mini|Eingang am Augustenburger Platz, 1910
Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus im Berliner Ortsteil Wedding wurde 1899–1906 als städtisches Krankenhaus nach einem Entwurf von Ludwig Hoffmann in Pavillonbauweise errichtet. Der ursprünglich als Gartenstadt konzipierte Klinikkomplex mit seinen 55 freistehenden Gebäuden galt bei seiner Einweihung als modernste Krankenhausanlage Europas. Nach Kriegszerstörungen, Um- und Erweiterungsbauten, die den Verlust eines Großteils der charakteristischen Pavillons mit sich brachten, entwickelte sich das Krankenhaus, das seit 1987 Universitätsklinik ist, zu einem auch heute wieder führenden Gesundheits- und Forschungsstandort in Berlin. Die erhaltenen Gebäude der ursprünglichen Klinikanlage stehen unter Denkmalschutz. Das Klinikum ist seit 1. April 1995 Teil der Charité und trägt den offiziellen Namen Charité Campus Virchow-Klinikum.
Geschichte
Notwendigkeit und Vorarbeiten für ein städtisches Krankenhaus Bedingt durch die stark wachsende Bevölkerungszahl im industriell geprägten Nordwesten Berlins ergab sich die Notwendigkeit, dort ein viertes großes städtisches Krankenhaus zu errichten. Nachdem 1861 Moabit, Wedding und Gesundbrunnen eingemeindet wurden, hatte sich die Bevölkerung von 826.000 im Jahr 1871 auf 1.888.000 im Jahr 1900 mehr als verdoppelt. Zur Jahrhundertwende gab es lediglich drei städtische Krankenhäuser in Berlin: das 1874 eröffnete Krankenhaus am Friedrichshain, das Krankenhaus Moabit, 1875 eröffnet, und das Krankenhaus Am Urban, das 1890 in Betrieb ging. Weiterhin nutzte der Magistrat 300 Belegbetten in der Charité und verwies des Weiteren die Bevölkerung auf konfessionelle Häuser wie das 1846 gegründete St. Hedwig-Krankenhaus in der Großen Hamburger Straße.
Die seit 1835 bestehende preußische Regulatur verlangte aber von Städten über 5000 Einwohnern „eine ausreichende Anzahl Heil- und Pflegeanstalten in eigener Regie“ zu betreiben. Im Wedding existierten bereits die evangelischen Häuser Lazarus-Krankenhaus (1873) und das Paul-Gerhardt-Stift (1898) sowie das Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus (1890). 1914 kam noch das Jüdische Krankenhaus in der Iranischen Straße dazu.
Nicht zuletzt auch durch die 1883 eingeführte Gesetzliche Krankenversicherung und durch den wissenschaftlichen Fortschritt ergab sich ein erhöhter Bedarf an Krankenhäusern, sodass in der Reichshauptstadt eine Krankenhausbautätigkeit bisher ungeahnten Ausmaßes begann. 1893 entstanden die II. Städtische Irrenanstalt zu Lichtenberg (Herzberge), 1907 die Heilanstalten in Berlin-Buch mit der III. Irrenanstalt mit 40 Gebäuden sowie dem Genesungsheim mit 30 Gebäuden und einem Alte-Leute-Heim mit 21 Gebäuden. Von 1897 bis 1914 erfolgte der Um- und Neubau der Charité mit dem Pathologisch-Anatomischen Museum 1899, der Nervenklinik 1901, der Kinderklinik 1903 und der Chirurgischen Klinik 1904 sowie den beiden Inneren Kliniken 1907 bis 1912 und der modernsten Universitätszahnklinik Europas 1912. Im Jahr 1904 entstand das Krankenhaus Westend, 1906 das Städtische Krankenhaus Pankow, das Humboldt-Krankenhaus in Reinickendorf und das Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Schöneberg, 1914 das Oskar-Ziethen-Krankenhaus in Berlin-Lichtenberg und das Krankenhaus Köpenick. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914, verfügte Berlin somit über sechs städtische Krankenhäuser.
Im September 1905 berichtete das Berliner Tageblatt:Städtische Millionenbauten. In: Berliner Tageblatt, 7. September 1905.
Eröffnung 1906 Die Namensgebung stand schon lange Zeit fest, denn am 80. Geburtstag von Rudolf Virchow im Oktober 1901 hatte die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, den Bau nach ihm zu benennen. Die Eröffnung erfolgte (erst) am 17. September 1906 durch Kaiser Wilhelm II. in Anwesenheit zahlreicher Honoratioren wie dem Oberbürgermeister Martin Kirschner, dem Stadtverordnetenvorsteher und Arzt Paul Langerhans, dem Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg August von Trott zu Solz, der Witwe des 1902 verstorbenen Namensgebers Ferdinande Amalie Rosalie Virchow und zwei seiner Söhne. Sie schrieb nach Besichtigung des Krankenhauses einen Dankesbrief an Baurat Hoffmann.
Als das Rudolf-Virchow-Krankenhaus 1906 eröffnet wurde, galt es als modernste Krankenversorgungseinrichtung Europas und stand als Vorbild für spätere Krankenhausneubauten.
Die ersten Patienten nach der Einweihung des Krankenhauses kamen aus dem Urban-Krankenhaus, es waren 70 Patienten mit Geschlechtskrankheiten, die in den beiden Kliniken für Haut- und Geschlechtskrankheiten aufgenommen wurden. Wilhelm Wechselmann (1860–1942) und Abraham Buschke (1868–1943) wurden zu Leitern der zwei Kliniken berufen. Wechselmann erlangte Bedeutung durch die an seiner Abteilung durchgeführte klinische Erprobung des Salvarsans bei der Syphilistherapie.
Für die Erstbesetzung der Kliniken konnten einige namhafte Berliner Ärzte gewonnen werden: die Chirurgen Otto Hermes (1864–1928) und Moritz Borchardt, der Internist Alfred Goldscheider als Leiter des Krankenhauses von 1906 bis 1910, der Gynäkologe Alfred Koblanck (1863–1928) sowie der Pathologe David von Hansemann. Seit der Eröffnung gab es zwei chirurgische Abteilungen mit jeweils 180 Betten und zwei Operationssälen, geleitet bis 1920 von Otto Hermes und Moritz Borchardt, der 1920 als Direktor an die III. Chirurgische Universitätsklinik am Krankenhaus Moabit wechselte.
Der Chirurg Richard Mühsam kam 1920 an das Krankenhaus. Daneben war er am Institut für Sexualwissenschaft tätig und nahm dort Versuche vor, Homosexualität durch Hodentransplantation zu „heilen“.zeitweilig mitarbeitende Ärzte. Institut für Sexualwissenschaft (1919–1933), abgerufen am 17. März 2021. Der Chirurg Ernst Unger übernahm 1919 die II. Chirurgische Abteilung am Rudolf-Virchow-Krankenhaus. Er wurde durch die ersten fundamentale Arbeiten zur Nierentransplantation bekannt.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erforderte die immense Zunahme von Geschlechtskrankheiten eine Erhöhung der Betten in den beiden dermatologischen Häusern, in denen 455 Betten für männliche und 265 Betten für weibliche Patienten zur Verfügung standen. Nach dem Umbau der dermatologischen Abteilung wurde diese ab 1925 von Heinrich Löhe (1877–1961) geführt.
Im Jahr 1931, 25 Jahre nach Gründung des Krankenhauses, hatte sich die Zahl der behandelten Patienten von 15.500 (1907) auf über 30.000 verdoppelt, ebenso wie sich das Spektrum der Operationen erweitert hatte.
Zwischen 1923 und 1938 bestand ein eigenes Standesamt Rudolf-Virchow-Krankenhaus,Landesarchiv Berlin: Berliner Gemeinden und Ortsteile mit zuständigem Standesamt, abgerufen am 15. März 2022. bevor die Berliner Standesämter auf Bezirksebene zusammengefasst wurden.Bezirksamt Mitte von Berlin: Historie des Standesamtes Mitte von Berlin, abgerufen am 15. März 2022.
Zeit des Nationalsozialismus Ab 1933 erfolgte eine bedeutsame Neuorganisation der Abteilungen, die bei einer Reduzierung der Bettenanzahl zu einer Inneren, Äußeren und Dermatologischen Abteilung zusammengefasst wurden. Es entstand zusätzlich eine Urologische und eine Psychiatrisch-Neurologische Abteilung. Weiterhin wurden die großen Krankensäle durch Zimmer für sechs bis acht Patienten ersetzt. Um 1936 konnte die Klinik eine maximale Aufnahmefähigkeit von 2500 Kranken aufweisen (Planbettenzahl: 1900) und rangierte damit unter den Berliner Kliniken an vorderer Stelle.
Von 1935 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bestand am Rudolf-Virchow-Krankenhaus mit dem Allgemeinen Institut gegen die Geschwulstkrankheiten ein Institut für die Behandlung und Erforschung von Krebserkrankungen unter der Leitung des Radiologen Heinrich Cramer, das unter dem Kuratorium von Ferdinand Sauerbruch in den Jahren 1933–1934 gegründet wurde. Das Institut arbeitete sehr eng mit anderen Kliniken zusammen und vereinte chirurgische, strahlentherapeutische und wissenschaftlich-experimentelle Aspekte.
Willy Usadel (1894–1952) und Walter Sebening leiteten die Chirurgische Klinik von 1933 bis 1934. Zwischen 1935 und 1937 führte August Rütz (1894–1937) die Chirurgie, die nach seinem Tod von Wilhelm Fick (1898–1981), der bis 1937 Oberarzt bei Ferdinand Sauerbruch war und später Chefarzt einer Münchener Privatklinik wurde,Hans Rudolf Berndorff: Ein Leben für die Chirurgie. Nachruf auf Ferdinand Sauerbruch. In: Ferdinand Sauerbruch: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951; zitiert: Lizenzausgabe Bertelsmann, München 1956, S. 456–478, hier: S. 460. weitergeführt wurde. Werner Kressin (geb. 1902) leitete die Abteilung kommissarisch während der Kriegseinsätze der Chefärzte. Am 1. August 1933 wurde die Urologische Abteilung eröffnet, die bis zum vorläufigen Ende 1945 unter der Leitung von Karl Heusch stand. Sie wurde 1943 nach Karlsbad ausgelagert, wobei das gesamte Inventar verloren ging. Nach der Rückkehr nach Berlin begann Heusch mit der Einrichtung einer Ausweichklinik und dem Aufbau der Urologie am Krankenhaus Jungfernheide, bis er dann 1948 endgültig nach Aachen ging. Seine Mitarbeiter an der Klinik waren als Oberärzte Werner Forßmann (1904–1979) und Krafft.
Nachkriegszeit Durch die Kriegsschäden sank die Bettenzahl auf 400. Ab September 1945 leitete Walter Mirauer (1882–1948) die Chirurgische Abteilung und nach seinem plötzlichen Tod Wilhelm Heim (1906–1997), der bis zu seiner Pensionierung 1971 Ärztlicher Direktor war. Es entstand erneut eine urologische Fachstation mit über 40 Betten, deren Leitung Kurt Felkl (1918–2013) übernahm.
Mit der Eröffnung des neuen Bettenhauses der Chirurgischen Klinik 1962 gab es auch eine Chirurgisch-Urologische Abteilung, die von Hans Wulsten (1927–1995) ab 1970 geleitet wurde, als die Abteilung ihre Eigenständigkeit als Urologische Klinik erlangte. 1983 wurde Wulsten zum Ärztlichen Direktor des Rudolf-Virchow-Krankenhauses gewählt und blieb es bis zu seiner Pensionierung 1992.
Während der Teilung Berlins diente das Rudolf-Virchow-Krankenhaus ab den 1980er Jahren als Universitätsklinikum der Freien Universität Berlin.
Nach der deutschen Wiedervereinigung mini|Logo des Virchow-Klinikums, 1996
Seit 1995 gehört das Rudolf-Virchow-Krankenhaus zur Humboldt-Universität und bildet seit 1997 den Campus Virchow-Klinikum (CVK) der Charité. Die damit verbundene umfassende Neu- und Umbautätigkeit endete erst 1998 und machte den Standort zum modernsten Klinikum Europas.
Mitte 2003 wurde die Berliner Hochschulmedizin erneut umstrukturiert: Es kam zur Fusion der Charité mit der medizinischen Fakultät der Freien Universität Berlin. Die Entscheidung erwuchs hauptsächlich aus der angespannten Haushaltslage des Landes Berlin, das der fusionierten Charité eine Einsparvorgabe für das Budget für Forschung und Lehre in Höhe von 98 Millionen Euro mit auf den Weg gab.
Am 3. März 2020 wurde aufgrund der COVID-19-Pandemie die erste Anlaufstelle in Berlin für SARS-CoV-2-Verdachtsfälle eingerichtet.
Medizinische Versorgung Laut Krankenhausplan 2020 des Landes Berlin verfügt das Klinikum über 1276 Betten im universitären Bereich. Es ist als eines der sechs Berliner Notfallzentren ausgewiesen, an die erhöhte Anforderungen an Leistungsfähigkeit, Infrastruktur und Aufnahmekapazität gestellt werden, sowie einer der drei Standorte mit Sonderisolierstationen für hochkontagiöse lebensbedrohliche Erkrankungen und das regionale Strahlenschutzzentrum.
Damit Forschung, Lehre und Krankenversorgung besser organisiert werden können, hat die Charité 17 Charitézentren (Eigenschreibweise: CharitéCentren) gegründet. Innerhalb der Zentren arbeiten mehr als 100 Kliniken und Institute.Übersicht CharitéCentren. In: charite.de, abgerufen am 17. März 2021. Pressemeldung des Landes Berlin. In: berlin.de, 30. September 2005, abgerufen am 13. September 2009. Die Charitézentren sind größtenteils standortübergreifend organisiert. Damit soll die Integration der Standorte gefördert werden. Außerdem sollen alle Charitézentren eine eigenständige Leitung mit Ergebnisverantwortung erhalten. Die folgenden Charitézentren sind am Klinikum ansässig: