mini|Die Boller Ortsmitte mit der Kirche St. Cyriakus und der alten Schule mini|Fossiler Fisch Ptycholepis bollensis Bad Boll (bis 2007 Boll) ist eine Gemeinde im Landkreis Göppingen in Baden-Württemberg. Sie gehört zur Region Stuttgart (bis 1992 Region Mittlerer Neckar) und zur Randzone der europäischen Metropolregion Stuttgart.
Geographie Geographische Lage Bad Boll liegt am Nordrand der Schwäbischen Alb rund zehn Kilometer südlich von Göppingen zwischen den Gemeinden Aichelberg, Dürnau, Gruibingen und Zell u. A. Im Südosten von Bad Boll liegt der zur Gemarkung Gruibingen gehörende Kornberg (779 m ü. NN). Mit Gruibingen teilt die Gemeinde das südlich liegende ca. 122 ha große Naturschutzgebiet Teufelsloch-Kaltenwang. Südlich der Gemeinde liegt die Höhenwiese Boller Heide, ein beliebtes Ausflugsziel.
Geologie mini|Peronoceras fibulatum (Oberster Wilder Schiefer; Bad Boll). Die Ammonitenart ist fast nur aus der Umgebung von Bad Boll bekannt und wurde von Quenstedt Ammonites bollensis genannt. Am Fuße der Schwäbischen Alb liegt Bad Boll im Bereich des Schwarzen Juras, speziell des Posidonienschiefers. Die Gegend zwischen Holzmaden und Boll bildet eines der fossilienreichsten Gebiete dieser Schicht des Juras. So wurde z. B. der erste Fischsaurier 1749 dort gefunden. Viele Fossilien, die in Bad Boll entdeckt wurden, tragen den Zusatz bollensis. Beispiele davon sind z. B. im Urwelt-Museum Hauff in Holzmaden oder im Museum am Löwentor in Stuttgart zu sehen. Die Gemeinde ist Teil des 1979 gebildeten Grabungsschutzgebiets Holzmaden. Höher gelegene Gebiete des Gemarkungsgebiets liegen im Bereich des Unteren Braunen Juras.
Im Bereich des Ortsteils Bad Boll befinden sich gesundheitsfördernde Schwefelthermalquellen.
Gemeindegliederung Bad Boll besteht aus den beiden Ortsteilen Boll mit Bad Boll und Eckwälden. Letzterer Ort wurde 1933 eingemeindet. Die offizielle Benennung der Ortsteile erfolgt durch vorangestellten Namen der Gemeinde und durch Bindestrich verbunden nachgestellt der Name der Ortsteile. Gelegentlich wird noch der mit dem Hauptort verschmolzene, nicht offizielle Ortsteil Sehningen unterschieden. Die Gesamtgemeinde trug bis 31. Mai 2007 den Namen Boll. Nach Zustimmung des baden-württembergischen Ministerrates führt die Gemeinde seit dem 1. Juni 2007 offiziell die Bezeichnung „Bad Boll“.StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2007
Zusammen mit den Gemeinden Aichelberg, Dürnau, Gammelshausen, Hattenhofen und Zell u. A. bildet Bad Boll seit 1970 den Gemeindeverwaltungsverband Raum Bad Boll.
Flächenaufteilung
Nach Daten des Statistischen Landesamtes, Stand 2014.Statistisches Landesamt, Fläche seit 1988 nach tatsächlicher Nutzung für Bad Boll.
Geschichte
Frühe Geschichte Die erste urkundliche Erwähnung der Propstei durch Kaiser Friedrich I. Barbarossa datiert auf das Jahr 1155.Stauferstele Bad Boll auf stauferstelen.net mit historischen Hintergrundinformationen, abgerufen am 22. März 2014.
Die ersten menschlichen Spuren stammen aus der Zeit keltischer Besiedelung (ca. 700–200 v. Chr.) in Form einer Anlage (vermutlich einer Fliehburg) im Bereich Bertaburg auf dem Kornberg. Spuren römischer Besiedelung in Form eines Gutes wurden durch Scherbenfunde im Bereich des Ortsteils Bad Boll nachgewiesen. Nach dem Fall des Limes im dritten Jahrhundert wurde die Gegend durch Alemannen besiedelt und der heutige Ortsteil Sehningen gegründet.
Vermutlich um 800 n. Chr. wurde eine erste Kirche gebaut, deren Spuren in Form der Krypta der heutigen Stiftskirche zu finden sind. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts soll Berta von Boll, die ihren Witwensitz auf der Bertaburg gehabt haben soll, eine Propstei gestiftet haben, die 1155 urkundlich erwähnt wurde. In diesem Zusammenhang wurde die Stiftskirche St. Cyriakus auf der vorigen Kirche erbaut. Die Territorialgewalt konzentrierte sich nach dem Niedergang des Herzogtums Schwaben im späten Mittelalter für die Gegend um Boll zunächst noch bei den Herzögen von Teck. Seit 1321 übten jedoch die Grafen von Württemberg die Landesherrschaft und die hohe Gerichtsbarkeit aus. Die Grundherrschaft blieb bis zur Reformation weitgehend beim Stift Boll und kam dann ebenfalls an Württemberg. Ab 1332 erscheint Graf Ulrich von Württemberg († 1348) dort als Stiftspropst.Biografische Webseite zur Person in der Landesbibliografie Baden-Württemberg
Ulrich von Württemberg führte 1534 in seinem Herzogtum die Reformation durch, so dass Boll seither evangelisch geprägt war. Die Gemeinde war dem Amt Göppingen unterstellt.
1595 wurden die Schwefel- und Thermalquellen im Bereich des Ortsteils Bad Boll gefunden. 1596 wurde das heutige Kurhaus in seiner ersten Form von Heinrich Schickhardt erbaut.
19. und 20. Jahrhundert Bei der Neugliederung des jungen Königreichs Württemberg am Anfang des 19. Jahrhunderts blieb die Zugehörigkeit von Boll zum Oberamt Göppingen bestehen.
Von 1823 bis 1825 wurde das Kurhaus in seine heutige Form umgebaut.
Bei der Kreisreform während der NS-Zeit in Württemberg gelangte die Gemeinde 1938 zum neuen Landkreis Göppingen. Von 1945 bis 1952 gehörte Boll zum Land Württemberg-Baden, das 1945 in der Amerikanischen Besatzungszone gegründet worden war.
Im Jahr 1945 wurde als erste kirchliche Akademie in Deutschland die Evangelische Akademie Bad Boll gegründet.
1952 kam die Gemeinde zum neuen Bundesland Baden-Württemberg.
Historische Ansichten
Einwohnerentwicklung mini|Diagramm der Einwohnerentwicklung seit 1837 Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg für die Daten ab 1970 Datum Einwohner 1837 1461 1907 1364 17. Mai 1939 1529 13. September 1950 2426 27. Mai 1970 3692 31. Dezember 1983 4286 25. Mai 1987 4161 31. Dezember 1990 4803 31. Dezember 1995 5093 31. Dezember 2000 5149 31. Dezember 2005 5270 31. Dezember 2010 5205 31. Dezember 2015 5110 31. Dezember 2020 5223
Politik Verwaltungsverband Bad Boll ist Sitz des Gemeindeverwaltungsverbands Raum Bad Boll.
Bürgermeister
Bürgermeisterin ist seit 2026 Ann Kathrin Traub.
Vorgänger im Amt waren von 1996 bis 2025 Hans-Rudi Bührle, von 1984 bis 1996 Klaus Pavel (CDU) sowie von 1974 bis 1983 Hans H. Pfeifer (SPD).
Gemeinderat Der Gemeinderat in Bad Boll besteht aus den 14 gewählten ehrenamtlichen Gemeinderäten und dem Bürgermeister als Vorsitzendem. Der Bürgermeister ist im Gemeinderat stimmberechtigt. Die Kommunalwahl am 9. Juni 2024 führte zu folgendem ErgebnisWahlinformationen auf komm.one. Parteien und Wählergemeinschaften %2024 Sitze2024 %2019 Sitze2019GLBGrüne Liste Bad Boll28,35441,246UWVUnabhängige Wählervereinigung28,53421,193CDUChristlich Demokratische Union Deutschlands43,13637,575gesamt100,014100,014Wahlbeteiligung70,00 %65,83 %
Wappen Die Blasonierung des Gemeindewappens von Bad Boll lautet: In Grün ein mit einer liegenden schwarzen Hirschstange belegtes silbernes Brunnenbecken mit aufsteigenden silbernen Wasserstrahlen.
Der Brunnen im Ortswappen weist auf das Schwefelbad des Ortes hin. Darunter weist die Hirschstange auf die württembergische Zugehörigkeit hin. Das Wappen wurde am 25. Januar 1961 vom Innenministerium verliehen. Die Farben des Ortes sind Weiß-Grün.
Gemeindepartnerschaft Es besteht eine Partnerschaft mit der Stadt Herrnhut in Sachsen.
Kultur und Sehenswürdigkeiten Die im Ortskern befindliche evangelische Stiftskirche St. Cyriakus ist eine in reiner Form erhaltene romanische dreischiffige flachgedeckte Pfeilerbasilika aus dem 12. Jahrhundert. In ihr wurde 1902 der Komponist Max Reger mit Elsa von Bercken getraut. Unter dem Chor befindet sich eine Krypta der Vorgängerkirche. Die Kirche ist seit 1977 eine Sehenswürdigkeit an der Straße der Staufer.Straße der Staufer auf stauferstelen.de. Abgerufen am 12. Juli 2016.
Auf dem Kornberg südöstlich von Bad Boll befinden sich Geländevertiefungen, die als Wehrgräben einer früheren Bertaburg gedeutet werden, in der einst Berta von Boll ihren Witwensitz gehabt haben soll.
Während der Grabungen nach den Thermalquellen wurden auch in Bad Boll Fossilien gefunden. Diese befinden sich zum Teil in öffentlichen Gebäuden wie dem Rathaus, der Rehaklinik (Kurhaus) oder der Schule in Bad Boll. Außerhalb sind Boller Fossilien auch im Urwelt-Museum Hauff in Holzmaden und dem Museum am Löwentor in Stuttgart zu finden.
Der Tag der Deutschen Einheit ist seit dem Jahr 2000 in Bad Boll verkaufsoffen. 2005 wurde anlässlich des 850. Jubiläums der ersten Nennung des Ortes in einer Urkunde von Kaiser Friedrich I. Barbarossa dessen Tante Berta von Boll betont und das Theaterstück Frau Berta auf dem Bollen aufgeführt.Frau Berta auf dem Bollen, abgerufen am 6. Oktober 2013 Seit 2010 wird der Tag der Deutschen Einheit als Berta-Tag gefeiert. Aus diesem Anlass hat der Boller Bildhauer Alois Wild eine Berta-Säule geschaffen, die seither jedes Jahr beim Rathaus aufgestellt wird.
Vor der Stiftskirche wurde am 3. Oktober 2013 eine von Markus Wolf geschaffene Stauferstele errichtet, die an die erste urkundliche Erwähnung des Ortes in einer Urkunde von 1155 sowie an Berta von Boll erinnert.
Infrastruktur, Bauwerke und Einrichtungen Das älteste Bauwerk ist die Stiftskirche St. CyriakusZwei Kirchenführer: Heidi Rapp, Die evangelische Stiftskirche Sankt Cyriakus in Boll, hg. Ev. Kirchengemeinde Boll, Salach o. J. (ca. 1980) bzw. Tübingen 1995 als Pfarrkirche der evangelischen Kirchengemeinde,Website der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Boll eine besonders gut erhaltene, im 12. Jahrhundert über mindestens zwei Vorgängerbauten errichtete dreischiffige romanische Pfeilerbasilika, deren älteste Teile aus dem 10. und 11. Jahrhundert stammen. Gefördert wurde ihr Bau, der vermutlich vom Cyriakuskloster in Wiesensteig ausging, durch Berta von Boll, der 1090 geborenen Schwester des ersten Stauferkönigs Konrad III. Sie lebte in ihren späten Jahren als Witwe im Ort. Die in ihrer architektonischen Klarheit beeindruckende Stiftskirche diente den Dorfbewohnern als Schutz- und Wehrkirche. Bemerkenswert ist manche Bildhauerarbeit wie das romanische tiefe Taufbecken, 1902 nachbearbeitet, aus der Gotik die Maßwerkfenster und die Steinkanzel am mittleren Pfeiler der Nordseite mit Rebstockrelief am Treppengeländer, und schließlich der farbig gestaltete Barock-Schalldeckel. Im Rahmen der Kirchenrenovierung 1902 erhielt die Stiftskirche von Christoph Blumhardt zwei 1889 für das Kurhaus Boll von Jakob Grünenwald entworfene Glasgemälde (Mose und Christus).Petra Scheible-Schober und Jürgen Helmbrecht: Jakob Grünenwald (1821–1896). Ein schwäbischer Genremaler; hg. Karl-Heinz Rueß; Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen Band 35, Göppingen/Weißenhorn 1996, S. 177 Das Christusfenster im Chor wurde 1957 entfernt zugunsten der Arbeit Offenbarung des bekannten Glasmalers Hans Gottfried von Stockhausen, das Mosefenster verblieb im nördlichen Seitenschiff.
Im Ortsteil Bad Boll befindet sich die Evangelische Akademie Bad Boll, die erste ihrer Art in Deutschland, mit einem Tagungszentrum. Ein weiteres großes Tagungszentrum ist das Seminaris Hotel Bad Boll.
Weiterhin gibt es im Kurhaus eine Kur- und Rehaklinik, die die Thermalquellen nutzt. Am südlichen Ende der Gemeinde befindet sich in Hanglage ein Freibad mit drei Becken und Kinderrutsche.
Bad Boll ist neben Herrnhut und Zeist Sitz der Direktion (Kirchenleitung) der Europäisch-Festländischen Provinz der Herrnhuter Brüdergemeine.
Der Ortsteil Eckwälden ist Sitz des von Rudolf Hauschka gegründeten Kosmetik- und Arzneimittelbetriebs Wala Heilmittel sowie vieler weiterer anthroposophischer Einrichtungen.
Religion Neben der Kirchengemeinde der Evangelischen Landeskirche, zugehörig zum evangelischen Kirchenbezirk Göppingen, und der Katholischen Kirche gibt es in Bad Boll auch eine Herrnhuter Brüdergemeine im Kurhaus sowie Freikirchen, darunter die Evangelisch-methodistische Kirche und eine Neuapostolische Kirche.
Bahnhof Boll