mini|Schiffsärzte bei einer Leistenbruch-Operation an Bord der Harry S. Truman, 2007 Als Schiffsarzt wird ein Arzt bezeichnet, der die medizinische Versorgung an Bord von Schiffen im zivilen und militärischen Bereich sicherstellt und Verantwortung für die Einhaltung der Hygiene- und Sicherheitsvorschriften trägt. Nach dem internationalen Seearbeitsübereinkommen muss bei Schiffen mit mehr als 100 Personen an Bord und Fahrten über mehr als drei Tage ein Schiffsarzt an Bord sein. Die Qualifikation eines Schiffsarztes wird durch nationale Vorschriften geregelt.
Voraussetzungen
Zivile Schifffahrt mini|Schiffsingenieur und Schiffsarzt Voraussetzungen für eine Anstellung als Schiffsarzt im zivilen Bereich sind, nach abgeschlossenem Studium der Medizin mit ärztlicher Approbation, eine mehrjährige ärztliche Tätigkeit in mindestens einer Akutdisziplin sowie Erfahrungen in der Notfallmedizin. Außerdem sind solide Sprachkenntnisse in EnglischStellenbeschreibung. hafenkarriere.deHannelore Gießen: arztberuf.deutsche-fachaerzte.info und die Seediensttauglichkeit sinnvoll.
Die genauen Voraussetzungen für die Qualifikation als Schiffsarzt legt jeder einzelne Flaggenstaat fest. Für die Tätigkeit auf Seeschiffen unter deutscher Flagge ist eine Registrierung als Schiffsarzt bei der Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft notwendig (siehe untenstehend).
Das Zertifikat Maritime Medizin der Ärztekammer Schleswig-Holstein kann seit dem 6. Juni 2001 auf der Grundlage des Schiffsarztlehrganges der Deutschen Marine am Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine in Kronshagen (ab 2025/26 auf dem Gelände des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg) und weiterer Ausbildungsinhalte (Fachkunde Rettungsdienst, Weiterbildung: 1 Jahr Chirurgie, 1 Jahr Innere Medizin, 6 Monate Anästhesie, Tropen- und Tauchmedizin-Kurs, Überleben auf See) erworben werden, ist aber nicht verpflichtend. Eine abgeschlossene Facharztweiterbildung ist ebenfalls nicht vorgeschrieben. Eine fünf- bis zehnjährige klinische Tätigkeit in Chirurgie und Innerer Medizin wird heute jedoch für eine Tätigkeit als Schiffsarzt erwartet. Erfahrung in Reise- und Tropenmedizin sowie Basiskenntnisse in Zahnmedizin sind ebenfalls erwünscht, um dem großen Spektrum der anfallenden Erkrankungen gerecht zu werden. Fachkundenachweise in Strahlenschutz sowie Rettungsdienst müssen vorliegen. Die Deutsche Gesellschaft für Maritime Medizin (DGMM) empfiehlt die Teilnahme am Lehrgang Einführung in die maritime Notfallmedizin.
Die endgültige Entscheidung über die Einstellung des Schiffsarztes und dessen Qualifikationsprofil liegt bei der jeweiligen Reederei.
Der Schiffsarzt bezieht von der Reederei ein festes Gehalt oder ein Grundgehalt mit prozentualer Beteiligung. Alternativ kann das Anmieten von Behandlungsräumen des Schiffes und eine Rechnungsstellung nach deutscher Gebührenordnung für Ärzte möglich sein.
Deutsche Marine Schiffsärzte der Deutschen Marine Dienstgradgruppe Hauptleute Stabsoffizier Ärmelabzeichen (Humanmedizin) 50px 50px Ärmelabzeichen (Zahnmedizin) 50px 50px Dienstgrad Stabsarzt Oberstabsarzt Abkürzung StArzt OStArzt NATO-Rangcode OF-2 OF-3 Besoldungsgruppe A 13 A 14
Die Deutsche Marine verfügt über 62 Sanitätsoffiziere, davon 20 Frauen. Als Schiffsarzt an Bord dienen 28 (Stand: Oktober 2009).Schiffsarzt bei der Marine – ein Hamburger erzählt von seiner Arbeit auf der Fregatte „Sachsen“. Presse- und Informationszentrum Marine. Sanitätsoffizieranwärter, die eine Verwendung als Schiffsarzt anstreben, absolvieren zunächst ein Studium der Medizin an einer zivilen Hochschule sowie während der Semesterferien den Sanitätsoffizierlehrgang an der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München. Nach dieser Ausbildung werden die jungen Sanitätsoffiziere (nach Erlangung der Approbation) zu einer drei Jahre dauernden, ersten Verwendung in der Klinik an die Bundeswehrkrankenhäuser Hamburg, Westerstede, Berlin, Koblenz oder Ulm versetzt. Während der klinischen Weiterbildung erfolgt hier der Erwerb der Zusatzbezeichnung Rettungsmedizin in der Anästhesiologie. Eine Weiterbildungszeit in Chirurgie, Innere Medizin und Radiologie ist angestrebt. Daran schließt sich eine einjährige maritim-fachliche Ausbildung am Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine an. In diesem Ausbildungsabschnitt werden der Schiffsarztlehrgang (mit einem Anteil Zahnmedizin), Taucherarzt- und Fliegerarztlehrgang absolviert und Weiterbildungsabschnitte in Tropenmedizin, Sonographie, Gynäkologie, Überleben auf See und Telemedizin durchlaufen. Nach vollständigem Durchlaufen der Ausbildung erfüllen die Schiffsärzte die Bedingungen zum Erlangen des Zertifikates Maritime Medizin der Ärztekammer Schleswig-Holstein.Wolfgang Sartorius: maritimemedizin.de
Höhere Dienstgrade sind nicht als Schiffsärzte an Bord, lediglich als eingeschiffte Leiter eines Marineeinsatzrettungszentrums oder als Senior Medical Officers.
Aufgaben Zum Aufgabenbereich eines Schiffsarztes gehören die allgemeinmedizinische, notfallmedizinische, präventivmedizinische und betriebsärztliche Versorgung, wie die Überwachung der Küchen- und Unterkunftshygiene, die Durchführung von Impfungen und Maßnahmen zur Vorbeugung von Epidemien bei Infektionen. Ebenso weist das Berufsbild tropenmedizinische Aspekte auf.H. Jäger: Medical care on board ship. Cruise-medical experiences. In: Fortschr Med., 1979, 27, S. 1191–1194. PMID 457011 Auch die Verantwortung für das Sanitätsmaterial sowie dessen Pflege und Wartung gehören zum Aufgabenbereich eines Schiffsarztes. Bei der Marine ist der Schiffsarzt zusätzlich mit der Durchführung der Sanitätsausbildung für die Besatzungsangehörigen betraut.Die Deutsche Marine. (III). In: Zeitschrift Truppendienst – Zeitschrift für Ausbildung, Führung und Einsatz im Österreichischen Bundesheer Im zivilen Bereich sind periodische Erste-Hilfe- und Herz-Lungen-Wiederbelebungs-Kurse, wie auch Rettungsübungen, für die Besatzung ebenfalls Aufgabe des Schiffsarztes. In: Medical Tribune, 2008, 41, S. 12.
Medizinische Versorgung mini|Schiffsärztliche Zahnarztpraxis Das Spektrum der zu behandelnden Erkrankungen an Bord eines Schiffes ist breit und auch abhängig von Schiffsbesatzung und Passagieren.D. E. Peake, C. L. Gray, M. R. Ludwig, C. D. Hill: Descriptive epidemiology of injury and illness among cruise ship passengers. In: Ann Emerg Med., 1999, 33, S. 67–72. PMID 9867889M. P. McKay: Maritime health emergencies. In: Occup Med (London), 2007, 57, S. 453–455. PMID 17652345 Neben der Seekrankheit treten verschiedene andere gesundheitliche Probleme auf. Die häufigste Ursache ärztlicher Konsultationen sind dabei Atemwegserkrankungen von Passagieren, Hauterkrankungen der Crew, sowie Verletzungen. Dabei verletzen sich die Passagiere eher an Land, Besatzungsmitglieder an Bord.E. Dahl: Medical practice during a world cruise: a descriptive epidemiological study of injury and illness among passengers and crew. In: Int Marit Health., 2005, 56, S. 115–128. PMID 16532590 Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten bei Passagieren häufiger auf als bei Crewmitgliedern.E. Dahl: Anatomy of a world cruise. In: J Travel Med., 1999, 6, S. 168–171. PMID 10467153 Auch zahnärztliche Behandlungen sind, besonders bei Crewmitgliedern, häufig erforderlich, Sanitätsdienst der Bundeswehr, 13. September 2007. und ziehen, öfter als bei anderen Erkrankungen, Behandlungen bei einem (Zahn-)Arzt im nächsten Hafen nach sich.E. Dahl: Crew referrals to dentists and medical specialist ashore: a descriptive study of practice on three passenger vessels during one year. In: Int Marit Health., 2006, 57, S. 127–135. PMID 17312701
Rolle der Telemedizin Aufgrund der Vielfalt der möglichen zu behandelnden Krankheitsbilder wurde bereits ab 1931 eine funkärztliche Beratung von Medico Cuxhaven aufgebaut, welche den Schiffsärzten zur Verfügung steht. In der Zwischenzeit können durch verschiedene Systeme EKG-Werte, Bild- und Videomaterial an einen beratenden Arzt übertragen werden. Dies erhöht die Effektivität des Schiffsarztes, sodass das Risiko einer Fehldiagnose und der daraus resultierenden Fehlbehandlung deutlich gemindert wird. Neben dem medizinischen Vorteil für die Patienten können Kosten durch unnötige Evakuierungen und Rücktransporte eingespart werden.Last Volker: Telemedizin in der Seefahrt – Von den Anfängen der Telemedizin bis zum heutigen Einsatz. Eberhard Karls Universität Tübingen, Seminar Medizin-Telematik, SS 2006.
Rechtliche Grundlagen
Die Besetzung von Schiffen mit medizinischem Personal wird durch jeweilige nationale Vorschriften geregelt. Gültig sind die Vorschriften des Landes, unter dessen Flagge das Schiff fährt. Nach der Norm A4.1 des Seearbeitsübereinkommens muss bei Schiffen mit mehr als 100 Personen an Bord und Fahrten über mehr als drei Tage ein Arzt an Bord sein. Die nationalen Vorschriften können jedoch strengere Vorgaben enthalten. So wird es in den britischen The Merchant Shipping (Ships’ Doctors) Regulations von 1995 zusätzlich zur Pflicht eines britischen Schiffseigners erklärt, bei Schiffen mit mehr als 100 Personen an Bord und einer Entfernung von mehr als 1,5 Tagen zum nächsten Hafen mit adäquater medizinischer Versorgung, einen qualifizierten Arzt an Bord zu haben.The Merchant Shipping (Ships’ Doctors) Regulations. Großbritannien 1995. In der türkischen Regulation on Sanitary Safety of Passengers on Ships vom 28. Januar 1943 ist dagegen festgelegt, dass erst bei mehr als 200 Passagieren ein Schiffsarzt mitzuführen ist.Regulation on Sanitary Safety of Passengers on Ships.Türkei 1943;
Deutschland In Deutschland ist die Ärztliche Weiterbildung zum Schiffsarzt gemäß dem von der Bundesärztekammer (BÄK) veröffentlichten „BÄK-Curriculum Maritime Medizin“ geregelt. Auf Kauffahrteischiffen unter deutscher Flagge ist nach ein Schiffsarzt bei 100 oder mehr Personen an Bord und einer Fahrtdauer von mehr als drei Tagen vorgeschrieben. Übersteigt die Zahl der Personen auf einem Schiff 800, so muss ein zweiter Schiffsarzt an Bord sein. Schiffsärzte, die auf Kauffahrteischiffen unter deutscher Flagge tätig werden wollen, müssen sich nach beim Seeärztlichen Dienst der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation registrieren lassen. Als Schiffsarzt wird registriert, wer Arzt für Allgemeinmedizin, Anästhesiologie, Chirurgie oder Innere Medizin ist, über die Zusatzbezeichnung „Notfallmedizin“ oder den Fachkundenachweis „Rettungsmedizin“ verfügt, mindestens vier Wochen praktische Erfahrungen auf einem Seeschiff hat und wer nachweist, dass er auf einem Kauffahrteischiffe unter deutscher Flagge tätig ist oder werden wird (zum Beispiel durch Heuervertrag).
Im militärischen Bereich gelten entsprechende Vorschriften der Bundeswehr. Boote der Marine haben in der Regel keinen Arzt an Bord, sondern einen Schifffahrtmedizinischen Assistenten (früher: Sanitätsmeister). In diesen Fällen wird die ärztliche medizinische Versorgung oft über ein den Verband begleitendes Versorgungsschiff sichergestellt, welches über ein Lazarett mit einem Geschwaderarzt verfügt. Auf kleinen militärischen Einheiten wie Schnellbooten oder U-Booten der Klasse 206A ist der Smut als Sanitäter ausgebildet, im Einsatzfall erfolgt allerdings die Einschiffung von höher qualifiziertem Rettungspersonal. Dem Schiffsarzt oder dem Schifffahrtmedizinischen Assistenten stehen Schiffsarztgehilfen (früher: Sanitätsmaate) und Sanitätsgasten bei der Erfüllung seiner Aufgaben zur Seite.
Geschichte Schon in der Antike waren Schiffsärzte bekannt. Beispielsweise war es in der römischen Marine Vorschrift, für 200 Mann Besatzung einen Schiffsarzt als Duplicarius (Legionär mit doppeltem Sold) an Bord zu führen. Dessen Aufgabe lag vor allem darin, die Ruderer auf ihre körperliche Eignung zu untersuchen und in der Seeschlacht Pfeile aus den verwundeten Soldaten zu ziehen.