Eurasismus oder Eurasiertum (auch Eurasianismus, ) ist eine in den 1920er Jahren von russischen Emigranten formulierte geopolitische Ideologie. Dem Eurasismus zufolge steht ein von Russland dominierter, zwischen Europa und Asien befindlicher „Kontinent Eurasien“ in einem fundamentalen Gegensatz zur „romano-germanisch“ geprägten westlichen Welt.

Entwicklung des Eurasismus Geschichte in der Zwischenkriegszeit mini|hochkant|Nikolaj Sergejewitsch Trubezkoj (ca. 1920)

1921 erschien in einem russischen Emigrantenverlag in der bulgarischen Hauptstadt Sofia ein Sammelband unter dem Titel „Exodus nach Osten“ (Ischod k Wostoku). Er enthielt Aufsätze des Theologen Georgi Florowski (1893–1979), des Geographen, Ökonomen und Philosophen Pjotr Sawizki (1895–1968), des Musikologen Pjotr Suwtschinski (1892–1985) sowie des Philosophen und Linguisten Nikolai Trubetzkoy (1890–1938). Die Autoren entwickelten darin ein Konzept, dem sie die Bezeichnung „Eurasismus“ (Jewrasijstwo) gaben.Gleb Struve: Russkaja literatura v izgnanii. Opyt istoričeskogo obzora zarubežnej literatury. Izdatel’stvo im. Čechova / Chekhov Publishing House, New York 1956, S. 40ff.

Zu den Theoretikern der Gruppe gehörte auch der Historiker Georgi Wernadski (1887–1973). Das Zentrum der Bewegung verlagerte sich nach Prag, als Florowski und Sawizki Lehraufträge an der dortigen Universität erhielten. In Berlin, damals Zentrum des Verlagswesens der russischen Emigration, wurde der Eurasische Verlag gegründet.Stefan Wiederkehr: Die eurasische Bewegung. Wissenschaft und Politik in der russischen Emigration der Zwischenkriegszeit und im postsowjetischen Russland. Wien 2007, S. 47. Zu der Bewegung bekannte sich auch der Literaturwissenschaftler Dmitri Swjatopolk-Mirski (1890–1939). Als Literaten, in deren Werken sich die Ideen des Eurasismus widerspiegelten, bezeichnete Sawizki die in Sowjetrussland lebenden Schriftsteller Konstantin Fedin (1892–1977), Leonid Leonow (1899–1994) und Alexander Jakowlew (1886–1953), nicht jedoch Boris Pilnjak (1894–1938), in dessen Werk nach Gleb Struve durchaus eurasische Ideen zum Ausdruck kommen.Gleb Struve: Russkaja literatura v izgnanii. Opyt istoričeskogo obzora zarubežnej literatury. Izdatel’stvo im. Čechova / Chekhov Publishing House, New York 1956, S. 43.

Anhänger der Bewegung planten, eine Partei im Untergrund zu bilden, diese sollte mit dem Ziel, die Bolschewiki zu stürzen, staatliche Strukturen in der Sowjetunion unterwandern. Doch wurde sie selbst von dem sowjetischen Geheimdienst GPU infiltriert.Stefan Wiederkehr: Die eurasische Bewegung. Wissenschaft und Politik in der russischen Emigration der Zwischenkriegszeit und im postsowjetischen Russland. Wien 2007, S. 46, 51–52. 1926 sagte sich Florowski von der Bewegung los.Gleb Struve: Russkaja literatura v izgnanii. Opyt istoričeskogo obzora zarubežnej literatury. Izdatel’stvo im. Čechova / Chekhov Publishing House, New York 1956, S. 46f. 1929 spaltete sie sich in einen antisowjetischen und prosowjetischen Flügel. Zentrum der „linken Eurasier“ wurde Paris, zu ihnen stieß der Schriftsteller Sergei Efron (1893–1941), der Ehemann der Dichterin Marina Zwetajewa (1892–1941).Gleb Struve: Russkaja literatura v izgnanii. Opyt istoričeskogo obzora zarubežnej literatury. Izdatel’stvo im. Čechova / Chekhov Publishing House, New York 1956, S. 45. Mehrere Vertreter des linken Flügels siedelten in den 1930er Jahren in die Sowjetunion über. Während der Stalinschen Säuberungen wurde ihnen wegen ihrer angeblichen Mitgliedschaft in einer „weißgardistischen Organisation“ der Prozess gemacht. Swjatopolk-Mirski kam im Gulag um, Efron wurde erschossen.Stefan Wiederkehr: Die eurasische Bewegung. Wissenschaft und Politik in der russischen Emigration der Zwischenkriegszeit und im postsowjetischen Russland. Wien 2007, S. 187.

Ideologie Die Weltsicht der Eurasier fußte auf der Behauptung, dass es zwischen Europa und Asien einen dritten Kontinent „Eurasien“ (der sich weitgehend mit dem ehemaligen Gebiet des Russischen Zarenreichs deckte) sowie einen unüberwindlichen Gegensatz zwischen der eurasischen Kultur des russischen Reiches einerseits und der „romano-germanischen“ Zivilisation Westeuropas andererseits gebe.Andreas Umland: . In: e-politik.de, 10. März 2009.Stefan Wiederkehr: »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins. In: Markus Kaiser (Hrsg.): Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Transcript, Bielefeld 2004, S. 127.

Das Herzstück der Theorie stellt der „Raum“ dar. Hier lautet die Annahme, dass sich die Eigenart jeder Kultur auf die Spezifik des jeweiligen Territoriums bemesse. Auf Russland angewandt bedeute dies, dass Russland eine eurasische Kultur sei, die im Gegensatz zur europäischen Küstenkultur stehe und von der Beeinflussung durch die asiatische Seite lebe. Die westeuropäische Kultur wird keineswegs abgelehnt, jedoch als für Russland ungeeignet bezeichnet; auch sei sie im Verfall begriffen. Der Bolschewismus wird als „abscheulich“ zurückgewiesen; die Exzesse im russischen Bürgerkrieg hätten seine „geistige Armut“ (duchownoje uboschestwo) gezeigt, aber auch die „rettende Kraft der Religion“ hervortreten lassen.Gleb Struve: Russkaja literatura v izgnanii. Opyt istoričeskogo obzora zarubežnej literatury. Izdatel’stvo im. Čechova / Chekhov Publishing House, New York 1956, S. 42.

Ziel der Eurasier sei die Vereinigung der großen christlichen Kirchen unter Führung der russisch-orthodoxen Kirche; der Katholizismus habe die Urgedanken des Christentums verfälscht. Auch die Juden seien einzubeziehen, die „orthodoxe jüdische Kirche“ bleibe aber in ihrem Kult eigenständig. Ein Zar solle „in christlicher Liebe“ diesen zu schaffenden „Staat der Weisheit“ regieren, in dem alle Nationalitäten gleichberechtigt seien. Auch die Ukraine habe ihren Platz in diesem eurasischen Reich zu finden; der Anspruch ukrainischer Nationalisten, zu Europa zu gehören, sei historisch unbegründet. Wichtigster Nachbar Eurasiens sei China. Die geeignete Wirtschaftsform sei eine weiterentwickelte Planwirtschaft.Otto Böss: Die Lehre der Eurasier. Ein Beitrag zur russischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Harrassowitz, Wiesbaden 1961, S. 72, 85–87, 98–104.

Der nach Deutschland emigrierte russische Philosoph Fedor Stepun wies auf Parallelen zwischen dem Eurasismus und dem italienischen Faschismus hin.Leonid Luks: Gegen die westliche Gefahr. FAZ, 26. Mai 2015, S. 7.

In der Sowjetunion entwickelte der Geograph und Turkologe Lew Gumiljow ab den 1950er-Jahren die eurasistische Ideologie im Untergrund weiter. Entgegen der eurozentristischen Lehrmeinung vom tatarisch-mongolischen Joch während der Mongolenherrschaft von 1240 bis 1480 vertrat Gumiljow ebenso die Sicht einer kulturell fruchtbaren Symbiose der mongolischen Nomaden mit den ostslawischen Waldbauern. Durch die Aufnahme biologistischer Elemente entfernte sich Gumiljow aber von den klassischen Eurasiern. Seine Idee von einer Wiederherstellung eines Bündnisses zwischen Slawen und Steppenvölkern fand erst nach der Perestroika und der Auflösung der UdSSR VerbreitungJean-Marie Chauvier: Die Wiederentdeckung Eurasiens. In: Le Monde diplomatique, 13. Juni 2014. und ging einher mit konsequenter Antiwestlichkeit. Er glaubte – wie später Putin –, dass Russlands „Sonderweg“ unweigerlich zum Sieg über den „zerfallenden“ Westen führen werde.Кажется, Путин и правда думает, что может победить Запад. Почему? Возможно, потому что верит в теории Льва Гумилева., Meduza, 14. November 2022

Neo-Eurasismus mini|Flagge der „Eurasischen Partei“, die von Dugin gegründet wurde, mit dem Chaossymbol, das aus den Elric-Romanen von Michael Moorcock stammt.

Der russische politische Philosoph und Publizist Alexander Dugin vertritt seit den frühen 1990er-Jahren einen Neo-Eurasismus. Der klassische Eurasismus ist allerdings nur eine der Quellen von Dugins eklektischer Ideologie, er verbindet das eher kulturalistische Konzept Trubezkois und Sawizkis (die er in seinen Werken nur beiläufig erwähnt und zum Teil sogar falsch benennt) maßgeblich mit Elementen der Geopolitik neuerer, westlicher Prägung. So beruft er sich etwa auf Vertreter der westeuropäischen Neuen Rechten wie Jean-François Thiriart und Alain de Benoist, die Traditionalisten René Guénon und Julius Evola, Vertreter der Konservativen Revolution wie Carl Schmitt und Geopolitiker wie Karl Haushofer.Andreas Umland: Alexander Dugin, the Issue of Post-Soviet Fascism, and Russian Political Discourse Today. In: Russian Analystical Digest. 14, Nr. 7, 2007, S. 2–5.Mark J. Sedgwick: Neo-Eurasianism in Russia. In: Against the Modern World. Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century. Oxford University Press, New York 2004, ISBN 0-19-515297-2, S. 221–240.

Im Gegensatz zur zentralen These des klassischen Eurasismus, dass es einen dritten Kontinent „Eurasien“ zwischen Europa und Asien gebe, versteht Dugin „Eurasien“ als Europa und Asien. In Anlehnung an Thiriarts Idee von einer Pax Eurasiatica plädiert Dugin für ein eurasisches Imperium von Dublin bis Wladiwostok unter der Führung Russlands, weil, so Dugin, „die wahren, geopolitisch gerechtfertigten Grenzen Russlands bei Cadiz und Dublin liegen und Europa dazu bestimmt ist […] der Sowjetunion beizutreten“.Zitiert in: Stefan Wiederkehr: »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins. In: Markus Kaiser (Hrsg.): Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Transcript, Bielefeld 2004, ISBN 3-89942-131-0, S. 128 f. Klassische Eurasier und Neo-Eurasier wie Dugin haben die bipolare Weltsicht gemeinsam, dass „Eurasien“ einem Hauptfeind gegenüberstünde. Der Unterschied ist, dass klassische Eurasier das „romanogermanische Europa“ als Gegner ansahen, wohingegen Neo-Eurasier sich einen Kampf vorstellen zwischen hierarchisch organisierten „eurasischen“ Landmächten unter der Führung Russlands und liberalen „atlantischen“ Seemächten unter der Führung der Vereinigten Staaten.Stefan Wiederkehr: »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins. In: Markus Kaiser (Hrsg.): Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Transcript, Bielefeld 2004, ISBN 3-89942-131-0, S. 125–138. Europa wird laut Dugin von den Amerikanern okkupiert und Russland müsse die Rolle des Befreiers annehmen. Der Erfolg „Eurasiens“ hänge von der Wiedergeburt des imperienbildenden russischen Volkes ab. In Dugins apokalyptischer Weltsicht steuert diese jahrhundertealte Gegnerschaft zwischen Land- und Seemächten auf einen „Endkampf“ zu. Andreas Umland betrachtet Dugins Bekenntnis zu Eurasien jedoch primär als Taktik, um das „Einschleusen antiliberaler nichtrussischer Ideen wie Integraler Traditionalismus, Nationalbolschewismus, politischer Okkultismus, Ethnopluralismus, Satanismus usw. in den russischen intellektuellen Diskurs“ zu verschleiern.

2003 wurde von Dugin in Moskau die „Internationale Eurasierbewegung“ gegründet. Zu ihren öffentlichen Aktionen gehören Kranzniederlegungen am Grabe Stalins. evrazia.news.org, 16. Dezember 2015.

Zu den Vertretern der eurasianischen Idee gehört auch der Putin nahestehende außenpolitische Experte Sergei Karaganow, der die Vorstellung eines eurasischen Wirtschaftsraums mit russischer und chinesischer Führungsrolle vertritt, der die Dominanz der USA beenden werde.