie zwei Indian Reserves: Moosehide Creek 2 (am rechten Ufer des Yukon River und ca. 64,1 ha groß) sowie Moosehide Creek 2a (16 km nördlich von Dawson und ca. 346,8 ha groß); beide sind nach dem traditionellen Versammlungsort Moosehide (Jëjik dolhä dënezhu kekït) benannt, der auch heute wieder alle zwei Jahre für traditionelle Athabaskische Potlatches während des Moosehide Gatherings durch Hunderte Teilnehmer verschiedener benachbarter First Nations und Stämme genutzt wird. Zudem verwalten sie gemeinsam mit der Regierung von Yukon die heutige Geisterstadt namens Forty Mile (Ch’ëdäh Dëk) sowie den Tombstone Park (Ddhal Ch’el).
Laut dem Department of Aboriginal Affairs and Northern Development (dem in Kanada zuständigen Ministerium für die Aboriginals: First Nations (Indianer), Inuit (Eskimo) und Metis) gibt es heute 810 Stammesmitglieder, von denen jedoch 620 außerhalb der Indian Reserves leben – nur noch 3 leben in Moosehide, 5 in anderen Reservaten und weitere 173 Stammesmitglieder auf Kronland (Stand: Juni 2015)., archive.org, 1. Juli 2015. Die von der First Nation geführte Liste umfasste am 5. Mai 2008 hingegen bereits 1.048 Mitglieder, von denen 338 in Dawson lebten, 218 in anderen Orten Yukons, 492 außerhalb des Territoriums, davon 65 außerhalb Kanadas.
Namen Der Name Tr’ondek Hwech’in bzw. Tr’ondëk Hwëch’in ist ein Autonym und bedeutet etwa „Volk entlang des Klondike River“. Der Name leitet sich von der Bezeichnung des Klondike River als Trʼondëk (abgl. von Tro – „Schlaghammer, zur Befestigung der Stecken der Lachswehre“ und Ndëk – „Fluss“) sowie von Hwech’in / Hwëch’in („Volk“; wörtlich: „Bewohner einer Gegend“) ab.First Voices Hän: words Heute identifizieren sie sich jedoch nach ihrem einst bedeutenden Hauptort Tr’ochëk („Mündung des Klondike River“) als „Volk an der Mündung des Klondike River“. Jede Band bezeichnete sich daher meist als Hwech’in / Hwëch’in („Volk“; wörtlich: „Bewohner einer Gegend“) sowie mit den Namen des jeweiligen Hauptdorfes oder Flusses als Ortsangabe.
Regionale Bands der Hän Die Han (Hän Hwëch'in) („Volk das am Fluss - dem Yukon River - lebt“) führen sich auf Häɬ goɬan-sprachige regionale Bands zurück, die sich rund 11.000 Jahre zurückverfolgen lassen. Diese setzten sich wiederum aus Lokalgruppen (local bands) zusammen, die aus einer oder mehreren matrilinearen Großfamilien bestanden. Kurz vor und während des Klondike-Goldrausch gab es drei regionale Bands entlang des Yukon River (Chu Kon’ Dëk – „sprudelndes Wasser Fluss“) flussabwärts bzw. (von Süden nach Norden) (Mishler and Simeone 2004): Chief Isaac People, Isaac's Band bzw. Dawson Indian Band: mit mindestens drei Lokalgruppen – der Hauptort Tr’ochëk (später Lousetown oder Klondike City genannt) an der Mündung des Klondike (Trʼondëk) in den Yukon (Chu Kon’ Dëk), das Hän-Dorf Nuklako (Jutl’à’ K’ät) direkt gegenüber dem Handelsposten Fort Reliance nahe dem heutigen Dawson entlang des Klondike River sowie reiche Fischgründe entlang dieser Flüsse lagen im Gebiet der größten Lokalgruppe, eine weitere hatte ihre Jagdgebiete den Klondike flussaufwärts sowie entlang des Blackstone River und in den Uplands und teilte sich daher die Forty-Mile-Karibujagdgebiete im Gebiet von Black City / Blackstone Village am Westufer des East Blackstone River mit den Dagudh / Tukudh sowie Teetł'it / Teetl'it Zheh Bands der Gwich'in, der Bonanza Creek (Gàh Dëk – Rabbit Creek, d. h. „Kaninchen-Bach“) – das Hauptgebiet des Goldrausches – gehörte ebenfalls zum Streifgebiet – nannten (nennen) sich selbst Tr’ondek Hwech’in / Tr’ondëk Hwëch’in („Volk an der Mündung des Klondike River“). David's Band, später Johnny's Band: am Unterlauf sowie der Mündung des Fortymile River in den Yukon (Chu Kon’ Dëk) bis zum Hauptort namens David's Camp bzw. Johnny's Village (Klat-ol-klin) (nach den aufeinander folgenden Häuptlingen David und John benannt; das heutige Native Eagle Village) nahe der Stadt Eagle (Tthee T’äwdlenn) in Alaska, zudem gab es ein weiteres Dorf 2,5 Meilen flussabwärts von Eagle, zwischen den beiden Dörfern befand sich der kurzlebige Handelsposten Belle Isle, die Lokalgruppen überwinterten regelmäßig am Mission Creek, am Seventymile River und ihr Jagdgebiet reichte mindestens bis zum Comet Creek, Eureka Creek sowie zum American Creek. Die Überlebenden der Pocken zogen 1880 nach Forty Mile (Ch'ëdä Dëk). Chief David starb spätestens 1903, als ihm zum Gedenken ein Potlatch gegeben wurde. Als Häuptling folgte sein Sohn Peter – heute zumeist Teil der Tr’ondek Hwech’in First Nation. Charley's Band, Charlie’s Band bzw. Fortymile Indians: entlang des Upper Fortymile River flussabwärts bis zur Mündung in den Yukon (Chu Kon’ Dëk) mit dem dortigen wichtigen Hän-Fischerort namens Forty Mile (Ch'ëdä Dëk) sowie ihrem Hauptort Charley’s Village (Tadush) an der Mündung des Kandik River (auch: Charley Creek genannt) in den Yukon, somit umfasste ihr Streifgebiet das heutige Yukon-Charley Rivers National Preserve sowie auch Teile des Einzugsgebiets des Charley River, zudem ebenfalls Eagle Village und Kechumstuk im heutigen Alaska, für sie war die Porcupine-River-Karibuherde neben dem Fischfang die wichtigste Nahrungsgrundlage, nach 1914 wurde Charley's Village wegen einer Überschwemmung aufgegeben und der gleichnamige Häuptling führte seine Band nach Eagle Village; ebenfalls zogen Hän vom Charley River zwischen 1900 und 1910 nach Fort Yukon, es handelt sich hierbei höchstwahrscheinlich um zwei unterschiedliche Lokalgruppen der gleichen regionalen Band – Nachfahren sind heute zumeist im Native Eagle Village als auch unter der heutigen Tr’ondek Hwech’in First Nation zu finden.
Chief Isaac's Band war daher nur eine unter drei regionalen Bands und deren Nachfahren sind nur als Tr’ondek Hwech’in anzusprechen.
Geschichte
Als 1847 erstmals Europäer in das Gebiet der Tr’ondek kamen, war ihr Häuptling Gäh St’ät oder „Rabbit skin hat“ (Kaninchenfellhut).Dies und das Folgende nach Early Traders and Steamboats (PDF; 422 kB) Die Hudson’s Bay Company gründete 1847 Fort Youcon, parallel dazu setzte sie von Süden an, wo ein Fort am oberen Pelly River entstand. Fort Yukon blieb trotz anfänglicher Schwierigkeiten bis 1869 der Haupthandelsposten für die Han, bis die USA Alaska kauften. 1874 gründete Jack McQuesten im Dienst der Alaska Commercial Company und auf Drängen von Häuptling Gah ts’at einen Handelsposten bei Fort Reliance unterhalb der Mündung des Klondike. 1880 entstand eine Konkurrenzgründung im westlichen Han-Gebiet durch die Western Fur and Trading Company rund 130 km flussabwärts bei David’s Village nahe dem heutigen Eagle (bis 1881). Die Amerikaner setzten nun Dampfboote ein, was die Warenmengen erhöhte. Damit kamen einerseits Massengüter wie Mehl und Segeltuch für Zelte in das Gebiet sowie – was die HBC ablehnte – Repetiergewehre. Damit wurde die Mittlerposition der Han für solche Waren gestärkt.
1886 kam es zu einem ersten größeren Goldfund am Fortymile River (Ch’ëdäh Dëk), die Tr’ondek Hwech’in versorgten den neuen Ort Forty Mile mit Lebensmitteln sowie mit Pelzen. Ihr Führer war inzwischen Chief Isaac, der Schwiegersohn von Gäh St’ät. 1895 brachten neue Goldfunde Eagle City hervor. Manche Tr’ondek arbeiteten als Träger, als Packer für die Boote oder beim Waschen des Goldes mit, doch erwarben nur wenige Indianer Claims.
1891 besuchte William Bompas, später Bischof von Selkirk, wie das spätere Yukon-Bistum hieß, die Region. Der Anglikaner glaubte, die Han, „dieses niedrigste aller Völker“Zitiert nach Coates, S. 78., vor Alkoholkonsum und sexuellen Kontakten mit den Pelzhändlern und Goldsuchern, wie vor allen schlechten Einflüssen schützen zu müssen. Die HBC förderte hingegen diese Art von Kontakten, zumindest für die niederen Ränge.Coates, S. 76. 1892 traf Häuptling Isaac Bischof Bompas und ließ sich taufen.Dies und das Folgende nach Tr’ondëk Hwëch’in Interpretive Manual, Abschnitt Chief Isaac (PDF; 600 kB)
Mit dem Klondike-Goldrausch ab 1896 kamen über 100.000 Weiße in die Region. Auf der gegenüberliegenden Flussseite des Tr’ondek-Dorfes Tr’ochëk entstand Dawson, die mit Abstand größte Goldgräberstadt mit zeitweise über 40.000 Einwohnern. Im Frühjahr 1897 zogen die Han einige Kilometer flussabwärts nach Moosehide. Isaac fürchtete die negativen Folgen des Kontakts und machte selbst den Vorschlag zur Umsiedlung dorthin.So berichtete eine Tochter Isaacs (Mishler/Simeone S. 22). Am 27. März 1900 richtete die Regierung ein Reservat in Moosehide ein.
Die Zahl der Indianer im Territorium fiel zwischen 1901 und 1911 um mehr als die Hälfte von 3.322 auf 1.489.Coates, Table 7, S. 74. Neben der Verdrängung durch die überwältigende Mehrheit der Neuankömmlinge wurden die Tr’ondek von Krankheiten wie Tuberkulose befallen. Ab 1913 besuchten acht Moosehide-Kinder die 1911 eröffnete Schule in Carcross. 1920 entstand ein Haus für Kinder aus „Mischehen“, das St Paul’s Hostel (bis 1952).
Um 1911 stellte die Mounted Police einen der Stammesangehörigen als Constable ein. Seine Aufgabe bestand darin, die Bewohner von Moosehide wegen einer Masernepidemie davon abzuhalten, Dawson zu besuchen. 1921 wählten die Leute von Moosehide einen ersten Rat. Alle Indianer sollten abends Dawson verlassen, Männer durften nur in Begleitung eines Kameraden in der Stadt übernachten. Weiße durften nur noch in Geschäften nach Moosehide kommen.Coates, S. 177, Mishler/Simeone, S. 23. Isaac führte den Stamm bis zu seinem Tod am 9. April 1932.
Um Dawson bot nach wie vor die Jagd Einkommensmöglichkeiten.Coates, S. 50. Die Pelzindustrie erlebte im Yukon, im Gegensatz zum übrigen Kanada, eine gewisse Wiederbelebung. Die Weltwirtschaftskrise traf die Tr’ondek dadurch, dass die wenigen Arbeitsplätze auf den Schaufelraddampfern nun durch Weiße besetzt wurden. In den Vierzigerjahren gingen die Wildbestände so stark zurück, dass die Jagd um Dawson verboten wurde. Darüber hinaus schlossen die letzten Goldminen, viele Weiße verließen das Territorium. 1947 und 1948 brach der Pelzmarkt in den USA und in Kanada zusammen. Dies machte die Indianer wiederum von der Wohlfahrt abhängig, die ab etwa 1955 die Indianer des Yukon erreichte. In dieser Zeit begannen Familien der Northern Tutchone (Huč’an) von Fort Selkirk nach Dawson zu ziehen und übernahmen den traditionell für die Tr’ondek wichtigen Ort Tr’ochëk.
1957 schloss die Schule in Moosehide, was auch die letzten Bewohner veranlasste, nach Dawson zu gehen. Insgesamt erreichte die anglikanische Kirche zusammen mit der Polizeitruppe und einem erheblichen Teil der Bevölkerung eine Phase relativ stabiler Segregation ab etwa 1905, die bis 1942 andauerte. Ab 1933 brauchten Indianer zum Aufenthalt in der Stadt eine Sondererlaubnis.
Zugleich wurde ihre Lebensgrundlage durch Überjagung der Karibuherden verstärkt bedroht. So umfasste die Forty Mile Herd 1920 rund 568.000 Tiere, doch bereits 1953 existierten nur noch 50.000 Tiere. Bis 1973 schrumpfte die Herde durch weitere Überjagung auf 6.500 Exemplare zusammen.