mini|hochkant=1|Taufkapelle St. Kunibert (um 1260/70) mini|hochkant=1|Ursulabüste mit Schultern und Armen in der Basilika St. Ursula in Köln mini|hochkant=1|Sarkophag des Albertus Magnus in der Krypta St. Andreas
Niederich war die mittelalterliche Kölner Bezeichnung einer nördlich der Römermauer gelegenen Ansiedlung. Ihre gesellschaftliche Entwicklung wurde in der Folge wesentlich durch drei dort entstandene Stiftsbezirke beeinflusst. Das Gelände des späteren Stadtteiles, wie auf dem Gesamtplan der Stadt des Kartographen Mercator von 1571 zu erkennen ist, war eine von Feldern und Weingärten geprägte Gegend, die ihren ländlichen Charakter bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts beibehielt.
Von der Sondergemeinde zur Vorstadt Erste Ansiedlungen entstanden zwischen dem am römischen Nordtor beginnenden, nach Neuss führenden Straßenzug Marzellenstraße, mit ihrer Verlängerung dem Eigelstein, und an der ursprünglichen Niederichstraße im Osten. Letztere verband die im äußeren Nordosten gelegene Kirche St. Kunibert mit der Kernstadt.
Die Vorstadtbezeichnung „Niederich“ war wie ihr südliches Pendant Oversburg (Overich) möglicherweise fränkischen Ursprungs.Hier wurde von „Keussen“ auf die Ortschaft Leimersdorf an der Ahr verwiesen, in der es analog zu den mittelalterlichen Kölner Vorstädten, ebenfalls ein Niederich und Overich (Oversburg) gab. Die Entwicklung auf dem Niederich vollzog sich ähnlich wie im westlichen und südlichen Vorfeld der frühen Stadt.
Abgesehen von der an der westlichen Seite verlaufenden ehemaligen römischen Heerstraße, dem Eigelstein, gab es vorerst nur wenige „Hauptstraßen“ in diesem Vorstadtbereich. Die Namensgeberin des Gebietes, die Niederichstraße, wurde später mit der an ihr um 1239 entstehenden Johanniterkommende in Johannisstraße umbenannt. Diese errichtete dort die Kirche St. Johann und Cordula. Weitere Straßen und Gassen entstanden durch Ansiedlung rechts und links des Eigelsteins, so die noch heute vorhandene Weidengasse, Unter Kahlenhausen, Unter Krahnenbäumen, oder die Machabäerstraße. An letzterer soll auf dem früher Greesberg oder Greesberger Feld genannten Areal schon zu Erzbischof Annos Zeit (um 1070) eine der heiligen Magdalena geweihte Kapelle gestanden haben, aus der sich Kloster und Machabäerkirche der Benediktinerinnen entwickelte.Ludwig Arntz, H. Neu und Hans Vogts: Paul Clemen (Hrsg.): Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln, S. 253 ff.
Von einer Kapelle zur Stiftskirche mini|hochkant|St. Clemensbrunnen
Hier entstand in früher Zeit eine am Rhein gelegene Kirche, die dann 1247 zur Stiftskirche St. Kunibert geweiht wurde. Ihr Ursprung ist möglicherweise schon im 7. Jahrhundert zu sehen, sie soll von Erzbischof Kunibert von Köln vor der nördlichen Römermauer, auf dem Areal einer frühen fränkischen Kultstätte, errichtet worden sein. (Vergleichbares geschah um 803 in Minden). alt-minden.de; abgerufen am 22. Juli 2009.
Kunibert bestimmte die kleine Kirche als seine Grabstätte und weihte sie dem heiligen Clemens. Die Kirche verlor in späterer Zeit ihr ursprüngliches Patrozinium und wurde wohl nach der Heiligsprechung ihres Gründers diesem selbst geweiht. Bis zum Jahr 1106, als die Einbeziehung der Vorstadt Niederich in das Stadtgebiet erfolgte, unterstand die Seelsorge der dortigen Bewohner alleine St. Kunibert.
Pfarrbezirk Sankt Kunibert Die St. Kunibertkirche, die in späterer Zeit ihr Westschiff für die Gottesdienste der Laien separierte, betreute den nördlichen Eigelstein, die östlichen Teile der Plankgasse und der Eintrachtstraße sowie des Gereonswalles. Weiter auch die Weidengasse und den Thürmchenswall, sowie die Bewohner der Straßen „Unter Kahlenhausen“ und „Unter Krahnenbäumen“. Zu diesem Sprengel gehörten weiterhin die Straße „An der Linde“, das Kunibertkloster und die gleichnamige Gasse, die Machabäerstraße, die Servas-, Penz-, Platz- und Goldgasse (von letzterer der nördliche Teil), ebenso der nördliche Teil der Johannisstraße und die westliche Ecke der Maximinenstraße. Der Sprengel St. Kunibert, der durch die Stadterweiterung zerschnitten worden war (wie im Falle des Kirchspiels St. Severin), wurde 1180 wieder vereinigt. Zur Pfarrkirche des Stifts wurde die ehemalige Kapelle des Hospitals St. Lupus erhoben.
Sankt Lupus mini|hochkant| St. Lupus in Mercators Kölner Stadtansicht von 1570
Der seit 1172 zur Pfarre gewordenen Kirche St. Lupus unterstanden die Gemeindemitglieder der Straßen Maximinenstraße (Nordseite), der Hofergasse und Johannisstraße (südlich bis zur Goldgasse), die der südlichen Goldgasse und der „Waldemansgasse“. Diese wurde ab dem 15. Jahrhundert wegen der dort ansässig gewordenen Kotzmenger Kotzgasse genannt und wandelte sich zu der späteren Kostgasse. Weiter gehörten zur Gemeinde die Bewohner der Straße „Altes Ufer“ (südlich bis zur Goldgasse), die Bewohner der Trankgasse östlich bis zur Hubertusgasse. Wegen der westlich von St. Lupus, in der Trankgasse gelegenen Häuser (sie wurden in der Regel von den Domherren vermietet), kam es häufig zu Streitereien mit der Dompfarre St. Maria im Pesch, die das Pfarrrecht über diese Häuser anstrebte.
Bebauung Für den auch „burgum inferius“ genannten Niederich werden in vielen Ortsgeschichten kleine, um eine Kapelle oder einen ersten bescheidenen Kirchenbau angeordnete Siedlungsbauten erwähnt. Ansiedler errichteten sich, wie in allen frühmittelalterlichen Städten, bescheidene Behausungen. Wie die Koelhoffsche Chronik aus dem Jahr 1499 berichtet haben soll, waren die aus der älteren Zeit stammenden Gebäude sehr „schlicht“ gebaut. Diese auch bei Weinsberg häufig verwandte Wortwahl ist nach heutigem Verständnis gleichzusetzen mit einfach, damals jedoch mit minderwertig oder schlecht. Einfache Steinbauten oder auch reine aus Holz errichtete Häuser waren die Ausnahme, die Regel für ein bürgerliches Kölner Haus war ein Riegelbau. Diese Bauten waren einfach und schmucklos gestaltet und ruhten zumeist auf einem Steinsockel oder einem sonstigen massiven Unterbau. So wurden in Ufernähe des Rheines häufig in den Boden gerammte Pfähle als Fundament verwandt, um so einen sicheren Baugrund zu schaffen. Diese Bauweise findet sich noch in einem alten Kölner Reim der Pfingstsinger für geizige Anwohner wieder: „Dat Hus, dat steht op Stippe, dä Düvel soll et wippe“ (Das Haus, das steht auf Pfählen, das soll der Teufel wippen). Die Riegel und Balken waren grob behauen, die Gefache hatten eine Holzverschalung oder waren mit Reisig und Lehm, und etwa ab dem 15. Jahrhundert mit Ziegeln ausgefüllt. Überwiegend war jedoch nur die Straßenfront aus massivem Material; Hinterhaus und sich eventuell auf dem Hof anschließende Gebäude waren aus Holz. Mit ihren offenen Feuerstellen waren sie häufig Ursache verheerender Brände. Im Jahr 1376 traf es den Niederich besonders hart; ein Teil der Pfarre ging mitsamt der Kunibertkirche in Flammen auf. Im Jahr 1462 traf es das Machabäerkloster, und im Jahr 1502 das St. Ursulakloster.Keussen, Band I., S. 78, 181 ff.
mini|hochkant|Typische Rhein. Feuerstelle des 17. Jahrhunderts Pfarrbezirke des Niederich incl. Eigelstein Schornsteine oder Feuerstellen (1492) Erfassung als Häuserzählung (1705)S. Paul 451 300S. Lupus 412 262S. Maria Ablass177317S. Kunibert 767 583Quelle: KeussenKeussen: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter, Band I. S. 196
Im Gegensatz zu anderen Vorstadtbezirken, in denen sich Gewerbe unterschiedlicher Art ansiedelte, blieb der Niederich eine vornehmlich landwirtschaftlich genutzte Gegend.
Wasserversorgung mini|hochkant|Brunnen im Wappen der Kölner Bürgermeister- familien „von Groote“ und „zum Pütz“ (Kendenich)
Die Wasserversorgung (Trink- und Brauchwasser) der Kölner Bevölkerung in mittelalterlicher Zeit erfolgte durch Ziehbrunnen. Zu den Gerätschaften der in Kölner Mundart „Pütze“ genannten Brunnen gehörte eine Gabel mit einer Stange, deren Länge der Brunnentiefe angepasst war. Ein der Stange angehängter Eimer und eine das aus der Tiefe geschöpfte Wasser aufnehmende Wanne, die man in Köln nach wie vor „Bütt“ nennt, vervollständigten vorerst die Ausrüstung. Mit Winden ausgerüstete „Radpütze“Keussen, Band I. S. 171, Verweis auf die Festschrift: Die Beleuchtung und Wasserversorgung der Stadt Köln (1895), 89/90. bei denen ein Eimer an einem Strick (noch später Kette) hinunter gelassen und gefüllt per Rad oder Walze nach oben gezogen wurde, kamen erst in späterer Zeit auf. In einigen Fällen erhob sich über der Brunnenanlage auch eine Art Haus, das auch als Wohnung genutzt und „Pützhaus“Keussen, Band I. S. 171, Verweis auf die Zeichnungen Vinckenbooms: Zeitschrift für christl. Kunst 23 (1910), 43/4, 47/8. genannt wurde.
Öffentliche Brunnen im Viertel standen – wie in der gesamten Stadt – vermehrt an langen Straßenzügen. Zu finden waren sie häufig im Winkel zweier Häuser, auf breiten Straßen oder in der Mitte von Plätzen. Sie standen aber auch in Sackgassen, die dann oft den Namen „Pützgässchen“ oder „Pützhof“ trugen. Im Westen der Stadt trug ein Bezirk des Griechenmarktes die Bezeichnung Pützhof, und die Stifterin des Konventes „Einhorn“ in der Marzellstraße, war 1291 Odelindis de Pütz. Auch der Name der Straße Klingelpütz im südlichen Niederich ist in diesem Zusammenhang zu sehen. So hieß es in einer Ortsbeschreibung im Jahr 1457:
… und ist gelegen in der Spilergasse, wo man geht von dem Aldergraven zu dem Klyngelputze wärts, auf der Seite zu der Kapelle Unsers Herren Leichnam wärts mit der Hälfte des Pütz und mit den Häusern und Weingarten hinten mit allen ihren Zubehören.Keussen: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter, Band II. S. 229
Landwirtschaft, Höfe, Weinbau Eigens für das Vieh eingerichtete Tränken waren zumeist dort errichtet worden, wo auf größeren Plätzen oder breiten Straßen Viehmärkte stattfanden. Ihre Einrichtung diente aber auch den Reitpferden oder den vor Karren und Wagen gespannten Zugtieren.
Nicht nur Mensch und Vieh waren auf Wasser angewiesen, sondern auch die Landwirtschaft und die Weingärten (die Wingerts) waren von diesem abhängig und deckten ihren Bedarf durch Pütze.
mini|hochkant|Straße „Im Stavenhof“
Eine große Tränke des Niederich befand sich vor dem „Spiegeler Hof“ in der Machabäerstraße, der auch „Hof an der Marvirenstraße“ oder „Hof zum Irregang“ genannt wurde.Im 13. und 14. Jahrhundert werden mehrfach Ratsherren „vanme Spiegele (de Speculo) zome Yrregange“ urkundlich im Niederich erwähnt. Ein „Haus zum Irregang“ lag in der Schildergasse, ein anderes „Haus zum Irregang“ in der heutigen Marzellenstraße am Eigelstein-Büchel. Hugo Stehkämper: Bürger und Kirchen in Köln im Hochmittelalter (Veröffentlichungen des Kölnischen Geschichtsvereins 45), Köln: SH-Verlag 2007, S. 129. Ab 1431 war der „Spiegeler Hof“ als „Hof von der Mark“ oder „Märkischer Hof“ im Besitz des Grafen Adolf IV. von der Mark,Keussen, Band I., S. 94. später wurde er verschrieben für Karsilius von Palant-Breidenbent.Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Jülich-Berg I, 160 (Akten 1522 bis 1523) Im 15. Jh. befand sich im „Spiegeler Hof“ vermutlich ein Beginen- oder Witwenhaus,Leonhard Ennen: Geschichte der Stadt Köln. Band III. L. Schwann, Köln / Neuss 1869, S. 829. 1569/70 wird er als ein Versammlungsort der Täufer genannt; eine dort wohnende „Jungfer Palant“ wurde ausgewiesen. Ende des 16. Jahrhunderts gehörte der „Spiegeler Hof“ dem Humanisten Karl von Utenhove (1536–1600) und seiner Adoptivtochter, der Dichterin Anna von Palant-Breidenbent (um 1550–1599),Leonard Ennen: Die Alterthumsstudien in Köln. In: Monatsschrift für rheinisch-westfälische Geschichtsforschung und Alterthumskunde, 1877, 3, S. 384–413, bes. S. 400 und 410f. die beide hier starben. 1611/15 wurde in dem Gebäude das erste Kloster der Kapuziner in Deutschland (St. Franziskus) gegründet.Keussen, Band I., S. 173, Verweis auf Schickungsbuch: (C 17), 104 a (1479) 1817 wurde die Klosteranlage zur Infanteriekaserne Machabäerstraße 26–28 umgebaut, heute befindet sich auf dem Gelände das Evangelische Gemeindehaus der Altstadt.