miniatur|hochkant=1.2|Hauptverbreitungsgebiet der Sprachen Spaniens: Bis heute werden mehrere einheimische Sprachen in Spanien gesprochen, da die Bevölkerung Spaniens keine kulturelle und sprachliche Einheit bildet. Die kastilische Sprache, im Ausland gemeinhin als spanische Sprache und Spanisch bezeichnet, ist Amtssprache im gesamten Staatsgebiet. Daneben gibt es weitere Amtssprachen, deren Geltungsbereich regional beschränkt ist.
Amtssprachen Art. 3 der spanischen Verfassung lautet:
(1) Das Kastilische ist die offizielle spanische Sprache des Staates. Alle Spanier haben die Pflicht, sie zu lernen und das Recht sie zu benutzen.
(2) Die anderen spanischen Sprachen sind in den jeweiligen Autonomen Gemeinschaften ebenfalls Amtssprachen, soweit deren Autonomiestatute dies bestimmen.
(3) Der Reichtum Spaniens an sprachlicher Vielfalt stellt ein Kulturgut dar, das Gegenstand besonderer Achtung und besonderen Schutzes ist.
In einem GrundsatzurteilUrteil des Verfassungsgerichts v. 26. Juni 1986, STC 82/1986: PDF (Spanisch) hat das spanische Verfassungsgericht hierzu entschieden: Nach Absatz 1 kann sich jeder Bürger im Verkehr mit jeder öffentlichen Institution (unabhängig davon, ob sie in Trägerschaft des Staates, einer Autonomen Gemeinschaft, einer Provinz oder einer Kommune steht) des Kastilischen bedienen und hat Anspruch darauf, dass ihm in dieser Sprache geantwortet wird. Umgekehrt folgt nach Absatz 2 aus der Statuierung einer zusätzlichen regionalen Amtssprache, dass dies dann nicht nur für die Behörden der Autonomen Gemeinschaft selbst, sondern auch für die staatlichen Behörden in dieser Region gilt. Mit anderen Worten: So wie es regionalen Behörden verwehrt ist, das Kastilische nicht zu akzeptieren, ist es den staatlichen Institutionen in den Regionen (wie Gerichten, der Policía Nacional oder der Guardia Civil) verboten, die jeweilige regionale Amtssprache nicht zu akzeptieren.
Folgende Autonomiestatute sehen solche weitere Amtssprachen (lenguas co-oficiales) neben dem Kastilischen vor:
Katalonien: Katalanisch und Aranesisch (Art. 6 des Autonomiestatuts). Aranesisch ist nach dem neuen Autonomiestatut von 2006 in dem gesamten Gebiet der Autonomen Gemeinschaft Amtssprache, ist aber faktisch nur im Val d’Aran von Bedeutung. Balearen: Katalanisch (Art. 4 des Autonomiestatuts) Valencia: „Valencianisch“, eine Varietät des Katalanischen (Art. 6 des Autonomiestatuts) Baskenland: Baskisch (Art. 6 des Autonomiestatuts) Navarra: Baskisch (nur in den baskischsprachigen Gebieten, Art. 9 des Autonomiestatuts) Galicien: Galicisch (Art. 5 des Autonomiestatuts)
Weitere Sprachen Art. 4 des Autonomiestatuts von Asturien bestimmt, dass die dort gesprochenen Varietäten des Asturleonesischen (el bable) von der Autonomen Gemeinschaft zu schützen und zu fördern sind, aber ohne sie in den Rang einer Amtssprache zu erheben.
Ähnliches bestimmt Art. 7 des Autonomiestatuts für Aragonien für die nicht näher bezeichneten „Sprachen und sprachlichen Eigenarten Aragoniens“ (gemeint sind das in einem östlichen Streifen der Region gesprochene Katalanisch und das Aragonesisch).
Zu den weiteren Sprachen wird auf die obige Karte verwiesen.
Sprachpolitik
Definition
Der Begriff Sprachpolitik bezeichnet aus sprachwissenschaftlicher Sicht alle absichtlichen politischen Aktivitäten und Verhaltensweisen, die Sprache betreffen und so zum Beispiel die Unterschiede zwischen Sprachen hervorheben oder verschleiern und damit den Sprachgebrauch beeinflussen oder manipulieren.Gregorio Salvador: Política lingüística y sentido común. 1992, S. 69ff. Träger und Akteure von Sprachpolitik können Regierungen, Sprachakademien, Intellektuelle, die Familie, die Schule und auch die Massenmedien sein.Klaus Bochmann, Jenny Brumme und Louis Guerspin (Hrsg.): Sprachpolitik in der Romania. Zur Geschichte sprachpolitischen Denkens und Handelns von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart. Eine Gemeinschaftsarbeit der Leipziger Forschungsgruppe "Soziolinguistik". 1993, S. 16–23.
Sprachpolitik kann sich auf der historischen Ebene abspielen, indem eine Sprache aufgrund ihrer historischen Andersartigkeit vor anderen Varietäten hervorgehoben und gefördert wird. Eine Sprache kann außerdem als gemeinsame Sprache aus anderen möglichen Varietäten gewählt werden, oder sie kann als exemplarische Norm zur standardisierten und normierten Sprache (im Gegensatz zu den anderen Varietäten) werden.Gregorio Salvador: Política lingüística y sentido común. 1992, S. 73–77.
Auf der einen Seite kann Sprachpolitik vereinen, wenn sie anderen gegenüber offen ist, sie als Mitglieder der gleichen Gemeinschaft anerkennt und einbezieht. So kann über Sprache das Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft hergestellt und die Sprache zum Symbol einer kollektiven Identität werden. Auf der anderen Seite können Sprecher anderer Sprachen aus einer Gemeinschaft ausgegrenzt werden, wenn sich diese auf nur eine Sprache beschränkt.Gregorio Salvador: Política lingüística y sentido común. 1992, S. 71f.
Geschichte der Sprachpolitik in Spanien Vom Lateinischen zum Spanischen
Zu einer Veränderung der Sprachenlandschaft auf der Iberischen Halbinsel kam es durch deren römische Eroberung (218–19 v. Chr.), durch die die lateinische Sprache und Kultur dort verbreitet wurden (siehe Latinisierung und Romanisierung). Dabei wurde jedoch keine gewaltsame Sprachpolitik betrieben. Vielmehr wurde die lateinische Sprache von den Einheimischen aufgrund ihres Prestiges als Sprache einer höher entwickelten Kultur erlernt. Wahrscheinlich war anfangs nur ein kleiner Teil der Bevölkerung der Iberischen Halbinsel der lateinischen Schriftsprache, des klassischen Lateins, mächtig, da dessen gute Kenntnis eine sozial privilegierte Stellung des Sprechers voraussetzte. Die gesprochene Sprache, die sich von der Schriftsprache unterschied, wird als Vulgärlatein bezeichnet. Daraus entstanden die romanischen Sprachen.Helmut Berschin, Julio Fernández-Sevilla und Joseph Felixberger (Hrsg.): Die spanische Sprache. Verbreitung. Geschichte. Struktur. 1987, S. 75ff. Eine davon, die auf der Iberischen Halbinsel heute dominiert, ist das Kastilische.
Die Bezeichnungen „Kastilisch“ (spanisch castellano) und „Spanisch“ (spanisch español) wurden seit dem 16. Jahrhundert weitgehend synonym für eine der in Spanien gesprochenen Sprachen verwendet. Die Bezeichnung „Kastilisch“ wird verwendet, um diese vom Lateinischen und anderen zeitgenössischen Varietäten abzugrenzen. Heute verwendet man die Bezeichnung „Kastilisch“ anstatt „Spanisch“ außerdem, um zu zeigen, dass Spanisch nicht nur in Spanien gesprochen wird und auch nicht die einzige in Spanien gesprochene Sprache ist.Ralph Penny: A history of the Spanish language. 1991, S. 25.
Einen großen Einfluss bei der Verbreitung des Kastilischen in Spanien hatte unter anderem Ferdinand III., der Heilige (1217–1252), der Kastilisch zur Kanzleisprache erhob und damit vorschrieb, dass Gesetzestexte auf Kastilisch verfasst werden sollten. Auch König Alfons der Weise (1221–1284) förderte das Kastilische durch eine rege wissenschaftliche und literarische Tätigkeit an seinem Hof in der damaligen Hauptstadt Toledo, wodurch es erhebliches Prestige gewann.Helmut Berschin, Julio Fernández-Sevilla und Joseph Felixberger (Hrsg.): Die spanische Sprache. Verbreitung. Geschichte. Struktur. 1987, S. 91. Dazu gehörte beispielsweise die Fortsetzung einer im 12. Jahrhundert begonnenen Übersetzerschule, in der Juden, Christen und Muslime zusammenarbeiteten. Es wurden ursprünglich Übersetzungen aus dem Arabischen über das Kastilische ins Lateinische angefertigt. Die Arbeiten wurden dann zunehmend nur noch auf Kastilisch veröffentlicht, da das Kastilische den Vorteil bot, religiös neutral zu sein, im Gegensatz zum Lateinischen, dem Hebräischen oder dem Arabischen, die zugleich als heilige Sprachen oder Sprachen der Bibel galten.Rafael Lapesa: Historia de la lengua española. 2008, S. 208.
Alfons der Weise machte Kastilisch auch zur Sprache der Geschichtsschreibung und der Verwaltung. Die ausgestellten Dokumente wurden dabei in einem einheitlichen Kastilisch verfasst, welches durch Rechtschreibregeln, die sich wahrscheinlich an der Sprache der Elite Toledos orientierten, festgelegt wurde.Ralph Penny: A history of the Spanish language. 1991, S. 16. Die Dokumente wurden so zum Modell für eine korrekte Rechtschreibung und trugen damit zu einer frühen Standardisierung der spanischen Schriftsprache bei.Helmut Berschin, Julio Fernández-Sevilla und Joseph Felixberger (Hrsg.): Die spanische Sprache. Verbreitung. Geschichte. Struktur. 1987, S. 90.Rafael Lapesa: Historia de la lengua española. 2008, S. 212.Ralph Penny: A history of the Spanish language. 1991, S. 15f.
Die erste vollständige Grammatik in einer romanischen Sprache wurde 1492 von Antonio de Nebrija unter dem Titel Gramática de la lengua castellana veröffentlicht. In seinem Vorwort betont Nebrija einen Zusammenhang zwischen Sprache und Macht, da immer die Sprache der Mächtigen gesprochen werde. In seiner Grammatik legt er Normen fest, um die Möglichkeit zu schaffen, Spanisch auch in den Kolonien zu verbreiten.Rafael Lapesa: Historia de la lengua española. 2008, S. 250ff.
So setzte sich das Kastilische allmählich gegen das mittelalterliche Latein als Kanzleisprache und Sprache der Wissenschaft durch und verdrängte es bis ins 15. Jahrhundert aus seinen traditionellen Anwendungsbereichen (Universität, Schule, Verwaltung). Kastilisch löste Latein als überregionale Schriftsprache ab. Das wird daraus ersichtlich, dass schon kurz nach der Einführung des Buchdruckes Ende des 15. Jahrhunderts in Spanien erheblich mehr auf Kastilisch als auf Latein gedruckt wurde.Helmut Berschin, Julio Fernández-Sevilla und Joseph Felixberger (Hrsg.): Die spanische Sprache. Verbreitung. Geschichte. Struktur. 1987, S. 107.Rafael Lapesa: Historia de la lengua española. 2008, S. 257. Im 16. Jahrhundert gab es kaum noch Publikationen auf Latein; die Volkssprache Kastilisch besaß den Vorteil, auch von allen, die Latein nicht beherrschten, verstanden zu werden.Helmut Berschin, Julio Fernández-Sevilla und Joseph Felixberger (Hrsg.): Die spanische Sprache. Verbreitung. Geschichte. Struktur. 1987, S. 107. Kastilisch wurde am Hof und zur Kommunikation mit anderen Regionen und dem Ausland eingesetzt.Rafael Lapesa: Historia de la lengua española. 2008, S. 257.
Reconquista Die heutige Verbreitung der Sprachen in Spanien geht vor allem auf die Reconquista, die Rückeroberung der Iberischen Halbinsel durch christliche Herrscher bis 1492, zurück. Diese vollzog sich in mehreren Phasen: Vom 8. bis zum 10. Jahrhundert wurde von Asturien, Kantabrien, der Heimat des Kastilischen, und aus dem Gebiet der Pyrenäen in Nordspanien erfolgreicher Widerstand gegen die maurische Besatzung geleistet. Die Rückeroberung maurischer Gebiete erfolgte vom Norden in den Süden. Im 11. und 12. Jahrhundert zerfiel der maurische Herrschaftsbereich in mehrere kleinere Königreiche. Somit konnten die christlichen Reiche, insbesondere Kastilien und León, weiter nach Süden vordringen und 1085 die ehemalige Westgoten-Hauptstadt Toledo erobern. Im weiteren Verlauf bis zum Ende der Reconquista (Fall von Granada) verleibte sich Kastilien die Extremadura, Murcia und schließlich auch Andalusien, das letzte Herrschaftsgebiet der Muslime, ein. Durch dieses Vordringen vom Nord nach Süd verdoppelte sich das kastilische Sprachgebiet nahezu.Helmut Berschin, Julio Fernández-Sevilla und Joseph Felixberger (Hrsg.): Die spanische Sprache. Verbreitung. Geschichte. Struktur. 1987, S. 55f.