mini|„Reine“ norwegische Flagge, Trikolor
Als Flaggenstreit zwischen Norwegen und Schweden bezeichnet man die Auseinandersetzung während der norwegisch-schwedischen Union im 19. Jahrhundert über eine eigene norwegische Flagge. Der Flaggenstreit erreichte seinen Höhepunkt 1895 und war neben dem Kampf um eine eigene konsularische Vertretung im Ausland der Kristallisationspunkt norwegischer Politik nach der Trennung von Dänemark im Kieler Frieden vom 14. Januar 1814 bis zur Auflösung der schwedisch-norwegischen Union 1905 durch den Vertrag von Karlstad.
Vorgeschichte mini| Norwegische Flagge nach der Verordnung v. 27. Februar 1814.
Bis zum Kieler Frieden vom 14. Januar 1814 war Norwegen eine dänische Provinz und führte die dänische Flagge (Dannebrog), die ab 1748 vorgeschrieben war. Unmittelbar nach dem Kieler Frieden, der Norwegen von Dänemark löste und Schweden übertrug, versuchte sich Norwegen unter Protest gegen diese Bestimmung selbständig zu machen. Der dänische Kronprinz Christian Frederik wurde vom Storting zum König gewählt. Mit Edikt vom 27. Februar 1814 führte er eine eigene norwegische Flagge für Kriegs- und Handelsschiffe ein: Sie sollte rot mit weißem Kreuz sein, das die Flagge in vier Abschnitte aufteile, mit dem Wappen des Reiches, dem Löwen mit Hellebarde in gelber Farbe im oberen Liek. Es wird vermutet, die Beibehaltung des Dannebrog sei darauf zurückzuführen, dass auf Grund der vorangegangenen Blockade für eine grundsätzlich andere Fahne kein ausreichender Stoff im Lande gewesen sei. Laut anderer Interpretation hoffte der Prinz auf eine Wiedervereinigung mit Dänemark. Auffallend ist, dass der Löwe der Flaggenstange den Rücken zeigt, so dass man von einem „gewendeten Löwen“ oder einem „flüchtenden Löwen“ sprach. Ein besonderer Grund dafür lässt sich nicht ausmachen. Doch bald regten sich Bedenken, da aus größerer Entfernung die norwegische Flagge von der dänischen nicht zu unterscheiden sei.
Hinzu kam, dass im Frieden von Kiel festgelegt worden war, dass Dänemark die gemeinsame Flotte, soweit sie in Norwegen stationiert war, zurückbekommen sollte. Doch die Besatzungen der Schiffe waren mehrheitlich Norweger, denen Christian Frederik verbot, nach Dänemark zu segeln. Zudem saß die Flotte in vereisten Fjorden fest. Christian Frederik verlangte auch von den norwegischen Seeleuten den Treue-Eid. Der dänische Admiral Otto Lütken verweigerte den Eid, versprach aber, den Weisungen Christian Frederiks zu folgen. Die Flotte bestand aus sieben seetüchtigen Kriegsschiffen (Briggs) und einer Anzahl kleinerer Küstenfahrzeuge. Lütken hatte zunächst den Gebrauch der neuen norwegischen Flagge auf seinen Schiffen untersagt, bis der dänische König Friedrich VI. dies gestatte. Als Christian Frederik von Vorbereitungen erfuhr, die Flotte nach Dänemark zu verbringen, gab er bekannt, dass er zwar das Eigentum Dänemarks an den Schiffen anerkenne, er aber die Überführung nach Dänemark nicht gestatte, so lange die Schiffe noch für die Verteidigung Norwegens benötigt würden. Die Flotte wurde gewaltsam übernommen und Lütken in Oslo arrestiert. Die neue norwegische Flagge wurde gehisst. Nachdem Christian Frederik König geworden war, wählte er Grün als Farbe seines Hofes. Am 8. Juni verfügte Christian Frederik, dass die norwegischen Nationalfarben Grau und Grün sein sollten.
Am 14. August 1814 endete der am 14. Juli begonnene norwegisch-schwedische Krieg um die Selbständigkeit Norwegens mit der Konvention von Moss. Darin versprach Prinz Karl Johan im Namen des Königs, die Verfassung von Eidsvoll zu respektieren mit den Änderungen, die sich notwendig aus der Union mit Schweden ergaben. Am 10. Oktober dankte Christian Frederik ab. Am 4. November 1814 wurde eine Neufassung der Verfassung verabschiedet, die am 10. November veröffentlicht wurde. Dort heißt es in § 111
mini| Unionsflagge (Kriegsflagge), 1815 bis 1844
1815 wurde eine gemeinsame Kriegsflagge festgelegt. Es handelte sich um die schwedische Flagge, ausgeführt als Doppelstander. In der oberen Liek befand sich ein weißes Andreaskreuz auf rotem Grund. Die rot-weiße dänische Flagge mit dem gelben norwegischen Löwen im oberen Liek blieb bis 1818 erhalten, allerdings nur zum Gebrauch an Land und in den Gewässern nördlich vom spanischen Kap Finisterre. Südlich davon benötigte man den so genannten „Türkischen Seepass“, der gegen ein Schutzgeld zu erwerben war und vor den nordafrikanischen Seeräubern schützte. Der König hatte eine eigene norwegische Flagge davon abhängig gemacht, dass Norwegen einen eigenen Schutzgeldvertrag schließe. Der Tribut an die Seeräuber-Staaten wurde auf 100 bis 150.000 Speciestaler angesetzt. Hinzu kamen Bestechungsgeschenke an jeden der Regierungen, jährlich eine Schiffsladung voll. Ein Schiff unter neuer norwegischer Flagge war 1814 ins Mittelmeer gesegelt und dort von algerischen Seeräubern aufgebracht worden. Der schwedische Konsul bekam das Schiff im Verhandlungswege zwar frei, aber der Sultan gab klar zu erkennen, dass er dies nicht ein zweites Mal zulassen werde. Dies verwendete Schweden später als Argument gegen eine eigene norwegische Flagge. Norwegen war nicht in der Lage, den für den Pass erforderlichen Tribut aufzubringen.
Auf Ersuchen des Stortings vom 16. November 1814 verordnete der König am 7. März 1815, dass die norwegischen Schiffe auf der Mittelmeerfahrt die schwedische Handelsflagge mit einem oder ohne ein Unionsfeld im oberen Liek verwenden dürfen, da Schweden den Seeräuberstaaten im Mittelmeer Schutzgelder für diese Schiffe zahlte. Dafür zahlte Norwegen 50.000 Reichsthaler Schwedisch Banco als Beitrag an die schwedische Konvoi-Kasse. Schweden stellte den norwegischen Schiffen darüber hinaus je einen „Türkischen Seepass“ zur Verfügung, der gesondert von dem Reeder zu bezahlen war. Bis Kap Finisterre konnte wahlweise die dänische Flagge mit dem norwegischen Löwen oder die Unionsflagge geführt werden. Die norwegische Regierung bat den König, Verhandlungen über die Höhe der Tributzahlung aufzunehmen. Da Voraussetzung für solche Verhandlung nach Auskunft des Königs vom 21. Dezember 1818 Geschenke an die nordafrikanischen Regierungen in Höhe von etwa 100.000 Speziestaler waren, wurde dieser Plan fallen gelassen.
mini| Unionsflagge (Handelsflagge), 1818 bis 1844
Am 26. Oktober 1818 wurde für beide Staaten eine gemeinsame gleich aussehende, allerdings rechteckige Handelsflagge eingeführt, die auch im Mittelmeer verwendet werden konnte. An der norwegischen Küste und nördlich von Kap Finisterre wurde die bisherige Flagge verwendet, aber zur besseren Unterscheidbarkeit von der dänischen Flagge war der Löwe in der Gösch nunmehr mit einem weißen Feld umgeben.
1821 kam es im Storting zu einer neuen Initiative für eine norwegische Handelsflagge. Es wurde ein Kampf zwischen Rot und Blau: Rot als Grundfarbe befürworteten die Abgeordneten, die die dänische Tradition hochhielten, Blau wollten die Freunde der Union mit Schweden. Viele Soldaten behielten auch ihre rote Uniform, obgleich die Schweden einen Wechsel zu Blau forderten. Der Stortingsabgeordnete Fredrik Meltzer aus Bergen entwarf eine neue Flagge, in der er in die frühere dänische Flagge das Blau der schwedischen Flagge als weiteres inneres Kreuz einsetzte und so die „reine“ Norwegische Flagge schuf. Der König behandelte das vom Storting entsprechend verabschiedete Gesetz in seiner Resolution vom 13. Juli 1821 gar nicht, weil die Bestimmung der Flagge ein königliches Vorrecht sei, akzeptierte sie dann aber, indem er das Gesetz in einen Vorschlag umdeutete, für die Schifffahrt in der Nähe. Am 17. Juli präzisierte er, dass sie nicht südlich von Kap Finisterre geführt werden dürfe. Hier blieb es bei der Unionsflagge von 1818. Norwegen durfte auch die schwedische Handelsflagge verwenden. Aber es dauerte lange, bis sich die neue Flagge an Norwegens Küste durchgesetzt hatte. In Masfjorden wurde die dänische Flagge noch bis 1881 verwendet.
Der Flaggenstreit Die erste Phase mini|Vorschlag Hielms
Am 7. Juli 1836 brachte Jonas Anton Hielm einen Antrag im Storting ein, dass die norwegische Flagge und die schwedische Flagge in allen Punkten gleichgestellt werden sollten und die norwegische Flagge auch im Mittelmeer geführt werden dürfe, sobald ein „Türkischer Seepass“ nicht mehr erforderlich sei. Der Antrag wurde im Storting nicht behandelt, da der König das Storting am 8. Juli 1836 auflöste. Die Flaggenfrage wurde zum Brennpunkt norwegischen Nationalgefühls in Norwegen. Die schwedischen Konservativen wandten sich dagegen, da sie zum einen auf ihrer Vorherrschaft in der Union bestanden, zum anderen in diesem Vorhaben den ersten Schritt zur Unionsauflösung witterten.
Mit königlicher Resolution vom 11. April 1838 wurde die „reine“ Flagge nach neuerlicher Verabschiedung des Gesetzes durch das Storting unbegrenzt freigegeben, allerdings für die Mittelmeerfahrt auf eigenes Risiko. (PDF; 509 kB) S. 8. Die Kriegsflagge blieb unverändert. In Norwegen stieß man sich aber an der schwedischen Kriegsflagge, weil diese die Vorherrschaft Schwedens in der Union zum Ausdruck brachte.
Die zweite Phase mini| Die von König Oskar I. eingeführte Handelsflagge, 1844 bis 1899 mini|16:27 Die Kriegsflagge ab König Oskar I., 1844 bis 1905 mini|4:5 Gösch, 1844 bis 1905. Sie diente auch als Unionsflagge bei BotschaftenFlags of the World - Union mark and jack
A, 3. Dezember 1844 führte Oskar I. anlässlich seiner Krönung als „Morgengabe“ an das norwegische Volk eine gemeinsam gestaltete Unionsflagge ein: Die norwegische und die schwedische Flagge erhielten ein neugestaltetes Unionsfeld, in dem die Farben beider Länder vertreten waren.Flags of the World - National War Ensign, Union Rank Flags – 1844 Sie wurde auch als Kriegsflagge geführt, so dass nun beide Länder getrennte Handels- und Kriegsflaggen mit gleichem Unionsfeld besaßen. Das war der Kompromiss, der im ersten Unionsausschuss gefunden worden war. Diese Lösung wurde als Sieg gefeiert und Jonas Anton Hielm zugeschrieben, der im Storting auf diese Lösung beharrlich hingearbeitet hatte. Der Dichter Henrik Wergeland feierte ihn deshalb in einem eigenen Gedicht. Die königliche Resolution nahm keine Rücksicht auf den Flaggenparagrafen 111 in der Novemberverfassung, in dem Norwegen das Recht zu eigener Flaggenbestimmung für Handelsschiffe zugestanden war. Aber die königsfreundliche Stimmung in Norwegen verhinderte einen offiziellen Widerstand gegen diese Bestimmung, zumal das Unionsfeld zum Zeichen der Gleichstellung der Länder auch in die schwedische Handelsflagge eingeführt wurde. Man opferte die reine Trikolor, um dafür eine eigene Kriegsflagge zu erhalten.
Mit dieser Lösung waren aber weder die Norweger noch die Schweden auf Dauer zufrieden. In Norwegen kritisierte Morgenbladet die Übereinkunft, und im schwedischen Ritterhaus wurde sie als „Sildesalaten“ (Heringssalat) bezeichnet. Die Bezeichnung wurde in den Volksmund übernommen. Der Streit ebbte nach 1844 schließlich ab und war bald fast vollständig vergessen. Privatleute auf beiden Seiten hissten auch unbeanstandet ihre Landesflagge ohne Unionsfeld. Der König wollte keinem der beiden Völker eine unerwünschte Flagge aufzwingen. Dies geht aus der Formulierung „skibene bør bruke det nye handelsflagg med unionsmerket“ (Die Schiffe sollen [nicht müssen] die neue Handelsflagge mit dem Unionsfeld führen). Man durfte also die Flagge von 1821 weiter verwenden, doch allmählich verwendeten immer mehr Schiffe die neue Flagge.
Folge dieser Entwicklung war, dass Unsicherheit bestand, welche Flagge bei welcher Gelegenheit auf öffentlichen Gebäuden zu hissen war.
Die Dritte Phase Die Zeit 1878 bis 1880 1879 begann der Flaggenstreit mit einem Gesetz des Stortings, die reine dreifarbige Flagge ohne Unionsfeld verbindlich festzuschreiben, erneut. Der König verweigerte die Zustimmung.